| Udo Bünnagel |
Ist die Sanierung des Gasteigs denn wirklich notwendig? Sind gar Umbau und Neugestaltung entsprechend des 1. Preises des Architektur-Wettbewerbs von 2018 sinnvoll? Diese Fragen werden immer wieder in der Stadtgesellschaft gestellt und diskutiert.
Selbst die Frage wurde gestellt, ob es nicht besser sei, den Gasteig abzureißen, das Grundstück zu verkaufen und mit dem Geld die einzelnen Institute: Stadtbibliothek, Volkshochschule und Musikhochschule in Sendling im Umfeld der bestehenden „Isarphilharmonie“ als Einzelgebäude neu zu bauen, statt sie in dem großen Gebäudekomplex Gasteig zu belassen? Doch hierzu später mehr.
2021 hatten der Geschäftsführer der Gasteig GmbH, Max Wagner, und der Architekt der Geschäftsführung, Benedikt Schwering, zur Frage einer notwendigen Sanierung und zur Planung des 1. Wettbewerbs-Preises des Architekturbüros HENN Architekten Stellung genommen und kritische Fragen von Mitgliedern des AK ‚Kulturbauten‘ des Münchner Forums sachkundig beantwortet.
Schon damals vertraten beide die Meinung, dass nicht die wenig optimale Akustik der Philharmonie, sondern vielmehr der Brandschutz des gesamten Gebäudes eine Sanierung zwingend notwendig mache. Die Leitungen der Sprinkleranlagen – sie bestehen aus Bleirohren – seien teilweise korrodiert, d. h. die Funktionstüchtigkeit der Sprinkleranlage sei nicht mehr sicher gewährleistet, und somit auch nicht die Sicherheit der Nutzer. Zumal die Leitungen unter Druck ständen. Eine Erneuerung sei hier zwingend notwendig; denn keiner wolle die Sicherheit von Tausenden von Nutzern leichtfertig aufs Spiel setzen und hierfür die Verantwortung übernehmen.
Wie wesentlich dieser Sachverhalt ist, zeigt der Vorfall im damals seit einigen Monaten fertiggestellten Volkstheater, wo die Sprinkleranlage im Bereich der Hauptbühne undicht wurde und Haupt-, Neben- und Unterbühne unter Wasser setzte. Dies ereignete sich zwar ohne Publikum, aber es richtete großen Schaden an. Das Volkstheater war drei Monate nicht mehr nutzbar. Einen solchen Schaden stelle man sich im Gasteig vor, z. B. bei vollbesetzter Philharmonie. Selbst dann, wenn kein Brand mit Rauch entstünde. Die Panik wäre verheerend. Ganz zu schweigen von den Kosten, die entstünden.
Max Wagner und Benedikt Schwering erläuterten weiter, dass auch die Elektroleitungen nicht mehr den heutigen Normen entsprächen. Als Folge entspräche somit die Qualität der Funkübertragungen von Konzerten nicht mehr dem heutigen Standard. Wolle man beides ändern, Erneuerung der Sprinkleranlage mit den heute üblichen Edelstahlrohren und der Elektroanlage nach heutigem Standard, müssten fast alle abgehängten Decken sowie viele Wandverkleidungen entfernt werden. Dies bedeute einen Rückbau bis zum Rohbau, und dies nicht nur in der Philharmonie, sondern fast im gesamten Gebäude. Das koste viel Geld! 2021 wurden ca. 300.000.000 € geschätzt, heute, 2026, dürften es bei den erheblichen Preissteigerungen vermutlich bis zu 400.000.000 € sein.
Heftig diskutiert wurde im Stadtrat auch die Frage: Müssen aber dann noch ein verbessertes, heutiges Nutzerkonzept und ein den heutigen ökologischen Anforderungen entsprechendes Energiekonzept sein?
