| Robert Rossa |
Das Dachauer Moos – Was einst eine nasse Moorlandschaft vor der Haustüre Münchens war, die Kohlenstoff speicherte, Wasser zurückhielt und das lokale Klima kühlte, ist durch Entwässerung zu einem Klimaproblem geworden. Entwässerte Moorböden setzen Jahr für Jahr große Mengen CO₂ frei und dies, obwohl von der ursprünglichen Moorlandschaft kaum noch etwas zu erkennen ist.
Nasse Moore: natürliche Klimaanlagen
Intakte, nasse Moore sind wahre Multitalente. Sie speichern große Wassermengen, puffern Starkregen ab und geben Feuchtigkeit langsam wieder an die Umgebung ab. Dadurch wirken sie wie natürliche Klimaanlagen: Verdunstung kühlt die Luft, extreme Sommertemperaturen werden abgeschwächt, das lokale Kleinklima stabilisiert sich. Gleichzeitig bieten Moore Lebensraum für hochspezialisierte Tier- und Pflanzenarten und sind Landschaften, die viele Menschen als Erholungslandschaft schätzen.
Klimatisch besonders relevant ist ihre Funktion als Kohlenstoffspeicher. Seit der letzten Eiszeit haben sich in den nassen Torfen Pflanzenreste angesammelt, deren Kohlenstoff unter Luftabschluss konserviert wurde. Solange Moore nass bleiben, bleibt dieser Kohlenstoff gebunden.

Es war einmal ein Niedermoor….
Etwa fünf bis sechs Prozent der Münchner Stadtfläche bestehen aus Moorböden |1|. Wer heute jedoch im Norden Münchens rund um die Regattaanlage oder im Westen bei Langwied eine wildromantische Moorlandschaft erwartet, wird enttäuscht. Das Dachauer Moos, ein großflächiges, von Grundwasser gespeistes Niedermoor, ist als zusammenhängende Landschaft längst verschwunden.
Der Grund dafür liegt in der Geschichte |2|: Ende des 18. Jahrhunderts entdeckte man Torf als alternatives Brennmaterial zum knappen Holz. Anfangs wurde Torf noch an die skeptischen Bürger verschenkt, später wurden sogar Lokomotiven damit befeuert, und die Münchner Brauereien beheizten mit ihm ihre Sudkessel. Zwischen Feldmoching, Schleißheim und Dachau sowie zwischen Aubing, Langwied, Gröbenzell und Puchheim entstanden zunächst bäuerliche und später industrielle Torfstiche. Die ehemals bis zu fünf Meter mächtige, sich in Jahrtausenden aufgebaute Torfschicht wurde in nur 150 Jahren nahezu flächendeckend bis auf 50 bis 70 Zentimeter über dem Schotter abgebaut. Überspritzt formuliert: Das Dachauer Moos ist eine Tagebaufolgelandschaft.

Moorböden in München
Entwässerung mit Folgen
Die ursprüngliche Mooslandschaft war klitschnass und kaum zugänglich. Um Torf abbauen zu können, wurde sie zunächst durch ein dichtes Netz aus Gräben entwässert, Quellbäche wurden begradigt und tiefergelegt. Als der Torf Anfang des 20. Jahrhunderts weitgehend abgebaut war und die Böden trockener wurden, nutzte man das Moos landwirtschaftlich, um die wachsende Stadt zu versorgen.
Parallel hierzu wurden für den Bau von Eisenbahnlinien und Autobahnen zahlreiche Kiesgruben im Moos ausgehoben, die zu einer weiteren Absenkung des Grundwasserspiegels führten. Besonders einschneidend wirkte sich der Bau der Regattastrecke aus. Hunderte von Litern Grundwasser fließen jede Sekunde aus der Regattastrecke über Rohre in den Schwebelbach ab und sind für den Moorwasserhaushalt verloren.
Ökologischer Rückzug
Mit dem Wasser verschwand das Moos, und mit dem Moos verschwanden auch die moor-typischen, heute stark gefährdeten Tiere und Pflanzen, wie Birkhühner, Kiebitze, Orchideen und Moorschmetterlinge. Einige wenige Arten konnten sich auf Münchner Ökokontoflächen im Langwieder Moos, auf Moorreliktflächen im Naturschutzgebiet Schwarzhölzl oder entlang ehemaliger Moosbäche halten, die heute Teil des europäischen NATURA-2000-Schutzsystems sind.

