| Heike Skok |

Wohnprojekte: Motoren der Nachbarschaftsentwicklung

München plant und baut neue Stadtviertel, aktuell in Freiham und bald auf dem Gelände der Bayern-Kaserne. Die neuen Bewohner*innen sollen und wollen möglichst schnell zu einer guten Nachbarschaft zusammenwachsen. Insbesondere gemeinschaftsorientierte Wohnprojekte leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. So gründeten die Bewohner*innen der Wogeno eG in ihrer Wohnanlage in der Messestadt Riem schon Anfang der 2000er Jahre eine Stadtteilzeitung und luden Nachbar*innen in ihren Gemeinschaftsraum ein.

Ackermannbogen – Nachbarschaft gemeinsam gestalten

Im Neubaugebiet Ackermannbogen erstellte die wagnis eG großzügige Gemeinschaftsräume mit Café für die Nachbarschaft. Dank finanzieller Förderung durch das Sozialreferat der Stadt München gab es von Anfang an für alle Nachbar*innen eine professionell besetzte Anlaufstelle für alle Fragen und Ideen rund ums Wohnen. Mit der NachbarschaftsBörse gelang es, den Pioniergeist und die damit verbundene Bereitschaft zum Engagement wirkungsvoll zur Entfaltung zu bringen.

Aktivitäten entfalten – Identität stiften

Seit den Anfängen 2005 ist der Ackermannbogen e.V. mit seinen Schwerpunkten Nachbarschaft, Umwelt und Kultur und den veränderten Anforderungen des Quartiers mitgewachsen. Neben hauptamtlich besetzten Bereichen gibt es viele, rein ehrenamtlich organisierte Aktivitäten in den Bereichen Älter werden, Sport und StadtNatur. In der Quartierszeitung „Ackermannbote“, geschrieben „von Nachbarn für Nachbarn“, wurde regelmäßig über bauliche Entwicklungen, kulturelle und nachbarschaftliche Veranstaltungen sowie lokalpolitische Themen informiert. So hat der „Ackermannbote“ viel zur Entwicklung einer Quartiersidentität beigetragen.

Grundstücke für Wohnprojekte

Politik und Verwaltung in München haben wahrgenommen, dass die Wohnprojekte durch frühzeitige und z.T. intensive Beteiligung der künftigen Bewohner*innen einen wichtigen Beitrag zur Identitätsstiftung in einem neuen Quartier und zur Nachbarschaftsbildung leisten. Dazu zählt auch die Einbindung der Mieter*innen der städtischen Wohnungsbaugesellschaften.
Dieses Engagement vor Ort ist sicher ein Grund, warum seit einigen Jahren bis zu 40 Prozent der Grundstücke auf städtischen Entwicklungsflächen an Wohnprojekte vergeben werden.

Die Mischung machts

Genossenschaften und das Mietshäuser-Syndikat müssen bestimmte Voraussetzungen erfüllen, wie den Bau von Wohnraum für alle Einkommensgruppen, von der geförderten Wohnung in allen Einkommensstufen bis zum freifinanzierten Segment. Die Vielfalt der Menschen, die hier zusammenkommen, bereichert das nachbarschaftliche Zusammenleben.

Kooperative Nachbarschaftsentwicklung: Vorbilder suchen und Neues entwickeln

Nachdem Genossenschaften in der Messerstadt und am Ackermannbogen aus eigener Kraft Gemeinschaftsflächen und -räume gebaut haben, um das Wachsen einer lebenswerten Nachbarschaft zu unterstützen, sollte in den nächsten Baugebieten ein neuer Weg eingeschlagen werden. Noch vor Ausschreibung der Grundstücke im Domagk-Park ergriffen junge Genossenschaften die Initiative und luden interessierte Wohnungsunternehmen ein, sich über Ziele, angedachte Räume für nachbarschaftliche Angebote sowie mögliche Kooperationen und Synergien im Betrieb auszutauschen. Dies mündete in die Gründung eines Konsortiums. Jeder Bauherr leistete einen finanziellen Beitrag, um die Beteiligung der künftigen Bewohner*innen zu organisieren, eine gemeinsame website aufzusetzen und die Gründung eines Quartiersvereins vorzubereiten.

