Wie aus vielen Einzelprojekten ein gemeinsamer Stadtraum entsteht

| Prof. Dr. Matthias Ottmann |

Rund um den Münchner Hauptbahnhof entwickelt sich ein vielfältiger Stadtraum weiter. Neue Arbeitswelten, Kultur, Gastronomie, Mobilität und öffentlicher Raum treffen dabei auf ein historisch gewachsenes, internationales Viertel mit eigener Identität. Die Initiative Central Quartier möchte diese Entwicklung gemeinsam mit Stadtgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung begleiten und die unterschiedlichen Projekte stärker miteinander verbinden. Ziel ist es, vorhandene Qualitäten sichtbar zu machen, neue Impulse zu setzen und das Potenzial des Quartiers als lebendigen Teil der Münchner Innenstadt weiterzuentwickeln.

Ein Viertel mit Geschichte und Zukunft

Der Name Central Quartier ist neu, seine Idee hat jedoch historische Wurzeln. Mit der Eröffnung des Münchner „Centralbahnhofs“ im Jahr 1849 entstand rund um den Bahnhof ein neues Zentrum des städtischen Lebens. Hotels, Theater, Varietés, Tanzlokale und Flanierwege prägten das Umfeld. Der Bahnhof war nicht nur Verkehrsknotenpunkt, sondern Impulsgeber für ein urbanes Quartier.

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und dem funktional geprägten Wiederaufbau veränderte sich der Charakter des Viertels grundlegend. Bis heute gilt es häufig vor allem als Durchgangsort. Dabei ist es längst internationaler Ankunftsort, Wirtschaftsstandort, Kulturraum und Wohnumfeld zugleich. Der Name Central Quartier greift die historische Bezeichnung und die internationale Prägung auf. Er macht eine vorhandene Identität sichtbar und entwickelt sie weiter.

Bislang wurde insbesondere der Bereich südlich des Hauptbahnhofs als „Südliches Bahnhofsviertel“ bezeichnet. Der Begriff beschreibt zwar seine geografische Lage, wird der Vielfalt, Bedeutung und dem Potenzial dieses innerstädtischen Stadtraums jedoch nur bedingt gerecht. Gleichzeitig umfasst das Central Quartier bewusst auch den nördlichen Bereich rund um den Hauptbahnhof, für den sich bislang keine vergleichbare eigenständige Quartiersbezeichnung etabliert hatte. Mit dem neuen Namen entsteht damit erstmals ein gemeinsamer Bezugsrahmen für beide Seiten des Bahnhofs.

Vom Forschungsprojekt zur Initiative

Ausgangspunkt der Initiative war ein Lehr- und Forschungsseminar der Technischen Universität München zum südlichen Bahnhofsviertel im Jahr 2023. Die zentrale Erkenntnis lautete: Die Herausforderungen und Chancen dieses Stadtraums lassen sich nicht innerhalb einzelner Grundstücksgrenzen lösen. Sicherheit, Sauberkeit, Aufenthaltsqualität, Erdgeschossnutzungen, Begrünung und öffentliche Räume betreffen immer das Quartier als Ganzes.

Aus diesem Impuls entstand im Februar 2024 die Initiative Zukunft Bahnhofsviertel, angestoßen von ACCUMULATA und Urban Progress. Aus dem Austausch einzelner Akteurinnen und Akteure entwickelte sich ein breites Netzwerk. Heute wirken Unternehmen und Eigentümer, Stadt, Forschung und Lehre, Kulturinstitutionen, Hotellerie, Gastronomie, Einzelhandel sowie lokale Vereine mit.

Für mich liegt darin die besondere Qualität der Initiative: Niemand kann ein gewachsenes innerstädtisches Quartier allein entwickeln. Es gibt keinen Masterplan aus einer Hand, sondern viele Eigentumsverhältnisse, Nutzungen und Projektzyklen. Umso wichtiger ist ein gemeinsamer Rahmen, der Orientierung gibt, ohne Vielfalt zu vereinheitlichen.

Die Initiative hat zudem eine Projektidee bei der Internationalen Bauausstellung Metropolregion München (IBA) eingereicht und wird dort als Projekt im Themenfeld „Quartiere & Nachbarschaften gewinnen“ geführt. Damit wird das Central Quartier Teil eines übergeordneten Diskurses darüber, wie bestehende Stadtquartiere gemeinsam, klimaresilient und nutzungsvielfältig weiterentwickelt werden können.

