| Dr. Annemarie Menke und Claudia Mann für den Arbeitskreis ,Kulturbauten‘ |

Der Arbeitskreis ‚Kulturbauten‘ im Münchner Forum beschäftigt sich seit Jahren mit dem bedeutenden Ensemble Schloss Nymphenburg. Sichtbezüge auf das Schloss und innerhalb der Schlossanlage sind zu erhalten und zu bewahren. Das historische Bild und die barocke Anmutung des Schlossrondells gehören unmittelbar zur städtebaulichen Großfigur und zur geschützten Erscheinung von Schloss Nymphenburg und stellen ein Kulturdenkmal von internationalem Rang dar.

Die an der Paketposthalle geplanten Wolkenkratzer werden sich mit einer Höhe von jeweils 155 Metern, wiewohl 1,9 km entfernt von Nymphenburg, unübersehbar in das Stadtbild einschreiben und Sichtachsen und Blickbeziehungen dauerhaft belasten.

Zu kritisieren ist insbesondere die Vorgehensweise. Eine methodisch fundierte Sichtachsen- und Raumwirksamkeitsuntersuchung innerhalb des Ensembles Schloss Nymphenburg hat nicht stattgefunden. Betrachtet wurde nur die zentrale Mittelachse, die auf das Hauptgebäude mit dem weltberühmten Steinernen Saal zuführt. Unberücksichtigt blieb jedoch das dem Schloss vorgelagerte, riesige Schlossrondell, dessen Halbkreisform den Blick auf die Schlossfassade weitet. Die hier befindlichen Kavaliershäuser und die zugehörige Schlossmauer bilden den Rahmen, in dem Nymphenburg, eines der größten Barockschlösser Europas, seine grandiose Wirkung entfaltet. Das Stilmittel der räumlichen und architektonischen Steigerung diente der gezielten Inszenierung der fürstlichen Herrschaft und deren Lebenswelt.

Durch den Bebauungsplan zum Paketpostareal sieht der AK eine akute Gefährdung für das Ensemble Schloss Nymphenburg, für dessen künftige Vermittlung und seine internationale Anerkennung. Auf seine fristgerecht eingereichten Einwände gegen den Bebauungsplan Paketpostareal mit konkreten Kritikpunkten hat der AK Kulturbauten seitens des städtischen Planungsreferats nur eine formale, keine inhaltliche Antwort erhalten.

Der Stadtrat hat das Bürgerbegehren der Initiative HochhausSTOP mit dem Ziel, die Wolkenkratzer an der Paketposthalle einzukürzen, trotz Erreichen des Quorums als unzulässig eingestuft und damit einen Rechtsstreit entfacht. Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof hat aktuell die Berufung abgewiesen und bestätigt damit das Urteil des Münchner Verwaltungsgerichts in 1. Instanz. Am 26.11.2025 wurde der Satzungsbeschluss für den Bebauungsplan „Paketpostareal“ vom Stadtrat bereits verabschiedet.

48.000 Bürgerstimmen gegen die Hochhauspläne an der Paketposthalle – und doch erklärt der Stadtrat das Bürgerbegehren für rechtswidrig. Solche Entscheidungen vertiefen die Kluft zwischen Politik und Bevölkerung, verschärfen Konflikte innerhalb der demokratischen Mitte und lassen klare Perspektiven verschwimmen.

Vom neugewählten Stadtrat wünscht sich der AK deshalb, in seinen fachlich fundierten und wohlbegründeten Argumenten ernst genommen zu werden, unsere Einwendungen zum Bebauungsplan Paketpostareal bitten wir umzusetzen.

Abgeschlossen ist der Rechtstreit um die beiden Wolkenkratzer mit einer Höhe von jeweils 155 Meter wohl noch nicht, gegen den Bebauungsplan kann noch die sogenannte Normenkontrollklage geführt werden. Wir wünschen uns, dass die Stadt erst nach abschließender juristischer Klärung im Rahmen einer Normenkontrollklage rechtssichere städtebauliche Verträge zum Wohle der Münchner Bürgerinnen und Bürger mit dem Investor schließt. Weitere Bebauungsplan- und Baugenehmigungsverfahren sollten äußerst kritisch und detailliert vom Stadtrat begleitet und kontrolliert werden. Das betrifft auch den geplanten öffentlichen Raum in der denkmalgeschützten Paketposthalle, über den der Bebauungsplan bislang keine konkrete Auskunft gibt.

