Ergebnisse der Bürgerbefragung auf den Sendlinger Stadtteilkulturtagen 2026
| Eric Treske |
Im Rahmen der Sendlinger Stadtteilkulturtage 2026 führte das Münchner Forum unmittelbar vor seinem Informationsstand eine nicht-repräsentative, explorative Kurzumfrage durch. Ziel war es, ein aktuelles Stimmungsbild der Besucherinnen und Besucher zur stadtplanerischen Zukunft des Großmarktareals einzufangen.
Methodik und Durchführung
Als Erhebungsinstrument diente ein physisches Abstimmungssystem aus vier Plexiglassäulen, aufgestellt auf einer abstrahierten Karte der Landeshauptstadt München, die folgende Handlungsoptionen operationalisierten:
- Der Großmarkt verbleibt unverändert an seinem aktuellen Standort.
- Der Großmarkt verbleibt, das Areal wird jedoch um Wohnnutzung ergänzt.
- Der Großmarkt wird an den Stadtrand Münchens verlegt.
- Der Großmarkt wird in das Münchner Umland (Region) ausgelagert.
Die Stimmabgabe erfolgte haptisch, wobei jeder Person eine Stimme in Form eines orangefarbenen Tischtennisballs zur Verfügung stand. Nach vollständiger Füllung einer Säule wurden die Stimmabgaben protokolliert und das System für die nächste Runde zurückgesetzt.
Insgesamt partizipierten N = 239 Personen an der Erhebung. Bemerkenswert ist der hohe Grad an diskursiver Einbettung: Etwa 95 % der Voten ging ein kürzeres oder längeres qualitatives Gespräch mit dem Standteam voraus. Lediglich 5 % der Teilnehmenden stimmten ohne verbalen Austausch oder inhaltlichen Kommentar ab. Ein ähnlicher Prozentsatz an Personen gab trotz intensiven Austauschs keine Stimme ab, weil den Befragten dennoch zu viele Hintergrundinformationen fehlten. Einigen Personen waren die beiden ersten Aussagen zu unspezifisch. Ihrer Meinung nach kann der Großmarkt, auch wenn er in Sendling bleiben sollte, nicht unverändert bleiben bzw. hatte sich auch in der Vergangenheit immer wieder weiterentwickelt. Für Einzelne war der Wunsch nach Ergänzung um Wohnquartiere eher eine Chiffre dafür, dass sich etwas auf dem Gelände verändern sollte.
Quantitative Verteilung
Insgesamt wurden 239 Stimmen abgegeben, die sich wie folgt auf die Optionen und Erhebungszeiträume verteilten:

Analyse der Varianzen
Die Verteilung der Voten weist eine erkennbare zeitliche sowie teambezogene Varianz auf. Diese Differenz in den Voten lässt sich primär auf zwei intervenierende Variablen zurückführen: einerseits auf mögliche Interviewereffekte durch den Dialog mit dem wechselnden Standteam, andererseits auf die sich wandelnde soziodemografische Zusammensetzung der Befragten im Tagesverlauf. So korrelierte beispielsweise das vermehrte Aufkommen von Familien auf dem Festgelände ab ca. 14:00 Uhr erkennbar mit spezifischen Präferenzverschiebungen bei der Stimmabgabe.
Qualitative Befunde und Diskursanalyse
Flankierend zu den quantitativen Daten lieferten die begleitenden Dialoge wertvolle qualitative Erkenntnisse, die häufig als explizite Begründungsmuster für das jeweilige Votum dienten.
Exemplarische Narrative der Teilnehmenden:
„Der Großmarkt gehört zu Sendling. Wir wollen da nicht nur so ein weiteres Wohnquartier. Sendling war immer auch Arbeit. Dann wird ganz Sendling gentrifiziert. Das können sich ohnehin dann nur noch Reiche leisten.“
„Es wäre schön, den Großmarkt zu öffnen. Eine Durchwegung wäre schön. Ich war noch nie im Großmarkt, aber er muss einfach bleiben.“
„Ja, wir benötigen Wohnraum in München, aber was gibt es jenseits von Wohnen? Stadt ist doch mehr. In einen anderen Stadtteil, das macht doch gar keinen Sinn. Was sagen denn die Händler? Wäre eine moderne Halle für sie nicht besser?“
„Einerseits wünsche ich mir, dass der Großmarkt bleibt wo er ist, andererseits wäre dort ein neues Wohnquartier auch sinnvoll – vorausgesetzt es wird dort günstiger Wohnraum geschaffen.“
„Es wäre besser, wenn die LKW´s nicht durch die Innenstadt zum Großmarkt fahren müssten, sondern außerhalb der Stadt blieben.“
Informationsdefizite und Transparenzbedarf
Im Diskurs zeigte sich ein deutlicher Bedarf an planungsrechtlicher und politischer Aufklärung. Häufig gestellte Fragen umfassten:
- Wie ist der aktuelle Planungsstand, und wem gehört das Gelände?
