Zur Aktualität dieser Schriften von Camillo Sitte und Karl Henrici (1900/1901).

Wenn man sich heute Gedanken zum „Großstadtgrün“ machen möchte, wie man also das Verhältnis zwischen grüner Natur und bebauter Stadt planerisch bewerten und behandeln soll, so lohnt nicht nur der Blick nach vorne, sondern auch ein Blick zurück. Die aktuelle Frage, wieviel Grün wo und welcher Art eine Großstadt bedarf und welche Haltung man dazu einnehmen sollte, ist eine Fragestellung, die bereits die Städtebauer zur Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert intensiv beschäftigte. Einiges, was damals gedacht und postuliert wurde, ist mittlerweile allgemein akzeptiert und Grundlage von städtebaulichen Planungsprozessen geworden, jedoch sind auch ein paar grundsätzliche Aspekte in Vergessenheit geraten, die man durchaus wieder zur Kenntnis nehmen und weiterdenken könnte. Auch wenn heute die planerischen Rahmenbedingungen andere als vor über hundert Jahren sind, bleiben einige Grundgedanken erstaunlich zeitlos, immer noch fordernd und könnten somit den aktuellen Diskurs befruchten. Und auch bemerkenswert ist, dass sich die Stadtentwerfer nicht nur dezidiert mit den Fragen des Verkehrs und des Bauens beschäftigten, sondern auch mit der Einbindung von „Grün“ als Naturersatz in den städtischen Kontext, als Gesamtaufgabe der Stadtbaukunst.

Daher lohnt es sich, zwei Texte renommierter Stadtbaukünstler wieder aus der Versenkung herauszuholen, die beide unter dem Titel „Großstadtgrün“ – 1900 von Camillo Sitte in der damaligen Fachzeitschrift „Der Lotse“ und 1901 von Karl Henrici in die „Deutsche Bauhütte“ erstmals publiziert wurden und später auch in ihren gesammelten Schriften, in Buchform, nochmals veröffentlicht wurden. Die beiden Texte sind sowohl eine Reaktion auf das damalige ungebremste Stadtwachstum und den damit einhergehenden Verlust von bestehendem Grün als auch eine Auseinandersetzung mit der Initiative der Stadtbevölkerung für eine verbesserte Grünausstattung der Stadterweiterungen.

Während Camillo Sitte als Begründer einer Theo-rie des künstlerischen Städtebaues gelten kann, ist der etwas jüngere Karl Henrici, der ein glühender Vertreter der Ideen Sittes ist, ein praktizierender Stadtentwerfer (z.B. auch als maßgeblicher Impulsgeber für die Stadterweiterung Münchens am Ende des 19. Jahrhunderts, der durch seinen Beitrag beim Stadterweiterungswettbewerb 1893 die Grundlagen für die weitere Entwicklung durch Theodor Fischer vorzeichnete), der noch stärker an der Umsetzung der theoretischen Ideen interessiert ist. Er nimmt das Erscheinen des Artikels „Großstadtgrün“ von Camillo Sitte zum Anlass, nicht nur auf dessen Inhalt hinzuweisen, den er als gedanklichen „Edelstein“ betrachtet, sondern unter gleichem Titel, in eigenen Worten, die Inhalte nochmals zu veröffentlichen, um diese einer breiteren Leserschaft verfügbar zu machen. Dabei beschränkt er sich nicht auf eine reine Wiedergabe, sondern führt sie in Teilaspekten pointiert weiter. Er beschreibt dies so: „Ich könnte mich damit begnügen, auf jene Schrift hinzuweisen und sie der Beachtung warm zu empfehlen, da ich weder Widersprüche zu erheben, noch Erhebliches hinzuzufügen habe; … Es sei mir daher gestattet, in Kürze die Sitteschen Gedanken mit eigenen Worten wiederzugeben, und mich in deren Anwendung zu vertiefen.“

An dieser Stelle soll nun auf eine dritte Nacherzählung oder wissenschaftliche, synoptische Vergleiche der Textfassungen verzichtet werden und dafür die für heute noch relevanten Überlegungen isoliert und nach kurzer Darstellung erneut zur Diskussion gestellt werden. Denn der interessante Aspekt ist heute nicht, was wann, von wem, wie erzählt wurde, sondern was man zukünftig noch damit anfangen könnte. Da jedoch grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden ist, sich auch selbst einen eigenen Eindruck zu verschaffen, sind beide Originaltexte diesem Artikel (siehe gelber Kasten) beigefügt.

