Versuch, ein Stadtareal in ein verkehrsberuhigtes Quartier umzuwandeln

Warum ist es – aus unserer Sicht – notwendig, verkehrsberuhigte Quartiere zu schaffen? Zu den wichtigsten Aspekten zählen der Klimaschutz, die Verkehrssicherheit, die Schadstoffbelastung der Luft, die Lärmbelastung und die fehlenden Freiflächen in der Stadt. München ist mit 5.027 Ein-wohner*innen pro km² die Stadt mit der höchsten Einwohnerdichte in Deutschland. Es gibt viele Studien zu den oben genannten Aspekten, aber vieles lernt man nur, wenn man versucht, einiges davon in der Praxis umzusetzen.  Wir, die Manufaktur Mobilität und Verkehr der Münchner Initiative Nachhaltigkeit (MIN), wollen deshalb innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre ein Areal im Münchner Westend in ein verkehrsberuhigtes Quartier, vergleichbar mit einem Superblock in Barcelona, umwandeln.

Das Westend ist hat viele Eigenschaften, die es zu einem idealen Versuchsort machen. Es ist der Stadtbezirk mit der dritthöchsten Einwohnerdichte Münchens, dem höchsten Anteil an Verkehrsflächen bezogen auf die Gesamtfläche (37 Prozent) und dem geringsten Anteil an Grünflächen pro Einwohner. Außerdem wird das Bild des Westends stark vom ruhenden Verkehr geprägt.

 

1. Schritt: Legitimation durch Bürgerbeteiligung

Der erste wichtige Schritt der Transformation im Projekt Westend Kiez war deshalb die Beteiligung der Bürger*innen. Im Rahmen von drei Online-Veranstaltungen wurden Ideen und Vorschläge entwickelt, die dann in einer Versammlung auf dem Platz vor dem Verkehrszentrum bewertet und mit neuen Anregungen ergänzt wurden. Schwerpunkte waren hier die Themen Verkehrssicherheit, Begrünung sowie die Schaffung von Freiraum auf Parkflächen, um die Aufenthaltsqualität im Viertel zu erhöhen. Eine Studie der LMU im Rahmen dieses Projektes lieferte beispielsweise wertvolle Erkenntnisse über die Gefahrenstellen auf den Schulwegen im Quartier.

Als größtes Hindernis für eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität stellte sich der nächtliche
Lärm der Gastronomiebesucher heraus. Viele Anwohner*innen fürchten, dass durch eine Steigerung der Attraktivität des Viertels der Lärmpegel weiter steigt. Ein Aspekt, der sicher nicht nur für das Westend gilt.

Ergänzt wurden die Ergebnisse unserer Beteiligungsveranstaltungen durch eine Fragebogenaktion des Departments Geografie der LMU im Sommersemester 2021. Das Votum der 330 Teilnehmer lässt sich kurz zusammenfassen: Ca. 70 Prozent wünschen sich weniger Verkehr und mehr Grün, 30 Prozent möchten nichts verändern.

 

2. Schritt: Teilprojekte

Ein zunächst angedachtes Projekt in der Schießstättstraße musste leider wegen des Umbaus des ehemaligen Saturngebäudes und der dadurch nötigen Baustelle verschoben werden. Alternativ entwickelten wir daraufhin das „Sommerexperiment Parkstraße“. Die Parkstraße sollte als Teil des „Westend Kiezes“ zwischen Gollierstraße und Tulbeckstraße als Experimentierfeld für unterschiedliche Nutzungen dienen.

Lage der Parkstraße im Westend

Lage der Parkstraße im Westend

 

Was war das Ziel des Experiments?

  • Das Experimentierfeld soll zur Klärung folgender Fragen beitragen:
  • Unter welchen Rahmenbedingungen sind Autobesitzer*innen bereit, das Fahrzeug in ein Parkhaus zu stellen, anstatt es auf der Straße zu parken?
  • Bietet der Gewinn von mehr Freiraum einen Anreiz, längere Wege zum Auto in Kauf zu nehmen?
  • Welche alternativen Mobilitätsangebote werden von den Anwohner*innen genutzt? Unter welchen Bedingungen können sie einzelne Autofahrten oder sogar ein eigenes Auto ersetzen?
  • Neubaugebiete werden unter dem Aspekt Nahmobilität geplant. Sind einige der dafür notwendigen Kriterien (Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte, Grünflächen, Spielplätze etc. in der Nähe) auch im Westend erfüllt? Wenn nicht, was müsste sich ändern?
  • Wie sieht eine Gestaltung der freiwerdenden Flächen aus, die die Anwohner*innen dazu animiert, sich dort aufzuhalten?
  • Welche Anstöße von außen sind notwendig, damit sich unterschiedliche Nutzungen entwickeln?
  • Im Experimentierzeitraum waren Tage ohne Veranstaltungen geplant, um den Anwohner*innen die Möglichkeit zu geben, den Raum nach ihren Vorstellungen zu nutzen: Welche Nutzungsarten würden entstehen?
  • In verkehrsberuhigten Quartieren sollte auch der Durchgangsverkehr reduziert werden: Wie ließe sich der Durchgangsverkehr am besten reduzieren?
  • Was ist wichtig, um die Sicherheit und die Erfüllung der Mobilitätsbedürfnisse von schwächeren Verkehrsteilnehmer*innen zu gewährleisten, z.B. von Kindern und mobil-eingeschränkte Personen.

