Mit einem vergleichsweise eng begrenzten Stadtgebiet von 310 km² stehen in München 73 m² Freiraum (Erholungsflächen incl. Landwirtschaftsflächen, Wälder, Wasserflächen) pro Einwohner*in im Stadtgebiet zur Verfügung. Das ist wenig, auch im Vergleich zu anderen Großstädten. Die damit einhergehenden großen Flächenkonkurrenzen waren schon immer die zentrale Herausforderung für die Münchner Grün- und Freiraumplanung. Grün- und Freiflächen sind unverzichtbar und müssen auch in einer wachsenden Stadt mit enormem Wohnraumbedarf gleichrangig und Hand in Hand weiterentwickelt werden.

In dieser Verantwortung sind seit langem viele Instrumente, Konzepte und Strategien zur Verstetigung der Freiflächenentwicklung und Optimierung von Freiraumqualitäten entworfen und eingeführt worden: So z. B. die für alle Bauleitplanungen verbindlichen integrierten Grünordnungspläne und Landschaftspläne, Freiflächenorientierungswerte für die Bebauungsplanung und erforderliche Realisierung von öffentlichen Grün- und Freiflächen nach den Regularien der Sozialgerechten Bodennutzung (SoBoN), Standards für Freiraumqualitäten, Baumpflanzungen, Gemeinschaftsdachgärten, Ausgleichsflächenkonzeptionen, Ökokonten, etc.. So sind viele neue öffentliche Grün- und Freiflächen im Rahmen der Bauleitplanung entstanden (allein in den letzten 10 Jahren 130 Hektar) und große Teile der ehemaligen Niedermoorgebiete und Heiden im Grüngürtel konnten durch Ausgleichsflächen ökologisch und landschaftlich aufgewertet werden (rund 240 Hektar).

„Freiraum M 2030“

Bevölkerungswachstum, gesellschaftliche Veränderungen und die zusätzlichen Herausforderungen, die der Klimawandel für diese wachsende Stadt bedeutet, machte eine freiräumliche Langfriststrategie für die Münchner Freiraumentwicklung als wesentliches Pendant zur „Langfristigen Siedlungsentwicklung“ (LaSie) notwendig. Mit der Erarbeitung der Freiraumkonzeption „Freiraum M 2030“ wurde das Berliner Büro bgmr Landschaftsarchitekten beauftragt in Kooperation mit Friedrich von Borries, Architekt und Professor für Designtheorie an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg, und Freiraumstudio. Aufbauend auf den bereits vorhandenen Planungsgrundlagen, den maßgeblichen gesellschaftlichen und umweltbedingten Trends sowie den München- spezifischen, charakteristischen Freiräumen macht die Konzeption innovative Vorschläge für eine nachhaltige Freiraumentwicklung. Schlüsselprojekte bilden dabei die konzeptionelle Umsetzungsebene und sind die tragenden Säulen der weiteren Arbeit und wichtige Bausteine für eine gelingende Freiraumentwicklung. Entlang der formulierten Leitthemen „Entschleunigung“, „Verdichtung“ und „Umwandlung“ spannt sich auch die gesamtstädtische Freiraumkulisse auf, die die wesentlichen Bestands- und Potenzialflächen umfasst. So wird ein großer Schwerpunkt der künftigen Arbeit der Erhalt und die Weiterentwicklung sowohl der großräumigen entschleunigenden Freiraumelemente, wie den Parks, Friedhöfen, Flusslandschaften sowie den Parkmeilen als Freiraumverbindungen, aus der Stadt in die Landschaft sein, ebenso die In-Wert-Setzung und Qualifizierung des Münchner Grüngürtels als nahegelegener Erholungs-, Natur- und Kulturlandschaftsraum.

Diese weiten und großzügigen Räume stellen einen wichtigen Gegenpol zur beschleunigten Stadt dar.

