Interview mit Siggi, dem Waldgärtner

Nikolaus Teixeira: Siggi, du bist ein stolzer Gärtner, der Waldgärtner. Als ich das erste Mal von dir hörte, hieß es, deine Wahnsinns-Tomaten wachsen auf geheimnisvolle Weise auf Lichtungen im Wald.

Siegfried Fuchs: Na ja, im Wald. Mein erster Versuch, Profi-Gärtner zu werden, fand tatsächlich auf einer gerodeten Fläche statt. Das war aber vor allem Versuch und Irrtum. Das ist über 20 Jahre her. Da habe ich mit den Tomaten angefangen, weil ich mich gefragt habe: Das kann doch nicht sein, was ist mit den Tomaten passiert, wo sind die Geschmäcker geblieben? Oder waren das nur so täuschende Kindheitserinnerungen?

Dann habe ich angefangen zu recherchieren, aber zu der Zeit war ja im Internet noch nix los, keine Inhalte. Das war gar nicht einfach. Irgendwann habe ich dann eine Schweizer Hobbyzüchterin kennengelernt, die über eintausend Gemüsesorten gehabt hat! Von ihren 350 Tomatensorten hat sie mir dann welche zum Aussäen geschickt. Zu Weihnachten. Sie hat geschrieben: „Siggi, irgendeiner muss das weitermachen, ich gehe jetzt dann in Rente und so…“ Von ihr habe ich die Tomaten gekriegt, die so geschmeckt haben, wie ich mir das vorgestellt habe, und so ist es dann losgegangen.

Bist du also der Tomatenpapst?

Nein, so tät ich das nicht sagen, das sind immer so depperte Superlative (lacht). Aber der Schwarz Johannes (Anm.: Gärtnerkollege) und ich haben wahrscheinlich schon so die breiteste Vielfalt und an guaden Geschmack, in der Region. Das ist ja nicht so einfach. Diese Saison haben wir 63 Tomatensorten angebaut und noch einiges andere. Das ist ja auch logistisch eine ziemliche Viecherei. Weil, du musst ja in der Hochsaison dann auch wieder 63 Sorten vermehren, obwohl du überhaupt keine Zeit hast. Gleichzeitig muss geerntet werden, und die Tomaten wie auch das andere Gemüse müssen ja frisch an meine Community gehen. Neben der Ernte findet das ja auch statt, vier Locations, an vier Wochentagen.

Und dazu kommt ja noch das ganze andere Gemüse, ist ja eine umfangreiche Gärtnerei, die du da machst. Wie viele Sorten hast du da jetzt?

Keine Ahnung, Ich mach das nach gusto.

Und das Ganze auf einer ziemlich kleinen Fläche?

Dafür, dass wir nur 1,2 Hektar haben, kommt tatsächlich eine ganze Menge heraus. Das ist ja anders als in der Landwirtschaft. Eine Biogärtnerei ist ja wahnsinnig produktiv, das weiß halt keiner. Zweitausend Quadratmeter davon unter Folie (Anm.: Foliengewächshäuser). Das ist extrem wichtig, sonst könnten wir nicht schon Mitte Februar pflanzen, und wir könnten auch nicht diese extremen Mengen in dieser Qualität produzieren. Und das musst du dir mal vorstellen, auf der geringen Fläche versorgen wir 9 Monate im Jahr 180 Haushalte, das sind mindestens 350 bis 400 Leute. Und in der Saison jammern alle, dass sie nicht soviel essen können, wie wir liefern (lacht herzhaft).

Aber du warst ja nicht immer Gärtner.

Ich hab Elektriker gelernt, auf Druck meiner alleinerziehenden Mutter, das hat mir aber gar nicht gefallen. Nach der Lehre hab ich gleich aufgehört und hab dann irgendwas gemacht. Dann später, zweiter Bildungsweg, mit 29 Abitur. Und dann habe ich Sozialpädagogik studiert. Und da hab ich mitten im Studium gewusst, das ist nix für mich. Ich habe mir aber gedacht, das muss ich jetzt fertigmachen, weil sonst der ganze Aufwand, mittlere Reife, Abitur, der ganze Weg dahin, ja völlig umsonst gewesen wäre. Und wenn du dann mit 31 wieder nix geworden bist, nein, das ist nix. Also habe ich das Studium fertiggemacht und war immer unglücklich, weil du die ganze Zeit so Vorgaben erfüllen musst. In den sozialen Berufen haben ja viele ein Helfersyndrom, und ich wollte ja, dass die Leute, denen ich helfe, dann irgendwann fertig sind, selber einen Schritt machen und allein mit dem Leben fertig werden. Mich nicht mehr brauchen. Das war immer so mein Ziel. Das kannst du aber nicht, wenn alle anderen ein Helfersyndrom haben und Kundenbindung betreiben. Mit 31 war ich also damit schon durch, immer noch nix gescheites zerrissen, war zwar immer fleißig, naja und mit 32 habe ich dann endlich angefangen. Aber davon konnte ich ja gar nicht leben, das war ja eher ein Hobby. Erst einmal überhaupt lernen, wie man Gemüse anbaut. Alles selber beigebracht, viele Fehler gemacht. Immer wieder von vorne angefangen, mit alternativen Geschichten experimentiert.