Die Entscheidung des Stadtrates, nicht nur die notwendige Sanierung, sondern auch eine Neugestaltung entsprechend den Nutzeransprüchen der nächsten 50 Jahre, der nächsten Generationen, zu beauftragen, war richtig. Denn nicht nur die Technik, auch die Gesellschaft hat sich verändert, hin zu mehr aktiver Teilnahme. Dies auch im Hinblick, dass ja wesentliche Kosten von den künftigen Nutzern getragen werden müssen.
So soll bei einer Neugestaltung die Anlieferung der Instrumente so organisiert werden, dass sie nicht wie bisher über die Kellerstraße, sondern über eine vergrößerte Tiefgarage erfolgen wird. Hierdurch würde auch die Lebensqualität der Anwohner wesentlich verbessert.
Ebenfalls sollen neue Fluchtwege für die Philharmonie geschaffen werden, damit Foyer und die weitläufige Zuwegung zur Philharmonie während der Konzerte noch anderweitig genutzt werden können, z. B. für mediale Events oder Ausstellungen. Heute dienen beide allein als Fluchtwege für die Philharmonie, eine weitere Nutzung ist somit nicht möglich – also verschenkter Raum.
Der Plan von HENN Architekten sieht deshalb eine insgesamt neue Erschließung vor: Vom Eingang aus sollen Auskunft, Stadtbibliothek, Carl-Orff-Saal sowie die einzelnen Institute – Volkshochschule, Konservatorium und die Philharmonie – durch eine gemeinsame „Kulturbrücke“ erschlossen werden. Die Bibliothek soll außerdem stärker geöffnet werden, wie es in skandinavischen und amerikanischen Bibliotheken heute längst üblich ist. Die Möglichkeit, ruhig arbeiten zu können, muss dennoch gewährleistet sein. Auch ein Vortragssaal für Diskussionen und Lesungen soll die Bibliothek ergänzen.
Die „Kulturbrücke“ wird zur Stadt hin durch eine Glasfront geöffnet. Dies nimmt dem Gasteig seine bisherige burgartige Wirkung, und von innen gibt es einen Bezug zur Stadt. Last but not least erhält der Gasteig ganz oben ein Restaurant mit einem wunderschönen Blick über die Stadt.
Nachdem der Versuch des Baureferates, für die Durchführung dieser Aufgabe einen Investor zu finden, gescheitert ist – man hatte den Umfang der Arbeiten sowie den zu akzeptierenden Preis genau vorgegeben, so funktioniert Marktwirtschaft aber nicht wird nun die Münchner Raumentwicklungsgesellschaft mbH (MRG), eine stadteigene Gesellschaft mit Herrn Schwering als Geschäftsführer, die Ausschreibung für einen Total-Übernehmer durchführen. Dieser soll die Aus- und Durchführung des Umbaus und der Neugestaltung sowie auch eine Mitwirkung bei der Planung und den Ausführungsdetails anbieten. Durch dieses Verfahren können dann Kosten eingespart werden. Ernstzunehmende Interessenten soll es dem Vernehmen nach geben. Nur ganz große Konzerne können aber diese Aufgabe stemmen. Die Finanzierung des gesamten Bauvorhabens finanziert vorab die MRG, gedeckt durch eine Bürgschaft der LHM. Nach baulicher Fertigstellung wird der Kredit der MRG durch die GMG (Gasteig München GmbH) als Betriebsgesellschaft zurückbezahlt. Hierfür erhält sie über einen Zeitraum von 30 Jahren Zuschüsse von der LHM.
Eine weitere, wenig qualitative Facette zum Thema Gasteig-Umbau hatte die SZ durch ein Interview mit dem Architekten Markus Stenger hinzugefügt. Tenor: „Die Sanierung in Gänze ist aufwendig, langwierig, komplex, darum nur eine Sanierung Bauteil für Bauteil. Zuerst die Bibliothek. Und das Geld für die Ausweichbibliothek einsparen.“ Die Störung der dann fertigen Bibliothek, besonders im Lesesaal durch späteren Baulärm und Baustelleneinrichtungen benachbarter Bauteile war kein Thema. Auch die Behauptung, „dass man das Wissen dieser ersten Sanierung für die anderen Bereiche nutzen kann, ist doch eh alles das Gleiche“, wurde vom Interviewer nicht hinterfragt. Als hätten Bibliothek, Büroräume, Konservatorium, Säle und Philharmonie die gleichen Anforderungen und Schwierigkeitsgrade.