Die durch Urbanisierung und Verdichtung gekennzeichneten, schon bebauten Bereiche sind ein zweiter großer Aufgabenschwerpunkt. Hier sind vornehmlich vorhandene Freiräume für vielfältigere Nutzungen zu optimieren, zusätzliche Raumpotenziale wie Nischen, Stellplätze, Dächer zu aktivieren und Straßenräume neu zu verteilen für mehr und bessere Aufenthaltsqualitäten der Bewohnerschaft.

 

Schlüsselprojekte – Stand der Dinge

Für die Parkmeile „Feldmochinger Anger“ im Münchner Norden wird derzeit ein Masterplan erarbeitet, als Nutzungs- und konzeptioneller Gestaltleitfaden, an dem sich die weitere Freiraumentwicklung orientieren soll. Insbesondere wird dabei auf durchgehende Wegeverbindungen fokussiert. Es soll ein Konzept für die Zukunft entstehen, das eng mit der angrenzenden Bewohnerschaft und örtlichen Institutionen und entlang der stadteigenen Flächen entwickelt wird. Masterpläne für weitere Parkmeilen sind in der Vorbereitung für die Konzeptentwicklung. Für den Münchner Grüngürtel wurde eine landschaftsbezogene Wegekonzeption erarbeitet (freiwurf Landschaftsarchitekturen mit Stein+Schultz), ein wichtiger Schritt für die Erschließung und das Erleben dieser stadtnahen Landschaftsräume. Eine umfassende Broschüre „Wege machen Landschaft“ liegt dazu vor. Landschaftsbeschreibungen, Analyse und Verbesserungsvorschläge für das Wegenetz sind wichtige Grundlage für die Planung. Auch die gute interkommunale Zusammenarbeit bei dieser Konzeption ist ein wesentlicher Baustein für die Zukunft des Grüngürtels. Zwei weitere Schlüsselprojekte im bebauten Kontext der Stadt sind auch gestartet: das „Freiraumquartierskonzept für das Umfeld der Bayernkaserne“ und das „Freiraumquartierskonzept Innenstadt“.

 

„Freiraumquartierskonzept Innenstadt“

Mit diesem Schlüsselprojekt entsteht ein planerisches Kompendium zum zukünftigen Erhalt und zur Entwicklung von Grün- und Freiflächen in der Altstadt und umgebenden Quartieren (mahl gebhard konzepte). Wesentliche Inhalte und Planungsziele sind dabei, aufzuzeigen, wo Freiraum- und Grünflächenpotenziale neu entstehen können, wie bestehende revitalisiert und qualitativ aufgewertet werden können, wie die Ortsidentitäten und Aufenthaltsqualitäten generell im öffentlichen Raum, auch vor dem Hintergrund der hitzebelasteten Innenstadt, insbesondere durch Baumkonzepte und Alleen verbessert werden können. Es soll ein verbindendes Freiraumsystem sowohl über öffentliche als auch private Grün- und Freiflächen entstehen. Angenehme Wege, Spazier- und Flanierwege in der Altstadt und in die angrenzenden Stadtviertel hinein sind dabei besonders wichtig. Eine wesentliche Grundlage hinsichtlich der historischen Bezüge wird die neu erarbeitete Recherche zum historischen Grün der Altstadt und Umgebung sein (Dr. Christine Rädlinger), die in einer umfassenden Broschüre des Planungsreferates vorliegt. Eine Chance für die Entwicklung weiterer Freiräume in der Innenstadt stellt die Weichenstellung der Stadtpolitik von 2019 zur autofreien Innenstadt dar, mit der großzügige Spielräume für die Umgestaltung eröffnet werden könnten. Freiraumvisionen dafür sowie Planungsempfehlungen für Einzelprojekte, wie z. B. die Herzog-Wilhelm-Straße, werden auch im Sinne von Leitbildern entwickelt. Eine digitale Öffentlichkeitsphase startet ab Anfang 2021.

