Vorwort von Matthias Faul – Professur Urban Design der TUM

„Saxa loquuntur“ nach Theodor Fischer: „Die Steine sprechen.“ Die gebaute Umwelt als klarer Spiegel der Gesellschaft, der uns zeigt, welche Werte, welche Konflikte und welche Machtverhältnisse eine Zeit prägen und sich in ihr abbilden. Architektur ernst zu nehmen heißt, ihr zuzuhören, besonders dort, wo ihre Zukunft ungewiss ist. Dieses Zuhören ist ein Ausgangspunkt unserer Lehre. Die Professur für Urban Design der TU München versteht Lehre als einen Ort, an dem gesellschaftliche Fragen räumlich verhandelt werden. Gerade dort, wo bestehende Strukturen unter Druck geraten, beginnt die Aufgabe des Entwerfens: Veränderungen zu erkennen, kritisch zu begleiten und daraus neue Handlungsräume zu entwickeln. Exodus – Eine Untersuchung der Nachkriegskirchen in München setzt an solch einem Moment an. Die Arbeit betrachtet den Wandel kirchlicher Räume nicht als endgültigen Abschied, sondern als Übergang. Aus Rückzug entsteht Aufbruch; aus gefährdetem Bestand ein Möglichkeitsraum für Gemeinschaft, Stadt und Zukunft. Kirchliche Räume waren für mich nie nur Gebäude; als Messdiener und Mitglied im Pfarrgemeinderat habe ich erlebt, wie Raum erst durch Handlung entsteht: durch Menschen, die Verantwortung übernehmen, Orte pflegen, beleben und weiterdenken. Nachhaltigkeit also nicht allein durch Erhalt, sondern durch Engagement, Aneignung und die Liebe zu Orten. Eben darin liegt die Stärke dieser Arbeit. Sie gibt keine fertigen Antworten, sondern öffnet einen gemeinsamen Raum für Architektur, Kirche, Denkmalpflege, Verwaltung, Wissenschaft und Nachbarschaft. Exodus zeigt, dass die Zukunft der Nachkriegskirchen nicht im Abriss oder in der Musealisierung liegen muss, sondern im Weiterbauen, Umnutzen, Öffnen und Neuverhandeln. Kein Ende, sondern ein Anfang.

Matthias Faul ist seit 2019 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Urban Design von Prof. Benedikt Boucsein an der TU München. Von 2015 bis 2020 war er bei Goetz Castorph Architekten und Stadtplaner tätig; seit 2020 führt er ein eigenes Büro mit Sitz in Maßweiler. Er ist Mitglied der Architektenkammer Rheinland-Pfalz und des Deutschen Werkbunds Bayern.


 

| Melina Kamm, Anna-Lena Klingler, Constantin Meinert und Marisa Posl |

Über Jahrhunderte hinweg bildeten Kirchen den sozialen Mittelpunkt des gemeinschaftlichen Lebens in Deutschland. Um sie herum siedelten sich Menschen an, Nachbarschaften entstanden und Städte entwickelten sich. Bis heute besitzen Kirchen eine außergewöhnliche städtebauliche Präsenz durch ihre markante Setzung im Stadtraum, ihre Kirchtürme als Landmarken und ihre oft großzügigen, heute jedoch häufig untergenutzten Freiräume. Gleichzeitig befinden sich viele kirchliche Räume in einem tiefgreifenden strukturellen Umbruch, der ihre bisherige Nutzung und Bedeutung zunehmend infrage stellt.

St. Franz Xaver, rechts: KI-Ausblick

St. Franz Xaver, rechts: KI-Ausblick

Ausgehend von dieser Entwicklung untersucht unser Booklet die 98 Münchner Nachkriegskirchen als das, was sie heute sind: baulich gefährdet, gesellschaftlich unter Druck, aber zugleich voller räumlicher und sozialer Potentiale. Entstanden ist die Arbeit im Wintersemester 2025/26 aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt von vier Studierenden an der technischen Universität in der Professur Urban Design.

„Fakt ist, diese Kirchebrauchen wir sechs Tage in der Woche nicht, weil sie ja viel zu groß ist. Wir brauchen sie noch am Sonntag für einen Gottesdienst.“
– Pfarrer Rainer Maria Schießler

Da es bislang keine vergleichbare Übersicht zu den Münchner Nachkriegskirchen gab, entstand im Verlauf des Projekts eine gemeinsame Datenbank, in der alle katholischen und evangelischen Nachkriegskirchen systematisch erfasst wurden. Neben Basisinformationen wie Baujahr, Konfession oder Architekt:in flossen auch räumliche, infrastrukturelle und demografische Faktoren sowie eigene Wahrnehmungen vor Ort ein. Mithilfe von Clusteranalysen konnten Kirchen mit ähnlichen räumlichen und sozialen Eigenschaften verglichen und in Gruppen zusammengefasst werden.

