Stellungnahme zum ‚Bürger*innengutachten PaketPost-Areal München‘:
Empfehlungen zur weiteren Quartiersentwicklung aus Sicht der Projektgruppe ‚Bürgergutachten Paketpost-Areal‘ des Münchner Forum e.V., 24.03.2022:

Im Oktober 2021 führte das nexus Institut im Auftrag der Landeshauptstadt München ein Bürger*innengutachten zum Paketpost-Areal durch, an dem 112 zufällig ausgewählte Bürger*innen Empfehlungen zur Quartiersentwicklung erarbeiteten. Vier Monate danach, am 11. Februar 2022, wurden die Ergebnisse im Rathaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Während in den Medien voreilig eine „Mehrheit für die Türme auf dem Paketpost-Areal“ ausgemacht wurde (SZ-Titel[i] „Her mit den Hochhäusern“), zeigt sich bei eingehender Lektüre des Gutachtens in den abschließenden „Open Spaces“ nur mehr wenig Begeisterung für die Hochhäuser. Zentrale Fragen blieben unbeantwortet. Auch waren sich die Bürger*innen nicht einig, ob der vorgelegte Masterplan insgesamt die bestmögliche Variante für die Bebauung darstellt, und hielten wiederholt eine umfassende Überarbeitung für dringend notwendig. Das Gutachten enthält hierzu ein breites Spektrum höchst differenzierter Gedanken und konkreter Ideen. Unsere Folgerung ist: Der Masterplan für das Paketpost-Areal muss wesentlich überarbeitet werden.

Die Projektgruppe ‚Bürgergutachten Paketpost-Areal‘ des Münchner Forums hat die Vorbereitung des Bürgergutachtens seit April 2021 intensiv begleitet. Im Juli 2021 hat sie ein viel beachtetes Impulspapier[ii] zur Themenstellung vorgelegt und anschließend am Runden Tisch sowie im Bürger*innengutachten mit mehreren Expert*innen mitgewirkt. Im Folgenden greifen wir sieben zentrale Themen aus dem Bürger*innengutachten auf, die auch aus unserer Sicht eine stärkere Beachtung bei der Quartiersentwicklung erfordern. Wir fordern Politik und Verwaltung auf, diese während der nächsten Monate eingehend und ergebnisoffen zu vertiefen und in der Überarbeitung des Masterplans umfassend zu berücksichtigen.

Die folgenden Seitenangaben beziehen sich auf das Gutachten.

  1. „Einen klaren Fokus auf Nachhaltigkeit setzen“

Die wichtigste Empfehlung des Bürger*innengutachtens ist die Aufforderung, „bei der Entwicklung des PaketPost-Areals einen klaren Fokus auf Nachhaltigkeit“ zu setzen (S. 13). Der Anspruch lautet: „Das PaketPost-Areal soll zu einem Vorzeigeprojekt für nachhaltige Bauweise werden, das international Maßstäbe setzt“ (S. 42).

Fazit: Die Bürger*innen sehen die Notwendigkeit nachhaltiger Quartiersentwicklung klar im Vordergrund. Dabei muss „Nachhaltigkeit“ umfassend gedacht werden: Sie umfasst ökologische Anforderungen an die Bebauung und Gestaltung des Quartiers ebenso wie die wirtschaftliche und soziale Ausgewogenheit des Flächenangebots mit bezahlbarem Wohnraum, öffentlich zugänglichen Grün- und Freiflächen, gemeinschaftlichen Einrichtungen und einem zukunftsweisenden Mobilitätskonzept.

  1. „Verdichtung bewusst und nachhaltig gestalten“ – Art und Maß der baulichen Nutzung definieren

Die zentrale Frage lautet hier, wie Verdichtung in einem bioklimatisch belasteten Stadtraum nachhaltig und gleichzeitig klimaangepasst gestaltet werden kann. Welche Nutzungsmischung ist nachhaltig? „Muss das Quartier so dicht sein?“ (S. 73) Klar ist: München wächst und erlebt dauerhaft einen Wohnungsmangel. Die Bürgergutachter*innen fordern die „Schaffung bezahlbaren Wohnraums innerhalb des PaketPost-Areals, die über die in der sozialgerechten Bodennutzung vorgesehenen gesetzlichen Vorgaben hinausgehen soll. Es wird empfohlen, […] vor allem Wohnungen im mittleren Marktsegment zu bauen“ (S. 14).