Im Hinterhof, wo ich damals gewohnt habe, da sind wir dann immer beim Bier zusammen gesessen mit den Nachbarn und haben die neuesten Resultate verkostet. Und irgendwann habe ich mir gedacht, hei, das wäre doch geil, wenn ich davon leben könnte. Aber den Mut, gegen gestandene Biogärtner anzutreten, einen Marktzugang zu finden … Da war ich noch zu grün hinter den Ohren, im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man mit Grün arbeitet. Aber dann habe ich einen Beitrag über den Buschberghof gesehen, der damals Pionier war mit der CSA (Anm.: Community Sourced Agriculture). Und da habe ich gewusst: Das ist auch etwas für Quereinsteiger.

Mir war klar, damit habe ich ein Alleinstellungsmerkmal, und ich kann mit Leuten. Die meisten Landwirtschaften wollen eigentlich gar keinen Kundenkontakt, die wollen so vor sich hin machen, das ist denen zuwider, die wollen eigentlich ihre Ruhe haben. Ich tät auch lieber meine Ruhe haben, auf dem Acker, aber ich kann halt mit den Leuten, kann überzeugen und die Leute mitnehmen, für mich gewinnen. Das war mein Vorteil, die mangelnde Kenntnis in der Gärtnerei, dagegen als Städter das Wissen, wie ich mit den Leuten umgehen kann. Du darfst halt nicht deppert sein. Das ist ja heute immer noch so. Ich recherchiere immer viel und schaue, was sind die Food-Trends. Niemand muss das Rad selber neu erfinden, aber ich will ja was machen, was die Leute wertschätzen. Dann geht es auch mir gut.

Für irgendwas war das Studium also doch noch gut?

(lacht) Ich habe halt nicht Gärtner gelernt und ein System verfolgt, das sich über Generationen so etabliert hat, ohne es zu hinterfragen. Nur weil man das immer schon so gemacht hat. Auch wenn das überhaupt nicht erfolgreich ist, sondern nur Selbstausbeutung betreibt.

Jetzt, weil du sagst, dass du aus der Stadt bist: Münchner, oder?

Nein, ursprünglich komme ich aus der Freisinger Ecke. Lebe aber schon ewig in München. Meine Familie hatte eine Landwirtschaft, die aber nach dem Tod meines Vaters und für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, 5 Hektar und 8 Kühen schon damals keinen Preis mehr gewinnen konnte. Meine Mutter hat das also aufgegeben und etwas anderes gemacht, um uns Kinder durchzubekommen. Sie hatte aber immer einen Bauerngarten, der mich aber nicht die Bohne interessiert hat. Aber aus der Konditionierung heraus, mit dem Gemüse und dem Geschmack aufgewachsen, das hat doch irgendwie geprägt in der Kindheit. Das ist irgendwie angelegt worden, diese Geschmacksvorstellung. Und dann lebst du in der Stadt und merkst irgendwann: Wieso schmeckt das alles eigentlich nicht mehr?

Das kenne ich, ich habe früher bei meinem Vater in der Werkstatt ausgeholfen, schon als Kind. In der Occamstraße. Da gab es eine kleine Bäckerei. Den Geschmack von den Brezen, die ich immer zur Belohnung bekommen habe, den werde ich nie vergessen. Aber es gibt keine solche Brezen mehr…