Abb. 2: Vielfältige Nutzungsmöglichkeiten in der weltbekannten ‚Freiraummarke‘ Englischer Garten
Foto © Matthias Lampert/ LHM

 

Prozesshafte Freiraumentwicklung und Freiraummanagement

Um neue Freiraumpotenziale, wie z. B. im „Freiraumquartierskonzept Innenstadt“, auch wirklich greifbar werden zu lassen, sind Freirauminterventionen und Initialmaßnahmen ein wichtiger Ankerpunkt zur Diskussion mit der Bürgerschaft. Dies sind nicht nur Potenzialflächen der Straßenräume in Form von Sommerstraßen und Parklets. Weitere Mehrfach- und Zwischennutzungen müssen ausgetestet werden. Ebenso sind Interventionen an bestimmten Punkten entlang von Parkmeilen wichtige Aktionen, die Bewohnerschaft vor Ort einzubeziehen. Schon bei der „Freiraumzeit“, der Öffentlichkeitsphase für „Freiraum M 2030“ im Jahr 2017, wurde dies gewinnbringend eingesetzt. Eine Verstetigung durch ein städtisches Freiraummanagement, das Hilfestellung und Impulse gibt zur Weiterentwicklung neuer Freiraumpotenziale und somit auch kulturelle Auseinandersetzungen mit den unterschiedlichsten Freiräumen initiiert, wäre sehr wünschenswert – sei es in der dichten Stadt oder in den entschleunigenden Räumen der Parkmeilen und Grüngürtellandschaften.

 

Grün- und Freiraumplanung von Anfang an

Mit den Aufgaben der konzeptionellen Grün- und Freiraumplanung für die Gesamtstadt sowie den Umsetzungsaufgaben auf der Ebene der Bauleitplanung als Grünordnungsplanung samt begleitenden Freiflächenrahmenplanungen, Ausgleichskonzepten etc. für Teilräume hat die Grünplanung schon immer eine wichtige Rolle in der Stadtplanung inne. Mit der Konzeption „Freiraum M 2030“ sowie der in der Öffentlichkeit verstärkten Wahrnehmung und Diskussion der Bedeutung der Grün- und Freiräume Münchens ist auch ein Bedeutungszuwachs für die Grünplanung verbunden. Dies muss sich auch ganz entscheidend in einer noch selbstverständlicheren Planungshaltung aller Planenden auf allen Ebenen und bei allen Planungsaufgaben niederschlagen hinsichtlich der Notwendigkeit einer integrierten Grün- und Freiraumplanung von Anfang an – ganz im Sinne einer Freiraumgerechtigkeit für alle und für eine nachhaltige Stadtentwicklung Münchens.

 

Susanne Hutter-von Knorring ist Landschaftsarchitektin. Ihr Studium absolvierte sie an der TU Berlin und TU München-Weihenstephan und arbeitete im Anschluss an das Diplom freiberuflich und als freie Mitarbeiterin im Gartenamt Augsburg. Seit 1985 war sie bei der Landeshauptstadt München im Referat für Stadtplanung und Bauordnung angestellt, von 1985 bis 2000 in der Abteilung Naturschutz, ab 2000 bis November 2020 leitete sie die Abteilung Grünplanung.

 

Titelbild:

Abb. 1: Freiraumkulisse Konzeption „Freiraum M 2030“
Foto © Landeshauptstadt München (LHM) – Referat für Stadtplanung und Bauordnung – Grünplanung nach bgmr Landschaftsarchitekten

 

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 12.2020/1.2021 zum Themenschwerpunkt „München uns sein Urbanes Grün“

Vorgeschlagene Zitierweise: Hutter-von Knorring, Susanne (2020): Dichte braucht Freiraum – Langfristige Grün- und Freiraumplanung in München. In: Münchner Forum e.V. (Hrsg.), Online-Magazin STANDPUNKTE 12.2020/1.2021 zum Themenschwerpunkt „München uns sein Urbanes Grün“, S. 8-10.

Bildquellen:

  • 1506_EnglischerGarten_S: Matthias Lampert/ LHM