| Laura Schieferle |
„Wie lässt sich das Kunstareal umgestalten? Wie können wir diesen einzigartigen, historisch bedeutsamen Ort, der dennoch Schwierigkeiten hat, als zusammenhängendes Viertel in Erscheinung zu treten, sichtbar machen?“ So der Einstieg in die Präsentation „Kunstgarten“, mit der das Atelier Roberta aus Paris die Jury des Ideenwettbewerbs „Open Kunstareal“ überzeugte. Warum wurde diese Einreichung einstimmig zur Umsetzung empfohlen? Weil die Pariser Landschaftsarchitektinnen ihre Eingangsfrage präzise zu beantworten wissen.
Zum Hintergrund: Im Juli 2023 initiierten der Freistaat Bayern und die Landeshauptstadt München den Ideenwettbewerb „Open Kunstareal“.
Ziel war es, eine möglichst große Bandbreite an Ideen zu generieren, die aufzeigen, wie die Aufenthaltsqualität auf den Freiflächen des Kunstareals gesteigert werden kann – und zwar für Besuchende, Anwohnende und Studierende gleichermaßen. Der Begriff „Open“ war bewusst gewählt. Zum einen bezog sich die Wettbewerbsaufgabe auf den öffentlichen Raum, zum anderen war die Aufgabenstellung so offen wie möglich formuliert. Die Freiflächen sollten aus künstlerischen, gestalterischen, freiraumplanerischen und architektonischen Blickwinkeln ausgelotet werden. Elf geladene Einzelpersonen und Büros aus den Bereichen Architektur, Landschaftsarchitektur, Design, Kunst und Stadtplanung arbeiteten ihre Visionen aus und präsentierten sie im April 2024 der Jury. Sämtliche Einreichungen wurden im Anschluss in einer Ausstellung in der Immatrikulationshalle der TUM der Öffentlichkeit vorgestellt. In einer Online-Ausstellung auf www.kunstareal.de/kunstgarten sind sie nach wie vor zu finden, ebenso wie die Jurymitglieder und eine Übersicht derjenigen, die nominiert haben.
Zeitgemäß und zukunftsorientiert
Bei dieser Diversität war eine so eindeutige Umsetzungsempfehlung nicht zu erwarten. Was hat die Jury überzeugt? Sie formulierte es wie folgt: „Die Idee ,Kunstgarten‘ entwickelt den Freiraum im Kunstareal mit feinem Gespür für die vorhandene Substanz weiter und greift die ursprüngliche Vorstellung der Maxvorstadt als Gartenstadt zeitgemäß und zukunftsorientiert auf. Das Konzept steigert maßgeblich die Aufenthaltsqualität im Kunstareal und macht die Identität des Kunstareals im öffentlichen Raum ganzjährig sichtbar und erlebbar. Es greift mit seiner ästhetischen und nachhaltigen Ausgestaltung die Positionierung des Kunstareals als vielfältigen städtischen Lebensraum auf. Die Umsetzung wird als ein kontinuierlicher Prozess begriffen, der es ermöglicht, sich ändernde und neue Bedarfe der im Kunstareal ansässigen Institutionen, der Besuchenden sowie der Anwohnenden und Studierenden sukzessive aufzugreifen und umzusetzen.“
Besonders positiv bewertet wurden der übergreifende, prozessuale und differenzierte Planungsansatz für das gesamte Kunstareal, der Erhalt und die Nachverdichtung der vorhandenen Vegetation durch die Errichtung sichtbarer Raumkanten, einer Abgrenzung zum Straßenverkehr und der Verbesserung der Biodiversität. Die gezielte Schaffung von sonnigen und schattigen Plätzen ohne festgelegte Nutzung, Pavillons als ganzjährig nutzbare Rückzugsorte, bewegliche Sitzmöbel zur individuellen Nutzung und Eingangstore zur besseren Orientierung und als identitätsstiftendes Merkmal überzeugten ebenso.
Die Jury weiter: „Die Vision eines großen, innerstädtischen Gartens schafft in der vorgestellten Konzeption ein Alleinstellungsmerkmal des Kunstareals im öffentlichen Raum. Durch das Pflanzen neuer Bäume und Sträucher entsteht ein klimaresilientes Gefüge. Vorhandene Planungen wie der Masterplan der Freiflächengestaltung werden weiterentwickelt. Die Sichtbarkeit des Kunstareals wird deutlich erhöht, das Kunstareal als Entität wahrgenommen. Gleichzeitig wirkt der Kunstgarten über die Grenzen des Kunstareals hinaus und sorgt für einen stadtgestalterischen Mehrwert. Von einer großen Akzeptanz auf Seiten der Bevölkerung ist auszugehen.“
Es wird also grün! „Das Kunstareal wird zum ‚Kunstgarten‘: Mehr Natur, mehr Oasen, mehr Begegnung – für einen Wohlfühlort für alle! Das Pariser Atelier Roberta hat eine großartige Vision für Münchens einzigartiges Kultur- und Wissenscluster entworfen. Diese zeigt, wie wir das Kunstareal zu einem lebendigen Begegnungsort zwischen Kunst, Natur und Stadtgesellschafft weiterentwickeln können. Ich bin überzeugt: Wir müssen das Besuchs-erlebnis in unseren Museen und Sammlungen verstärkt in den Mittelpunkt rücken – dazu gehört auch eine noch breitere Öffnung in die Stadtgesellschaft“, sagt Staatsminister Markus Blume.

