| Simon Fetscher, Nia Lode und Paul Anton Schulz-Isenbeck |

Students Remember schließt die erinnerungskulturelle Leerstelle in der universitären Lebenswelt. Mit Veranstaltungen von Studierenden für Studierende und einem wachsenden digitalen Angebot erreichen wir so eine neue Zielgruppe für die Erinnerungskultur. Wichtiger als heute war das vielleicht noch nie.

Eine Stadt voller Geschichte

Wer sich mit offenen Augen durch das Universitätsviertel in der Münchner Maxvorstadt bewegt, findet überall Geschichte: Jeden Morgen steigen Student*innen in der Schellingstraße aus dem Bus, der neben Einschusslöchern aus dem Zweiten Weltkrieg hält. In der Türkenstraße schlendern sie auf dem Weg zur Kaffeepause am Wohnhaus von Georg Elser vorbei. Im Hauptgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) auf dem Weg zum Seminar durchqueren sie den Lichthof, in den Sophie und Hans Scholl Flugblätter gegen die nationalsozialistische Herrschaft warfen.

Zur Kontextualisierung dieser Orte innerhalb und außerhalb der Maxvorstadt tragen eine Vielzahl engagierter Initiativen aus der Mitte der Stadtgesellschaft bei: So hat die Gedenkinitiative für die Opfer der NS-Euthanasie-Morde im Frühjahr 2026 mitten in der Kaufingerstraße mit einer Schaufenster-Ausstellung die Opferschicksale zurück in die Mitte der Stadt gerückt. Die DenkStätte der Geschwister Scholl Stiftung schafft mitten in der LMU einen Ort der historischen Bildung. Neben diesen und vielen weiteren zumeist ehrenamtlich getragenen Initiativen aus der Stadtgesellschaft leisten renommierte Bildungs- und Forschungseinrichtungen in München unersetzliche Beiträge zur geschichtswissenschaftlichen Durchdringung der Vergangenheit: Dazu zählen das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin ebenso wie das Jüdische Museum und das NS-Dokumentations-Zentrum. Die Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem begründete ihre im Mai getroffene Entscheidung, in München ein Bildungszentrum einzurichten, mit der ausgezeichneten “Bildungslandschaft” der Stadt und verwies dabei auch auf die “besondere historische Signifikanz” des im NS zur “Hauptstadt der Bewegung” deklarierten München. Die Entscheidung von Yad Vashem symbolisiert die besondere Rolle, die München für die Erinnerungskultur der Bundesrepublik einnimmt.

Als Universitätsstudierende beobachten wir trotzdem, wie sowohl der fachwissenschaftliche Diskurs im Großen als auch das bemerkenswerte zivilgesellschaftlich kuratierte erinnerungskulturelle “Angebot” im Kleinen zu oft die immergleiche „Bubble“ erreichen. Um ins studentische Gespräch und die universitäre Lebenswelt hineinzuwirken, bedürfen Wissenschaft und kulturelles Engagement einer spezifischen, zielgruppenorientierten Vermittlung.

Erinnerungskultur als Aufgabe an Universitäten

Diese Fokussierung auf die Universität ist nicht nur unserer Eigenschaft als Student*innen geschuldet. Sie basiert auf der Beobachtung, dass Universitäten ein besonderes erinnerungskulturelles Potential haben, das sie kaum nutzen.
Das hat zunächst mit einem bestimmten Selbstverständnis zu tun: Im Mittelpunkt exzellenter Hochschulausbildung stehen zunehmend fachliche Qualifikation, Employability und wissenschaftliche Spezialisierung. Für die umfassendere Frage, welche gesellschaftliche Verantwortung mit akademischer Bildung verbunden ist, bleibt dabei wenig Raum. Damit einher geht eine eigentümliche Verengung des Verständnisses von politischer Neutralität der Universitäten. Aus der berechtigten Forderung nach wissenschaftlicher Distanz wird nicht selten die Vorstellung abgeleitet, Universitäten sollten sich aus gesellschaftlichen und historischen Debatten möglichst heraushalten.

Armin Nassehi im Gespräch

Armin Nassehi im Gespräch

Das ist umso bemerkenswerter, als Universitäten immer wieder Schauplätze gesellschaftlicher – und nicht zuletzt erinnerungskultureller – Konflikte werden. Auseinandersetzungen über Antisemitismus, politische Gewalt oder Meinungsfreiheit zeigen, wie wichtig Orte wären, an denen Geschichte nicht nur erinnert, sondern gemeinsam darüber nachgedacht und gesprochen wird.

Kaum eine Institution beeinflusst junge Menschen so nachhaltig in einer ähnlich prägenden Lebensphase wie die Universität. Und trotzdem verlassen viele Studierende ihre Hochschule, ohne jemals einen Raum erlebt zu haben, in dem historische Erfahrungen, ethische Fragen und gesellschaftliche Verantwortung gemeinsam reflektiert werden. Das transdisziplinäre Gespräch über Geschichte findet nur punktuell statt und hängt vom Engagement Einzelner ab, statt strukturell Teil der universitären Kultur zu sein.