- Warum ist das Areal nicht öffentlich durchquerbar?
- Wie hoch ist die volkswirtschaftliche Relevanz (Arbeitsplätze, Versorgung) des Marktes noch?
- Wer sind die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger?
- Welche Auswirkungen haben gescheiterte Investorenverhandlungen auf den Zeitplan?
Ein auffälliger Befund war das eklatante Informationsdefizit hinsichtlich der Beschlüsse bzw. Pläne des Stadtrates. Die im Koalitionsvertrag der aktuellen Stadtregierung verankerten Zielsetzungen für das Areal waren der Mehrheit der Befragten völlig unbekannt. Insbesondere der stadtplanerische Terminus „urbanes Quartier“ rief Unverständnis hervor und erforderte konzeptionelle Erläuterungen durch das Standpersonal.
Sorge um soziokulturelle Freiräume
Eine signifikante Subgruppe des Diskurses bildeten Kulturschaffende, die aktuell Interimsflächen oder Ateliers auf dem Areal nutzen. In diesen Gesprächen manifestierte sich deutlich die Sorge vor Verdrängungsprozessen. Als Referenz wurde häufig die Entwicklung des HP8-Areals angeführt: Zwar sei dort ein attraktiver Ausweichstandort für die Hochkultur entstanden, dies sei jedoch mit der Vertreibung der dort vormals ansässigen, kleinteiligen Kunst- und Galerieszene einhergegangen.
Unser Fazit aus sozialwissenschaftlicher Sicht
Unter Vorbehalt der explorativen Natur dieser Erhebung lassen sich aus der Synthese der quantitativen und qualitativen Daten folgende Kernthesen zur Wahrnehmung des Großmarkthallengeländes ableiten:
- Identität schlägt Funktion
Der Großmarkt ist für die Sendlinger viel mehr als nur ein Umschlagplatz für Obst, Gemüse und Blumen. Er ist ein echter Identitätsanker für das ganze Viertel. Das Spannende ist: Selbst Leute, die das Gelände noch nie selbst betreten haben, wollen, dass er bleibt. Weil er für das „alte, ehrliche Sendling“ steht, in dem eben auch gearbeitet wird. Lärm oder früher Lieferverkehr werden deshalb kaum kritisiert, sondern gehören für die Menschen einfach dazu. - Das Spannungsfeld zwischen Wohnraumbedarf und Verdrängungsangst
Der unstrittige Bedarf an Wohnraum in München wirkt im Dialog im ersten Moment als normatives Argument, gegen das kaum offen widersprochen wird. Erst in der diskursiven Vertiefung artikulieren sich sogenannte Gentrifizierungsängste. Diese Skepsis richtet sich auf die Erschwinglichkeit potenziellen neuen Wohnraums für die etablierte Bevölkerung Sendlings, aber auch auf steigende Mieten im Bestand. Man zweifelt ebenfalls an, ob viele der aktuellen Gewerbetreibenden, dann noch in Sendling bleiben werden. - Misstrauen gegenüber stadtplanerischen Versprechen
Das politische Narrativ eines neuen „urbanen Quartiers“ stößt auf erhebliche Vorbehalte. Der Stadtpolitik und potenziellen Investoren wird vielfach nicht zugetraut, ein organisch gewachsenes, lebenswertes Viertel zu schaffen bzw. anzustoßen, das an die Qualitäten Sendlings heranreicht. Es dominiert die Befürchtung vor sterilen Retortenvierteln, wobei aktuelle Projekte am Münchner Stadtrand gern als Negativbeispiele angeführt werden. - Das Areal als soziostrukturelles „Bollwerk“
Paradoxerweise wird der physisch oft unzugängliche Großmarkt aktuell als Schutzwall wahrgenommen, der Sendling vor genau dieser als negativ antizipierten Form der Stadtentwicklung bewahrt. Er verhindert, dass in Sendling eine austauschbare Neubau-Siedlung entsteht. Zwar würden sich einige junge Familien über bezahlbaren Wohnraum freuen, aber die Sorge überwiegt. Es drängt sich die Frage nach dem Genius Loci auf: Was bliebe von der spezifischen Charakteristik Sendlings übrig? Es herrscht weitgehender Konsens darüber, dass dazu der bloße architektonische Erhalt einzelner Hallen nicht ausreichen wird. Für die Menschen vor Ort gibt es in der aktuellen Debatte jedenfalls noch keinen überzeugenden Ersatz für die Seele dieses Areals.
Der Autor:
Eric Treske hat einen Abschluss in Soziologe und Sozialpädagogik. Er ist seit 2023 Mitglied im Vorstand des Programmausschusses. Eric Treske unterstützt mit seinem Büro intrestik bei der partizipativen Transformation in den Bereichen der Stadt- und Mobilitätsentwicklung.
Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 07./08./09.2026 „Kunst und Kultur in Transformation“
Bildquellen:
- Infostand des Münchner Forums auf der Stadtteilwoche Sendling: Münchner Forum




