| Reinhardt Kleinöder |

Machen wir uns nichts vor: Der Klimawandel ist angekommen in Deutschland und auch in München, wo die Erderwärmung die Probleme einer im Sommer sowieso schon überhitzten Stadt noch verstärkt.

Was kommt mit dem Klimawandel auf München zu?

Hausmauern, Dächer, Straßen, Stein und Asphalt speichern die Sonnenwärme tagsüber ein und geben sie nachts wieder ab. Ergebnis: immer mehr Hitzetage, bei denen das Thermometer 30 Grad zeigt, und mehr Tropennächte, in denen die Außenluft nicht unter 20 Grad abkühlt. Natürlich schlägt sich das negativ auf den Organismus nieder; angefangen von Schlaflosigkeit und verminderter Arbeitsleistung bis hin zu ernsten Erkrankungen wie Sonnenstich, Kreislauf- oder Nierenversagen. Von 1991 bis 2020 hat sich die Zahl der Hitzetage (mit 30 oder mehr Grad Celsius) in München von 4,8 auf 12,0 Tage im Vergleich zum Zeitraum 1961 bis 1990 erhöht. Und dieser Trend wird sich weiter fortsetzen. Eine Studie der ETH Zürich-München prognostiziert eine Verschiebung der Klimazonen in Europa von Süd nach Nord. München bekäme dann das Klima von Mailand. Das mag zunächst nicht unattraktiv klingen, bedeutet aber neben höheren Jahresdurchschnittstemperaturen leider auch mehr Extremwetter, wobei Hitzewellen als Gefahr Nummer 1 noch vor der Gefahr des Starkregens gelten müssen.

Klimagerechte Stadtplanung

Im Zentrum der Städte ist es wärmer als in Randgebieten und deutlich wärmer als im Umland. Ein Blick auf die Klimafunktionskarte von München zeigt die im Sommer überhitzten Bereiche in der Innenstadt. Innerhalb des Mittleren Rings fallen da die Altstadt und das Bahnhofsviertel aufgrund der dunkelroten Färbung ins Auge. Aber auch außerhalb, in der Messestadt oder im Euroindustriepark gibt es tiefrote Flecken, während am Stadtrand die blauen, kühleren Bereiche überwiegen.

Die Münchner Stadtplanung ist bestrebt, bei Neubaugebieten eine gute Belüftung zu sichern und verlangt hier standardmäßig Grünanlagen. Weil beides in Bestandsquartieren nachträglich nur noch schwer möglich ist, sollten bestehende Frischluftbahnen ins Umland erhalten und vor massiver Bebauung geschützt werden. Hier sind auch die Umlandgemeinden gefragt. Die geplanten Bauprojekte im Hachinger Tal südlich von München werden bei Umsetzung die Frischluftzufuhr in die Stadt abschwächen.

Gebäude vor Hitze schützen

Es gilt also, künftig im Zuge der Klimaanpassung für einen besseren Hitzeschutz in München zu sorgen. Das betrifft zum einen den öffentlichen Raum, zum anderen die Gebäude. Beim baulichen Hitzeschutz kommt es vor allem darauf an, Fenster, Fenstertüren und Dachfenster zu verschatten, weil sonst die Sonne die Innenräume durch den Glashauseffekt schnell aufheizt. Verschattung bieten Außenjalousien, Balkon- oder Dachüberstände. Auch Sonnenschutzverglasung hilft an dieser Stelle. Dieser bauliche Hitzeschutz ist Sache der Eigentümer, Mieter haben weniger Möglichkeiten. Generell sollte bei tagelanger Hitze und warmen Nächten nur zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang über die Fenster gelüftet werden. Ähnlich wie im Winter ist eine Dauer-Kipplüftung auch bei Hitze keine gute Lösung.

Absehbar werden wir im Neubau, künftig auch im Wohnungsbau, mehr Klimaanlagen oder Kühldecken sehen. Erheblicher Nachrüstbedarf besteht insbesondere bei älteren Gebäuden, um vulnerable Gruppen zu schützen; also in Kliniken, Seniorenheimen, Schulen und Kitas. Auch die Begrünung von Gebäuden und Höfen kann einen gewissen Kühlbeitrag leisten. Eine Dachbegrünung bei Neubauten mit Flachdächern wird seit langem von der Stadt verlangt, wirkt sich aber in erster Linie nur auf das oberste Geschoss aus. Mit Fassadenbegrünung wird die Wärmeaufnahme durch das Mauerwerk verzögert, und selbst auf dem Gehsteig vor dem Haus sollte der Effekt noch spürbar sein. Aber so sinnvoll sie ist, sollte man die Gebäudebegrünung auch nicht überschätzen. Bäume sind wirksamer, weil sie größere Bereiche gleichzeitig beschatten und kühlen.