Siehst du, ganz genau, das ist es. Und das ist keine Einbildung aus Kindheitstagen. Der Schweinsbraten. Also, meine Oma ist gestorben, als ich 6 Jahre alt war. Das muss in der Zeit passiert sein, so von 2 Jahren an. Wir haben in der Bauernküche diesen alten Holzofen gehabt, und da drin wurde der Schweinsbraten gebraten. Und meine Oma hat furchtbar fett gekocht, so war das damals. Aber die Sauce habe ich mit der Semmel dann immer vom Teller gesogen und gegessen, bis zum letzten Tropfen. Egal was ich dann später für einen Schweinsbraten bezahlt habe und wo ich ihn gegessen habe, bio oder nicht, so hat keiner mehr geschmeckt. Obwohl ich schon ein paar Adressen kenne, wo du einen richtig guten Schweinsbraten kriegen kannst. Meine Mutter ist dann mit dem Holzofen noch ein paar Jahre lang nah dran gekommen. Und vor ein paar Jahren sind wir zufällig einmal in der Wachau in eine Dorfwirtschaft gekommen, also so jenseits von irgendwelchem Tourismus. Da habe ich die Bestätigung bekommen, dass das keine Einbildung war. Aber die haben den auch im Holzofen gemacht. Und so war das mit dem Gemüse, allein dass das immer frisch zubereitet war und in der Vollreife geerntet. Das habe ich wieder gesucht. Das war bestimmt der Grund, warum ich in der Gärtnerei gelandet bin.

Wo war denn das?

Das war im Hinterhof in München, neben den Garagen, das war der allererste Versuch. Und danach habe ich mit dem Waldgarten angefangen, den zu bewirtschaften. Also bewirtschaften, ich habe ja gar kein Auto gehabt. Wir (Anm.: mit seiner Lebensgefährtin) sind mit der S-Bahn rausgefahren und meine Mutter hat uns dann zum Garten gefahren. Da haben wir den ganzen Tag gewerkelt. Abends hat uns die Mutter dann wieder zur S-Bahn gebracht. Später sind dann die Freunde mitgefahren. Es war komplett unsinnig, aber es hat so viel Spaß gemacht. Wir hatten ja gar kein Wasser, dafür hat dann ein Spezi ein tiefes Loch gegraben, wir lachen heut noch drüber. Der konnte sich tagelang nicht mehr rühren, der ist so ein Büroheini, ja? Dann habe ich angefangen, Pappendeckel auszustechen, in die Löcher habe ich dann die Pflanzen gesteckt. Der Karton hat dann kompostiert, und die Pflanzen waren vom Unkrautdruck geschützt, das waren so die Ideen, das sieht heute ein bisserl anders aus (lacht). Oh mei, dann sind wieder die Rehe eingefallen. Also wirklich, das war völlig amateurhaft, aber wir haben was gelernt.

Da kommen wir auch zum Thema, dass du ja nicht mit deinem Gemüse zur Großmarkthalle fährst und schaust was geht. Du hast eine spezielle Vermarktungsform?

Ja, ich habe dann in 2009 die SoLaWi gegründet, das hieß aber damals noch CSA. Da war ich der erste in Bayern, der 7. in Deutschland. Und wenn man sich jetzt die Entwicklung der letzten 12 Jahre anschaut, sind es heute bestimmt schon 350 oder mehr Betriebe, die so wirtschaften. Also im Grunde habe ich damit schon den Zeitgeist getroffen. Es ging halt um die Frage: Wie kann ich das hauptberuflich machen und nicht sofort wieder pleite gehen?

Ich bin halt jetzt nicht unbedingt ein Grüner, ich bin eher Sozialist. Also Solidarität war für mich schon immer sehr wichtig. Ja, im ersten Jahr war das für 7 Leute, das war ja eher ein Spassettl (Anm.: kleiner Spaß/Kindergaudi). Im Winter habe ich woanders gearbeitet, im Sommer dann weniger und dafür dann S-Bahn-gegärtnert. Im zweiten Jahr waren es dann 17 Mitglieder und dann habe ich die Idee mit der Postkarte gehabt, mit den Tomaten vorne drauf. Hintendrauf nur die Adresse. Und die habe ich dann im Viertel verteilt (denkt kurz nach). Und dann hat eine Journalistin von der SZ einen ganzseitigen Artikel über mich gemacht. Und dann ging das durch die Decke. Von einem Tag auf den anderen hatte ich 82 Mitglieder, und darauf war ich null vorbereitet. Ich habe dann im Waldgarten angebaut und zusätzlich in Moosburg!!! Da hat mir einer ein Gewächshaus vermietet. Ein Jahr später war ich mit dem Waldgarten und einem Gewächshaus in Eschenried dabei. 2012 habe ich dann eine Gärtnerei in Johanneskirchen übernommen, die 12 Jahre stillgelegt und völlig marode war. Zwei Jahre später war ich dann in Johanneskirchen und auf der jetzigen Fläche aktiv. Das alles ging mehr schlecht als recht, aber mit den 82 Mitgliedern wusste ich, davon kann ich jetzt endlich bescheiden leben.

