Stellungnahme zum Bebauungsplan des Starnberger Flügelbahnhofs

Das Münchner Forum hat sich intensiv und kritisch-konstruktiv mit den Planungen für den Münchner Hauptbahnhof und insbesondere für den Starnberger Bahnhof mit der in Aussicht genommenen „städtebaulichen Dominante“ befasst. Hier können Sie die Stellungnahmen nachlesen:

Stellungnahme des Münchner Forums zum Bebauungsplanverfahren Nr. 2002 a: Projekt Starnberger Bahnhof
Vorgezogene Bürgerbeteiligung nach § 3 Abs. 1 BauGB
Einwendungen

Ergänzung der Stellungnahme des Münchner Forums vom 14.11.2018: Votum des Arbeitskreises ‚Stadt: Gestalt und Lebensraum‘

Stellungnahme des Denkmalnetzes Bayern zum Vorhabenbezogenen Bebauungsplan mit Grünordnung Nr. 2002a Arnulfstraße südlich zwischen Querbahnsteig Starnberger Flügelbahnhof und nördlichem Vorplatz (Flst. Nr. 6856/97 Gemarkung München, Sektion 4)
– Starnberger Flügelbahnhof –

Aufruf zur Beteiligung an der Aufstellung des Bebauungsplans Nr. 1975a: Alte Akademie

Helfen Sie mit:

Die Arkaden der Alten Akademie in der Neuhauser Straße sind unantastbar.
Der öffentliche Raum der Fußgängerzone ist unantastbar.
Die Arkaden der Alten Akademie müssen vor „zeitgerechter“ Begehrlichkeit gerettet werden.

Beteiligung der Öffentlichkeit

Öffentliche Auslegung: Dienstag 3. Juli mit Freitag 3. August 2018
Erörterungstermin: Mittwoch 11. Juli 2018, 19.00 Uhr, Saal des Münchner Stadtmuseums, St. Jakobsplatz 1

Mit Ihrer Einwendung können Sie mithelfen, die Arkaden zu bewahren!

Wichtig ist auch, dass alle Persönlichkeiten und Institutionen, die sich bislang gegen die Planungen „Umnutzung der Alten Akademie“ ausgesprochen und sich schriftlich in Briefen an die Stadtspitze, Mitglieder des Stadtrats, an die Münchner Zeitungen gewandt haben, ihre Argumente in welcher Form auch immer (Kopien der Briefe, Zeitungsausschnitte usw.) innerhalb der Äußerungsfrist dem Planungsreferat zuleiten. Eine Entscheidung zu den Äußerungen wird durch den Stadtrat im Rahmen des Abwägungsprozesses getroffen.

Eine Muster-Einwendung, die das Münchner Forum erarbeitet hat, können Sie hier herunterladen und ggf. durch eigene Argumente ergänzen.

Je deutlicher das Votum für die Erhaltung der Arkaden eingebracht wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs im Rahmen der vorzunehmenden Abwägung zwischen den Begehrlichkeiten des Investors und den berechtigten Ansprüchen der Bürgerschaft auf ungeschmälerte Erhaltung des öffentlichen Raums.

Was Sie wissen sollten:

Mit Stadtratsbeschluss vom 21. Februar 2018 hat die Stadtratsmehrheit von CSU und SPD die Eckdaten für den Bebauungsplan Nr. 1975 a entscheidend zu Gunsten des Investors geändert.

Das Bebauungsplanverfahren für die Alte Akademie an der Neuhauser Straße wird nach dem Willen der Stadtratsmehrheit von CSU und SPD auf der Grundlage durchgeführt, dass die Arkaden, also der öffentliche Raum, zu Gunsten von Ladenflächen ganz erheblich reduziert werden.
Die Arkaden der Alten Akademie sind derzeit mit einer Gesamtfläche von 600 qm als öffentlicher Straßenraum gewidmet und unverzichtbarer Bestandteil der Fußgängerzone.
Die Arkaden der Alten Akademie sind derzeit mit einer Gesamtfläche von 600 qm durch den rechtsverbindlichen Baulinienplan Nr. 4571 aus dem Jahr 1954 planungsrechtlich zu Gunsten der öffentlichen Nutzung des staatlichen Grundstücks der Alten Akademie gesichert.
Nach dem Willen der Stadtratsmehrheit von CSU und SPD soll die Arkadenfläche als Teil der Fußgängerzone um 400 qm reduziert und die Verkaufsfläche des Investors um exakt diese Fläche erweitert werden.
Die vom Stadtrat am 21. Februar 2018 beschlossenen Eckdaten sehen im Ergebnis vor:

