Warum ein autofreies München nicht radikal sondern vernünftig ist

Viele Menschen in unserer Stadt wünschen sich weniger Autoverkehr und mehr Platz für Fußgänger:innen, Bäume oder Spielplätze. Der Ruf nach mehr Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum wird immer lauter. Verständlich, da uns gerade in den Zeiten der Pandemie die ungerechte Aufteilung der Straßen erst so richtig bewusst wurde. Das Auto beansprucht in der Regel 60 bis 80 Prozent des Straßenraums und schränkt damit die Mobilität der anderen Verkehrsteilnehmer:innen massiv ein. Zahlreiche Organisationen und viele Aktivist:innen dringen mit ihren auf den Straßen und in den sozialen Medien verbreiteten Argumenten in letzter Zeit vermehrt auch zu den Entscheidungsträger:innen in der Politik durch. So haben europäische Großstädte wie Paris, Barcelona und London damit begonnen, den Autoverkehr deutlich einzuschränken.

Angesichts der vielfältigen negativen Auswirkungen der Automobilität auf unsere Stadtgesellschaft plädiere ich bei uns in München für die autofreie Stadt ab 2030. Autofrei heißt dabei, dass im Stadtgebiet praktisch keine privaten Pkws mehr unterwegs sein werden. Weiterhin erlaubt blieben Carsharing sowie gewerbliche Fahrzeuge bzw. alles, was zur Versorgung unserer Stadt nötig ist. Selbstverständlich muss dieser Verkehr bis dahin komplett elektrifiziert sein. Nur mit einer Abkehr vom Autoverkehr kann die Verkehrswende tatsächlich gelingen. Selbst im deutlich verkehrsreduzierten Corona-Jahr 2020 wurden die gesetzlichen NOx-Grenzwerte an der Landshuter Allee wieder deutlich überschritten. Seit vielen Jahren schafft es die Stadt München nicht, ihre Einwohner:innen vor der gefährlichen Luftverschmutzung durch Dieselabgase zu schützen. Eine ambitionierte Stadtpolitik würde nicht nur darauf abzielen, sich durchzumogeln, sondern sie müsste ernsthaft versuchen, die Schadstoff-Emissionen möglichst gegen Null zu senken.

Ähnlich ambitionslos waren die Anstrengungen in der Vergangenheit, wenn es um den Lärmschutz geht. Anstatt Lärmschutzwände und dicke Mauern zu bauen, sollte das Übel bei der Wurzel gepackt werden: Mit einem Verbot von lärmenden Verbrennungsmotoren. An vielen Kreuzungen können Grundstücke nicht mit Wohnungen bebaut werden, weil die Schadstoff- und Lärmemissionen zu hoch sind. Stattdessen werden Grünflächen bebaut und Bäume für eine oft unsinnige Nachverdichtung geopfert. Lasst uns die Straßen so gestalten, dass Menschen dort gerne wohnen. Ohne privaten Autoverkehr und mit viel Aufenthaltsqualität.

Nicht nur das Stadtklima würde von einem autofreien München profitieren, sondern auch der globale Klimaschutz, zu dem sich die Stadtregierung verpflichtet hat. Noch immer stoßen Pkws in unserer Stadt Unmengen von klimaschädlichem CO2 aus. Besonders negativ fallen die immer schwerer und größer werdenden SUVs zu Buche. Um 80 kg Mensch zu transportieren, müssen oft mehrere Tonnen Auto in Bewegung gesetzt werden. Was für eine Verschwendung von wertvollen Ressourcen! Die unterschiedlichen Sektoren haben in den letzten Jahren ihre Klimabilanzen verbessern können, mit Ausnahme des Verkehrs. Höchste Zeit, dass München auch beim Klimaschutz endlich Taten sprechen lässt und alle Verbrennungsmotoren bis 2030 aus der Stadt verbannt.

