‚Der Viehhof wird verkauft, damit die Stadt Geld zur Verfügung hat, um die Großmarkthalle zu sanieren!‘ – Diese Horrormeldung hatte uns vom Bezirksausschuss 2 – Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt aufgerüttelt. Gerade erst hatte wieder mal die Gentrifizierung zugeschlagen und mit ‚The Seven‘, der Neugestaltung des ehem. Rodenstock-Geländes und dem Bau der „Isarsuiten“ tiefe Wunden in die Sozialstruktur unseres ehemaligen Arbeiterviertels geschlagen. Was, wenn nun auch im Viehhof nur noch die „Reichen“ wohnen können und die Menschen, die ihren Lebensunterhalt an der Kasse im Supermarkt, auf dem Bau und in der Pflege verdienen müssen, nicht mehr im selben Haus, in der selben Straße, nicht mehr im Viertel wohnen können?

Das wollten wir alle nicht. Wir, die Mitglieder des Bezirksausschuss 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt wollten das nicht. Keinesfalls. Was tun? Einen Antrag stellen. Hoffentlich nutzt das was. Die Experten wussten: Wir brauchen einen Stadtratsbeschluss, der die Zukunft des Viehhofs festlegt. Ein solcher hat nur Bestand, wenn ein qualifizierter Bebauungsplan erstellt wird. Und dazu muss beschrieben werden, was denn mal sein soll auf dem Viehhof. Das Planungsreferat kann nicht ohne Auftrag planen. Wer definiert die Anforderungen?

Abbildung 1: Die ehemalige Viehverladerampe 2013 – ein „Sprayer-Paradies“, ein
Un-Ort, an dem man schnell mal der Welt mit allen seinen Zwängen entfliehen
kann, vor allem wenn man nicht mehr Kind und noch nicht erwachsen ist.
© Beate Bidjanbeg

2013 war der Viehhof bereits ein beliebter Un-Ort, vor allem für Jugendliche. Ein Ort, den Erwachsene mieden. Die alten Mauern zwischen den Schienen der ehemaligen Verladerampe war geeignet zum Sprayen von Graffitis. Parties zu veranstalten war dort bei weitem billiger als in Clubs. Mit etwas Fantasie konnten die Sonnenuntergänge und die vorbeifahrenden Züge ein Hobo-Freiheits-Feeling erzeugen und einen für Momente ins australische Outback oder in der Weite der Rocky Mountains versetzen. Die Rampe war ein Ort der Zwischenwelt-Erlebnisse neben der ebenfalls entschwindenden Welt der einstmals fortschrittlichen Nahrungsversorgung mit dem Geruch von Kuhmist und dem süßlichen Blutgeruch der Schlachtbetriebe, dem geschäftigen Treiben der Metzger, Händler und Handwerker sowie dem feinen Sprühnebeln der Wagenwaschanlage … und einzelnen Klagerufen von Rindern.

Abbildung 2: Ideenwerkstatt „Zukunft Viehhof“, veranstaltet vom Bezirksausschuss des
Stadtbezirks 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt mit Unterstützung des Münchner Forums
2014 . Über 150 Anwohner brachten ihre Ideen ein und diskutierten mit. Am Rednerpult
Ulla Ammermann (links) und Beate Bidjanbeg (rechts).
© Beate Bidjanbeg

Die Münchner Jugendlichen hatten im Kommunalwahlprogramm 2008 gefordert: Lasst uns den Viehhof! Er ist der einzige Freiraum, den wir in der Mitte von München haben. An allen anderen Plätzen werden wir verjagt. Die Markthallenverantwortlichen drückten ein Auge zu und duldeten die Jugendlichen. Das Gelände konnte nicht wirklich abgeriegelt werden. Die Gewerbetreibenden fingen früh an zu arbeiten, hatten viel Lieferverkehr, und die Viehtransporter mussten zur Wagenwaschanlage durchfahren können. Sie mussten ihre Lastwagen waschen, bevor sie wieder auf die Straße durften.