  1. die völlige Schließung der Arkaden im sog. Kopfbau;
  2. die Reduzierung der Arkaden entlang der Neuhauser Straße im Bereich des Hettlagebaus auf ein Maß von „4,00 m +“;
  3. die völlige Schließung der Arkaden an der Kapellenstraße.

Umfangreiche Informationen finden Sie unter: https://muenchner-forum.de/mitmachen/arbeitskreise/innenstadt/#tab-alte-akademie

Alle Termine und Fristen auf einen Blick:

Öffentliche Auslegung:
Die maßgeblichen Unterlagen, aus denen sich die allgemeinen Ziele und Zwecke der Planung ergeben, werden von Mittwoch, 3. Juli 2018 mit Freitag, 3. August 2018 öffentlich ausgelegt und bei mehreren städtischen Dienststellen zur Einsicht bereitgehalten:

  • Referat für Stadtplanung und Bauordnung, Blumenstraße 28 b, Raum 071 (Montag mit Freitag von 6.30 bis 18.00 Uhr),
  • bei der Bezirksinspektion Mitte, Tal 31 (Montag, Mittwoch, Freitag von 7.30 bis 12 Uhr, Dienstag von 8.30 bis 12 Uhr und 14 bis 16 Uhr, Donnerstag von 8.30 bis 15 Uhr),
  • bei der Stadtbibliothek Am Gasteig, Rosenheimer Straße 5 (Montag bis Freitag von 10 bis 19 Uhr und Samstag von 11 bis 16 Uhr).

Die Unterlagen zum Bebauungsplanverfahren sind darüber hinaus während der Auslegungsfrist ins Netz gestellt unter www.muenchen.de/auslegung (dort „Bauleitplanung Alte Akademie“).

Öffentliche Erörterung:
Die öffentliche Erörterung des Entwurfs findet statt
am Mittwoch, 11. Juli 2018, 19.00 Uhr im Stadtmuseum, St. Jakobs-Platz 1.
Alle an der Thematik interessierten Bürgerinnen und Bürger sowie Institutionen sind aufgerufen, diesen Termin wahrzunehmen.

Stellungnahmen und Einwendungen:
Stellungnahmen und Einwendungen gegen die Planung sind während der Frist, also vom Mittwoch, 3. Juli bis Freitag, 3. August 2018, beim Planungsreferat, Blumenstraße 28 b, 80331 München schriftlich einzureichen.
Auch der Einwurf in den offiziellen Nachtbriefkasten Rathaus, Marienplatz, Eingang beim Fischbrunnen, am Freitag, 3. August 2018, vor 24.00 Uhr, wahrt die Frist.
Einwendungen können auch von Personen erhoben werden, die in München weder ihren ersten noch zweiten Wohnsitz haben.
Eine Muster-Einwendung, die das Münchner Forum erarbeitet hat, können Sie hier herunterladen und ggf. durch eigene Argumente ergänzen.

Strategische Verdichtung: Schaffung von Baurecht an Hauptverkehrsstraßen

Arbeitskreis „Stadt: Gestalt und Lebensraum“, Leitung: Wolfgang Czisch

Beitrag zur Linderung der Wohnungsnot in München, Schaffung von Baurechten, Erkennbarkeit der Stadtstruktur im Wachstum und Gewinnung der Straße als Öffentlicher Raum. Unterstützung der Stadtbelüftung.

Die Novelle des Baugesetzbuches (BauGB) eröffnet den Spielraum für stadtentwicklungspolitische Zielsetzungen auch in Gebieten, in denen der § 34 BauGB Art und Maß der baulichen Entwicklung bestimmt. So ist es möglich, auch an der Eigenart Münchens weiterzuarbeiten.