Jetzt mögen die Freund:innen des technischen Fortschritts an dieser Stelle einwenden, dass all diese Probleme mit der Elektrifizierung der Automobile gelöst werden könnten. Das mag zu einem gewissen Grad richtig sein, allerdings löst die Elektromobilität beispielsweise nicht das Problem des Mikroplastiks, dass durch den Reifenabrieb entsteht und unsere Luft bzw. die Isar verschmutzt. Außerdem werden die Autos durch die Antriebswende nicht kleiner und auch nicht weniger gefährlich.

Die „Vision Zero“, also das Ziel, die Zahl der Verkehrstoten in München auf Null zu senken, ist leider noch in weiter Ferne. Aktuell sterben jährlich zwischen 10 und 20 Menschen auf Münchens Straßen. Sicherer wird unsere Mobilität nur mit deutlich weniger und viel kleineren Fahrzeugen und einer Drosselung der Geschwindigkeiten. Oslo und Helsinki haben gezeigt, dass mit einem flächendeckenden Tempolimit von 30 km/h die „Vision Zero“ keine Utopie bleiben muss. Zusätzlich muss die Abkehr vom Automobil von einem schnellen Ausbau der Fahrradinfrastruktur begleitetet werden. Nur so werden sich auch schwächere Personengruppen wie Kinder und Senior:innen auf´s Radl wagen. Das Fahrrad in all seinen Varianten (Lastenrad, Cargo-Bike, Pedelec, E-Bike …) beweist schon heute, dass es viele innerstädtische Autofahrten ersetzen kann. Hätten wir jetzt noch sichere Radwege, dann wäre der Siegeszug des Fahrrads auch in unserer Stadt nicht aufzuhalten.

Der vom Radentscheid München geforderte und vom Stadtrat beschlossene Ausbau der Radwege führte noch in der Planungsphase zu einem Verteilungskampf und zur großen Frage: Wem gehört die Straße? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Der Stadt bzw. uns allen. In Au-Haidhausen besitzen nur gut ein Viertel aller Menschen ein Auto und trotzdem dominiert und blockiert es die Mobilität von allen. Woher soll denn der Raum für neue Radwege, mehr Bäume und Grünflächen, Fahrradstellplätze, breitere Fußwege, Lieferzonen und nicht zuletzt der Platz für zusätzliche Wohnungen kommen, wenn nicht von dem, den das Auto beansprucht? Der Platz ist da, wir müssen ihn uns als Stadtgesellschaft nur nehmen.

Aktuell herrscht meist Autochaos in München

Aktuell herrscht meist Autochaos in München

 

Die effektivste und günstigste Maßnahme dabei ist eine schrittweise Abschaffung aller oberirdischen Parkmöglichkeiten für das Privatauto. Bei einer jährlichen Reduktion um 12 bis 15 Prozent wären wir 2030 am Ziel und könnten den freigewordenen Platz in der Zwischenzeit zur dringend benötigten Stadtbegrünung und zur Erhöhung der Aufenthaltsqualität nutzen. Parallel würden flächendeckend Mobilitätsstationen ausgewiesen, an denen ausreichend Carsharing-Fahrzeuge und Lastenräder zur Verfügung stünden. Bis 2030 sollte auch der Ausbau der Radinfrastruktur nach den Vorgaben des Radentscheids abgeschlossen sein, so dass das große Potential der Cargo-Bikes bei der Versorgung der Stadtbevölkerung effektiv genutzt werden kann. Diese Radoffensive muss von einer Bus- und Tramoffensive begleitet und die Fernbahnhöfe und ÖPNV-Knoten ans Radverkehrsnetz angebunden werden, damit die Kombination von Fahrrad und Bahn das Auto tatsächlich überflüssig machen kann.

Die autofreie Stadt wird nicht umsonst zu haben sein. Die Kosten des ungezügelten Autoverkehrs, wie wir ihn die letzten 60 Jahre erfahren haben, sind aber ungleich höher: für das Klima, die Umwelt und uns Menschen.

 

Jörg Spengler ist Vorsitzender des Bezirksausschusses Au-Haidhausen (Bündnis 90/Die Grünen). E-Mail: joerg.spengler@muenchen.de

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 01./02./03.2022 zum Themenschwerpunkt “Mobilitätswende”.

 

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