Students Remember als Plattform für studentische Erinnerungskultur

Es waren diese Beobachtungen, die sich im Frühjahr 2023 bei einer Gruppe von Studierenden der LMU zu dem Wunsch verdichteten, Erinnerungskultur stärker in den universitären Alltag hineinzutragen. Fünfzehn Studierende gründeten den „Studentischen Verein zur Förderung von Erinnerungskultur e. V.“ und begannen, unter dem Namen „Students Remember“ zwischen wissenschaftlichen, kulturellen und zivilgesellschaftlichen Diskursen einerseits und dem studentischen Alltag andererseits zu vermitteln.

Schnell fiel auf: Der Erfolg dieser Vermittlungsleistung ist weniger durch ihren Inhalt als vielmehr durch ihre Form bedingt. Um Studierende und überhaupt die vielbemühten „jungen Leute“ für Erinnerungskultur zu begeistern, bedarf es „studentischer“Formen. Was das bedeutet, lässt sich beispielhaft an der Gestaltung unserer erinnerungskulturellen Stadtführung durch die Maxvorstadt illustrieren: Der Impuls kommt bei uns nicht von Institutionen und wird auch nicht von Teilen des Vereins vorgegeben. Stattdessen fragen wir neugierig und denken kritisch selber nach. Studierende sind bei uns nicht die passiv Belehrten, sondern gestalten Inhalt und Form der Veranstaltung selbstständig. So kam die Idee für die Stadtführung im Univiertel von einem Mitglied und wurde gemeinsam in einem Team ausgearbeitet.

Diese Form der aktiven Beteiligung auf Augenhöhe wirkt in der Vermittlung selbst fort: Wir gehen mit den Teilnehmenden unserer Stadtführung ins Gespräch, etwa über die Zulässigkeit von Stolpersteinen im öffentlichen Gedenken oder zur Verantwortung von Studierenden im Umgang mit dem Erbe der Geschwister Scholl. Denn Erinnerungskultur ist kein Satz feststehender moralischer Einsichten, die „oberlehrerhaft“ beigebracht werden können, sondern eine Form des gesellschaftlichen Gesprächs über sich selbst.

Die Stadtführung in der Maxvorstadt steht damit symbolisch für eine größere Idee: Erinnerungskultur, die Studierende erreichen soll, muss nah an der studentischen Lebenswelt sein – in studentischen Räumen vom Hörsaal über die Cafés im Univiertel bis zu den Bars im Glockenbachviertel. Und: in den digitalen Medien. Accounts wie der von Susanne Siegert (keine.Erinnerungskultur) zeigen, dass auch auf der nervös durchgescrollten „For You Page“ von TikTok Geschichtsvermittlung funktionieren kann. Auch aus dieser Überzeugung heraus arbeiten wir an der Digitalisierung unserer Stadtführung. In pointierten und kreativ gestalteten Kurzvideos stellen wir die historischen Orte in der Maxvorstadt auf Instagram vor. So erreichen wir Studierende und andere junge Menschen dort, wo wir sie täglich sowieso antreffen – in den sozialen Medien.

Bei der Stadtführung durch die Maxvorstadt ist uns ein Ort besonders wichtig: Am nördlichen Ende der Ludwigstraße, direkt vor dem Siegestor, erstreckt sich ein eindrucksvolles Gebäude, in dem täglich Hunderte Studierende lernen. Bis 1939 entstand hier das „Haus des Deutschen Rechts“, der repräsentative Sitz der Akademie für Deutsches Recht. Hans Frank hatte diese Akademie 1933 gegründet – mit dem erklärten Ziel, das deutsche Recht im Sinne der nationalsozialistischen Weltanschauung umzuformen. Hier verband sich Lehre mit Praxis, etwa wenn Forschende mit Ministeriumsmitarbeitern über die Entrechtung ganzer Menschengruppen berieten. Gemeinsam mit der Juristischen Fakultät will Students Remember genau das sichtbarer machen. Künftig soll eine Plakette am Gebäude an seine Geschichte erinnern.

Abba Naor im Gespräch

Abba Naor im Gespräch

Damit setzt Students Remember einen dezidiert studentischen Impuls in den erinnerungskulturellen Debatten der Münchner Stadtgesellschaft. Ausgerichtet sind wir bei all diesen Formaten stets an der Zukunft. Am Ende jeder Veranstaltung fragen wir uns gemeinsam: Was können wir aus der Geschichte lernen? So wichtig wie heute war diese Frage vielleicht noch nie.

 

Die Autoren und Autorin:
Simon Fetscher studiert Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Völkerrecht in München. Bei Students Remember verantwortet er im Vorstand die strategische Positionierung und die Öffentlichkeitsarbeit.

Nia Lode studiert Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien. Bei Students Remember verantwortet sie als Head of Social Media die erinnerungskulturellen Inhalte auf Instagram.

Paul Anton Schulz-Isenbeck studiert Rechtswissenschaften, Kunstgeschichte, Philosophie zwischen München und Berlin. Bei Students Remember verantwortet er im Vorstand die Finanzierung und das Wachstum des Vereins.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 07./08./09.2026 „Kunst und Kultur in Transformation“

 

Bildquellen:

  • Rachel Salamander im Gespräch: Kai-Niklas Holzhausen
  • Armin Nassehi im Gespräch: Kai-Niklas Holzhausen
  • Abba Naor im Gespräch: Simon Fetscher
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