Inspirationen vom BUVKO

Als einer der lokalen Mitveranstalter in München trat das Münchner Forum e.V. beim diesjährigen Bundesweiten Umwelt- und Verkehrskongress (BUVKO) auf – organisiert von Fuss e.V. und Umkehr e.V., gefördert u.a. durch das Umweltbundesamt. Aus den beiden Arbeitskreisen „Attraktiver Nahverkehr“ und „Schienenverkehr“ gab es Beiträge in der Podiumsdiskussion, den Arbeitsgruppen „Öffentlicher Verkehr der Zukunft“ und „Öffentlicher Verkehr und Pandemie“ sowie als virtuelle Exkursion.

Zentrales Thema des BUVKO ist die Bedeutung von Umweltverbund und Verkehrswende. Vor dem Hintergrund heutiger multipler Krisen, Pandemie, Klima, Migration liefert der BUVKO interessante Inspirationen und Perspektiven für künftige Mobilitätsformen, Stadtgestaltung und Bürgerbeteiligung.

 

Konflikte um die Nutzung der Fläche

In unseren über Jahrzehnte und Jahrhunderte gewachsenen Städten ist der Platz oft das begrenzende Element: zusätzlich zu schaffende grüne Freiflächen, Plätze für Begegnungen und separate oder gemischte Spuren für unterschiedliche Verkehrsträger konkurrieren miteinander und schaffen Konflikte um die Nutzung der Fläche – Verkehrsflächen, Aufenthaltsqualität, Stadtklima. Wenn wir den Raum in unseren Städten jetzt umbauen, werden finanzielle Mittel und aufgewendete Zeit erfolgskritisch. Umso wichtiger ist es, jetzt genau das Richtige zu entwickeln, zu entscheiden, zu bauen. Ein breiter gesellschaftlicher Konsens hilft dabei genauso wie eine möglichst präzise Kenntnis von Anforderungen, Bedürfnissen, Wünschen an die Mobilität.

Pop-up-Radwege 2020 in München

Pop-up-Radwege 2020 in München

 

Stimmungsbild der Interessenvertreter

Einig sind sich die Diskutierenden der Podiumsdiskussion, wenn es darum geht, Konflikte zwischen den Mobilitätsformen abzubauen, aufeinander zuzugehen und Gegensätze in Frage zu stellen: Vertreter von zu-Fuß-gehenden, eingeschränkt mobilen Menschen, Radfahrenden, Autofahrenden und von Nutzern öffentlicher Verkehrsmittel – jeder möchte gern als nächstes ein Projekt zusammen mit einem Partner mit „gegensätzlichen“ Ansicht machen. Alltägliche Momentaufnahme: trotz Straßenverkehrsordnung herrsche oft das Recht des Größeren, Schnelleren, Stärkeren – Radfahrende und zu-Fuß-gehende / Autofahrende und Radfahrende / schnelle und langsame Autofahrende – je nachdem, auf welcher Trasse man sich gerade bewege – vielleicht auch ein „german issue“.

 

Vortragende inspirieren mit ihren Botschaften

Vier Botschaften der Vorträge des Plenums in Kürze: Prof. Dr. Benedikt Boucsein (Lehrstuhl Urban Design TUM) spannt einen Bogen über Vergangenheit und Zukunft und stellt heraus: die Verkehrswende ist unvermeidlich – wir seien mobiler geworden, die Verkehrsleistung habe über Jahre und Jahrzehnte zugenommen – weshalb der Verkehr einen erkennbaren Anteil am ökologischen Fußabdruck habe. Wer erinnere sich noch an die Aktion von Petra Lejeune und Hermann Grub, als sie 1978 in der Adalbertstraße Rollrasen auslegten?

Katja Beaujean (Planungsreferat LHM) präsentiert Sommerstraßen als positives Beispiel von bürgerschaftlicher Beteiligung und Umsetzung durch die Verwaltung. Der Bezirksausschuss als kleinste demokratische Einheit ist das Entscheidergremium – Anstoß liefere eine engagierte Bürgerschaft.

Pop-up-Radwege polarisieren nicht nur Parteien, Regierung und Verwaltung – sie lehrten uns auch agiles Denken und Handeln: rasch starten mit Provisorien, stetig verbessern mit dem 80/20 Ansatz hin zu einem Konzeptstandard – das erläutert Felix Weisbrich (Grünflächenamt Berlin Kreuzberg), ein der Wegbereiter der Pop-up-Radwege.

Roland Gruber (Architekt) betont: Veränderung müsse Spaß machen – es sei vor allem ein gesellschaftlicher Prozess – je intensiver die Beteiligung, desto größer Akzeptanz, Identifikation und Begeisterung für einen breiten Konsens.

U-Bahn als Transportmittel

U-Bahn als Transportmittel

 

Wie weit in 15 Minuten?