Fazit: Zur Dichte gibt es im Gutachten divergierende Ziele und Zahlen. Notwendig ist aus unserer Sicht eine transparente Darstellung von Art und Maß der baulichen Nutzung mit / ohne Paketposthalle, mit / ohne Abzug jener Grundstücksteile, die in der Regel öffentlich sind und nicht in die Berechnung der Geschoßflächenzahl (GFZ) eingehen. Wir erwarten, dass sich die Dichte der Bebauung an den rechtlich definierten Orientierungswerten für Obergrenzen für Kerngebiete und Urbane Gebiete (GFZ 3,0) orientiert.

  1. Mehr Grün- und Freiflächen im Paketpost-Areal bereitstellen

„Als besonders negativ empfinden die Teilnehmer*innen, dass im PaketPost-Areal zu wenig Grün- und Freiflächen vorgesehen sind.“ (S. 38) Das Ziel lautet „weniger verbaute Fläche – mehr Grünfläche, effizientes Grün“, „dass unbedingt für jede*n Einwohner*in 20 Quadratmeter Grünfläche innerhalb des PaketPost-Areals vorhanden sein soll.“ (S. 53)

Fazit: Die aktuelle und künftige Flächenbilanz der Grün- und Freiflächen im Paketpost-Areal ist detailliert und fachgerecht darzustellen. Das Verhältnis (20 qm / Einwohner*in) muss stimmen! Zu bedenken ist, dass der Freiflächenbedarf bei höherer Wohnnutzung im Quartier weiterwächst (siehe Punkt 2). Wichtig ist zu belegen, wie die Grün- und Freiflächen auf dem Grundstück erreicht und baurechtlich sichergestellt werden können.

  1. Die Hochhäuser – Mythen und Fakten checken

„Bezüglich der Höhe der Hochhäuser wurde in den Planungszellen kein Konsens erzielt. […] Mit 82 Punkten erhielt die Empfehlung, die Türme mit einer Höhe von 155 m so zu bauen, wie es der Masterplan von Mitte 2021 vorsieht, die höchste Punktzahl. […] Im Gegensatz dazu bezeichnet die zweite Empfehlung mit 46 Punkten die Dominanz der Hochhäuser als einen Nachteil.“ (S. 50 f.) Im Ablauf des Bürger*innengutachtens wechselte das Meinungsbild zwischen Befürworter*innen, die in den Hochhäusern ein „Sinnbild für München als weltoffene Metropole“ sehen (S. 50), und Skeptiker*innen, die die hohen Kosten, den Ressourcenverbrauch und die exklusiven, hochpreisigen Nutzungen kritisierten. Die zentrale Frage lautete: „Benötigt der Ort die Höhe von 155 m?“ (S. 51)

Fazit: Notwendig ist ein neutraler Faktencheck! Können Hochhäuser dieser Größenordnung – wie von den Bürgergutachter*innen in Punkt 1 gefordert wird – ökologisch nachhaltig und damit ressourcenschonend und klimaneutral gebaut werden? Schaffen sie urbane Mischung und bezahlbaren Wohnraum? Reduzieren sie – wie angenommen – wirklich den Flächenverbrauch und die Versiegelung der Stadt? Oft geht es hier um Mythen statt um Fakten! Die Aufteilung der Hochhausflächen auf drei oder mehr niedrigere Türme sollte einer ernsthaften Abwägung unterzogen werden.

  1. „Umsetzung eines innovativen, nachhaltigen und autoarmen Mobilitätskonzepts“

Die Dichte der Bebauung und die vielfältigen Nutzungen erzeugen einen hohen Verkehrsdruck im Areal sowie zusätzlich hohe Verkehrsströme in der Stadt. Der Masterplan sieht zwar Autofreiheit an der Oberfläche vor, setzt aber darüber hinaus primär auf den motorisierten Individualverkehr. Die Bürgergutachter*innen schlagen stattdessen eine bewusste Stärkung des Umweltverbunds als zentrales Steuerungsinstrument vor. Neben den Pull-Maßnahmen (ÖPNV, Rad- und Fußverkehr, Sharing-Angebote u.a.) sehen sie Push-Maßnahmen durch „weniger Stellplätze für Autos“, Reduzierung der „monströsen“ Tiefgarage auf 2,5 Tiefgeschosse u.a. vor (S. 59 f., 67).

Fazit: Die Umsetzung eines innovativen, autoarmen und sozial gerechten Mobilitätskonzepts erfordert eine starke Führung und Koordination der Maßnahmen. Eine konsequente Einbindung in den Umweltverbund und in innovative Mobilitätskonzepte bei gleichzeitiger Reduzierung des Stellplatzschlüssels ist – wie von den Bürgergutachter*innen gefordert – möglich und entsprechend festzuschreiben.