Wesentliche Identitätsträger Münchens sind die Stadterweiterungen, zuletzt die von Theodor Fischer mit seiner „Staffelbauordnung“. Ein Erkennungszeichen ist die straßenbegleitende Bebauung, die Dichte an die Straße bringt, deren Dichte aber in der Tiefe abnimmt. Das ergibt die unverkennbare Münchner Stadtstruktur.

Es ist wohl der Schutz dieser Münchner Bauweise, die zum Motto „Damit München München bleibt“ inspirierte.

 

Schaffung von Baurechten in den §-34-Gebieten im Hauptstraßen- und Haupterschließungsnetz Münchens

Die Hauptabteilung (HA) 2 des Planungsreferates arbeitet an der Schaffung von Baurechten auf der „grünen Wiese“ mit Hochdruck. Der kleinere Teil der Bauanträge kommt aus Gebieten, die Baurecht nach Paragraph 34 BauGB besitzen. Dieses Baurecht schaukelt sich nur langsam mit viel Streit durch Bezugsfälle und durch Gewährung von Befreiungen ungeordnet auf. Der strukturelle Nachteil ist die Gefährdung der sog. Gartenstadtgebiete und die Beeinträchtigung der Stadtbelüftung bei nur geringem Beitrag zur Wohnraumbeschaffung.

An diesen Straßenzügen sind die Grundstücke in der Regel in Einzeleigentum mit geringer Bebauung. Für eine angemessene Bebauung fehlt das Baurecht. An Kapital mangelt es nicht und mit der Beleihung der Grundstücke fehlen auch nicht die Voraussetzungen für Kredite. Die Stadt verfügt aber nicht über Strukturvorgaben, um mit Baurechten gezielt Verdichtung in diesen Gebieten zu fördern. Solche wären von großem Nutzen. Die Unterzeichner denken darüber seit längerem nach. Das Stadtratshearing „Gestaltung des Wachstums“ am 5. Juli 2017 bestärkt uns in dieser Überlegung. So hat Frau Stadtbaurätin Prof. Merk von Achsenbildung gesprochen (S. 8 des Hearing-Protokolls), Herr Overmeyer nennt das Beispiel der High Streets (S. 20), Herr Mattar nennt das Beispiel Wasserburger Landstraße (S. 36), der Oberbürgermeister spricht ausdrücklich am Beispiel Wasserburger Landstraße die Notwendigkeit an, über Höhe und Dichte als „klassische High Street Münchens“ (S. 65) zu reflektieren.

Unsere Vorschläge sind insofern auch eine Konkretisierung der Vorschläge aus dem Hearing.

 