Die 15-Minuten-Stadt ist das Thema der Zeit. Doch wie weit in 15 Minuten kommen? Zu Fuß sind es ca. 1 bis 1,5 Kilometer, mit dem Fahrrad etwa 5 Kilometer. Braucht es da nicht Netze, Takte und Zugänge, um in 15 Minuten bspw. 10 oder 20 Kilometer weit zu kommen? In verdichteten Metropolen ermöglichen dies leistungsfähige Trassen in Sammelverkehrssystemen auf Schiene und Asphalt – klima-freundlich und sozial-gerecht.

 

Die drei Zukunftspfade der Mobilität

Mobilität der Zukunft bedeutet eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Solange bis diese drei Kriterien für die Zivilgesellschaft nicht transparent dargestellt werden: Wirksamkeit bzgl. ökologischem Fußabdruck, Nutzen-Kosten-Verhältnis und die Erhebung differenzierter Mobilitätsdaten.

Zukünftig werden diese drei Kriterien Mobilität bestimmen und für das Stadtbild prägend werden: Verkehrswende ist das eine, Antriebswechsel und Technologiesprung das andere. Verkehrswende als Mobilität im Umweltverbund mit menschlichem Antrieb ergänzt um Mobilitätsformen wie Zu-Fuß-Gehende, Radfahrende und öffentlicher Personenverkehr. Politisch durchaus gewollt, in der Umsetzung verhalten, in Attraktivität und Akzeptanz, positiv gesagt, wenig beliebt. Antriebswechsel, die Umstellung von fossiler auf elektrische Energie: von der Industrie forciert, in der Gesamtheit des Nutzererlebnisses noch mit einigen Unterbrecherkontakten, Bequemlichkeit und Platzprobleme bleiben weitgehend erhalten. Technologiesprung, neue, immer und überall verfügbare Formen der Mobilität auch auf dem Wasser oder in der Luft: bereits heute stehen Elektro-Tretroller an jeder Ecke – werden sie künftig durch autonome Kleinbusse ergänzt, fährt ein individueller Fahrdienst auf Anforderung vor.

 

Wer bietet Lösungen – Technologie oder soziale Akzeptanz?

Antriebswechsel und Technologiesprung vereinen weitgehend die Hoffnung, heutige Probleme mit Technik zu lösen. Aufmerksamkeit und Versprechen der Neuheit – einfacher, bequemer, günstiger. Genügen diese Kriterien auch in Zukunft noch? Die Verkehrswende setzt bei Vielen mehr oder weniger große Änderungen des Verhaltens voraus – eine weitgehend unbequeme Sache, die wenig Freiwilligkeit auslöst. Beteiligung ist ein Schlüssel für Akzeptanz, Identifikation, Begeisterung. Je breiter die Basis für einen Konsens, desto erfolgreicher wird Verkehrswende: aus Überzeugung, nicht aufgrund von Verboten oder über Bepreisung. Wo bleiben neue wettbewerbsfähige Angebote im öffentlichen Verkehr hinsichtlich Fahrzeit, Preis, Komfort?

 

Die Stadt neu denken

Die große Chance liegt darin, die Herausforderungen der Zeit gesellschaftlich zu gestalten. Was war zuerst da: die Tiefgarage, das Auto oder der Mittlere Ring? Auf jeden Fall produzieren neue Straßen neuen Autoverkehr. München ist seit Jahren Stau-Hauptstadt mit größter Pkw-Dichte und höchster Flächenversiegelung. Seit den 1970er Jahren hat München den Mittleren Ring für die Autofahrenden – bis heute fehlen in anderer Skalierung der Altstadt-Radl-Ring und der S-Bahn-Vollring.

Mobilität als integraler Bestandteil einer polyzentrischen Gestaltung von Stadt und Umland: mit komfortablen Wegen für Zu-Fuß-Gehende und Radfahrende, mit Netzen und Takten im öffentlichen Verkehr, mit Trassen auf Schiene und Asphalt. Mit Quartiers-Bahnhöfen als Verknüpfungspunkten, sozialen Orten und identitätsstiftenden Elementen. Systemfunktionen und Erscheinungsbild der Stadt neu denken: es geht nicht mehr ums Ob, sondern ums Wie. Wie radikal, moderat oder reaktionär wir das wünschen, planen, entscheiden, umsetzen, liegt an uns. Bürgerschaftliche Beteiligungsformen und Gelegenheit zur Mitsprache gibt es genügend in unserer freiheitlichen Demokratie.

 

Max Matheisen, Dipl. Ing. (FH) Produktentwicklung. Neben meiner beruflichen Profession interessieren mich aus bürgerschaftlichem Interesse Themen rund um Mobilität, Stadtentwicklung, Bürgerbeteiligung.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 01./02./03.2022 zum Themenschwerpunkt “Mobilitätswende”.

 

Bildquellen:

  • Tram Vorrang vor Rad: Friedrich Grössing
  • Pop-up-Radwege 2020 in München: Klaus Bäumler
  • U-Bahn als Transportmittel: Friedrich Grössing