Das war ein andauernder Wechsel aus der Not heraus, weil du in München keine Flächen bekommst, und wenn du etwas aus ihnen machst, verlierst du sie auch wieder, weil jemand anderer mehr dafür bezahlt.

Das heißt, der Sprung von 17 auf 180 war ja enorm, aber wie geht das jetzt weiter? Ist das für dich eine Grenze?

Ja, auf jeden Fall. Mehr auf gar keinen Fall.

Das klingt ja sehr entschieden. Im Kapitalismus heißt es doch, es braucht Wachstum, sonst gibt es keine wirtschaftliche Zukunft?

Schau. Ich habe doch ein Problem. Ich arbeite so viel, dass ich keine Zeit mehr habe, Geld auszugeben. Und dann denke ich mir, was tue ich mit dem Geld, wenn ich es nicht mehr ausgeben kann? Warum soll ich noch mehr arbeiten, um noch mehr zu produzieren, um noch Geld zu generieren? Für was?

Ich habe das dann lieber so gemacht, ich bezahl halt meinen Mitarbeitern mehr Geld, einfach so. Und mehr brauch ich nicht. Ich habe keine Schulden mehr. Außer dem Darlehen von meiner Community. Aber da habe ich keinen Druck nicht. Und jetzt ist einfach eher zu überlegen wieder zu schrumpfen.

Wie läuft das denn mit der Community?

Die holen sich das Gemüse selber ab. Wir haben vier Locations in München, wo ich das Gemüse anliefere. Wir wissen ja, z.B. an dem einen Standort kommen 42 Leute, dann ernten wir auch nur für 42 und liefern das an. Das Gemüse steht dann da in Gärtnerkisten, daneben eine Waage und darüber hängt ein Zettel. Auf dem steht, was für jedes Mitglied vorgesehen ist. Der Rest ist Vertrauen, dass sich alle dran halten, und das läuft. Wir müssen nicht auf den Markt, was Zeit kostet, müssen nicht daneben stehen, weil die Leute ehrlich sind und weil es in der Regel genug gibt. Wenn du zum Markt musst, da verlierst du ja einen ganzen Tag, oder du bezahlst Leute, die vielleicht nicht so motiviert sind. Und bei mir kommen die Leute in die Gärtnerei und ich kann mit ihnen reden, oder, in der Hochsaison, wenn eh alles zuviel wird, dann schreib ich halt einen Newsletter und am nächsten Tag stehen 5 oder 6 Leute aus der Community auf dem Acker, weil sie mithelfen wollen. Bei uns geht alles raus, da muss nichts hin und her transportiert werden, wieder in eine Kühlung geräumt und all das. Bei uns geht alles raus. Sollte was übrig bleiben, geht das am nächsten Tag in die Restekiste an den nächsten Standort.

Das Mithelfen hat den Vorteil, dass die Essenden wieder einen Bezug zu ihrem Essen bekommen…

Vor allem ist es eine gute Erfahrung, selber zu erleben, wie hart gärtnern ist, wenn man wirklich eine Community versorgen will. Beim Pflanzen z.B. Du musst für jede Pflanze hinknien, einpflanzen, aufstehen und vierzig Zentimeter daneben wieder in die Hocke gehen. Aber eben 300 Mal oder öfter. Beim Ernten wieder das Gleiche. Unsere Member haben dann Muskelkater und einen guten Appetit.

Für uns ist das Mithelfen ein Vorteil, weil wir Personalkosten einsparen, für die Community ist der Vorteil, dass wir gemeinsam wirklich viel produzieren können. Bei uns ist das so, dass z.B. Bohnen, Erbsen und Zuckerschoten nicht von uns Gärtnern geerntet wird. Da kommen dann dreimal die Woche Mitglieder und ernten für die anderen Mitglieder mit. Dann gibt es eben einiges an Bohnen für alle, und machmal gibt es eine Riesenmenge Bohnen für alle. Das könnten wir Gärtner alleine nicht leisten.

Momentan haben wir z.B. so viel Salat, Babyleaf, der kostet über 25 Euro das Kilo, im Laden. Alle bekommen 800 bis 900 Gramm davon. Allein durch den Salat ist der Wochenbetrag schon gedeckt, wenn man es umrechnen würde, aber das müssen wir ja nicht.

Du hast keine Genossenschaft, bist Einzelunternehmer, aber deine Community verpflichtet sich zu etwas?

