| Max Matheisen |

Demokratie ist anstrengend – denn sie bedeutet das Aushandeln mehrheitsfähiger Entscheidungen. In Metropolen wie München werden stadtplanerische Beschlüsse schnell zu Symbolfragen: Zwei Hochhäuser am Paketpostareal entzünden Proteste, 48.500 unterschreiben für das Bürgerbegehren „Hochhausstop“. Ende November 2025 steht „mehrheitliche Erteilung des Baurechts für die Hochhäuser durch den Stadtrat“ gegen „juristische Prüfung der Zulassung des Bürgerbegehrens durch den Bayerischen Verwaltungsgerichtshof“. Im positiven Fall gäbe es einen Bürgerentscheid „Hochhausstop“ [SZ].

In München existiert das Angebot einer breiten auf Fakten basierenden Debatte über Hochhäuser, die das Für und Wider differenziert abwägt. Das Münchner Forum hat dazu ein kompaktes Leporel- lo [MF] veröffentlicht, das Mythen systematisch mit Fakten aufarbeitet und als Grundlage für sachlichere Diskussionen dienen kann.

Stadtrat und Bezirksausschüsse sind die kleinsten demokratischen Einheiten, diese stellvertretenden Gremien beruhen auf dem Vertrauen, Entscheidungen für die Stadtgesellschaft zu treffen – erleben aber in der Wirkung manchmal Vertrauensverlust. Oft als direkter wahrgenommene Bürgerbegehren und Bürgerentscheide setzen auf die Aktivität zumindest anfangs nicht mehrheitlicher Gruppen und erleben Zuspruch –verzögern aber bisweilen auch Vorgänge durch rechtliche Verfahren. Vor den Kommunalwahlen 2026 stellt sich die Frage: Wie lassen sich Polarisierung reduzieren und mehrheitliche Akzeptanz erreichen, ohne die repräsentative Demokratie zu schwächen?

Dazu drei Aspekte:

Bürgerbegehren machen das Potenzial des Protestes sichtbar

Respekt vor der Arbeit der Initiative „HochhausSTOP“ [HS]. Im Protest wird ein enormes Potenzial deutlich: Recherche, Fachwissen, Mobilisierung, Hartnäckigkeit. Dieser Protest ist ein Anfang der Debatte in der Stadtgesellschaft und hat bereits gute konstruktive Lösungsvorschläge hervorgebracht: das grüne Quartier im Höhenband.

Wie gelingt es, diesen konstruktiven Protest in produktiven Nutzen zu verwandeln? Protest wirkt in der Wahrnehmung oft negativ als Blockade – wie lässt sich daraus ein positiver Nutzen
begreifen? Ziel ist es nicht, Konflikte zu vermeiden, sondern diese so zu gestalten, dass sie nutzbar, qualitätsvoll und wertstiftend werden und zu mehrheitlich tragfähigen Entscheidungen führen.

Aus Dagegen wird Mitgestalten: Diese Fragestellung adressiert das Systemische Konsensieren von Erich Visotschnig und Siegfried Schrotta. Das Fragen nach dem Grund für das Nein macht den Widerstand sichtbar und diskutierbar „Welcher Vorschlag findet den geringsten Widerstand und somit die größte Akzeptanz?“ [SK] Oder anders gesagt: Unter welchen Bedingungen ist ein Vorschlag zustimmungsfähig? Das Ergebnis ist eine Lösung, die nicht von allen geliebt werden muss, aber für möglichst viele zumutbar ist – und bei einigen vielleicht sogar Begeisterung auslöst.

Bürgerentscheide liefern nur eine binäre Antwort

Entweder Ja oder Nein. Stadtentwicklung ist selten binär. Entscheidungen über urbane Dichte, städtisches Grün, Mobilität, soziale Strukturen und Gemeinwohl brauchen mehr Feinheiten, als ein Stimmzettel abbilden kann. Beim Paketpostareal stehen mehrere Stadtbilder zur Wahl: die zwei symbolischen Landmarken-Hochhäuser des Investors, die abgesenkte Kompromisshöhe, das grüne Quartier im Höhenband, ein kultur- und denkmalzentrierter Ansatz auf die Paketposthalle oder der faktische Stillstand.

Wie gelingt es, eine gute und durch Fakten begründete Entscheidung zu treffen?

Die Debatte handelt von Formen, weniger von Funktion und Wirkung. Aus Zielen werden Lösungen: Annahme, die Stadt ist das Produkt und die Stadtgesellschaft sind die Kundinnen und Kunden. Diesen Gedanken anwendend, liefert das „Münchner Produktkonkretisierungsmodell“ von Josef Ponn und Udo Lindemann [PL] interessante Ansätze. Zuerst werden die Anforderungen aller Beteiligten systematisch erhoben und priorisiert. Auf dieser Grundlage werden Funktionen und Geometrien gedacht:

  • Was muss das Quartier leisten?
  • Wie soll das Quartier räumlich aussehen?

Das Zusammenspiel von Funktionen und Geometrien liefert Möglichkeiten für Lösungsvorschläge. Vor der Umsetzung werden konkurrierende Lösungsvorschläge im Modell auf ihre Wirksamkeit gegenüber den Anforderungen bewertet. Die Bewertung der Lösungsvorschläge liefert die Begründung für die politische Entscheidung für einen der Lösungsvorschläge zur Umsetzung. Nach der Umsetzung wird die Wirksamkeit des Modells mit der Wirklichkeit verglichen.