Die alte Großviehhalle war 2008 abgerissen worden. Die Brachfläche mit den Resten der getünchten Wände neben der Metzgerei Gassner schrie nach Zwischennutzung. Jan Oltznauer („Valentinstüberl“) und Partner von Hartmut Senkel bei der „Feuerzangenbowle“ (am Isartor) entdeckte diese Fläche.Hartmut Senkel war begeistert und startet 2011 das Viehhofkino. Mit großer Leinwand und Filmen von Münchner Originalen (Bogner, Dietl, Fassbinder, Polt, Fischer), einem Veranstaltungszelt und einem Biergarten wurde es schnell beliebter Treffpunkt im Viertel. Zitate aus der Serie „Zur Freiheit“ erinnerten an das besondere Milieu des Ortes: „In dem Viertel fliaßt so vui Bluat wia nirgends sonst … aber i kenn koan oanzigen brutalen Menschen.“

Doch wie sollte es weiter gehen mit dem Viehhof? Er war das letzte innerstädtische Gelände, das man bebauen konnte. 2014 war es soweit, zusammen mit dem Münchner Forum organisierte der Bezirksausschuss eine Einwohnerversammlung „Ideenwerkstatt Zukunft Viehhof“. Über 150 Anwohner kamen und brachten ihre Ideen ein. Über fünfhundert Zettel klebten an den Pinnwänden mit Forderungen nach bezahlbarem Wohnraum, Platz für Kleingewerbe, Kunst und Kultur, viel Grün, einer offenen Durchwegung und freien Flächen für Freizeit, Natur und Begegnung, Realisierung von sozialen und umweltpolitischen Experimenten, dem Erhalt der Charakteristik und der Identität. Auch Wiedergutmachungs-Ideen wie „Gnadenhof“ und Tier-Asyl waren darunter.

Abb. 3: Viehhof-Kino mit Biergarten 2013, allseits beliebte Zwischennutzung, deren
Atmosphäre sich auch der Betreiber Hartmut Senkel gerne vom Kometen-Sepp beschreiben
lässt: „des ko ma ned erklärn, des ko ma nur spürn“.
© Beate Bidjanbeg

Zudem wurde eine ganzheitliche Planung, Bürgerbeteiligung und eine langfristige, gemeinwohlorien-tierte Perspektive bei der Kosten-Nutzen-Analyse gefordert. Ebenso sahen viele im Viehhof die letzte Chance, fehlende Grünflächen im Viertel zu realisieren. Diese Ergebnisse waren in der Folge Basis für die vielen Anträge, Stellungnahmen und Eingaben des Bezirksausschusses 2 Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt.

Die öffentliche Diskussion wurde durch viele weitere Initiativen und Aktivitäten intensiviert. Studentengruppen der Technischen Universität (TUM) stellten ihre Semesterarbeiten aus und diskutierten sie im Zelt des Viehhof-Kinos und im Wirtshaus im Schlachthof. Die GeschichtsWerkstatt Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt veranstaltete Führungen und Vorträge mit Heini Ortner und Franz Schiermeier zur Geschichte des Vieh- und Schlachthofs mit teilweise bis zu 200 Interessierten. In Erzählcafés wurde der Lebensalltag der hier arbeitenden Metzger, Schlachter, Veterinäre, Viehhändler und Viehtreiber geschildert. Wer mit dabei war, erfuhr, was ein Schwanzgriff ist, wie ein Goldschuh wirkt, wie schwer eine Rinderschulter ist und wie man einschlägt. Auch Regsam (Regionale SozialArbeit München) und die Volkshochschule (MVHS) veranstalteten Informations- und Diskussionsrunden. Das Viehhofkino reichte eine Petition zur Beibehaltung der „Leeren Fläche“ und zur Zwischennutzung ein. Graffiti-Aktionen, initiiert von Martin Arz und Graphism, zauberten überdimensionale Stiere an die Wände der ehemaligen Großviehhalle.

