Münchner Zeitreise durch acht Jahrhunderte

„Der Stadtrand hat in Zukunft die Funktion, dicht zu sein und Urbanität herzustellen.“ Diese aktuelle Kernaussage des städtischen Chefplaners Arne Lorz in der Diskussion über den Stadtentwicklungsplan STEP 2040, nachzulesen in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Juni 2022, macht nachdenklich. Das Problem dieser Zielsetzung und der damit beabsichtigten Weichenstellung für die Münchner Stadtplanung in den kommenden zwei Jahrzehnten liegt darin, dass der Inhalt des Begriffs „Stadtrand“ nicht definiert ist. Den Begriff „Stadtrand“ sucht man in der Nomenklatur des Baugesetzbuchs vergeblich. Damit besteht die akute Gefahr, dass zu Lasten grüner Freiräume ein „dichter Stadtrand“ geschaffen wird, der zugleich Urbanität herstellen soll. Mit dieser Zweckbestimmung verliert aber der „Stadtrand“ seine Funktion als Übergangszone und Randbereich von „Stadt und Land“ und wird dadurch selbst zur „Stadt“.

Untersuchungen zur historischen Siedlungsentwicklung und den Phasen der Stadterweiterung Münchens haben – soweit ersichtlich – nicht den Aspekt des „fortschreitenden Wandels des Stadtrands“ im Fokus. Die Wachstumsringe der Stadt München über Jahrhunderte hinweg modifizieren und weiten zugleich den „Stadtrand“ über den mittelalterlichen Stadtgrundriss hinaus in den Freiraum des Burgfriedens. Mit den zahlreichen Eingemeindungen Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte eine entscheidende Ausdehnung Münchens auf dem Weg zur „Haupt- und Residenzstadt“.

Bis Ende des 18. Jahrhunderts hat sich die Bautätigkeit in München überwiegend innerhalb der Stadtmauern abgespielt. Vor den Toren der Stadt in der Übergangszone zum Umland, also am damaligen „Stadtrand“, hatte sich eine ungeordnete, wilde Bebauung entwickelt, die jedoch rechtlich nur temporären Charakter hatte. Denn im Kriegsfall musste das Vorfeld des Mauergürtels der Stadt – insbesondere das Glacis – aus strategischen Gründen geräumt werden. Ein Rest der Wallbefestigung mit Glacis hat sich im Finanzgarten erhalten.

Ein erster Schritt zum planerischen Ausbruch aus den Mauern der mittelalterlichen Bürgerstadt war die Aufhebung der Festungseigenschaft Münchens im Jahr 1795 durch Kurfürst Karl Theodor. In der Folge verfügte Montgelas 1801, dass Häuser und Grundstücke auf dem ehemaligen Festungsgelände in das Stadtgrundbuch eingetragen werden durften. Mit dieser für die Stadtentwicklung wegweisenden Entscheidung wurde das Institut des „Revers“, das zu entschädigungsloser Beseitigung der Bebauung im Verteidigungsfall verpflichtete, aufgegeben.

 

Strategische Bedeutung des Stadtrands im 14. Jahrhundert

Die Münchner Stadtchronik dokumentiert, dass die Obrigkeit bereits im 14. Jahrhundert bei drohender Kriegsgefahr aus strategischen Gründen im Bereich des „Stadtrands“ rigoros durchgegriffen und die Beseitigung bestehender Bauten durchgesetzt hat. Der spätere Kaiser Ludwig der Bayer befürchtet im September 1315 eine Belagerung der Stadt München. Er gebietet daher dem Rat und der Bürgerschaft, die Ringmauer in kriegsgemäßen Zustand zu versetzen und zugleich Häuser, Mühlen und Stadel außerhalb der Stadt, welche die Verteidigung erschweren, abzubrechen.

 

Ende des 18. Jahrhunderts: Bau der Rumford-Chaussee ‚extra muros‘ im staatlichen Festungsbereich

Graf Rumford nutzte die militär-strategische Situation des Koalitionskriegs zwischen Frankreich und Österreich im Jahr 1796, um handstreichartig den Bau einer etwa 3 km langen Ringstraße außerhalb der Stadtmauern vom Isartor über das Sendlingertor und das Karlstor zum Schwabingertor zu realisieren. Das Festungsgelände einschließlich des Glacis unterstand der staatlichen Oberhoheit, wurde aber bereits als grüner Erholungsraum von den Bürgern genutzt, die hier im „Stadtrand-Bereich“ Zier- und Nutzgärten angelegt hatten. Rumford instrumentalisierte geschickt die angebliche militärische Bedeutung dieses Straßenprojekts, um seine städtebauliche Idee, München vom einengenden mittelalterlichen Mauerring zu befreien, durchzusetzen. Das nach extrem kurzer Bauzeit 1797 abgeschlossene Ringstraßenprojekt Rumfords kann durchaus als Vorläufer des heutigen Altstadtrings bezeichnet werden.