Das bedeutet: Vorab ist ein Nutzungs- und Sanierungskonzept für die denkmalgeschützte Paketposthalle vom Investor einzufordern. Die zukünftigen Funktionen und öffentlichen Nutzungen müssen unserer Ansicht nach rechtlich eindeutig und verbindlich fixiert und in ihrer Umsetzung sorgfältig beobachtet werden. Es gilt zudem sicherzustellen, dass diese Verträge auch immer für etwaige Rechtsnachfolger des aktuellen Investors Büschl gelten, mit Blick auf die kritische städtische Haushaltslage bitte mit Kostentransparenz und -sicherheit. 48.000 Unterschriften wiegen mehr als 112 zufällig ausgewählte Bürgergutachter*innen!

Die Hochhausstudie 2023 ist in Bezug auf ihre Qualitätsstandards zu prüfen und zu ergänzen. Es fehlen Festlegungen für eine professionelle Blickfeldanalyse, die einem Vergleich mit anderen bundesweiten und internationalen Anlagen und den dort angesetzten Qualitätsmaßstäben Stand hält.

Im Sinne einer baukulturell wertvollen Stadtbildgestaltung ist das Ergebnis entsprechend in den Planungen der Stadt, insbesondere in den aktuell anstehenden B-Plan-Verfahren zu berücksichtigen. Es ist sonst weiterhin zu befürchten, dass sich künftig neuzeitliche Architektur in einer markanten Weise in das Blick-Gefüge der Stadt und von Schloss Nymphenburg hineindrängt und beides unwiderruflich beeinträchtigt.

In der SZ konnten wir am 30.12.2025 in einem Interview von Laura Weißmüller mit David Chipperfield, einem der bekanntesten Architekten der Welt, über seine Abhängigkeit von Auftraggebern wie René Benko und das Neue Stadtbild Londons, folgende beachtenswerte Einschätzung lesen:

„Wenn ich Menschen fragen würde, in welcher Stadt sie gerne leben würden, dann würden die meisten etwas Ähnliches beschreiben: Gebäude mit vier bis sechs Stockwerken, mit guten Geschäften im Erdgeschoss, schöne Straßen mit Plätzen und Cafés, vielen Bäumen und wenig Verkehr, gute Schulen für ihre Kinder und ein örtliches Krankenhaus. Blöd nur, dass wir diese Stadt nicht bauen. Genau. Wir bauen sie nicht. Wir bauen große Blöcke. Warum? Nicht weil Architekten das so wollen, sondern weil der Grundstückswert so hoch ist. Der einzige Weg, diesen Grundstückswert zu realisieren, ist das Spiel, das wir derzeit spielen. London ist ein gutes Beispiel dafür. Die Stadt, in die ich in den Siebzigerjahren kam, war edgy und dunkel. Jetzt ist alles hell und glänzt, aber es hat seinen Charakter verloren.“

Die Autorinnen: Dr. Annemarie Menke und Claudia Mann

Der Arbeitskreis ‚Kulturbauten‘ setzt sich für die Mitgestaltung Münchner Kulturbauten ein, weil Kultur und Bildung den Wert einer Stadt prägen. Mit der Analyse von Planungen und dem Einsatz für den Erhalt historischer Bauten informiert er die Stadtgesellschaft und regt zum Mitdenken an.

Dieser Text stammt aus dem Online-Magazin STANDPUNKTE 01./02./03.2026 „München wählt!“

 

Bildquellen:

  • Im Podcaststudio (v. l.): Claudia Mann, Christian Ude, Stephan Reichenberger & Robert Brannekämper: David Schimm
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