Der Artikel hat den Stand vom Dezember 2025 vor dem Hintergrund der damaligen Situation. Am 19.01.2026 hat der Bayerische Verwaltungsgerichtshof (VGH) entschieden [SG]: Ein Bürgerbegehren gegen die Turmhochhäuser wurde abgewiesen. Was bedeutet das für Beteiligungsprozesse und Mitbestimmung? Weiter klagen oder gemeinsam gestalten? Dennoch, die erste Lösung des Investors und der Illustratoren muss nicht die beste sein. Und hier liegt die Herausforderung in der Planungshoheit, Kompetenz in Architektur und Entwicklung umzusetzen: In Europa sind wir weitgehend freiheitlich demokratisch und marktwirtschaftlich geprägt. Trotzdem gibt es Potenzial, für die beste Lösung zu kämpfen – indem Anforderungen und Wünsche der Stadtgesellschaft bestmöglich berücksichtigt werden. Dann steigt die Akzeptanz, und die Demokratie gewinnt. Liegt nicht hier das wahre Handlungsfeld statt im Rechtsweg?

 

Bürgerräte ergänzen Meinungsbildung für Entscheidungen

Neue Erkenntnisse der Wissenschaft sprechen Bürgerräten eine ergänzende Bedeutung zur stellvertretenden Demokratie zu, wenn die Voraussetzungen passen.

Wie gelingt es, ein Stimmungsbild für mehrheitliche Akzeptanz zu gewinnen?

Das Spannungsfeld liegt meist zwischen gewählten Stellvertretern aller und aktiv Betroffenen einer kleinen Gruppe, die eine Sache vehement vertreten. Als weiteres Element können Bürgerräte unterschiedliche Lebenswirklichkeiten widerspiegeln als auch diese in eine Verhältnismäßigkeit einordnen. Aus Beteiligung werden Empfehlungen:
Dem Politik- und Verwaltungswissenschaftler Daniel Oppold folgend [BPB], lassen sich vorläufige Ergebnisse aus Wissenschaft und
Erfahrung ableiten. Bürgerräte sind dann sinnvoll,

  • wenn sie einen zufälligen Querschnitt der Stadtgesellschaft darstellen,
  • wenn sie aus Individuen bestehen, die am Gemeinwohl orientiert sind und nicht persönlichen Interessen folgen,
  • wenn sie in einen faktenbasierten, strukturierten und moderierten Dialog mit Experten treten,
  • wenn sie freiheitlich demokratischen Prinzipien entsprechen und
  • wenn sie im Ergebnis qualitätsvolle Empfehlungen für politische Entscheidungen liefern.

Zudem müssen Bürgerräte in den Ablauf der politischen Entscheidung eingebunden sein, was Beauftragung, Durchführung und Umsetzung der Ergebnisse betrifft.

Fazit – Was Modernisierung der Demokratie sein kann

Modernisierung bedeutet nicht die Abschaffung der repräsentativen Demokratie, sondern eine Ergänzung durch beteiligende, begründete und beratende Formate. Die Auswahl der Prinzipien und Methoden in Kürze

  • Fakten für die Stadtgesellschaft verständlich darstellen
  • Anforderungen erheben und konsolidieren durch Bürger- und Expertenräte
  • Lösungen entwickeln mit geringstmöglichem Widerstand mittels Systemischem Konsensieren
  • Wirksamkeit vor der Umsetzung im Modell simulieren und Lösungen feinjustieren
  • Politische Entscheidungen begründet treffen
  • Wirksamkeit nach Umsetzung prüfen in 1, 3 und 10 Jahren

Appell

Demokratie bleibt die spannendste Herrschaftsform – weil sie Aushandlung verlangt. Am Paketpostareal haben wir genug Entwürfe und Darstellungen des Erscheinungsbildes der Stadt aus Sicht der Illustratoren gesehen. Jetzt brauchen wir eine Herangehensweise, die Fakten, Anforderungen und Ziele, Lösungsmöglichkeiten und Wirksamkeit verbindet. Damit lassen sich begründete politische Entscheidungen treffen, die Vertrauen in Demokratie stärken – stellvertretend oder direkt, das ist dann zweitrangig. Denn Demokratie begeistert, wenn sie Mitmachen möglich macht und Protest in echte Mitgestaltung umwandelt. Nehmen Sie teil an der Kommunalwahl 2026. Das Münchner Forum lädt Sie ein, in unseren Arbeitskreisen und Projektgruppen mitzudiskutieren, Impulse zu geben oder aktiv zu werden – für qualitätsvolle, demokratische Beteiligung im vorpolitischen Raum.

Der Autor:
Max Matheisen ist Mitglied im Münchner Forum und aktiv in Arbeitskreis ‚Attraktiver Nahverkehr‘, Projektgruppe ‚Quartiersbahnhof Kolumbusplatz‘ und Programmausschuss. Beruflich ist der Dipl.-Ing. (FH) Produktentwicklung im Anforderungsmanagement tätig

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 01./02./03.2026 „München wählt!“

 

Zum Weiterlesen:

[SZ] https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/muenchen/paketposthalle-muenchen-3d-flug-hochhaus-e985261/?reduced=true

[HS] https://hochhausstop.de/ [SK] https://sk-prinzip.eu/methode/leichtgemacht/

[PL] Josef Ponn, Udo Lindemann Konzeptentwicklung und Gestaltung technischer Produkte Systematisch von Anforderungen zu Konzepten und Gestaltlösungen Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2011 ISBN 978-3-642-20579-8

[BPB] https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/apuz/demokratie-jenseits-von-wahlen-2024/552910/buer-gerraete-in-theorie-und-praxis/

[MF] Fakten-Check Hochhäuser Münchner Forum Leporello: https://muenchner-forum.de/faktencheck-hochhaeuser/

[SG] https://www.sueddeutsche.de/muenchen/muenchen-hochhaeuser-paketposthalle-bayerischer-verwaltungsgerichtshof-li.3371600

Bildquellen:

  • Demokratie neu denken: Microsoft Copilot / Max Matheisen
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