 

1808: Frühes Projekt „Boulevard Sonnenstraße“. 2022 neu aufgelegt

Unter den Aufmachern „Mobilitätswende“ und „nachhaltige Stadtentwicklung“ verfolgt die Initiative der BN-Kreisgruppe München aktuell eine Umgestaltung des Altstadtrings vom Sendlingertorplatz über Sonnenstraße und Stachus bis zum Effnerpark am Maximiliansplatz. Ziel ist es, den Autoverkehr zurückzudrängen und den Charakter der Sonnenstraße als grünem Boulevard am „Rande der Altstadt“ im Sinn der Planung von Friedrich Ludwig von Sckell aufzuwerten.

Vorbild und Argumentationshilfe kann ein Projekt sein, das die Stadt vor über 200 Jahren realisierte.

In der Münchner Stadtchronik ist unter „Freitag, 1. Juli 1808“, dokumentiert:

„Zur allgemeinen Verschönerung und Bequemlichkeit wird vom Sendlinger zum Karlstor ein 28 Schuh (= 7,0 m) breiter Fahrweg samt einem Fußweg angelegt (Sonnenstraße), mit 6 Schuh breiten beiderseitigen Gräben. Die Arbeiten sind zum Teil schon angefangen. Der bisher unreinliche Platz vor dem Karlstor soll einen besseren Anblick erhalten. Deshalb wird an den Gebäuden entlang ein Trottoir von 12 Schuh (= 3,0 m) Breite angelegt, teils auf Kosten der Stadtkammer. Der direkt außerhalb des Karlstors in der Front stehende Stachusgarten eignet sich besonders zur Verschönerung der Stadtumgebung.“

Es wäre sicher im Sinn von F. L. von Sckell, wenn am 23. Februar 2023 zu seinem 200. Todestag neben der obligatorischen Kranzniederlegung an seinem Grab im Alten Südlichen Friedhof mit der Realisierung des Projekts „Boulevard Sonnenstraße“ – zumindest symbolisch – begonnen werden könnte.

 

1808: Erster Stadterweiterungswettbewerb für die „stadtnahe“ Maxvorstadt

Am 1. Dezember 1812 wird der unter Federführung von Friedrich Ludwig von Sckell erarbeitete „Generalplan I“ genehmigt, der den Bereich zwischen Karlstor und Schwabingertor umfasst.

Dieser „Generalplan I“ bildet die Norm für die Bebauung der Maxvorstadt. Sckells städtebauliche Grundkonzeption einer grünen Gartenvorstadt ist auch heute noch erkennbar.

Dieses „Stadtrandgebiet“ – die heutige Maxvorstadt – wurde zur Bebauung ausgewählt „wegen der reinen Luft, der Erhöhung der Sicherheit gegen Wasserüberschwemmungen“ und „der nahen Verbindung mit der Stadt und dem Englischen Garten“.

Die Grundlage der modern anmutenden Überplanung des nordwestlichen Quadranten, der unmittelbar an die mittelalterliche Stadtbegrenzung und den Westlichen Stadtgrabenbach anschließt, wird durch einen 1808 ausgelobten städtebaulichen Wettbewerb geschaffen.

Die Eckdaten für die Planung einer „soliden Vorstadt“ waren klar formuliert: „Gerade, von der Residenz und der Stadt ausgehende Straßen, Quadrate, Parallelogramme, Märkte und andere große öffentliche Plätze, ohne noch auf die nicht mehr bestehenden Festungsformen Rücksicht zu nehmen“.

Der Alte Botanische Garten, die Eschenanlagen zwischen Maximiliansplatz und Ottostraße, der Effnerpark vom Lenbachplatz bis zur Brienner Straße (Platz der Opfer des Nationalsozialismus), Wittelsbacher Platz, Karolinenplatz und Königsplatz gehen unmittelbar auf diese Planungen für die Maxvorstadt, an der F. L. von Sckell in seiner Doppelfunktion als Gartenkünstler und Stadtplaner federführend mitwirkte, zurück.