Urbanes Grün im Lockdown
© Klaus Bäumler

Überbordende Grünbegeisterung

Ausgehend vom schon damals bestehenden Bedürfnis des Großstädters nach „sportmäßig gepflegtem Naturgenuss“, als unzweifelhafte Reaktion auf das einseitig entwickelte großstädtische Leben, drang der Großstädter an möglichst einsame Orte vor – und „so wird die stille Ländlichkeit in einer Weise erschlossen, wie das wohl noch nie zuvor der Fall war“, und so spiegelte sich das auch in der Art, wie die Natur in die Stadt hineingezogen werden sollte: z.B. in „die über ein vernünftiges Maß“ ausgedehnten Villen- und Einzelhausviertel der Städte. Daraus resultiere auch „jene Übertreibung und Sucht, möglichst aus jeder Straße eine Alleestraße, aus jedem Platz und Plätzchen eine Gartenanlage zu machen“. Und zudem bestehe das Problem, dass diese „Zieranlagen nur selten künstlerischen Wert an sich besitzen, sondern dass durch sie sehr häufig Raumschönheiten in Straßen und Plätzen gänzlich verhüllt werden.“

Es scheint auf den ersten Blick so, als wäre die damals von breiten Bevölkerungskreisen angestrebte massive Durchgrünung der Stadt bei Camillo Sitte und Karl Henrici als Übertreibungen negativ konnotiert. Auch argumentieren sie weiter, dass die Bäume als Sauerstofferzeuger für die Gesundheit des Stadtbewohners überbewertet seien (was sie mit damaligen wissenschaftlichen Erkenntnissen faktisch untermauern). Das irritiert (auch heute), und man könnte direkt eine Frontstellung zu den Verfassern einnehmen.

Aber was verfolgen sie eigentlich, wenn sie in ihren Abhandlungen zum Thema „Großstadtgrün“ zuerst die „überbordende Grünbegeisterung“ schmälern? Zuerst einmal stellen Camillo Sitte und Karl Henrici nach ihrer Ablehnung derselben grundsätzlich fest, dass die Gestaltung des „Großstadtgrüns“ nicht pauschal betrachtet werden darf, nicht einfachen dogmatischen Regeln, also einem „Schematismus“ folgen darf, den sie auch bei der Stadtentwicklung, der Anlage von Straßen und Plätzen kritisieren, sondern dass erst nach eingehender Überlegung Lösungen für das Grün im Einzelfall konkret gesucht und gefunden werden müssen. Und ausgehend von der Erkenntnis, dass finanzielle Mittel für „Großstadtgrün“ immer begrenzt sind, fragen sie sich, wie man die vorhandenen Mittel optimal einsetzen könnte und wie man durch präzise Gestaltung mit Grün im Stadtraum am meisten erreichen könnte. Es geht ihnen daher nicht um ein nur quantitatives, sondern um ein qualitatives Mehr an Grün in der Stadt.

Dafür präferieren sie den optimierten Einsatz begrenzter Mittel durch eine Strategie der gedanklichen Trennung des Wertes von „Großstadtgrün“. Denn: „Das Grün in der Großstadt hat seinen Wert in zwei Richtungen, nämlich in ästhetischer und gesundheitlicher Richtung.“ Pflanzen sind eine Wohltat z.B. allein schon durch ihren Schatten auf den Wegen, ihren Duft und dem Schutz vor Staub und Zugluft auf den ruhigen Plätzen der Stadt. Aber fast noch größer als die Wirkung in „sanitärer“ Beziehung ist Grün als „Sympathiemittel“ einzustufen, denn so Sitte: „Der Großstadtmelancholiker ist einesteils eingebildet, teils wirklich Kranker; er leidet an der Sehnsucht, am Heimweh nach der Natur. Nicht der vermehrte Sauerstoff- und Ozongehalt der Luft (Ozon wurde damals noch für besonders gesundheitsförderlich eingestuft, M.C.), sondern der Anblick eines Stückchens Natur gewährt ihm Linderung und wird ihm zu wirksamen Heilmittel.“ Und dabei genügt schon „die bloße Vorstellung, der bloße Anblick von grünem Laubwerk, wenn auch nur eines einzelnen Baumes, der über einer Gartenmauer mit mächtigen Astwerk überhängt und eine ganze Gasse belebt, oder der mächtigen Linde in einer abgeschiedenen Platzecke…“ und bei Henrici ergänzt: „Aber eins ist die Bedingung dabei: in voller Gesundheit und Naturkraft muss sich der Pflanzenwuchs zeigen…“

Das bedeutet, dass nicht allein über die Anzahl der Pflanzen die Qualität des öffentlichen Raums bestimmt wird, sondern dass vor allem durch die richtige, baumerhaltende Pflanzung und wirkungsvolle räumliche Setzung die ästhetische Wirkung und Wahrnehmungsmöglichkeit für die Bewohner gesteigert wird. Dafür werden dann im Wesentlichen zwei Strategien vorgeschlagen, bei denen „Grün“ über „Grün“ hinaus auch stadträumlich gedacht wird.