Aktuell bereiten wir darüber hinaus die Gründung eines Vereins vor. Damit soll die bislang als Initiative organisierte Zusammenarbeit langfristig auf eine verbindlichere Struktur gestellt und eine Grundlage geschaffen werden, um gemeinsame Projekte und Maßnahmen dauerhaft weiterzuführen.

Ein Name als gemeinsamer Ausgangspunkt

Ein wichtiger Schritt war die Entwicklung einer eigenständigen Identität. In einem öffentlichen Beteiligungsprozess gingen mehr als 600 Namensvorschläge ein. Eine interdisziplinäre Jury entschied sich für „Central Quartier“. Im Dezember 2025 wurde der Name öffentlich vorgestellt.

Die Namensgebung ist kein Selbstzweck. Ein gemeinsamer Name schafft Zugehörigkeit und macht Entwicklungen lesbar. Darauf aufbauend wurde mit acht Immobilienberatungshäusern und der Landeshauptstadt München ein räumlicher Umgriff erarbeitet. Core- und Expansionsbereich bilden nun einen flexiblen Bezugsrahmen für Marktanalysen, städtebauliche Fragen und gemeinsame Maßnahmen.

Initiative: Gruppenfoto der Namensverkündung im Deutschen Theater: „Vertre- terinnen und Vertreter der Initiative bei der öffentlichen Vorstellung des Namens Central Quartier im Dezember 2025.“

Initiative: Gruppenfoto der Namensverkündung im Deutschen Theater: „Vertre-
terinnen und Vertreter der Initiative bei der öffentlichen Vorstellung des Namens
Central Quartier im Dezember 2025.“

Konkrete Ziele für den Stadtraum

Die Initiative hat sich auf gemeinsame Ziele verständigt: mehr Sicherheit und Sauberkeit, eine höhere Aufenthaltsqualität, lebendige öffentliche Räume, ein attraktiver Unternehmensstandort sowie eine stärkere Identität des Viertels. Eine freiwillige Charta übersetzt diese Ziele in konkrete Handlungsfelder.

Dazu gehören einladende Erdgeschosszonen, vielfältigere Angebote aus Gastronomie, Kultur und Einzelhandel, bessere Beleuchtung, begrünte Fassaden und Dächer sowie gepflegte öffentliche Flächen. Ein Quartier gewinnt an Qualität, wenn mehr Menschen es aktiv nutzen, Erdgeschosse belebt sind und attraktive Orte für Begegnung entstehen.

Karte Central Quartiers „Das Central Quartier verbindet Hauptbahnhof, Innenstadt und Theresienwiese zu einer eigenständigen innerstädtischen Lage.“

Karte Central Quartiers „Das Central Quartier verbindet Hauptbahnhof, Innenstadt und
Theresienwiese zu einer eigenständigen innerstädtischen Lage.“

Die Entwicklung ist bereits sichtbar

Rund um den Hauptbahnhof befinden sich mehr als 230.000 Quadratmeter Bürofläche im Bau oder konkreter Planung. Damit liegt etwa ein Drittel der Münchner Projektpipeline in diesem Umfeld. Projekte wie The Verse, The Stack, das Franz Marc Quartier, B.Munich und landN – Das Netzwerkhaus zeigen, wie dynamisch sich der Standort verändert.

Entscheidend ist die Qualität der Stadträume: Welche Nutzungen beleben die Erdgeschosse? Wie tragen neue und bestehende Gebäude zum Quartier bei? Und wie lassen sich ökonomische, ökologische und soziale Anforderungen verbinden?

landN als Baustein des Central Quartiers

Mit landN – Das Netzwerkhaus entwickelt Urban Progress in der Landwehrstraße ein konkretes Beispiel für diesen Anspruch. Statt das Bestandsgebäude abzureißen, wird es umfassend revitalisiert und für zukunftsfähige Arbeitsformen weiterentwickelt. Auf rund 4.300 Quadratmetern entstehen flexible Büroflächen. Eine Assembly Hall, ein begrüntes Atrium, eine Dachterrasse und gemeinschaftlich nutzbare Bereiche sowie Gastroflächen fördern Begegnung und Austausch.

