| Anna Oswald |

Wo verstecken sich unsichtbare Barrieren, und wer wird bei der städtebaulichen Planung übersehen? Wie schaffen wir eine gerechte und inklusive Stadt für alle? Lara Brezing, Pia Winder und Pauline Elena Philipp zeigen den Teilnehmerinnen des Spaziergangs „Raumpilot*in für eine gendergerechte Stadtplanung“ die Maxvorstadt aus einer etwas anderen Perspektive.

Ausgestattet mit einem Rollator, Krücken, einem Langstock (bei Seheinschränkung) und einem Doppelkinderwagen, „dem LKW des Gehwegs“, starten wir den Spaziergang durch die Maxvorstadt aus Perspektiven, die im Alltag vieler Menschen oft unsichtbar bleiben.

Bereits nach wenigen Metern zeigt sich: Viele Barrieren entstehen nicht erst durch große bauliche Hindernisse, sondern durch zahlreiche ‚kleine‘ Details im öffentlichen Raum. Zu schmale Gehwege, hohe Bordsteinkanten, unübersichtliche Kreuzungen und fehlende Orientierungshilfen können besonders für Menschen mit Mobilitätseinschränkung, Eltern mit Kinderwagen oder sehbehinderte Personen schnell zu ernsthaften Herausforderungen werden.

Während des Spaziergangs wird deutlich, dass Stadtplanung nicht (geschlechts-)neutral und allgemeingültig ist. Verschiedene Personengruppen nutzen die Stadt auf unterschiedliche Weise. Wer Sorgearbeit leistet, Kinder begleitet, (ältere) Angehörige unterstützt oder selbst auf Hilfsmittel angewiesen ist, erlebt den öffentlichen Raum oft anders als die vermeintliche Norm, an der sich viele Planungsprozesse noch orientieren.

Anthropometrie (Wissenschaft der Maße und Maßverhältnisse des menschlichen Körpers):

„Der Mensch ist mit seinen physischen und psychischen Eigenschaften das zentrale Bezugssystem für die Planung von Räumen. Auch das individuelle Behaglichkeitsempfinden, die menschliche Anatomie und die davon abhängigen ergonomischen Kriterien sind wesentliche Planungsgrundlagen. Daher sind Kenntnisse über Physiologie, Körpermaße und den daraus resultierenden Raum- und Flächenbedarfen entscheidend für eine menschengerechte Architektur“ (Brezing und Winder 2025, S.16)

„Wir haben Anforderungen an Gerätschaften und Bedürfnisse, nicht an bestimmte Menschen“. Gendergerechte Stadtentwicklung bedeutet nicht nur, Frauen* stärker mitzudenken. Sie fordert, die Vielfalt der Lebensrealitäten in den Mittelpunkt zu stellen und unsere Städte so zu gestalten, dass möglichst viele Menschen selbstbestimmt und sicher am öffentlichen Leben teilnehmen können.

Der Spaziergang zeigt, wie viele Hürden weiterhin in München bestehen. Barrieren schränken nicht nur die Mobilität einzelner Personen ein – sie beeinflussen, wer sich frei durch die Stadt bewegen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen und öffentlichen Räume nutzen kann.

Eine inklusive und gerechte Stadt für alle entsteht nicht von selbst. Sie beginnt damit, hinzusehen, zuzuhören und die Perspektiven derjenigen ernst zu nehmen, die im Alltag mit Hindernissen konfrontiert sind.
Die Veröffentlichung „Raumpilot*in“, die über den Urbanistik-Lehrstuhl der TUM publiziert wurde, richtet sich an ein Fachpublikum und beinhaltet konkrete Planungshilfen, die eine gerechtere Stadt zum Ziel haben. Für die Planung ergeben sich hier acht konkrete Betrachtungsschwerpunkte, die in den Leitlinien als:

  1. Starke Repräsentation,
  2. Öffentlicher Raum,
  3. Gerechte Mobilität,
  4. Sicherheit erhöhen,
  5. Qualitätvolles Wohnen,
  6. Care-Arbeit,
  7. Eine gesunde Stadt und
  8. Klimaanpassung

aufgeführt werden.

Die Autorin:
Anna Oswald studiert Soziale Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule München.

Zum Weiterlesen:

Für eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem Thema der gendergerechten Stadtentwicklung möchte ich auf die Veröffentlichung „Raumpilot*in. Gendergerechter Städtebau – Handbuch für Planer*innen“ verweisen.

Außerdem spannend: „Gendergerechte Stadtentwicklung – Wie wir eine Stadt für alle bauen“ von Mary Dellenbaugh-Losse

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 07./08./09.2026 „Kunst und Kultur in Transformation“

 

Bildquellen:

  • Die Teilnehmerinnen des Spaziergangs nehmen neue Perspektiven auf den öffentlichen Raum ein.: Anna Oswald
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