 

Quartierszentrale Prinz-Eugen-Park

Quartierszentrale Prinz-Eugen-Park

Domagk-Park – Erfahrungen nutzbar machen

Die Bewohnerinnen und Bewohner im Domagk-Park, die sich in das Abenteuer der selbstorganisierten Quartiersarbeit gestürzt haben, konnten und können ehrenamtlich viel bewegen. Dass dieses Viertel oft als Modellquartier dargestellt wird, ist auch ihrem Engagement zu verdanken, denn selbst organisierte Teilhabe stärkt die Identifikation mit dem Viertel und ist ein fruchtbarer Boden für eine stetige Weiterentwicklung.
Die neu gegründete Quartiersgenossenschaft im Prinz-Eugen-Park GeQo hat von diesen Erfahrungen profitiert und diese optimiert.
Auch hier schlossen sich die 21 Bauherren zu einem Konsortium zusammen mit dem Ziel, ein lebendiges, lebenswertes Quartier zu entwickeln. In enger Kooperation mit den städtischen Referaten und dem Bezirksausschuss Bogenhausen wurden die Grundlagen für eine zügige Nachbarschaftsbildung geschaffen. Dazu gehörte eine website, Öffentlichkeitsarbeit, die Planung einer guten Nahversorgung und eines Mobilitätskonzepts. Zentrales Element war die Beteiligung der (zukünftigen) Bewohner*innen an einzelnen Realisierungsbausteinen u.a. im Freiraum, die Koordination von Gemeinschaftsflächen und -einrichtungen sowie Angebote zur Vernetzung und Nachbarschaftsentwicklung. Aus den Beiträgen der Mitglieder des Konsortiums wurde diesmal eine externe Koordination finanziert. Durch die Bereitstellung einer Anschubfinanzierung gelang schon vor Bezug der ersten Wohnungen die Gründung einer Quartiersgenossenschaft GeQo eG, in der verschiedene Arbeitskreise aktiv sind. Diese organisieren Nachbarschaftsfeste, geben die Quartierszeitung heraus und betreiben die Internetplattform, auf der Veranstaltungen und diverse Angebote veröffentlich werden. Inzwischen werden hier auch die Buchung von Räumen und Mobilitätsangeboten abgewickelt.
Im Prinz-Eugen-Park ist der Ansatz, dass die Menschen im Quartier selbst ihre Angelegenheiten in die Hand nehmen können, mit der Finanzierung des Aufbaus und des Betriebs der Genossenschaft bereits während der Planungsphase erfolgreich umgesetzt worden (https://www.domagkpark.de/genossenschaft.html und
https://www.prinzeugenpark.de/quartiersgenossenschaft.html ).

Tragende Netzwerke – auch in Krisenzeiten

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen stellen eine besondere Herausforderung für alle Aktiven in den Nachbarschaften dar. Wie Kontakt halten? Was ist jetzt wichtig? Wer braucht welche Unterstützung? Was kann getan werden, um das Miteinander gerade auch in der Krise zu stärken? Welche alternativen Formen des Austauschs und der Begegnung sind möglich und machbar?
Insbesondere in den schon länger bestehenden Quartieren hat sich gezeigt, dass informelle, nachbarschaftliche Netzwerke auch in Krisenzeiten tragen. So wurden Einkaufs- und Botengänge für ältere und beeinträchtigte Nachbar*innen übernommen, Masken genäht und verteilt, Hunde ausgeführt, Telefonketten organisiert etc. Ein Großteil der Unterstützung geschah in Selbstorganisation unter den Nachbar*innen. Die Beispiele zeigen, dass nachbarschaftliche Netzwerke wirken und ihre Unterstützung von unschätzbarem Wert ist für lebenswerte Quartiere.

Autorin:
Heike Skok ist Dipl. Soziologin, Mitarbeiterin in der mitbauzentrale münchen https://www.mitbauzenrale-muenchen.de/home.html , Gründungsmitglied Wogeno München eG, Geschäftsstellenleiterin wohnbund e.V. Gesellschafterin und Mitarbeiterin stattbau münchen GmbH, Mitglied Urbanes Wohnen e.V. und freie Mitarbeiterin bauwärts GbR

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 8./9.2021 zum Themenschwerpunkt “Lebenslagengerechtes Wohnen“.

 

Bildquellen:

  • Ackermannbogen Flohmarkt: Stattbau München GmbH
  • Quartierszentrale Prinz-Eugen-Park: Stattbau München GmbH
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