 

Verlagerung des ruhenden Verkehrs

Angedacht war die beidseitige Sperrung der Parkplätze im markierten Abschnitt. Den Anwohner*innen wurde als Ausgleich ein günstiges Parkangebot im Parkhaus des Schwanthaler Forums gemacht. Für die Zeit vom 29.8. bis 12.9.2021 sollte der Straßenabschnitt nur für Anwohner*innen freigegeben werden. Für einige Aktionen sollte die Straße temporär gesperrt werden. Die freiwerdenden Straßenflächen sollten mit Pflanzen und einigen wenigen Sitz- bzw. Spielmöglichkeiten bestückt werden. Diese Möbel sollten flexibel einsetzbar sein und im nächsten Jahr im Projekt Schießstättstraße wieder verwendet werden.

Aus den Erfahrungen der Sommerstraßen wussten wir, dass sich die Anwohner*innen den neuen Freiraum nur sehr langsam aneignen. Deshalb war geplant, während des Experimentierzeitraums die neu gewonnenen Freiräume für Informationsveranstaltungen und Diskussionen mit den Anwohner*innen zu nutzen.

 

Umsetzung

Mit diesem Projekt bewarben wir uns beim diesjährigen Mobilitätskongress, der für solche Projekte ein Budget ausgeschrieben hatte. Eine Jury, bestehend aus Mitgliedern des Stadtrats, wählte acht Projekte aus, darunter auch unser Sommerexperiment Parkstraße.

Leider wurden während des Genehmigungsprozesses alle Innovationen aus dem Projekt als „nicht genehmigungsfähig“ gestrichen. Übrig blieben fünf Parklets, eine Radabstellanlage und die Umwandlung eines Straßenabschnitts in eine temporäre Spielstraße. Da unser Konzept keine festen Bauten, sondern Grün-Freiflächen beinhaltete, wurde daraus letztendlich eine üppig „begrünte Insel“.

Grüne Insel Parkstraße

Grüne Insel Parkstraße

 

Der größte Teil der Anwohner*innen freute sich über das neue Straßenbild und wünschte sich eine Verlängerung bzw. eine Wiederholung im nächsten Jahr. Natürlich gab es auch Beschwerden wegen der entfallenen Parkplätze, aber diese waren in der Minderzahl.

Die Umwandlung eines Straßenabschnitts in eine temporäre Spielstraße stieß bei vielen Anwohner*innen auf große Begeisterung. Mehrfach wurde der Wunsch nach einer Wiederholung an uns herangetragen. Mitglieder des Bezirksausschusses 08 nahmen den Erfolg zum Anlass, eine Anfrage an den Stadtrat zur Einführung von temporären Spielstraßen in München zu starten.

Wegen der fehlenden Freiflächen und der wegen Corona untersagten Infoveranstaltungen entfiel auch die begleitende Beobachtung des Nutzerverhaltens. Alle Infoveranstaltungen wurden ins Schwanthaler Forum verlegt. Erfreulicherweise präsentierte das Forum in seinen Räumlichkeiten eine Sonderausstellung über die „Vision Schießstättstraße“, in der viele Elemente unseres Konzeptes gezeigt wurden.

Temporäre Spielstraße

Temporäre Spielstraße

 

Fazit

Unser Konzept beinhaltete eine Umgestaltung der Parkflächen, die eine Untersuchung des Anwohnerverhaltens ermöglichen sollte. Das war das innovative Element unseres Projektes.

Im Genehmigungsverfahren wurden alle innovativen Ansätze entfernt. Wir konnten den An-wohner*innen zwar zeigen, wie sich eine Begrünung auf das Straßenbild auswirkt, aber dafür hätte es keines „Experiments“ bedurft. Wenn bei zukünftigen Automobilausstellungen Innovationsprojekte gewünscht werden, dann müssen vorher die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Konkret bedeutet dies, dass sich die Stadt z. B. im Rahmen des Städtetags für eine Veränderung der Straßenverkehrsordnung (STVO) einsetzen bzw. kommunale Regelungen anpassen muss.

 

Wie geht es weiter?

Das Sommerexperiment Parkstraße war ein Teilprojekt auf dem Weg zum „Westend Kiez“. Für 2022 planen wir die Umwandlung von ca. 40 Parkplätzen in der Schießstättstraße. Ein Teil davon soll als Standort für alternative Mobilitätsangebote genutzt werden. Zusätzlich möchten wir die bestehenden Grünflächen und ggf. den Spielplatz an der Westseite des Forums attraktiver gestalten. Dazu sind wir bereits mit dem Mobilitätsreferat sowie dem Schwanthaler Forum im Gespräch.

Wir hoffen, dass dieses Projekt, das im letzten Jahr sowohl vom Bezirksausschuss als auch von den Anwohner*innen sehr positiv aufgenommen wurde, sich diesmal umsetzen lässt. Ähnliches wünschen wir uns auch für das große Ziel „Westend Kiez“, das wir uns für 2023 vorgenommen haben.

Ausstellung im Schwanthaler Forum

Ausstellung im Schwanthaler Forum

 

Sylvia Hladky, ehemalige Leiterin des Verkehrszentrums des Deutschen Museums, Sprecherin des Bündnisses für saubere Luft und Koordinatorin der Manufaktur Mobilität der Münchner Initiative Nachhaltigkeit https://www.m-i-n.net/westendkiez/ .

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 01./02./03.2022 zum Themenschwerpunkt “Mobilitätswende”.

 

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