Ja, die Leute müssen sich für ein Jahr lang verpflichten. Die Leute zahlen mir einen fixen Betrag, auf den sie schon im Februar anzahlen und dann über eine monatliche Pauschale begleichen. Für mich hat das den Vorteil, dass ich meine Anbauplanung ohne Schulden kalkulieren kann. Ich habe das Geld also dann zur Verfügung, wenn ich es brauche, im Frühjahr. Da habe ich die größten Investitionen. Außerdem teilt sich die Community das Risiko mit mir, es ist ja nicht jedes Jahr gleich. Ist es ein gutes Jahr, isst meine Community viel Gemüse, in einem schlechten Jahr weniger. Alle bekommen also mit, dass Gemüse kein Industrieprodukt ist, das jederzeit gleich aussehend und nach nichts schmeckend zur Verfügung steht. Aber eigentlich kann man nicht sagen, es gibt ein gutes oder schlechtes Jahr.

In jedem Jahr gedeihen bestimmte Kulturen besser als andere, das richtet sich nach dem Wetter. Zum Essen gibt es also eher immer genug. Außerdem habe ich ja einen Plan. Ich weiß ja, für wie viele Bäuche ich anpflanzen muss. Nichts bleibt übrig, wird weggeworfen, höchstens kompostiert, im geschlossenen Kreislauf. Und wenn mehr gedeiht, ist es kein Schaden für die Leute. Manchmal, wenn ich viel zu viel habe, dann liefere ich an den Stemmerhof-Bioladen, in Sendling. Die haben als Genossenschaft auch eine ähnliche Philosophie.

Aus unserem Landwirtschaftsministerium, aber auch allgemein heißt es immer, es lassen sich keine höheren Preise durchsetzen.

Das ist ein Schmarrn. Aber ich habe selbst einmal vor einiger Zeit eine Erhöhung der Preise um 20 Prozent machen müssen. Da habe ich wirklich Bauchschmerzen gehabt, ein altes landwirtschaftliches Problem. Ich habe auch gedacht, jetzt werden mich vielleicht meine Member verlassen. Einer aus der Community hat mir geholfen, das für die Jahresversammlung vorzubereiten, der Waldemar, ein Unternehmensberater. Ich habe die Präsentation dann zwar wieder total vermasselt. Aber das Interessante war, die Wortführer bei der Versammlung haben dann eher so argumentiert: „Ja, dann haben wir ja die ganze Zeit zu wenig bezahlt.“ Das war schon interessant. Ich habe die Erfahrung gemacht, so lange es transparent ist und wie bei uns die Community sogar mithilft, ist das Verständnis groß. Und die 5 Prozent der Leute, die ausgestiegen sind wegen der Preiserhöhung, waren sofort durch die Warteliste wieder gefüllt.

Und seither, wenn ich mit meinen Kollegen und Kolleginnen spreche, sage ich ihnen, erhöhe deine Preise um 25 Prozent , verliere 20 Prozent  deiner Kunden, aber du hast genau das gleiche Geld wie vorher, nur ohne dich und deine Mitarbeitenden immer mehr ausbeuten zu müssen.

Das ist genau das Problem in der Landwirtschaft generell, du zerreißt dich, musst aus deinen Böden und Tieren immer mehr herauspressen und verdienst immer weniger, weil die Preise nicht stimmen. Es sei denn, du wächst und intensivierst. Wachse oder weiche. Das billigste Essen ruiniert die Böden, tritt das Tierwohl mit Füssen und kommt der Gesamtgesellschaft am teuersten zu stehen, weil die Folgekosten nicht an der Kasse bezahlt werden. Sie werden einfach ausgelagert. Wir zahlen alle über unsere Steuern, und den Rest zahlen unsere Kinder, weil wir die Böden und die Artenvielfalt verlieren.

Ganz genau, aber bei uns ist das ganz anders. Weil die Essenden bei uns mithelfen, sich ihr Essen selber abholen und weil wir keinen Zwischenhandel haben. Das lehne ich strikt ab, lehne jeden Zwischenhandel komplett ab. Mit den Stemmerhöfern geht das, weil die da nicht rumverhandeln. Wir sind befreundet. Es geht um Solidarität.

Das alles funktioniert nur, weil du gärtnerst, wo deine Community isst.

Jetzt muss man natürlich definieren, was regional ist. Ich sehe das so. Wir sitzen jetzt in Höhenkirchen und sind für unsere hiesigen Mitglieder lokal, für unsere Leute in München sind wir regional. Allerdings, eine SoLaWi ist ja auch nicht der Weisheit letzter Schluss. Man kann bestimmt Dinge auch anders organisieren. Man muss einfach immer raus aus Denkschienen. Nur, so wie es generell gerade funktioniert, funktioniert es nicht mehr. Wenn man immer weiter das macht, was nicht funktioniert, dann kommt man nie raus aus der Nummer.