Der Netzwerkgedanke reicht dabei über das Gebäude hinaus. landN soll sich bewusst zum Viertel öffnen und Unternehmen, Nutzerinnen und Nutzer sowie die Nachbarschaft miteinander verbinden. Gerade in einer Zeit, in der sich Anforderungen an Büroflächen grundlegend verändern, braucht es Orte, die mehr bieten als einzelne Arbeitsplätze: Identität, Gemeinschaft, Flexibilität und eine hohe Aufenthaltsqualität.

Die Weiterentwicklung des Bestands ist zugleich ein wesentlicher Nachhaltigkeitsbeitrag. Der Erhalt vorhandener Gebäudestrukturen schont Ressourcen und vermeidet graue Emissionen. Damit verbindet landN die Geschichte des Standorts mit einer zeitgemäßen Nutzung und wird zu einem Baustein der gemeinsamen Quartiersentwicklung.

„landN – Das Netzwerkhaus revitalisiert einen Be- standsbau in der Landwehrstraße und schafft flexible Arbeits- und Begegnungsräume.“

„landN – Das Netzwerkhaus revitalisiert einen Be-
standsbau in der Landwehrstraße und schafft flexible
Arbeits- und Begegnungsräume.“

Von zentraler Lage zu urbaner Qualität

Die Lage zählt bereits heute zu den am besten angebundenen Orten Münchens. Mit dem modernisierten Hauptbahnhof und der zweiten Stammstrecke soll die Bedeutung als Mobilitätsknoten weiter wachsen. Perspektivisch werden bis zu 850.000 Reisende täglich erwartet. Diese Erreichbarkeit ist ein erheblicher Standortvorteil für Unternehmen, Beschäftigte, Kultur und Handel.

Doch Konnektivität allein schafft noch kein lebenswertes Quartier. Die nächsten Jahre müssen genutzt werden, um aus Verkehr und Frequenz echte urbane Qualität zu entwickeln.

Ein gemeinsamer Prozess

Das Central Quartier ist kein fertiges Produkt. Sein Erfolg wird sich nicht allein an neuen Gebäuden messen lassen, sondern daran, ob ein sicherer, vielfältiger und lebendiger Stadtraum entsteht, der Mobilität, Wirtschaft, Kultur und internationales Leben miteinander verbindet.

Die Voraussetzungen dafür sind außergewöhnlich: eine zentrale Lage, eine enorme Entwicklungsdynamik und ein wachsendes Netzwerk engagierter Akteure. Wenn es gelingt, diese Kräfte dauerhaft zu bündeln, kann aus dem heutigen Bahnhofsviertel ein Quartier entstehen, das seiner historischen Bedeutung ebenso gerecht wird wie den Anforderungen an die Stadt von morgen.

Der Autor:
Prof. Dr. Matthias Ottmann ist Geschäftsführer der Urban Progress GmbH und seit 2010 Honorarprofessor für Stadtentwicklung und Immobilienwirtschaft an der Technischen Universität München. Er ist Mitinitiator der Initiative Central Quartier und entwickelt mit Urban Progress nachhaltige, nutzerorientierte Immobilien- und Quartierskonzepte in München.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 10./11./12.2026 „Abbruch, Umbruch, Aufbruch – Das Münchner Bahnhofsviertel“ 

 

Bildquellen:

  • Die Landwehrstraße im Wandel der Zeit: Franz Schiermeier Verlag / Urban Progress GmbH / Initiative Central Quartier
  • Initiative: Gruppenfoto der Namensverkündung im Deutschen Theater: „Vertre- terinnen und Vertreter der Initiative bei der öffentlichen Vorstellung des Namens Central Quartier im Dezember 2025.“: Initiative Central Quartier
  • Mikrolage_Luftbildkarte_CentralQuartier (2) 1200×800: Initiative Central Quartier
  • karte-cq 1200×800: Initiative Central Quartier
  • „landN – Das Netzwerkhaus revitalisiert einen Be- standsbau in der Landwehrstraße und schafft flexible Arbeits- und Begegnungsräume.“: Urban Progress GmbH
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