Zum mittelalterlichen Mauerring und zur Entfestigung: Synoptischer Plan 1791-1812-1901

Zum mittelalterlichen Mauerring und zur Entfestigung: Synoptischer Plan 1791-1812-1901

1854: Peter Joseph Lenné und sein Schmuck- und Grenzzügeplan für München

Das ungebremste Wachstum der Stadt in der Regierungszeit von Max I. Joseph und Ludwig I. wurde von den Repräsentanten der Stadt München kritisch gesehen. Bürgermeister Jakob von Bauer formulierte seine Kritik im Jahr 1852 mit zeitlosen, auch heute noch bedenkenswerten Argumenten:

„Als sich die Stadt München in diesem Jahrhundert unter ihren edlen Fürsten zu erweitern begann, vergaß man über diese Erweiterungs-Sucht deren Grenzen, oder aber, wenn man auch diese im Sinne hatte, so gab man den Wünschen der Baulustigen nach, man entschuldigte die Grenzüberschreitungen oder Veränderungen mit den individuellen und lokalen Bedürfnissen. Es fehlte an der Einigkeit der Durchführung eines festen Planes von den untersten bis zu den obersten Stellen, und so wuchs diese Stadt wie ein ungezogenes Kind heran…

Man überließ die Stadt der Zeit in der Hoffnung, dass diese sich in ihrem reiferen Alter selbst wandeln werde. Noch ist diese Zeit nicht gekommen, denn noch immer wird an ihrer formellen Ausdehnung gearbeitet; ihr Wachstum ist nicht vollendet, noch kennt man eigentlich das Ende der Stadt.“

Als König Max II. im Jahr 1848 die Nachfolge seines Vaters, König Ludwig I., antritt, will er die Verschönerung Münchens mit Alleen, Boulevards und Grünanlagen durchsetzen. Dabei richtet er seinen Blick auf die ganze Stadt und versucht erstmals, im 19. Jahrhundert eine Art Stadtentwicklungsplan für die Gesamtstadt aufzustellen, durch den die Grenzen der Stadterweiterung und des Wachstums festgelegt werden sollen. Zur Verwirklichung dieses Ziels beauftragt Max II. 1853 den königlich-preußischen Gartendirektor Peter Joseph Lenné mit der Erstellung eines „Masterplans“, in welchem das Stadtgrün wesentlicher Bestandteil der Planung sein soll.

In Anlehnung an seinen legendären städtebaulichen Gesamtplan für Berlin aus dem Jahr 1840 gibt Lenné seinem 1854 vorgelegten Münchner Plan die Bezeichnung „Schmuck- und Grenzzügeplan für München“. Ein „Kranz landschaftlicher Gartenanlagen“ soll das Weichbild der Residenzstadt als eine Art „Stadtrand“ umschließen und in Verbindung mit einem Ringstraßenprojekt zugleich eine Begrenzung bilden.

Der „Schmuck- und Grenzzügeplan“ Lennés ist eine Ikone der Münchner Stadtplanungsgeschichte. Seit über 130 Jahren ist der Plan verschollen, allein der Erläuterungsbericht hat sich erhalten. Die von Lenné entwickelte Gesamtkonzeption hat markante Spuren in der Münchner Stadtentwicklung hinterlassen. Die Vorbildwirkung des Münchner Lenné-Plans ist unbestritten. Den planerischen Blick auf die Gesamtstadt gerichtet, führt die von Jakob von Heilmann im Jahr 1881 vorgelegte Denkschrift zur Münchner Stadterweiterung unmittelbar zu einem legendären Wettbewerb im Jahr 1893 und damit zu Theodor Fischers Staffelbauordnung von 1904, die bis 1979 für die bauliche Entwicklung Münchens verbindlich war. Die planerische Vision Lennés für die Ausbildung des Stadtrands, einen „Kranz landschaftlicher Gartenanlagen“ zu schaffen, konnte nur partiell realisiert werden.

Zu hoffen ist, dass der im Jahr 2022 in Bezug auf den „Stadtrand“ ins Auge gefasste Paradigmenwechsel bei der Fortschreibung des Stadtentwicklungsplans STEP 2040 kritisch hinterfragt wird.

Das Bürgerbeteiligungsverfahren zur  Fortschreibung des STEP 2040 ist im Juli 2022 abgeschlossen. Der Stadtrat hat im Jahr 2023 die Entscheidung zu treffen, ob der „Stadtrand“ in Zukunft tatsächlich die Funktion haben soll, dicht zu sein und Urbanität herzustellen.

 

Klaus Bäumler ist Leiter des Arbeitskreises ‚Öffentliches Grün‘, war 2. Programmausschussvorsitzender von 2015 bis 2021 im Münchner Forum, Vorsitzender des Bezirksausschuss Maxvorstadt von 1978 bis 2008 und Richter (rtd.) am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 07./08./09.2022 zum Themenschwerpunkt “Münchens Stadtrand: bloßes Bauland oder mehr?”