Argumente

  • Hauptstraßennetz und Haupterschließungsnetz eignen sich für eine kommune Bebauung mit mindestens E+4; an besonderen Punkten auch darüber hinaus. Hier liegen Infrastruktur für Kanal, Strom, Gas, Wasser, Fernwärme und Verkehrserschließung des Individual- (IV) und Öffentlichen Verkehrs (ÖV).
  • Durch eine Randbebauung wird das dahinter liegende Gebiet geschützt.
  • Der zusätzliche Flächenverbrauch für Wohnnutzung wird minimiert.
  • Die für Wohnnutzung im Erdgeschoss (EG) nur sehr begrenzt nutzbaren Flächen sollten die notwendige Infrastruktur aufnehmen. Kindertagesstätten, Kindergärten, aber auch Altenservicestationen und dergleichen können hier Platz finden. Dies könnte als „Kleine SoBoN“ bezeichnet werden (Baurecht für die Nutzungsüberlassung des EG). Für die Vermietung der Flächen im EG ist das jüngste Beispiel aus Wien zielführend.
  • Mit dieser Randbebauung lassen sich wohnortnahe Versorgung – Gewerbe und Gaststätten – in die Stadtviertel bringen. Auch das Verbleiben im Wohnviertel im Alter wird dadurch erleichtert. Bisher scheitert eine lebhafte, für die Bevölkerung nützliche Verwertung des EG an der überzogenen Gewinnerwartung der Eigentümer.
  • Die sukzessive Verdichtung mildert die Bedarfsspitzen der Infrastrukturnachfrage.
  • Im mittleren Preissegment Wohnungen zu schaffen, wird damit ermöglicht.
  • Eigentümer bekämen die Möglichkeit, individuelle und originelle Gebäude mit hoher Qualität zu platzieren.
  • Das Verramschen von Flächen innerhalb der Stadt an internationale Kapital-Sammelstellen kann verringert werden.
  • Durch die Schaffung publikumswirksamer Nutzungen wird die Möglichkeit zu einem öffentlichen Begegnungsraum eröffnet, in dem sich Stadtleben entwickeln kann (Öffentlicher Raum).
  • Emissionen durch Verkehr werden gegenwärtig durch Obergrenzen für schädliche Stickoxide oder sogar durch Umstieg auf Elektromobilität weiter drastisch reduziert. Schall-Emissionen durch Laufgeräusche der Räder sind sehr energieaufwändig. Es ist deshalb damit zu rechnen, dass sie reduziert werden. Damit wird der Aufenthalt im Öffentlichen Raum verträglich. Die Gunst der Stunde, die sich durch den Umbau der Mobilität ergibt, sollte unbedingt genutzt werden.
  • Lärmemissionen können am Gebäude und durch geeignete Grundrisse beherrscht werden.
  • Die dahinter liegenden „Gartenstädte“ werden durch die Bebauung vor Lärm geschützt.
  • Ein Grund für die hohen Neubaukosten liegt in den hohen Grundstückspreisen. Neubauten entlang der Hauptverkehrs- und -erschließungsstraßen könnten also preisgünstigere Mieten ergeben bei gleicher Wirtschaftlichkeit, da die Grunderwerbskosten von ca. 60 Prozent für einen Neubau entfallen.
  • Die Stadtentwicklung muss sich am pragmatisch-künstlerischen, auf den Öffentlichen Raum bezogenen Ansatz Theodor Fischers zur Stadtentwicklung (Staffelbauordnung) messen lassen.

Umsetzung

In München fehlt noch immer das in Arbeit befindliche Belüftungskonzept. Dies ist dringend erforderlich, um die Verdichtung verträglich zu steuern.

Straßenzüge mit höherer Bebauung können die Belüftung unterstützen. In anderen Bereichen sollte eine Verdichtung durch striktes Versagen von Befreiungen so weit wie möglich, vielleicht sogar aus „städtebaulichen Gründen“ versagt werden. Der Charakter der „Gartenstädte“ kann damit in Belüftungsschneisen wirksam geschützt werden.

Für die vorgeschlagenen Straßenzüge sollte eine Entwicklungssatzung erarbeitet werden, nach der Bau-Genehmigungen ausgereicht werden mit den obigen Bedingungen. Werden diese Ziele vom Bauwerber nicht erfüllt, wird die Genehmigung nicht erteilt bzw. auf einen späteren Bebauungsplan (B-Plan) zurückgestellt.

Rechtlich ist zu prüfen, wie die negativen Auswirkungen des § 34 BauGB bei „strategischer Verdichtung“ gebändigt werden kann, so dass eine Bebauung in die Tiefe verhindert wird. Hier scheint das Instrument der „städtebaulichen Gründe“ aus der Novellierung des BauGB hilfreich zu sein.

Unser Vorschlag ist ohne planerische Vorleistungen der Stadt nicht umzusetzen.

Erste Schritte sind, das planerische Ziel der Verdichtung an den Achsen zu diskutieren, Beschlüsse zu fassen und öffentlich zu machen.

Die Novelle „Zur Stärkung der Innenentwicklung in den Städten und Gemeinden…“ von 2015 erleichtert das Vorhaben. Einerseits waren zur Begründung für eine Überschreitung der Obergrenzen des Maßes der baulichen Nutzung (§ 34 BauGB) noch „besondere“ städtebauliche Gründe erforderlich. Durch die Novellierung sind dafür nun nur noch „städtebauliche Gründe“ erforderlich – die Schwelle wurde deutlich heruntergesetzt. Andererseits wurde auch die Baunutzungsverordnung (BauNVO) in § 17 Abs. 2 diesem Ziel angepasst. „Festzuhalten ist, dass seit der Änderung des BauGB/ BauNVO städtebaulich begründete Dichtewerte freier festgesetzt werden können – sofern gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse nicht beeinträchtigt werden,“ so Professor Ingrid Krau.