Und die Akustik im Konzertsaal? „Man hat heute doch das elektronische Musiksystem Vivace. Und ein Konzertsaal nur für klassische Musik ist nicht mehr heutig, Geldverschwendung!“ Überhaupt: „Statt makelloser Design-Filetstücke“ mit versteckter Technik und Holzvertäfelung wie in anderen, verstaubten Konzerthäusern, „sollte man lieber kreativ sein: Aufputz- Montage für Elektrokabel, Sprinklerleitungen, Lüftungskanäle – dann wäre München vorne dran“.
Das Gesamtsanierungskonzept wie oben erläutert und die Überarbeitung der Haustechnik mit Sprinkleranlage, Heizung, Lüftung, Warmwasser und Elektrik mit ihren Zentralen können aber nur im Ganzen erfolgen. Teilvergaben an verschiedene Planer und Firmen würden höhere Kosten und kaum zu koordinierende Probleme allein durch den begrenzten Raum bedeuten. Zum Schluss wäre das Ganze dann nur ein Stückwerk. Dass die SZ zu diesem Interview keinen Leserbrief veröffentlichen wollte, ist nachvollziehbar.
Nun noch zum Schluss ein paar Anmerkungen zum Vorschlag, den Gasteig abzureißen. Abbruch und Entsorgung bestehender Gebäude ist heute sehr, sehr kostspielig; denn alle Materialien: Beton, Ziegel, Holz, Stahl, Alu, Glas, Elektro- und Sanitärleitungen sowie Schadstoffe wie Asbest müssen erst getrennt und dürfen erst danach entsorgt werden. Bei der Größe des Gebäudes würde dies Monate dauern und die Umgebung durch Staub und Lärm in dieser Zeit erheblich und unnötig belasten. Abbruch und Entsorgung würden vermutlich fast 40 Millionen Euro kosten! Ganz zu schweigen von der sinnlosen Vernichtung der „grauen Energie“! Der Verkaufspreis des Grundstückes in Haidhausen wird aber bei weitem nicht die Kosten für Abriss, Entsorgung und die Errichtung aller Neubauten decken.
Eine europaweit einmalige Kultureinrichtung wie den Gasteig aus der Stadtmitte an den Stadtrand zu verlegen, wäre allein städtebaulich nicht erstrebenswert, und wegen der schlechten Verkehrsanbindung würde dies auch von den Bürgerinnen und Bürgern wohl nicht akzeptiert werden. Indiskutabel ist die Idee, die Isarphilharmonie als Konzerthaus für eins der besten Philharmonie-Orchester der Welt als Dauerzustand zu belassen.
Der Autor:
Udo Bünnagel ist Architekt und Stadtplaner.Er war ca. 30 Jahre 2. und 2 1/2 Jahre 1. Vorsitzender des Münchner Forums. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Kulturbauten, den er, teils mit Frau Dr. Menke, jahrzehntelang leitete. Besondere Aktivitäten und Veranstaltungen: Erhalt des nördlichen Flügels des Nymphenburger Schlosses sowie die Sanierung des Gasteigs. Hierzu zwei Radiosendungen mit Benedikt Schwering und dem damaligen 2. Bürgermeister Dominik Krause zusammen mit Frau Dr. Menke. Seine Leserbriefe zum Erhalt des Olympiastadions, zu den Hochhäusern an der BAB 9 und zwei zur Sanierung des Gasteigs wurden in der SZ veröffentlicht.
Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 07./08./09.2026 „Kunst und Kultur in Transformation“
Bildquellen:
- Gasteig in München: Dominik Hayon / Wikimedia Commons