Natürliche Klimaanlagen

Was kann die Stadt tun, damit sich die Menschen auch bei Sommerhitze nicht in gekühlte Gebäude oder in Parks zurückziehen müssen, sondern auf Straßen und Plätzen aufhalten können? Kleine Bereiche, etwa die Fußgängerzone, könnte man wie in südlichen Ländern mit Sonnensegeln überspannen oder auch, nach dem Beispiel von Wien, mit Wassernebeln für eine kurze Abkühlung der Passanten sorgen. Aber in der Fläche ist das keine Lösung, da braucht es mehr Bäume als bisher. Sie sorgen in heißen Sommern als natürliche Klimaanlagen für Schatten und Abkühlung. Über die Blätter geben sie bei Hitze Wasser ab. Diese „Verdunstungskühlung“ ist das gleiche Prinzip wie beim menschlichen Körper, wenn er bei Hitze mit Schwitzen reagiert. Wir brauchen mehr Bäume an den Straßen und auf den urbanen Plätzen, schwerpunktmäßig innerhalb des Mittleren Rings. Für Anwohner macht es durchaus einen fühlbaren Unterschied, ob eine Reihe Bäume auf der Straße vor dem Haus steht, oder ob da eine Reihe Autos parkt. Denn auch die Fahrzeuge speichern Wärme, haben also den gegenteiligen Effekt von Bäumen.

Der öffentliche Raum

Neben den vielen Bäumen in Parks und Wäldern am Rande der Stadt stehen 115.000 Bäume auf Straßen und Plätzen. Diese Zahl müsste allerdings mehr als verdoppelt werden, wenn man im München die gleiche Baumdichte erreichen will, wie sie in Berlin geplant ist. Per Gesetz hat das Land Berlin im November 2025 als Ziel festgelegt, dass alle 15 Meter je ein Baum auf beiden Seiten der Straßen und auf ausreichend breiten Mittelstreifen stehen soll. 2027 sollen es 440.000 Straßenbäume sein, bis 2040 eine Million. Der Münchner Stadtrat hat sich im Juli 2025 ebenfalls ein ambitioniertes Ziel gesetzt. Der Stadtratsbeschluss zur Klimaanpassung (Federführung: Referat für Klima- und Umweltschutz) zielt auf eine „Baumüberschirmung“ von 30 % bis 2030 und bis 2050 auf die Umsetzung der „3-30-300 Regel“: Drei Bäume sind demnach vom Arbeits-/Wohnort aus zu sehen, der Stadtteil ist zu 30 % mit Bäumen überdeckt, und die nächste Grünfläche liegt nicht weiter als 300 Meter entfernt. Nun wird es darauf ankommen, dass diese hehren Ziele von der Stadtregierung auch umgesetzt werden. Die Finanzierung und Realisierung sind keineswegs gesichert.

Die bisherigen Baumpflanzungen der Stadtverwaltung reichen nicht aus. Es gibt noch zu viele Straßen ohne oder mit wenigen Bäumen. Mit dem Stadtratsbeschluss von November 2023 wurde das Baureferat mit der Pflanzung von 3.500 zusätzlichen Bäumen beauftragt, davon 1.500 im Straßenraum. Kosten: 51 Mio. Euro. Wieso so teuer? Bäume in bestehende Grünlagen oder Grünstreifen zu pflanzen, kostet nur ca. 5.000 Euro, aber wenn Teer oder Pflaster aufgebrochen werden müssen, ist der Aufwand deutlich höher. Nachdem Bagger die Pflanzgrube von 24 bis 36 m³ ausgehoben haben, transportieren LKWs das Material ab und frisches Erdreich an. Dann muss eine Platte zum Schutz der Wurzeln drauf oder das Pflaster wiederhergestellt werden. Hier liegen die Kosten bei ca. 25.000 Euro.

Das Platzproblem

Neben den Kosten ist das Haupthindernis das Platzproblem. Kaum einer ist gegen mehr Grün und mehr Bäume in der Stadt. Aber da hört der Konsens auf, denn Baumstandorte stehen in Flächenkonkurrenz zu Fahrstreifen und Parkplätzen. Wenn parallel zu neuen Bäumen noch die Situation für ÖPNV, Fußgänger und Radfahrer verbessert wird, heißt das automatisch: weniger Platz für Autos. Das wollen viele Münchner, auch Rathaus-Politiker, nicht wahrhaben; nicht akzeptieren, dass notwendiger Hitzeschutz mit Einschränkungen für den Autoverkehr verbunden ist. Verkehrsberuhigung, ob in der Lindwurmstraße, Kolumbusstraße oder Weißenburger Straße, ist denn auch zunehmend umstritten. Geschäftsleute fürchten um ihren Umsatz, Anwohner um „ihren Parkplatz“ vor der Haustür. Dass es dabei immer auch um mehr Grün, eine bessere Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum und mehr Lebensqualität für Anwohner geht, wird gern übersehen. Wobei „umstritten“ nicht selten bedeutet, dass die Minderheit der Kritiker dieser Maßnahmen lauter ist als die Mehrheit der Befürworter.