Schau mal, meine beiden Mitarbeiterinnen haben Biologie und Grafikdesign studiert. Für uns war es leicht, einen Onlineshop auf die Beine zu stellen, wir sind alle Quereinsteiger und haben eine weitreichendere Sicht auf die Dinge. Ich bin halt der Überbau und mache es möglich, was meine Kollegen sich ausdenken; alle gestalten mit und packen mit an. Anpacken können die. Die sind jung und intelligent und wissen Sachen, die weiß ich nicht.

Darüber habe ich gerade erst mit einem Kollegen gesprochen. Wir machen jetzt einen Onlineshop, habe ich dem gesagt. Der geht auf die Seite und fragt: „Sag einmal, du verlangst 4,50 Euro für eine Jungpflanze, spinnst du?“

Sag ich zu ihm: „Wieso? Da steckt einen Haufen Arbeit und Erfahrung drin. Das sind robuste, hochwertige Pflanzen, warum sollen die das nicht wert sein? Und ich bin ein stolzer Gärtner! Ich verkaufe doch keine Pflanze für einen Ramschpreis.“

Die haben alle Angst, dass sie zu viel verlangen, und dann laufen ihnen trotzdem die Kunden davon, weil es insgesamt nicht wirklich funktioniert.

Letztes Jahr habe ich die Preise noch einmal etwas erhöht, für ein besseres Angebot. Es gibt jetzt für meine Community auch Wurzelgemüse und Kartoffel, die ich nicht anbauen kann. Ich habe erklärt, dass ich die Sachen ausgewählt und direkt von den Erzeugern hole und dann 100 Prozent  aufschlage. Für meine Community bedeutet das, sie würden dasselbe auch im Laden ausgeben, aber so fällt der ganze Zwischenhandel weg. Es ist für die Erzeuger gut, und ich habe schon wieder mehr Sicherheit auf dem eigenen Betrieb, weil weiteres Einkommen generiert ist. Ich will beweisen, dass ein Betrieb wie meiner eben auch wirtschaftlich funktioniert. Neben der Qualität ist das ja das wichtigste Kriterium.

Kümmerst du dich bei den Kollegen auch um deren gute Preise?

Nein, das mache ich jetzt nicht. Ich bekomme die Preisliste geschickt und bestelle dann. Aber die Festlegung der Preise, da erwarte ich ja gerade, dass auch meine Kollegen aus der Hüfte kommen. Es geht mir wie eingangs beschrieben nicht um ein Helfersyndrom, das ich befriedigen will. Da zählt die Eigenverantwortung. Ich weiß, was an Arbeit drin steckt, und das muss sich für meine Mitarbeiterinnen und mich lohnen.

Aber was ich machen kann durch das Vorleben, ist, mit dem eigenen Betrieb entweder Mut machen oder einen Denkzettel verpassen. Letztlich kommen wir in eine sozial-ökologische Wende nur dadurch, dass unsere Konsumenten Bereitschaft zeigen, mehr für gutes, regionales und sozial verträgliches Essen auszugeben! Natürlich müssen wir als Gesellschaft auch denen einen Zugang bieten, die sich das nicht leisten können. Das ist ein politischer Auftrag. Ich würde mein Gemüse nicht zu zweierlei Preisen verkaufen, wo ist da die Grenze? Wer versteht das dann noch? Wir müssen ein Preis bekommen, der gerecht ist, und es nicht jedem recht machen.

Ich verkaufe auch nicht an die Gastronomie. Die sind den Großmarkt gewöhnt, ich kann ja nicht ständig alles liefern. Außerdem gibt es immer Probleme mit der Preisakzeptanz, und dann habe ich noch den Logistikstress.

So, du bist ein stolzer Gärtner. In gewisser Hinsicht beutest du dich ja bei all der Arbeit trotzdem auch ein bisserl aus. Aber der Unterschied ist, ob du das aus eigenem Antrieb machst oder weil Marktzwang dir das vorschreibt?

Ja, ganz genau. Ich bin eben auch Unternehmer. Aber, ich will nicht noch mehr arbeiten, weil ich das mehr verdiente Geld auch nicht ausgeben kann. Dazu fehlt mir einfach die Zeit. Deshalb könnte es jetzt auch wieder weniger werden.

Mein Eindruck ist aber, dass eine wirklich regionale Versorgung mit guten und fairen Lebensmitteln nicht gewollt ist. Du glaubst nicht, auf welche Hürden du stößt.