  1. Nutzung und Betrieb der Paketposthalle sicherstellen

Kernstück des Areals ist die Paketposthalle. Hier stellt das Bürger*innengutachten fest: „Die Idee, die Paketposthalle langfristig als einen attraktiven und vielfältigen öffentlichen Ort der Begegnung und als Freiraum im Areal zu nutzen, stößt bei den Teilnehmenden auf breite Zustimmung. Um dies zu gewährleisten, ist es aus Sicht der Bürgergutachter*innen unbedingt notwendig, frühzeitig ein Konzept für die Gestaltung der Nutzung und den Betrieb der Halle zu entwerfen. Dies umfasst insbesondere die Trägerschaft der Erdgeschossflächen, das Betreiberkonzept für das Erd- und Untergeschoss sowie die Klärung, wer das finanzielle Risiko des Betriebs der Halle trägt. […] Die Nutzungsrechte der Öffentlichkeit sollen im Grundbuch verlässlich und dauerhaft abgesichert werden.“ (S. 15), ggf. auch als „Voraussetzung für das Baurecht“ (S. 55).

Fazit: Der Erhalt, die öffentliche Nutzung und die Anforderungen der denkmalgeschützten Halle an die Infrastrukturen innerhalb und außerhalb der Halle dürfen im Planungsprozess nicht aus dem Blickfeld geraten! Angesichts der noch ungesicherten Nutzungsideen – insbesondere für das Erdgeschoss – wird dringend gefordert, ein verbindliches Betriebs- und Nutzungskonzept für die Paketposthalle aufzustellen, in dem auch eindeutig geklärt wird, ob die Stadt München oder der Investor für Nutzung, Betrieb und Instandhaltung zuständig ist. Falls das „Gesamtkonzept“ kurzfristig nicht zustande kommt, empfehlen wir, mit dem Investor eine grundsätzliche vertragliche Vereinbarung zum Erhalt, Umbau und zur wirtschaftlichen Verantwortung für die Halle abzuschließen.

  1. Zum weiteren Verfahren: Den Masterplan überarbeiten und die Öffentlichkeit
    informieren

Die Ergebnisse des Bürger*innengutachtens zum Paketpost-Areal belegen eindrucksvoll, dass die 112 Bürger*innen in vier Arbeitstagen wesentliche Fragen der Quartiersentwicklung erarbeiten und kritisch-konstruktive Lösungsansätze aufzeigen konnten. Das Bürger*innengutachten ist das Dritte seiner Art in München, es ist ein bewährtes Beteiligungsinstrument. Für den zukünftigen Planungs-prozess fordern die Gutachter*innen aber, „der Öffentlichkeit mehr Informationen über die Entwicklung des PaketPost-Areals zur Verfügung (zu) stellen.“ (S. 15)

Eine weit frühere qualifizierte Bürger*innenbeteiligung sowie ein städtebaulicher Wettbewerb, der konkrete Alternativen hätte aufzeigen können, wären sicher sinnvoller – ja notwendig – gewesen, bevor der Masterplan des Investors sowie die Macht der Bilder werbewirksam die öffentliche Debatte geprägt haben. Auch hätten die Auswirkungen der Hochhäuser und der hohen Bebauungsdichte auf die Bodenwerte im Areal und in der Umgebung mitgedacht und mitdiskutiert werden müssen; denn weiter steigende Bodenwerte verringern die Chancen, auch andernorts bezahlbaren Wohnraum zu realisieren.

Fazit: Durch das Gutachten ist (noch) klarer geworden, welche zentralen Fragen zur Quartiers- und Baurechtsentwicklung bislang unbeantwortet sind. Wir erwarten, dass die Empfehlungen des Gutachtens im weiteren Planungsverfahren ergebnisoffen geprüft und beantwortet werden. Aus Sicht des Bürger*innengutachtens und aus unserer Sicht erfordert dies eine wesentliche Überarbeitung des Masterplans, die dann dem Anspruch einer nachhaltigen Quartiersentwicklung gerecht wird. Das Münchner Forum ist bereit, sich weiterhin kritisch-konstruktiv zu beteiligen.

gez.
Ursula Ammermann
Bernhard Fischer
Martin Fürstenberg
Monika Popp
für die Projektgruppe ‚Bürgergutachten Paketpost-Areal‘

gez.
Gero Suhner
Michael Schneider
Vorsitzende des Programmausschusses

 

[i] Süddeutsche Zeitung vom 12./13.02.2022

[ii]In großen Zusammenhängen denken. Zentrale Aspekte für das Bürgergutachten“, Impulspapier der Projektgruppe ‚Bürgergutachten Paketpost-Areal‘ des Münchner Forums vom Juli 2021

Zum Nachlesen: Bürger*innengutachten PaketPost-Areal München

 

 

Bildquellen:

  • Paketposthalle: Michaela Schier