Die Zahl der Autos ist in München in den letzten 20 Jahre stetig gestiegen. Ende 2025 waren über 900.000 Pkw zugelassen. 56 % der Münchner Haushalte haben ein Auto, 44 % haben keines. Das Straßenbild ist vorwiegend von Autos geprägt, aber Autos fordern pro Insasse mehr Platz als Fahrrad, Tram oder Bus; im Fahren (wegen des Bremswegs) und beim Parken. Wenn die Dominanz des Autos im Straßenraum, Relikt aus Zeiten der autogerechten Stadt, in München so bleiben soll, kommen wir nicht weiter auf dem Weg zu einer menschengerechten, gesunden Stadt mit hoher Aufenthaltsqualität. München muss sich also entscheiden. Besseren Hitzeschutz im öffentlichen Raum gibt es nur mit mehr Bäumen auf Straßen und Plätzen, aber das heißt auch: weniger Platz fürs Auto.

Wie machen es andere Städte?

Das Referat für Klima- und Umweltschutz hat ein respektables Programm zur Klimaanpassung erarbeitet, vom Stadtrat in der aktualisierten Version im Mai 2025 beschlossen. Allerdings ist der Verkehrssektor unterbelichtet, auch auf die Gesundheitsrisiken durch den Klimawandel wird zu wenig eingegangen. So gibt es in München keine Zahl zur Übersterblichkeit durch Hitze, während das Robert-Koch-Institut von bundesweit durchschnittlich 3.300 Hitzetoten pro Jahr ausgeht. Auch die negativen Folgen des Autoverkehrs für Gesundheit sind kaum Thema. Hier hat München einen blinden Fleck. Fakt ist aber, dass dieser wegen Lärm, Abgasen (Stickoxid) und Feinstaub für eine ganze Reihe von Erkrankungen verantwortlich ist, an denen letztlich mehr Menschen sterben als durch Verkehrsunfälle. Aber auch vom Ziel „Vision Zero“, null Tote im Straßenverkehr, ist die Stadt ein gutes Stück entfernt.

Rathaus und Stadtverwaltung täten gut daran, Verkehrsberuhigungs- und Begrünungsmaßnahmen nach dem Beispiel der Stadt Paris mit ihrer gesundheitsfördernden Wirkung zu begründen. Paris geht hier seit über einem Jahrzehnt einen konsequenten Weg, erhebt hohe Parkgebühren, scheut auch nicht den Abbau von Parkplätzen und die Einrichtung autofreier Straßen. München kann von anderen Städten in puncto Klimaanpassung also durchaus lernen. Nützliche Innovationen wären etwa: ein Baumkataster wie in Berlin, die Pflicht zur Fassadenbegrünung bei Neubauten wie in Frankfurt, ein Entsiegelungsplan oder ein Hitzeaktionsplan wie in Wien.

Grüne Stadt der Zukunft

Klimaanpassung ist jedoch – ähnlich wie Klimaschutz – nicht nur Aufgabe der Stadt, sondern der gesamten Stadtgesellschaft; auch Privatleute und Unternehmen sollten einen Beitrag leisten. Das kann von der Forderung nach Verkehrsberuhigung im Viertel über eine Baumpatenschaft bis hin zur Begrünung von Parkplatz, Dach, Hausfassade oder Innenhof gehen. Die Stadt fördert die letztgenannten Maßnahmen finanziell über ein Förderprogramm, das Begrünungsbüro von Green City bietet dazu Beratung an.

Das Ergebnis der Kommunalwahl wird in München zeigen, was von den bisherigen Modellversuchen und Plänen – siehe „Altstadt für alle“ – zur Verkehrsberuhigung umgesetzt wird und wie es mit der Stadtbegrünung weitergeht. Damit entscheidet sich auch, ob die Stadtgesellschaft künftigen Hitzewellen stärker oder schwächer ausgesetzt sein wird. Der Klimawandel macht eine Anpassung der Stadt- und Verkehrsplanung notwendig. Weil das Klima extremer wird, muss die Stadt der Zukunft grüner und klimaresilienter sein als heute. Das wäre für alle von Vorteil, denn diese Stadt der Zukunft böte mehr Lebensqualität und ein gesünderes Umfeld.

Der Autor:
Reinhardt Kleinöder, Politologe M.A., war bei der Stadt München im Bereich Energie und Klimaschutz tätig, arbeitet jetzt in Rente als Sachbuchautor, betreibt die Website klimaseite.info und leitet die Projektgruppe ‚Stadt im Klimawandel‘ des Münchner Forums.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 04./05./06.2026 „Hitzeinseln und blaugrüne Maßnahmen“

 

Bildquellen:

  • Verkehr und Versiegelung: Reinhardt Kleinöder
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