Habe ich dir die Geschichte mit der Landesgartenschau erzählt?

Nein.

Also, ich habe ja hier die Schwierigkeit mit der Pacht und den Bedingungen auf meinem jetzigen Betrieb, wo ich das Gefühl habe, dass keine Unterstützung aus der Politik kommt. Ständig neue Auflagen, zum Beispiel soll ich meinen Bauwagen, das einzige, wo ich hier ein wenig Schatten habe, der soll jetzt weg. Wegen Brandschutz und so Sachen. Grüne Politiker. Dabei brauche ich den, weil ich bei einem Unwetter meine Anlagen im Blick habe, und wenn ich wie jetzt das Wochenende durcharbeite, muss ich ja auch einmal was kochen können. Das ist ja elementar. Deshalb denke ich mir halt auch immer Alternativen aus.

Also, ich hatte die Idee, warum machen wir in Kirchheim, bei der Landesgartenschau 2024, nicht ein wirklich nachhaltiges Projekt? In dem Fall nicht eine CSA sondern eine COA, eine community-organized agriculture? Etwas, das die lokale Versorgung der Bevölkerung ermöglicht und bleibt, wenn die Landesgartenschau dicht macht. Denn in das Areal ziehen wegen der ganzen Neubauten auch viele neue Leute hin. Das Konzept, das ich eingereicht habe, sah vor, auf einem kleinen Teil eine Gärtnerei auf dem Gelände zu eröffnen, die wir aufgebaut und dann das Netzwerken übernommen hätten, um die neuen Bewohner mit einzubeziehen. Das Ziel wäre gewesen, die Nachbarschaft aufzubauen und dann selbstverantwortlich für die Nahversorgung einzubinden. So nah und transparent hätten die nie ihr Gemüse bekommen können. Kein CO2-Ausstoß, weil das Auto gar nicht gebraucht würde, sondern eher CO2-Bindung, im Boden. Außerdem wäre sofort die Nachbarschaft zusammengewachsen, das passiert beim gemeinsamen Gärtnern nämlich automatisch. Hätte bestimmt funktioniert. Wäre für eine Landesgartenschau mal ein wirklich innovativer Ansatz gewesen. Wo ja alle über die sozial-ökologische Wende sprechen. Und was ist passiert?

Sag`s mir.

Der SPD-Bürgermeister hat sich noch nicht einmal bei mir gemeldet. Eineinhalb Jahre, drei Nachfragen. Nix. Die wollen alle nur die Show, ein paar bunte Blumen in Reihe gepflanzt und dann wieder alles weg, kostet ja nur. Das ist nicht nachhaltig. Sieht so ein Verhalten aus, das wirklich etwas für die Ernährungswende tut? Fehlanzeige. Sowas macht mich dann richtig sauer. Da ist kein Empfinden für den Zeitgeist, da ist kein Interesse. Der hat sich nicht einmal die Mühe gemacht, uns hier zu besuchen und festzustellen, oh geil, das ist super, machen wir. Das ist ignorant. Wir wollten keine Subventionen. Wir wissen ja, wie das geht, mit Community und so.

Du hast es ja gerade angedeutet, das mit der lokalen Versorgung macht total Sinn, aber du hast auch Probleme. Auch andere, die nach Pachtflächen suchen, haben im Umfeld von München einfach keine Chance. Wie siehst du das?

Das Problem haben nicht nur andere. Das, was ich hier aufgebaut habe, ist endlich. Leider. Es ist zeitlich sehr nah endlich. Meine Situation ist so: meine Verpächterin ist eine grüne Politikerin. Sie macht mir ständig das Leben schwer. Den Bauwagen – wie gesagt, will sie hier weg haben. Das Landwirtschaftsamt hat sie mir schon auf den Hals geschickt. Ständig wird versucht, hier irgendwas zu finden. Aber hier ist alles sauber. Ich mache mein Biogemüse, nach Naturland, ich bezahle meine Mitarbeiter gut, es liegt kein Müll rum. Keine Ahnung. Ich habe aber keine Lust, Krieg zu führen. Sogar der Kompost sollte weg, einfach nur aus Bosheit eines Nachbarn.

Ich habe dir ja den Kontakt zu den Stadtgütern gemacht, die viele Flächen haben und auch verpachten. Natürlich ist das Bevorratungsfläche für das Menschenwachstum in München. Aber da wäre ja Platz zumindest für die nächsten Jahre da. Und produziert wird sowieso, warum dann nicht durch dich? Früher waren die Gärtnereien ja mitten in der Stadt, damit die Versorgungssicherheit gewährleistet war und frische Lebensmittel die Leute gesund gehalten haben. Es geht nur um 2 Hektar.