Neuer Lebensraum am Kalterbach: Durch Gehölzentfernung und Mahd fördert das RKU Libellen und weitere moortypische Arten.
Hier engagieren sich unter anderem der Geschäftsbereich Naturschutz und Biodiversität des Referats für Klima- und Umweltschutz, der Landesbund für Vogelschutz sowie der Verein Dachauer Moos e. V. für Pflege und Entwicklung dieser sensiblen Lebensräume.
Entwässerte Moore als permanente CO₂-Quelle
Ein in München wenig beachteter Aspekt ist die Freisetzung von Treibhausgasen aus den entwässerten Moorböden. Während der Kohlenstoff in intakten, nassen Mooren unter Sauerstoffabschluss dauerhaft stabil bleibt, führt die Belüftung trockengelegter Flächen zu einem massiven Abbauprozess. Mikroorganismen mineralisieren den Torf, was eine fortlaufende Freisetzung von CO₂ zur Folge hat. Bis zu 40 t CO₂-Äquivalente je Hektar entweichen in die Atmosphäre, was in etwa 4,5 Erdumrundungen eines Verbrenner-PKWs entspricht |3|. Und zwar jedes Jahr, bis sie sich völlig in Luft, besser gesagt in Treibhausgase (THG), aufgelöst haben.
Die entwässerten Böden der etwa 1,3 Mio. Hektar Moore in Deutschland setzen im Jahr 2023 rund 51 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente frei, etwa 7 % der gesamten THG-Emissionen |4|. Zum Vergleich: Etwa 3,4 % der gesamtdeutschen CO₂-Emissionen werden durch den internationalen Luftverkehr von und nach Deutschland und 0,33 % durch den inländischen Luftverkehr verursacht |5|.
Treibhausgas-Emissionen aus Moorböden im Münchner Stadtgebiet.
Auf rund 1.600 Hektar Moorböden im Münchner Stadtgebiet, dazu zählt neben dem Dachauer Moos auch der etwa 80 ha große Johanneskirchener Moosgrund, werden jährlich etwa 53.000 Tonnen CO₂-Äquivalente freigesetzt – im Schnitt 33 Tonnen pro Hektar |6|. Diese Emissionen entsprechen dem gesamten jährlichen CO₂-Aufkommen von etwa 10.600 Münchner Bürgerinnen und Bürgern |7|.
Besonders hoch sind die Emissionen im stark entwässerten Umfeld der Regattastrecke. In den noch etwas feuchteren Bereichen des Aubinger und Langwieder Mooses sind sie geringer, bleiben aber klimarelevant.
Gutachten, die auf Initiative des Vereins Dachauer Moos e. V. von der Regierung von Oberbayern beauftragt wurden, zeigen, dass die Möglichkeiten zur Emissionsminderung im Bereich der Regattastrecke äußerst begrenzt sind. Die Grundwasserstände liegen dort so tief und die Moorböden sind so stark abgebaut, dass eine Wiedervernässung kaum realistisch erscheint. Eine wirksame Reduktion wäre nur möglich, wenn der Grundwasserstand auf etwa 10 bis 20 Zentimeter unter Flur angehoben werden könnte.

Klimarelevanz entwässerter Moore
Private Flächen, schwindende Böden und Nutzungskonflikte
Im Aubinger und Langwieder Moos wurden belastbare Daten zu Sanierungspotenzialen noch nicht erhoben. Dabei liegen gerade dort viele Ausgleichs- und Ökokontoflächen und die Bebauung ist gering, grundsätzlich ein günstiger Rahmen für hydrologische Maßnahmen. Anderseits befindet sich der überwiegende Teil der Moorflächen, z.B. im Johanneskirchner Moosgrund, in privater Hand.
Wiedervernässung ist rechtlich nur mit Zustimmung der Eigentümer möglich. Erfahrungen aus anderen Regionen zeigen jedoch, dass diese Zustimmung selten erteilt wird. Denn eine Wiedervernässung würde zwangsläufig eine Umstellung der Nutzung bedeuten: weg von klassischer Landwirtschaft, hin zu Nassbewirtschaftung. Wiesen würden zu Nassweiden, etwa für Wasserbüffel. Statt Kartoffeln oder Mais würden nässetolerante Pflanzen, sogenannte Paludikulturen, angebaut. Die bestehenden Förderinstrumente gleichen Einkommens- und Vermögensverluste sowie die Kosten für notwendige Investitionen bislang nur unzureichend und kurzfristig aus – ein zentraler Konfliktpunkt. Kaum thematisiert wird, dass sich die Torfböden durch die fortschreitende Zersetzung buchstäblich in Luft auflösen. Jahr für Jahr verlieren sie an Mächtigkeit, bis Landwirte in absehbarer Zeit auf kargem Schotter wirtschaften. Ein irreversibler Prozess.