Die Analyse versteht sich dabei bewusst nicht als Werkzeug, das fertige Lösungen vorgibt. Vielmehr macht sie strukturelle Tendenzen sichtbar und eröffnet neue Perspektiven auf mögliche zukünftige Entwicklungen und Nutzungen. Die daraus entstandenen Szenarien sind deshalb vielmehr Denkanstöße, wie mit den Gebäuden künftig umgegangen werden könnte. Begleitet wurde die Recherche von Gesprächen mit Expert:innen aus Architektur, Denkmalpflege, Kirche und Kunsthistorik. Dabei wurde immer wieder deutlich, dass weniger ein Mangel an Ideen besteht, sondern vor allem ein Mangel an gemeinsamer Kommunikation und langfristiger Zusammenarbeit. Viele Informationen liegen verteilt bei einzelnen Institutionen, während gemeinsame Strategien und offene Austauschformate oft fehlen. Genau hier versucht das Projekt anzusetzen: als gemeinsame Arbeitsgrundlage und als Beitrag zu einer breiteren Diskussion über die Zukunft der Nachkriegskirchen im Münchner Stadtraum.

„[Nachkriegsarchitektur]muss […] gepflegt und erhalten werden. Sonst ist sie so kaputt, dass man sie am Ende nur noch abreißen kann.“
– Kunsthistorikerin Manuela Klauser

Nachdem der Schwerpunkt des vergangenen Semesters auf der Forschung und Analyse der Münchner Nachkriegskirchen lag, möchten zwei von uns, Melina Kamm und Anna-Lena Klingler, das Projekt im Rahmen der Bachelorthesis weiterführen. Im Fokus steht nun die intensive Auseinandersetzung mit einer einzelnen Kirche, die bis hin zu einem konkreten Umnutzungsvorschlag untersucht werden soll. Hierbei ist uns die Arbeit am konkreten Ort besonders wichtig. Durch Gespräche und Umfragen mit Menschen aus dem Viertel möchten wir herausfinden, welche Bedürfnisse, Wünsche und Potentiale vor Ort bestehen. Diese Erkenntnisse sollen nicht nur die Analyse prägen, sondern auch direkt in den Entwurfsprozess einfließen, um einen Umnutzungsvorschlag zu entwickeln, der auf den tatsächlichen Kontext und die Menschen vor Ort reagiert.

 

St. Augustinus, rechts: KI-Ausblick

St. Augustinus, rechts: KI-Ausblick

Maria Himmelfahrt, rechts: KI-Ausblick

Maria Himmelfahrt, rechts: KI-Ausblick

Dietrich-Bonhoeffer-Kirche, rechts: KI-Ausblick

Dietrich-Bonhoeffer-Kirche, rechts: KI-Ausblick

 

Die Autorinnen und Autoren:

Melina Kamm, Anna-Lena Klingler, Constantin Meinert und Marisa Posl studieren derzeit Architektur im 8. Bachelorsemester an der Technischen Universität München. Im Verlauf ihres Studiums absolvierten die Studierenden jeweils ein Auslandsjahr in Frankreich, Spanien und Chile: An der ENSAPLV in Paris, in Sevilla an der ETSA, sowie an der USM in Valparaíso.

Im Rahmen eines Städtebauprojekts an der Professur für Urban Design bei Prof. Benedikt Boucsein beschäftigten sie sich letztes Semester mit der Zukunft von Nachkriegskirchen in München. Melina Kamm und Anna-Lena Klingler führen das Projekt im Rahmen ihrer Bachelorthesis weiter, indem sie sich auf eine spezifische Kirche fokussieren.

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 07./08./09.2026 „Kunst und Kultur in Transformation“

 

Bildquellen:

  • Kirchenbestand in München: Exodus / Kamm, Kingler, Meinert, Posl
  • St. Franz Xaver, rechts: KI-Ausblick: Exodus / Kamm, Kingler, Meinert, Posl
  • St. Augustinus, rechts: KI-Ausblick: Exodus / Kamm, Kingler, Meinert, Posl
  • Maria Himmelfahrt, rechts: KI-Ausblick: Exodus / Kamm, Kingler, Meinert, Posl
  • Dietrich-Bonhoeffer-Kirche, rechts: KI-Ausblick: Exodus / Kamm, Kingler, Meinert, Posl
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