Das Interessante ist, die können mir nur einen Pachtvertrag für maximal ein Jahr machen. Ich kann doch nicht zwei Gewächshäuser für 60.000 Euro aufstellen, mich ein Jahr abmühen und dann alles wieder abreißen! Wie soll denn das gehen? Und nachhaltig ist so etwas auch nicht. Sowas kannst du machen, wenn du umpflügst und Feldanbau betreibst, aber dass macht den Boden auch nicht besser. Es ist immer wieder die Denke. Dabei, ein großer Ackerbau-Betrieb, was produziert der denn, im Vergleich mit uns? Wir sind doch viel produktiver!

Und gibt es sonstige Angebote aus der Nähe?

Nur am Chiemsee, das ist aber superweit weg. Es ist eine Hanglage. Nicht ideal. Was mir gefällt, die sind total begeistert und wollen uns da haben. Aber ich will eigentlich lokal gärtnern. Und du brauchst für eine Gärtnerei auch technische Anlagen, Strom, Wasser. Das geht idealerweise am Ortsrand, wo alles schon da ist. Gut, außerhalb würde es schon auch gehen, mit Solarenergie. Aber glaubst du, du bekommst eine Baugenehmigung? Dann musst du immer draußen sein, weil bei Unwetter ja immer jemand auf die Anlagen schauen musst. Wenn du da nicht wohnst, hast du immer den Psychoterror, bleibt alles stehen, muss ich raus und mich kümmern? Du hast ja keine ruhige Minute. Und dann die Pachtpreise. Auch wenn unsere Community wirklich fair ist, irgendwann würden es sich die meisten dann nicht mehr leisten können und auch nicht wollen. Denn was unterstützt wird, ist unsere Leistung und die Qualität, aber nicht die Bodenspekulation.

So, und im Außenbereich bauen, das geht gar nicht. Bekommst du nicht genehmigt, angeblich weil das oft missbraucht wurde. Man muss immer nachweisen, dass der Betrieb wirklich wirtschaftet. Das könnten wir, mit einem Umsatz von 200.000 Euro

Was brauchst du denn?

Zwei Hektar, Wasser und Strom. Ich bräuchte einen idealerweise lebenslangen Pachtvertrag. Schöner wäre eine Garantie, dass es auch nach mir eine Gärtnerei bleibt. Es sollte möglich sein, mindestens ein Tiny-House aufzustellen, die sind ja völlig autark und produzieren keinen Müll, es braucht keinen Anschluss an eine Kläranlage. Wir haben ein Kompostklo, jetzt schon. Da wird ja nicht einmal Boden versiegelt, also scheiß drauf. Überhaupt wäre das Projekt mit erneuerbaren Energien total emissionsfrei. Im Ebersberger-Raum sind die Preise zu hoch. Ein Hektar für 200.000 Euro zum Kauf? Das lohnt sich nicht mehr, deshalb kaufen da viele Münchner, weil es schön ist und sichern sich ihren wievielten Wohnsitz. In anderen Gegenden gibt es den Hektar vielleicht um 100.000 Euro, das würde schon eher gehen.

Das größte Problem sind die Behörden, die nicht flexibel sind. Dann brauchst du jemanden, der die Fördertöpfe kennt und weiß, wie man die Anträge schreibt. Ich kann das nicht, kein Know-how. Es bräuchte eigentlich eine Anlaufstelle, wo ich mich melden kann. Die das dann auch durchziehen. Damit könnten gezielt gerade die kleinen Betriebe unterstützt werden. Ich bekomme übrigens auch keine EU-Subventionen mehr. Die sollten eh weg. Für die 300 Euro im Jahr entsteht bei mir der gleiche Aufwand wie auf einem viel größeren Betrieb, der dann aber richtig was davon hat. Weil ich das Gleiche wissen muss wie der, und wenn ich was falsch mache, habe ich vielleicht noch eine Klage am Hals. Ich habe mir gedacht, leckt mich am Arsch.

Juni 2021

Nikolaus Teixeira, Campaigner ist Mitinitiator des FoodHub München, derzeit Mitinitiator des Start-ups Zukunft-Pflegebauernhof und mit engagiert in einem weiteren Volksbegehren.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 06./07.2021 zum Themenschwerpunkt “Ernährungswende in München”.

 

Bildquellen:

  • SoLaWi_Gruppenfotos_062_S: Siegfried Fuchs