Das Team des Pariser Landschaftsarchitekturbüros Atelier Roberta
Mitdenken, mitsprechen, miterleben
Von Prozessbeginn an wurde darauf geachtet, dass Teilhabe eine große Rolle spielt – schließlich wird der Kunstgarten ein Ort für alle. So wurde die Fachjury ergänzt um zwei Jurymitglieder aus der Münchner Bürgerschaft. Auf diese beiden Plätze konnten sich alle in München gemeldeten Bürger*innen bewerben. Die finale Abstimmung fand online statt, es beteiligten sich mehrere Tausend Personen. Die Besuchenden der Ausstellung konnten die einzelnen im Kunstgarten verankerten Maßnahmen priorisieren. Die Verbesserung der Biodiversität wurde an die erste Stelle gesetzt und wird bei der Konkretisierung der Idee auch entsprechend behandelt. Zudem gab es die Möglichkeit, auf der Webseite des Kunstareals eigene Gedanken und Einordnungen zu veröffentlichen.
Klimagerechte Stadtgestaltung
Dr. Elisabeth Merk, Stadtbaurätin und Jurymitglied: „Der Entwurf ,Kunstgarten‘ bietet die einmalige Chance, das Kunstareal in seiner freiraumgestalterischen Gesamtheit als Garten in der Münchner Innenstadt zu beleuchten und zu begreifen. Als Ergänzung des benachbarten Hofgartens und des Englischen Gartens bedeutet diese Arbeit, auch im Sinne einer klimagerechten Stadtgestaltung, einen großen Mehrwert sowohl für die im Kunstareal ansässigen Institutionen als auch für Besuchende, Anwohnende und Studierende gleichermaßen und stellt die Aufenthaltsqualität in den Mittelpunkt des Konzepts.“
Wenige Wochen nach der Ergebnispräsentation konnte das Atelier Roberta mit der Konkretisierung der Idee von der Geschäftsstelle Kunstareal beauftragt werden. Mit einem umfangreichen Fragebogen wurden zuerst das Feedback der Kunstareal-Institutionen eingeholt und deren Bedarfe zusammengetragen. Zum Kunstareal-Fest im Sommer 2025 waren die Geschäftsführerin des Atelier Roberta, Chloé Sanson, und ihre Projektleiterin Anne Sophie Harnisch vor Ort und im intensiven Austausch mit der Bevölkerung. Diese war im Rahmen eines Workshops aufgefordert, konkrete Fragen zu beantworten. Beispiele: „Wo wünsche ich mir ein schattiges Plätzchen?“ oder „Wo möchte ich gerne Pause machen?“.

Geschäftsführerin Chloé Sanson und Projektleiterin Anne Sophie Harnisch im Gespräch mit Workshop-Teilnehmenden im Pavillon 333.
Konkretisierung einer Vision
Parallel fanden im gesamten Jahr 2025 zahlreiche Fachgespräche im Rahmen der Diagnose- und Machbarkeitsphase statt. Vor-Ort-Termine ermöglichten den Pariser Landschaftsarchitektinnen einen differenzierten Blick auf das bisherige Nutzungsverhalten und die Vegetation im Verlauf aller vier Jahreszeiten. Eine Kostenschätzung sowie die Erstellung eines Gestaltungsleitfadens für die Umsetzung der einzelnen Maßnahmen sind in Arbeit.
Der Kunstgarten ist eine mittlerweile sehr konkrete Vision für die Zukunft – und gleichzeitig eine Reminiszenz an einen historischen Schatz. „Wenn wir uns von der Geschichte des Ortes leiten lassen, entsteht ein widerstandsfähiger Grünraum, der sich an die Zukunft der Stadt anpasst“, so Chloé Sanson. „Wir stellen uns diesen Ort, diesen Kunstgarten, als einen Ort der Begegnung vor, wo Kunst auf Stadt und Natur trifft. Ein Ort des Lebens, der kreativen Schöpfung und des Experimentierens.“
Die Autorin:
Laura Schieferle ist seit über 20 Jahren als Kulturmanagerin und -kommunikatorin tätig, seit 2020 leitet sie die Geschäftsstelle des Kunstareal München. Sie studierte Kommunikationswissenschaften, Soziologie und Anglistik in Augsburg und Southampton (GB).
Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 07./08./09.2026 „Kunst und Kultur in Transformation“
Bildquellen:
- Staatsminister Markus Blume, Chloé Sanson, Geschäftsführerin des Atelier Roberta, Stadtbaurätin Dr. Elisabeth Merk und Anton Biebl, Kulturreferent der Landeshauptstadt München bis April 2025: Alexander Scharf
- Das Team des Pariser Landschaftsarchitekturbüros Atelier Roberta: Atelier Roberta
- Geschäftsführerin Chloé Sanson und Projektleiterin Anne Sophie Harnisch im Gespräch mit Workshop-Teilnehmenden im Pavillon 333.: Alexander Scharf




