Besuch bei der Bahnhofsmission im „Central Quartier“

| Anna-Lena Genz |

Ende 2025 wurde für das Viertel um den Münchner Hauptbahnhof der, in Workshops entwickelte, neue Name „Central Quartier“ bekanntgegeben. Diese Umbenennung soll zusammen mit weiteren Maßnahmen das Image des Bahnhofsviertels deutlich verbessern. Dazu gehört auch der Eindruck von Ordnung, Sauberkeit und Sicherheit. Aber woran werden diese Parameter gemessen?

Bei näherer Betrachtung wird doch schnell klar: Sicherheit kann für verschiedene Personengruppen unterschiedliche Maßnahmen bedeuten. Besonders vulnerable Personen – wie Obdachlose, Suchtkranke oder Menschen mit Sprachbarrieren – werden beispielsweise durch eine direkte oder indirekte Verdrängung aus dem Stadtzentrum neuen Hindernissen und Gefahren ausgesetzt. Die damit verbundenen Folgen werden dabei häufig in Kauf genommen, um anderen Teilen der Stadtgesellschaft ein größeres Gefühl von Sauberkeit und Sicherheit zu vermitteln. Dabei können gerade Orte wie die Münchner Bahnhofsmission dazu beitragen, Ordnung und Schutz zu schaffen – durch konkrete Unterstützung, Notversorgung und einen verlässlichen Anlaufpunkt für Menschen in Krisensituationen. Bei einem Stadtspaziergang des Münchner Forums durften wir kürzlich die Arbeit der Bahnhofsmission besser kennenlernen und ihre Räumlichkeiten besichtigen.

Am Münchner Hauptbahnhof, genauer gesagt am südlichen Flügel, vor dem Holzkirchner Bahnhof, befindet sich die zweitälteste Bahnhofsmission in Deutschland – nächstes Jahr sind es seit ihrer Gründung 130 Jahre. Lediglich in Berlin gab es eine solche Einrichtung zwei Jahre früher. Eine Besonderheit ist hier, dass der katholische und der evangelische Träger unter einem Dach zusammenarbeiten, um bestmöglich agieren und helfen zu können. Denn mit ca. 900 Kontakten am Tag sind die Kapazitäten der Mitarbeiter*innen und ehrenamtlichen Helfer, aber auch der Räumlichkeiten der Bahnhofsmission, stets voll ausgelastet.

In elf Sprachen berät das Team zu akuten Problemstellungen, vermittelt an andere Hilfsangebote und Stellen weiter und unterstützt in Notfällen und Gefährdungslagen wie beispielsweise häuslicher Gewalt.

Aber nicht nur die Notversorgung zählt zu den Angeboten der Einrichtung: Sie bietet auch Umsteigehilfen für Menschen mit Seh- oder Gehbehinderungen (in Kooperation mit der Deutschen Bahn), einen öffentlichen Trinkwasserspender oder die Möglichkeit zum Handy-Aufladen.

Die Bahnhofsmission, das sind: 2 Leitungen, 15 Sozialarbeiter*innen, 2 Verwaltungskräfte, 2 Ehrenamtskoordinator*innen und 150 Ehrenamtliche.

Durch äußere Bedingungen wird die anspruchsvolle Arbeit der Organisation teilweise noch erschwert. Beispielsweise wirken sich zuletzt vermehrt Aspekte wie Lärm, Schmutz, aber auch ständig veränderte Wegeführungen auf der Dauerbaustelle im und um den Hauptbahnhof auf ihre Arbeit aus, berichtet Barbara Thoma, Leitung der evangelischen Bahnhofsmission. In den nächsten 10 bis 15 Jahren werden die Räumlichkeiten im Zuge der Bauarbeiten zweimal umziehen müssen – in die Arnulfstraße und wieder zurück.

Nach dem politischen Vorgehen im Viertel gefragt, betont sie, dass eine Vertreibungspolitik, wie im Alten Botanischen Garten, die Personen nicht verschwinden lasse, sondern Probleme und Bedürfnisse teilweise in die äußeren Stadtbezirke verlagere. Von den dort ansässigen Bewohner kämen in solchen Fällen bei der Streetwork der Wohnungslosenhilfe Anrufe, weil sie akuten Handlungsbedarf sehen.

Grundsätzlich habe München im Vergleich ein sehr dichtes soziales Auffangnetz mit vielen ganzjährigen Übernachtungsmöglichkeiten. Allerdings würden viele dort „hängen bleiben“, da die Wohnungsnot so groß sei, dass der Schritt aus der Notunterbringung in eine Sozialwohnung meist scheitere.

Aushang im Büro der Bahnhofsmission

Aushang im Büro der Bahnhofsmission

Sie von der Bahnhofsmission sähen sich als Seismograph für sich anbahnende strukturelle Probleme und Krisen. Als aus der Ukraine von einem Tag auf den anderen eine riesige Fluchtbewegung ankam, war es zu Beginn wichtig, auf die rasch ansteigende Notlage, die sich am Münchner Hauptbahnhof zeigte, und den Bedarf an weiteren Unterbringungsmöglichkeiten hinzuweisen, da täglich wieder ein Zug mit ca 450 Geflüchteten am Hauptbahnhof ankam. so Thoma. „Aber wir werden in diesen Fällen gehört und in dieser Funktion wahrgenommen“.

Wer sich also für die Sicherheit aller Münchnerinnen und Münchner interessiert, schaut auch genau hin, wie es der Bahnhofsmission und den Menschen vor Ort geht.

Hinweis:

Zur tatkräftigen Unterstützung werden immer ehrenamtliche Helfer*innen gesucht: Eine 6-stündige Schicht beinhaltet eine Stunde Hilfe bei der Notversorgung und ansonsten Brote schmieren, Kaffee kochen, wischen, Umsteigehilfe, Annahme von Hilfsgütern und Betreuung der Handy-Ladestation.

Bei Interesse: Email an info@bahnhofsmission-muenchen.de zur Vereinbarung Vorgespräch + Schnupperdienst

 

Die Autorin:
Anna-Lena Genz studierte Medienkultur (B.A.) und empirische Kulturwissenschaften (M.A.). Seit 2024 ist sie Projektreferentin in der Geschäftsstelle des Münchner Forums und Mitglied der Standpunkte-Redaktion.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 10./11./12.2026 „Abbruch, Umbruch, Aufbruch – Das Münchner Bahnhofsviertel“ 

 

Bildquellen:

  • Aufenthaltsraum der Bahnhofsmission: Münchner Forum
  • Aushang im Büro der Bahnhofsmission: Münchner Forum
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