Moornutzung ist endlich: auf den flachgründigen Moorböden des Krenmoos vermischt sich der Ackerhorizont mit dem darunterliegenden Schotter der Münchner Schotterebene.
Zusammenarbeit als Schlüssel
In den Ämtern für Landwirtschaft, Ernährung und Forsten, beim Wasserwirtschaftsamt sowie in den Landkreisen München, Dachau und Fürstenfeldbruck sind Moormanager tätig, die Moor- und Klimaschutz gezielt bearbeiten. In der Landeshauptstadt fehlt eine vergleichbare zentrale Zuständigkeit. Hier sind die Aufgaben auf mehrere Referate verteilt.
Als interkommunale Institution trägt der Verein Dachauer Moos e. V., dazu bei, die unterschiedlichen Akteure über Gebietsgrenzen hinweg miteinander zu vernetzen und Vorgehensweisen fachübergreifend abzustimmen. Als nächste Schritte stehen weitere hydrologische Grundlagenermittlungen an, insbesondere dort, wo belastbare Daten bislang fehlen. In Bereichen mit erkennbaren Potenzialen muss offen und ehrlich mit Landwirten und Grundeigentümern verhandelt werden, um die Grundstücksverfügbarkeit herzustellen. Wo erforderlich, müssen Grundstücke und Tauschflächen erworben und zusammengelegt werden. Erst auf dieser Grundlage können die notwendigen wasserrechtlichen Verfahren für eine Moorsanierung eingeleitet werden.
Es sollte Ziel sein, die CO2 -Emissionen dort zu mindern, wo es hydrologisch möglich ist, und gleichzeitig die Ökosystemfunktionen des Dachauer Mooses zumindest in Teilen wiederzugewinnen.
Der Autor:
Robert Rossa ist Agraringenieur und projektierte über 20 Jahre Vorhaben des Natur- und Artenschutzes. Seit acht Jahren leitet er als Geschäftsführer den interkommunalen Verein Dachauer Moos e.V. und verantwortet dort Maßnahmen zur Landschaftsentwicklung sowie zur Natur- und Umweltbildung.
|1| Ringler, A. (2025): Wieviel Moor gibt es in Bayern? – Anliegen Natur 47(1): 39–56, Laufen; www.anl.bayern.de/publikationen
|2| https://www.verein-dachauer-moos.de/landschaft/das-dachauer-moos.html
|3| Heinrich-Böll-Stiftung (2023): Mooratlas – Daten und Fakten zu nassen Klimaschützern
|6| Klatt, J. et al. (2023). Abschlussbericht Klimaschutz – und Anpassungspotenziale in Mooren Bayerns(KliMoBay)
|7| Landeshauptstadt München, Referat für Klima- und Umweltschutz (RKU): Treibhausgas-Monitoring der Lan-deshauptstadt München 1990-2022. Veröffentlicht am 27.11.2024 (Sitzungsvorlage Nr. 20-26 / V 15148)
Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 04./05./06.2026 „Hitzeinseln und blaugrüne Maßnahmen“
Bildquellen:
- Die sogenannte Dannerwiese im NSG Schwarzhölzl mit Blick auf die Feldmochinger Flur: Stefan Gerstorfer
- Faktor Moor: Mooratlas 2023, Eimermacher/STOCKMAR+WALTER Kommunikationsdesign (M), CC BY 4.0
- Moorböden in München: Kartengrundlage: openstreetmap Datenquelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt, www.lfu.bayern.de
- Moore als Lebensraum: Robert Rossa
- Klimarelevanz entwässerter Moore: Sarah Heuzeroth in Kooperation mit dem Greifswald Moor Centrum; Lizenz CC BY 4.0)
- Schotter im Moorboden: Robert Rossa