Urbanes Grün im Lockdown
© Klaus Bäumler

Baumgruppen statt Alleen?

Sitte und Henrici stellen fest: Die meisten Bäume in der Stadt stehen, neu angepflanzt an breiten, stark befahrenen, schnurgeraden („langweiligen“) Straßen. Sie sind Schadstoffen ausgesetzt, vereinzelt in beengten „Baumgruben“ gepflanzt und müssen daher besonders gepflegt, gegossen und geschnitten werden. Bei Alleen in Ost-West-Richtung steht zudem eine Reihe Bäume im Schatten der Häuser und bekommt zu wenig Licht, während auf der anderen Straßenseite die Wohnungen verschattet werden und außerdem „…verdecken sie die Hausfassaden, was allerdings häufig als Wohltat zu bezeichnen ist“.

Im Ergebnis sind der Aufwand und die Anzahl der Bäume in den Alleen maximal, der Nutzen (wenn man vom durchfahrenden Autofahrer absieht) für die Anwohner jedoch überschaubar. Daher schlagen sie vor, den Stadtraum zuerst räumlich zu denken:

„Leise Bewegungen und Wendungen in der Straßenlinie, sowie Abweichungen von der Parallelität der Wandungen führen Wechsel von Licht- und Schattenflächen herbei, ermöglichen es, außerhalb der Straßenachse sich erhebende Türme in das Straßenbild hineinzubringen, so dass lebhaft gegliederte Silhouetten und Gruppenbildungen entstehen…“, um dann in diesem Städtebau, der nicht einem schematischen Zwang der Zeichenschiene, den rein grafischen Überlegungen des Alignements und starren Achsen folgt, Besonderheiten des Bestehenden aufzunehmen, sei es die Topografie und Parzellenstruktur oder auch den alten, individuell prägenden Baumbestand.

Dies alles gilt es, situativ in die neue Stadt zu integrieren, anstatt das Bestehende zuerst auszuradieren und dann mit hohem Aufwand das Verschwundene auch nur ansatzweise zu ersetzen. Das bedeutet, die Planung an die Gegebenheiten anzupassen und das Vorhandene zu steigern, was u.a. bedeuten kann, dass Baumreihen z.B. nur auf der „richtigen“ Seite der Straße (evtl. in Verbindung mit Vorgärten) oder bestehende Bäume zu Gruppen ergänzt werden, um (er)lebenswerte Situationen zu schaffen – auch in Verbindung mit den nützlichen Einrichtungen des Stadtraums, wie Haltestellen, Plakatsäulen etc. und den erbaulichen, wie Brunnen, Denkmäler und Sitzgelegenheiten, die dann dem Verweilen dienen. Das führt dann für Karl Henrici bei Befolgung der von Camillo Sitte gegebenen Anregung, „Einzelbäume künstlerisch im Stadtbild zu verwerten“, zu den überraschendsten Erfolgen und zu schlechthin „wundertätigen Wirkungen“. Die Straßen mit ihren Bäumen werden so zu „Gesellschafträumen“ und bringen nun die Wohnräume mit ihren Bewohner*Innen in Beziehung.

 

Geschützte grüne Höfe statt offene „Squares“?

Eine zweite, nachdenkenswerte Überlegung ist die Verlagerung der „Squares“ in das Blockinnere. In der orthogonal gerasterten Stadterweiterung des 19. Jahrhunderts entstanden, wie Sitte und Henrici konstatieren, Grünflächen meist durch das Weglassen der Bebauung auf einem oder mehrerer Blockflächen. Dadurch war zum einen die Grünfläche von Straßen umgeben, man musste erst über die Straße, um dorthin zu gelangen, und die Grünanlage war ungeschützt gegenüber Lärm und Staub des Verkehrs. Zum Schutz vor Verkehr und zur Rahmung wurden diese dann mit kostspieligen Gittern umzäunt, als grüne, jedoch nicht mit den Wohnungen vernetzte Inseln. Zum anderen blieb um den Square herum jeweils eine Straßenseite, die eigentlich Wohn- und Geschäftshäuser erschließen könnte, unbebaut, was somit eine einseitige, unwirtschaftliche Erschließung der notwendigen städtischen Bebauung war.

