Städtebauliche Möglichkeiten auf und jenseits des Großmarktgeländes „um den Gotzinger Platz“

Wenn man die momentane Planung der neuen Großmarkthalle beobachtet, kann man dies einerseits als Problem oder andererseits auch als Chance für Untersendling begreifen. Das Problem ist, wie sich ein Gebilde in den städtischen Kontext einfügen kann, welches selbst alle Maßstäbe sprengt. Ob die vorgestellte Planung städtebaulich sinnvoll, möglich und zukunftsfähig ist, sei dahingestellt. Geht man aber trotzdem davon aus, dass die neue Großmarkthalle so oder so ähnlich, wie es jetzt absehbar ist, kommen wird, kann man dieses Dilemma kritisieren, dagegen angehen oder in Anbetracht der Tatsachen der aktuellen Stadtentwicklung und der weiter um sich greifenden Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge (vgl. die neue Spielstätte des Münchner Volkstheaters) vielleicht wieder einmal resignieren. Oder – und das wäre meine Anregung – die Chance sehen und als Bürger und Planer versuchen, weiter- und über das Heute hinauszudenken, städtebauliche Ziele und Wünsche zu definieren und sich sodann, mit langem Atem, mit der Macht der Bedingungen auseinanderzusetzen.

Welche Strategien hätten wir dafür?

Theodor Fischer formulierte vor einem Jahrhundert die Komponenten „harter Realismus, Hingabe an das Seiende und Dienst am Wirklichen“ – als Aufgabe des Städtebaues.

„Harter Realismus“ könnte hier bedeuten: Wir sollten davon ausgehen, dass es so kommen wird, wie es sich abzeichnet: Einer der größten Einzelbaukörper Münchens wird entstehen – ein Hybrid, der nach den eigenen Nutzungsanforderungen, immissionsbedingten Zwängen des LKW-Verkehrs und den funktionalen und ökonomischen Anforderungen einer eigenständigen Wirtschaftlichkeit optimiert ist. Auch wenn begrünte Flächen mit Büronutzungen als Dachlandschaft angeboten werden, sind die Maßstäbe gesprengt und eine Anbindung oder Einbettung in das Quartier wird sich nicht einstellen. Die neue Großmarkthalle wird ein Fremdkörper im Stadtkörper sein. Damit wäre sie aber nicht allein: Untersendling besitzt bereits mit Heizkraftwerk, alter Großmarkthalle, Sortieranlage und den Gleisanlagen diverse Solitäre, die schon heute ein räumlich heterogenes Quartier prägen. Diese eigentümliche Situation, die für das innerstädtische München heute eher untypisch ist (wenn man vom Areal der alten Paketposthalle in Neuhausen absieht) verspricht daher auch die Chance, etwas Extraordinäres entstehen zu lassen.

Dazu wäre dann die „Hingabe an das Seiende“ eine Möglichkeit, die uns animieren kann, sich mit dem Ort selbst, seiner Geschichte und seiner besonderen städtebaulichen Entwicklung zu beschäftigen, um hier, im Wissen um die Vergangenheit etwas Zukunftsfähiges zu denken und zu planen. Etwas, das ausgehend von den realen Bedingungen den Stadtteil weiterentwickelt und vielleicht dann erst die städtische Qualität erreichen wird, was zwar vor langem angedacht war, sich aber bisher nicht einstellen konnte. Daher lohnt der Blick zurück:

Abb. 1: Wettbewerbsbeitrag Henrici Sendling, Abbildung Platzanlage Perspektiven
© Karl Henrici