 

Weiterführende Auswahl-Literatur

Pius Dirr: Denkmäler des Münchner Stadtrechts, München 1934

Fridolin Solleder, München im Mittelalter, München 1938

Helmut Stahleder, Chronik der Stadt München. Herzogs- und Bürgerstadt. Die Jahre 1157-1505, München 1995

Helmut Stahleder, Chronik der Stadt München. Erzwungener Glanz. Die Jahre 1706-1818, Ebenhausen/ Hamburg o.J. München – die befestigte Stadt. Zwei Rundgänge zu den ehemaligen Wehranlagen. Hrsg. LHSt München – Planungsreferat, München 2019 (Publikation zur Ausstellung im Servicezentrum der LBK)

Thomas Weidner, Kanonade und Entfestigung. Die Anfänge der modernen Stadtplanung, (Rumford-Chaussee). In: Thomas Weidner, Rumford. Rezepte für ein besseres Bayern, München 2015, S. 307-328

Roland Gabriel, Wolfgang Wirth, Mitten hindurch oder außen herum? Die lange Planungsgeschichte des Autobahnrings München, München 2013

Hans Lehmbruch, Ein neues München 1800-1860. In: München wie geplant. Die Entwicklung der Stadt von 1158-2008, München 2004, S. 37-65

Hans Lehmbruch, Ein neues München. Stadtplanung und Stadtentwicklung um 1800. Forschung und Dokumente, München 1987

Luba Karabajakova, Die Maxvorstadt. Der Weg zur ‚offenen Stadt‘. In: München Stadtbaugeschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Hrsg. Stephan Albrecht, Martin Höppl, Petersberg 2016, S. 95-112

Klaus Bäumler, König Max II. und der königlich preußische Gartendirektor Peter Joseph Lenné. Die Masterpläne von Lenné, Zenetti und Eichheim als Vorläufer des Stadtentwicklungsplans. In: Margret Wanetschek, Grünanlagen in der Stadtplanung von München 1790-1860, Hrsg. Klaus Bäumler, Franz Schiermeier, München 2005, S. 207-235

Klaus Bäumler (Hrsg.), Henri de Vaublanc. Vorschläge für König Maximilian II., 1851/52; Jakob von Bauer, Ästhetische Rundschau über die Stadt München 1852, München 2012

Klaus Bäumler, Maxvorstadt in München. In: Die Maxvorstadt. Historische Betrachtungen zu einem KulturViertel, Hrsg. Klaus Bäumler, Waldemar Fromm u.a., München 2015, S. 10-28

Klaus Bäumler, Garten-Geschichte(n) Maxvorstadt. Biographisch – literarisch – topographisch. In: Topographie und Erinnerung. Erkundungen der Maxvorstadt, Hrsg. Klaus Bäumler, Waldemar Fromm, München 2017, S. 9-32

Klaus Bäumler, Zur Münchner Stadtplanungsgeschichte und Kartographie. In: Ein Bild der Stadt. Der Kartograph Gustav Wenng und sein Topographischer Atlas von München, Hrsg. Klaus Bäumler, Franz Schiermeier, München 2002 (Begleitband zum Nachdruck des Topographischen Atlas von München von Gustav Wenng, 1849/51), S. 13-21

Klaus Bäumler, Peter Joseph Lenné und seine Planungen für die Königliche Haupt- und Residenzstadt München. Der Schmuck- und Grenzzügeplan für München von 1854. In: 15. Kartographiehistorisches Colloquium München 2010, Vorträge, Berichte, Posterbeiträge, Hrsg. Kurt Brunner, Thomas Horst, Bonn 2012, S. 1-14

Franz Schiermeier, Der Kartograph Max Megele und seine Entwicklungspläne von München in: 15. Kartographiehistorisches Colloquium 2010, a.a.O., S. 255-273

August Blössner, Verhandlungen und Planungen zur städtebaulichen Entwicklung der Stadt München von 1871 bis 1933; 25 Jahre Münchner Stadterweiterungsbüro 1893-1918, Hrsg. Klaus Bäumler, Martin Fochler, München 2019

Umweltatlas München, Karte 1.1 Historische Siedlungsentwicklung, Karte 1.1 A Phasen der Stadterweiterung, Hrsg. Landeshauptstadt München – Umweltschutzreferat, München 1990

Bildquellen:

  • Historischer Stadtrand außerhalb des Mauerrings: Volckmer-Plan von 1613: Franz Schiermeier Verlag München
  • Zum mittelalterlichen Mauerring und zur Entfestigung: Synoptischer Plan 1791-1812-1901: Franz Schiermeier Verlag München
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