Dann kam das Volkstheater. Nach heftigen Diskussionen in der Stadtgesellschaft beschloss der Stadtrat 2015, dass das Theater auf das Viehhofgelände umziehen sollte. Der Neubau sollte in einem geladenen Wettbewerb zur Generalübernahme ausgeschrieben werden, um sicherzustellen, dass er auch bis zum Ablauf der Mietzeit des Münchner Volkstheaters in den Räumlichkeiten an der Briennerstraße fertig gestellt werden kann. Vorbescheid, Ausschreibung, Wettbewerb und Auftragserteilung erfolgten in Rekordzeit, immer mit tatkräftiger Unterstützung von Volkstheaterintendant Christian Stückl und seinen Theater-Experten. Aktuell sieht es auch so aus, als ob die Firma Georg Reisch GmbH & Co. KG aus dem schwäbischen Bad Saulgau, die den Wettbewerb gewonnen hat, bis Herbst 2021 fertig wird. Wer will, kann die Fortschritte vor Ort und im NEUBAU-Blog des Münchner Volkstheaters verfolgen: https://neubau.muenchner-volkstheater.de/

Inzwischen blüht und grünt der Südgarten zwischen dem ehemaligen Gleisbett der Viehverladerampe. Neben den Hochbeeten mit Radieschen, Zucchini, Tomaten, Bohnen, Erbsen, Karotten, Topinambur, Erdbeeren und natürlich auch mit Kräutern und Blumen tummeln sich die Eidechsen und wuchert die wilde Natur. Engagierte Anwohner haben 2014 mit Erlaubnis der Markthallen das Urban -gardening-Projekt gestartet. Mit ihnen erfreuen sich auch viele Spaziergänger, mit und ohne Fotoapparat, an den blühenden Sonnenblumen, den blauen Farbtupfern der Kornblumen und den orangenen Blüten der Kapuzinerkresse. Wenn sie nur nicht immer ihren Müll und die Kippen liegen lassen würden!

Abbildung 4: Der Südgarten, 2014 mit Sonnenblumen, Radieschen und Kapuzinerkresse, gehegt und gepflegt von vielen Nachbarn mit grünem Daumen, Gemeinsinn und Freude an der Natur © Beate Bidjanbeg

Daneben orchestriert der „Bahnwärter Thiel“ die Heerscharen von jungen und inzwischen auch von älteren und alten Menschen, die sich im Container- und Graffiti-Universum bei cooler Musik und einem kühlen Bier der alternativen Weltflucht hingeben wollen. Daniel Hahn hat hier mit seinen Mitstreitern eine alternative Sehnsuchtswelt geschaffen mit alten S-Bahn- und Trambahn-Waggons, Pflanzgefäßen, Kunstwerken aus Recyclingmaterialien, Nischen, Balkonen, Terrassen und ständig wechselnden Kulissen der Münchner Graffiti-Szene.

2019 wurde der Generalplan für die Zukunft Viehhof vom Planungsreferat vorgestellt und vom Bezirkssauschuss und Stadtrat für gut geheißen. Er enthält Gewerbeflächen, Flächen für bezahlbares Wohnen, eine Durchwegung von der Ehrengutstraße zur Tumblingerstraße und südlich davon eine Grünfläche. Die erste Hürde ist geschafft. Nun muss weitere Bürgerbeteiligung eingefordert werden, damit möglichst viel umgesetzt werden wird von der erforderlichen Kreativität und dem Erhalt der Identität des Ortes, damit im Viertel mehr Grün, mehr Freiraum, mehr Werkstätten und Ateliers und vor allem bezahlbarer Wohnraum entsteht – für die Menschen, die hier schon sind, und die, die noch kommen werden.

 

Beate Bidjanbeg engagiert sich ehrenamtlich seit 2005 im Bezirksausschuss des Münchner Stadtbezirk 2, Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt. Ihr besonderes Interesse liegt auf Projekten wie Ideen-Werkstatt Zukunft Viehhof, GeschichtsWerkstatt Ludwigsvorstdt-Isarvorstadt, Kinderversammlungen, Grünpaten-Projekte, Querungshilfen, Pflanzprojekt am Isarbalkon, Südgarten, Platzgestaltungen wie Holzplatz und Zenettiplatz, etc. Hauptberuflich arbeitet sie bei Siemens als Expertin für Post Merger Integration.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 08./09.2020 zum Themenschwerpunkt “Brückenschlag für neuen Lebens-Mittel-Punkt”.

 

 

Bildquellen:

  • Viehhof_Beitragsbild: Franz Schiermeier
  • 2013-05-07 005_M: © Beate Bidjanbeg
  • 2014-05-15-EOS-Viehhof 041-x_M: © Beate Bidjanbeg
  • IMG_5172_M: © Beate Bidjanbeg
  • 2014-08-17-TUM 011_M_3zu2: © Beate Bidjanbeg