Der Bereich um den Gotzinger Platz in München-Sendling ist eine Sondersituation in der Stadtentwicklung Münchens. In den Planungen zur Stadterweiterung (nach dem Stadterweiterungswettbewerb von 1892) war im Bereich unterhalb der Isar-Hangkante (zwischen Ober- und Untersendling) eine fulminante Platzanlage (Platz XIV im Wettbewerbsbeitrag von Karl Henrici) als Stadtteilzentrum für den Stadtteil München-Sendling vorgesehen (vgl. Abb. 1). In den darauf folgenden Planungen von Theodor Fischer, der als Leiter des damals neu gegründeten Stadterweiterungsbüros die Weiterentwicklung der Wettbewerbsbeiträge vornahm und diese gemeinsam mit der Verwaltung und dem Stadtrat Münchens bis 1899 zum General-Baulinienplan Münchens planerisch fortführte, war auch an ähnlicher Stelle eine Platzanlage mit Zentrumsfunktion und hoher baulicher Dichte vorgesehen (vgl. Abb. 2). Doch bereits im Staffelbauplan von 1904 (vgl. Abb. 3) erkennt man, dass die beabsichtigte Planung eines neuen Stadtquartiers und die weitere Ausdehnung als Stadtteil durch den Bau und Betrieb der neuen Großmarkthalle seit der Jahrhundertwende verhindert wurde. So ist seit über 100 Jahren das Quartier um den Gotzinger Platz unvollständig, und München-Sendling fehlt bis heute die damals projektierte Mitte.

Abbildung 2: Ausschnitt General-Baulinienplan Sendling
© Theodor Fischer

Es ist an der Zeit, diesem Mangel durch Planungen abzuhelfen und damit auch die Chancen wahrzunehmen, die der Bezirksausschuss bereits klar benannte: „Die Planungen eröffnen völlig neue Möglichkeiten, das alte Großmarktareal einer Nutzung in bester Lage für Wohnen, Gewerbe, Freizeit, Infrastruktur, Kultur und Soziales zuzuführen.“

Auf Grund dieser Situation hat der Stadtrat der Landeshauptstadt München im April 2020 einen Eckdatenbeschluss mit überwältigender Mehrheit gefasst. Dazu wurden für den Bereich der heutigen Großmarkthallennutzungen Planungsziele definiert. Neben der baurechtlichen Ermöglichung der neuen Großmarkthalle mit 220.000 m2 Großmarkt und weiteren 55.000 m2 Büroflächen auf dem Dach soll in diesem Bereich ein „qualitätsvolles, innerstädtisches Quartier mit Gewerbenutzung sowie Wohnbauflächen und erforderlicher Infrastruktur“ sowie „bezahlbarer Wohnraum für alle Bevölkerungsgruppen“ geschaffen werden.

So weit, so gut. Aber genau an dieser Stelle sollte man weiterdenken, wenn städtebauliche Planung nicht nur die Erfüllung von Notwendigkeiten sein soll. Die Ausweisung des Planungsgebiets für die städtebauliche Entwicklung lediglich auf das Großmarktareal vergibt hier die Chance auf eine positive Entwicklung des gesamten Stadtteils.

Warum denkt man nicht deutlich größer? Es besteht die Chance, die vor über einem Jahrhundert bereits projektierte Mitte des ganzen Stadtteils zu vervollkommnen. Es besteht die Chance, die denkmalgeschützten Solitäre in den weiteren Kontext einzubinden und ein gesamtes Stadtviertel nicht nur zu arrondieren, sondern auch stadträumlich neu zu denken – parzellenübergreifend und als Gesamtorganismus, nicht nur auf den jetzt frei werdenden und umzunutzenden Flächen.

Abbildung 3: Ausschnitt Staffelbauplan Sendling
© Theodor Fischer

Es sollte hier nicht darum gehen, wie bereits so oft in den letzten Jahrzehnten in München geschehen, innerhalb eines freigewordenen Areals ein neues Quartier nur für sich allein und nach den bestehenden Zwängen der Wohnungsnot und des geltenden Immissionsschutzes und anderer lobenswerter Vorgaben zu errichten. Wir sollten uns erinnern, dass in München Stadtentwicklung schon einmal vorbildlich und gesamtheitlich gedacht wurde, dass ganze Stadtviertel nahtlos „weitergestrickt“ wurden und nicht nur ein Besetzen von Freiflächen mit Baukörpern in auf sich selbst bezogenen Strukturen vorgenommen wurde. Dieses Vorgehen setzt aber voraus, dass der städtebauliche Fokus erweitert wird, über die aktuellen Grundstücksgrenzen und heutigen Akutaufgaben hinausgedacht wird und Stadt nicht nur als Aneinanderreihung von Parzellen und Funktionen sondern als lebendiger Organismus im Sinne einer Stadtplastik (und nicht als Stadtskulptur) verstanden wird.