Einige Grundstückseigentümer werden vielleicht schon in dieser Phase auf die Stadt zukommen. Mit ihnen könnte über Lösungsmöglichkeiten verhandelt werden. Manches wäre wohl schon im Wege der Befreiung zu erreichen. Mit den Grundstückseigentümern könnten im Gegenzug Zugeständnisse im Sinne obiger städtebaulicher Ziele verbindlich vereinbart werden.

Im Weiteren wird eine grundstücksscharfe Bestandsaufnahme der Eigentums- und evtl. Pachtverhältnisse nötig werden. Man könnte dann aktiv auf die Eigentümer zugehen und die Realisierbarkeit des Konzepts ohne weitere stadtplanerische Eingriffe ausloten.

Was schließlich im Verhandlungswege nicht erreicht werden kann, sollte – soweit einschlägig – mit Hilfe der gesetzlich normierten planerischen Instrumente – Bebauungsplan mit SoBoN (sozialgerechte Bodennutzung), Sanierungsrecht, soziale Stadt, Stadtentwicklungsmaßnahme, Stadtumbaumaßnahme – angegangen werden.

 

München, den 29. Januar 2018

 

Historische Identität stärkt die Attraktivität der Innenstadt – Eine Chance durch aufgewertete Arkaden in der Alten Akademie

Die Bestrebungen der SIGNA, beim Umbau der Alten Akademie die Fläche der Arkaden von aktuell 572 qm auf 151 qm zu verringern und dabei den Durchgang im Bereich des Renaissance-Kopfbaus ganz zu schließen, bedeuten einen schwerwiegenden Eingriff in den städtebaulichen Charakter eines zentralen Abschnittes der Münchener Hauptmagistrale. Wie der Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan 1975 von 2005 hervorhebt, stellen die Arkaden „zusammen mit den Passagen als typisches Münchner Gestaltungsmerkmal ein wertvolles stadtbildprägendes Prinzip dar, das den Fußgängern Schutz vor der Witterung und gleichzeitig ein die Fußgängerzone ergänzendes und vernetzendes Wegesystem bildet. Darüber hinaus wurden die Arkaden auch als architektonisches Gestaltungsmittel eingesetzt und ergeben eine differenzierte Fassade mit einem anspruchsvollen Erscheinungsbild“ (K. Bäumler in Standpunkte 3.2017, S. 20).

Mit der Reduzierung und Teilschließung der Arkaden würde der ausdrückliche Wille der Wiederaufbaugeneration aufgehoben, die Kriegszerstörungen als Chance zu nutzen, für die Bürger durch den Erwerb der dem Durchgang dienenden Flächen vom Bayerischen Freistaat zusätzlichen öffentlichen Bewegungsraum an dieser markanten Stelle zu gewinnen. Stattdessen würden im Bereich der höchsten Verkaufsflächenkonzentration diese noch stärker vergrößert, als es ohnehin durch die Umnutzung der Alten Akademie geschieht.

Die negativen Auswirkungen der Zerstörung einer stadtbildprägenden Situation gehen jedoch über den Verlust eines Dokumentes früheren Gestaltungswillens hinaus. Es geht auch nicht um einige Quadratmeter öffentlichen Raumes, die manchem angesichts der Größe der Fußgängerzone entbehrlich scheinen mögen, obwohl heute das vielfach herrschende Gedränge in der Neuhauser Straße viele Besucher kaum weniger stört als früher der dortige Autoverkehr, eine Entlastung durch die Arkaden an dieser Stelle also entgegen der Investorenbehauptungen kaum weniger wichtig ist!

Die weitere Verarmung des die Münchener Identität prägenden Stadtbildes würde langfristig auch die Attraktivität des Einzelhandelsangebotes für den zunehmend wichtigen Shopping-Tourismus mindern, da inzwischen annähernd jeder zweite in der Innenstadt ausgegebene Euro von Besuchern stammt, die nicht in München und Umland wohnen, und für diese das ansprechende Umfeld eine entscheidende Motivation für ihren Aufenthalt bildet.