Ausgehend von der unbefriedigenden Erschließungsfrage und der damit zusammenhängenden Bodenfrage – da die erschlossenen Grundstücke die wertvollsten bzw. teuersten sind – ergab sich eine neue Überlegung: Würde man alle Straßen zweiseitig bebauen, die Blockgrößen groß genug wählen und die Bebauung der Parzellen an der Straße durch eine hintere Baulinie begrenzen, so würde eine Hinterhofbebauung, wie sie als abschreckendes Beispiel aus Berlin bekannt war, vermieden. Es sollten dann zudem nur die bebaubaren Bereiche und damit teuren Parzellen entlang der Straßen verkauft werden. Das gesamte Blockinnere sollte in den Besitz der Stadt übergehen. Diese großen Hofräume sollten dann zuvorderst als von Lärm und Staub abgeschirmte öffentliche Grünflächen (anstelle der Squares) als „Erholungsplätze“ angelegt werden, mit schattigen Wegen, geschützten Spielflächen und stillen Ruhesitzen – der Blockrand würde mit seinen Gebäuden auf Parzellen ohne Tiefenausdehnung die öffentliche Grünfläche rahmen, womit die von Haus zu Haus getrennten, versiegelten, meist mit Hinter- und Nebengebäuden dicht bebauten Hinterhöfe dauerhaft vermieden würden. Diese Flächen könnten als Reserveflächen für neue Anforderungen in späteren Jahren der Allgemeinheit für öffentliche Einrichtungen zur Verfügung stehen, und gleichzeitig würden sie der städtischen Pflege unterliegen und von ihr dauerhaft erhalten. Die Verknüpfung zum Straßenraum sollte über großzügige Torsituationen oder Gebäudeabstände erfolgen, so dass dieses blockinnere, öffentliche Grün dann auch auf den umliegenden Straßenraum wirkt. Der öffentliche Ruheraum verlagert sich in geschützte Bereiche, und das Grün wird nutzbar, und bei gleichem Aufwand wird insgesamt mehr erreicht.

Diese alten Anregungen von Camillo Sitte und Karl Henrici könnte man auch heute noch bei Neuplanungen in Erwägung ziehen. Denn damals wie heute sollte „Großstadtgrün“ als integrativer Bestandteil eines undogmatischen und räumlichen Städtebaus verstanden werden, der gemeinsam mit der Architektur der Gebäude eine lebenswerte Umwelt schafft. Dabei geht es dann nicht mehr nur um ein quantitatives Mehr an Grünflächen und Bäumen und deren quadratmetergenaue Abrechnung nach Stadtratsbeschlüssen, sondern um den maximalen Nutzen innerhalb begrenzter räumlicher, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ressourcen. Dies verlangt ein Überlegen und Weiterdenken aller Beteiligter, und dann zeigt sich, wie vor hundert Jahren Camillo Sitte schrieb: „Im Ganzen auch hier wieder, dass der Städtebau, richtig aufgefaßt, keine bloß mechanische Kanzleiarbeit ist, sondern in Wahrheit ein bedeutsames, seelenvolles Kunstwerk, und zwar ein Stück großer, echter Volkskunst…“ – ein Gemeinschaftswerk von Planer*Innen, Politiker*Innen und Bürger*Innen, die man vielleicht überzeugen könnte, dass es nicht nur um die quantitative Vermehrung und den flächenhaften Nachweis von Großstadtgrün, sondern im besten Sinne um eine synergetische Entwicklung von Stadt und Grün gehen sollte. Dafür sollte man Anregungen geben und auch heute noch auf eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung hoffen und keine Angst vor einer diskursiven Beteiligung der Betroffenen haben, denn – so schrieb Karl Henrici zum Schluß seines Textes zum „Großstadtgrün“: „Das Volk wird schon mittun, sobald ihm nur das Licht dafür aufgesteckt ist.“

 

Prof. Dr. Matthias Castorph lehrt an der Technischen Universität Kaiserslautern „Stadtbaukunst und Entwerfen“ und forscht und publiziert u.a. zu Manualen der Stadtbaukunst, Theodor Fischer sowie der städtebaulichen Entwicklung Münchens und gibt dazu ausgewählte Schriften der Stadtbaukunst (z.B. von  Karl Henrici, Theodor Fischer und Cornelius Gurlitt) wieder neu im Franz Schiermeier Verlag (stadtatlas-muenchen.de) heraus. Gemeinsam mit Marco Goetz führt er die Goetz Castorph Architekten und Stadtplaner GmbH in München und plant und realisiert architektonische und städtebauliche Entwürfe (www.goetzcastorph.de ).

Titelbild: Isarauen © Huifang Luo

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 12.2020/1.2021 zum Themenschwerpunkt “München und sein Urbanes Grün”.

 

 

Bildquellen:

  • 20201204_Isar 3_luo: Huifang Luo
  • urbanesGrün_im_Lockdown1: © Klaus Bäumler
  • urbanesGrün_im_Lockdown2: Klaus Bäumler