Wenn wir Planung daher als „Dienst am Wirklichen“ ansehen, sollten wir noch einen Schritt weitergehen: Nicht nur die Flächen auf dem Areal des
Großmarkts, sondern auch die Flächen westlich davon – um den Gotzinger Platz – könnten den Mittelpunkt der städtebaulichen Entwicklung bilden, von dem aus das frei werdende Areal Teil einer „neuen Mitte Sendling“ entwickelt werden. Man sollte den bestehenden Stadtkörper mit den Wohnungsbauten, Kontorhäusern, der Kirche und der Schule an vorhandenem Platz und räumlich gehaltenen Straßenzügen weiterentwickeln und akzentuieren. Man könnte dazu die Hypothese aufstellen, dass die frei werdende, identitätsstiftende, denkmalgeschützte Großmarkthalle möglichst einer gemeinschaftlichen oder kulturellen Nutzung (sei es Theater/ Konzerthalle/ Museum o.ä.) bei unverändertem Baukörper zugeführt wird und ihren Solitärcharakter als öffentliches Gebäude mitten in den Stadtteil einbringen könnte.

Man könnte dann auch nachdenken, was das Besondere bereits heute in diesem lebendigen und ungeleckten Stadtteil ist und wie man dies fördern und im Sinne Sendlings steigern könnte. So könnte man auch die kleinen, vermeintlich marginalen Dinge als identitätsstiftende Gebäude in größere Zusammenhänge integrieren, selbst wenn sie nicht denkmalgeschützt sind, z.B. das kleine ehemalige „Klo-Häuschen“, das schon bisher eine Kultureinrichtung/Ausstellungsraum ist, sowie die eingeschossige Gemüsesortieranlage.

Durch den Entfall der abgrenzenden Mauern und Zäune des bisherigen Großmarktgeländes und die Entsiegelung großer Flächen kann, im direkten Anschluss an die bestehende Bebauung, ein lebendiges, urbanes, grünes, gemischtes Stadtquartier entstehen, das die vorhandene, erhaltenswerte Bebauung integriert und auf- und umwertet. Die Gaststätte der Großmarkthalle müsste dann vielleicht ihren Wirtsgarten nicht mehr neben einem Parkplatz haben, und auch die Blockränder, die bisher nur als Fragmente erfahrbar sind, würden neuen Raum für Wohnen und Arbeiten ermöglichen und als reparierte Raumkanten den Stadtraum fassen. Vom Gotzinger Platz aus, der mit Kirche und Schule als öffentlicher Platz mit zen-tralen Funktionen bereits in den Grundzügen angelegt ist, könnte das Straßenraumgefüge erweitert und (neu) definiert werden. Und man könnte noch weiter denken: Wie lassen sich die Bahnflächen integrieren, übergreifende Grünräume bilden und auch nördlich an das Viehhof- und Schlachthofquartier anbinden – also Stadt verknüpft und verwoben entwickeln.

Das könnte der Rahmen sein, in dem sich die Entwicklung Sendlings für die nächsten 100 Jahre abspielen könnte. Ob das Weiterbauen des Stadtteils den damaligen stadtbaukünstlerischen Überlegungen von Karl Henrici und Theodor Fischer folgt oder ob eine andere städtebaulich-räumliche Strategie den städtebaulichen Entwurf bestimmt, bliebe dann einer integrativen, gesamtheitlichen Planung der Bürger gemeinsam mit Politik, Verwaltung und Planern überlassen, die gemeinsam Sendling und Stadt weiter als gewöhnlich denken könnten. Und so könnte eine „neue Mitte Sendlings“ entstehen – als Mehrwert zur vorgesehenen „Bebauung des Großmarktgeländes“.

 

Prof. Dr. Matthias Castorph lehrt an der TU Kaiserslautern „Stadtbaukunst“ und publiziert mit einem Forschungsschwerpunkt zu Theodor Fischer und der städtebaulichen Entwicklung Münchens. Gemeinsam mit Marco Goetz führt er die Goetz Castorph Architekten und Stadtplaner GmbH in München und plant und realisiert architektonische und städtebauliche Entwürfe (www.goetzcastorph.de ).

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 08./09. 2020 zum Themenschwerpunkt “Brückenschlag für neuen Lebens-Mittel-Punkt”.

 

Bildquellen:

  • Beitragsbild_Großmarkt_M: Huifang Luo