Die hohe Sensibilität für städtebauliche Qualitäten zeigt sich bei der von Handelskammern, Citymanagern und dem Institut für Handelsforschung Köln organisierten Erhebung „Vitale Innenstädte“, wenn man die Bewertungen durch die Besucher zwischen Städten mit gegensätzlichen Gestaltungskonzepten vergleicht.

Münster und Kassel sind annähernd gleich groß, wurden beide im Krieg stark zerstört, haben große Teile ihrer Innenstadt als Fußgängerbereich umgestaltet und dort Shoppingcenter integriert. In Münster legte man beim Wiederaufbau, ebenso wie in München, großen Wert auf die Erhaltung des historischen Stadtgrundrisses und der Formensprache des baulichen Erscheinungsbildes. In Braunschweig erfolgte dies nur für Teile der Innenstadt, daneben signalisierte man jedoch mit dem großzügig dimensionierten Straßendurchbruch Bohlweg, großmaßstäbigen Geschäftshäusern und dem Abbruch des mit seiner Außenfassade erhaltenen Schlosses einen dezidiert großstädtischen Anspruch. Dieser unkritisch fortschrittsgläubige Geist des Wirtschaftswunders wirkt sich inzwischen nachteilig auf die Wahrnehmung der Innenstadt durch ihre Besucher aus. Sie benoten alle Merkmale der Innenstadt deutlich schlechter aus als die Besucher der Innenstadt von Münster die dortige Stadtqualität. Besonders groß sind meist die Anteile der die Note sehr gut vergebenden „Begeisterten“, vor allem bei den heute für postmoderne Innenstädte wichtigen weichen Merkmalen wie Lebendigkeit und Ambiente / Flair. Dieser Rückstand dürfte „objektiv“ vielfach nicht gerechtfertigt sein. Er entsteht vor allem dadurch, dass das in Münster verfolgte Leitbild der historischen Identität den heutigen postmodernen Lebensstil besser anspricht als das Leitbild der modernen Großstadt.

 

Abb. 1: Bewertung von Qualitätsmerkmalen der Innenstädte von Münster und Braunschweig

Quelle: „Vitale Innenstädte 2014“, Sonderauswertung Institut Für Handelsforschung; Entwurf: R. Monheim, Grafik: K. Meindl

 

Regensburg und Kassel sind ebenfalls annähernd gleich groß. Der Fußgängerbereich ist in Regensburg flächenhaft, in Kassel auf lineare Achsen beschränkt. Das von Kriegszerstörungen verschonte Regensburg hat sich von den auch dort in den Wirtschaftswunderjahren verfolgten Bestrebungen zur Modernisierung der Altstadt abgewandt (es blieb bei einem Großkaufhaus und einem teilweisen Straßendurchbruch). Kassel hat dagegen die Kriegszerstörungen ehrgeizig dazu genutzt, eine nach damaligen Vorstellungen mustergültig gestaltete und erschlossene Innenstadt zu verwirklichen. In Regensburg wurden die kommerziellen Aufgaben des Oberzentrums ab 1967 weitgehend in das 1,5 km von der Altstadt entfernte Donau-Einkaufszentrum und 2002 zusätzlich in die Regensburg Arcaden am Bahnhof verlagert, während sich die immer noch 565 meist kleinen Läden der Altstadt überwiegend auf das „Einkaufserlebnis Welterbe“ spezialisierten. In Kassel entstanden zusätzlich zu mehreren Waren- und Kaufhäusern drei integrierte Shoppingcenter. Die bei den Befragungen vergebenen Benotungen zeigen für viele Merkmale einen noch deutlicheren Vorsprung des Modells historischer Identität, das auch auf das in Regensburg weitgehend ohne das klassische Konsumangebot auskommende Einzelhandelsangebot positiv ausstrahlt (Ausnahmen: Erreichbarkeit, Barrierefreiheit, Parkmöglichkeiten). Bei den weichen Qualitätsmerkmalen werden extrem hohe Anteile von sehr gut erreicht.

 

Abb. 2: Bewertung von Qualitätsmerkmalen der Innenstädte von Regensburg und Kassel

Quelle: „Vitale Innenstädte 2014“, Sonderauswertung Institut Für Handelsforschung; Entwurf: R. Monheim, Grafik: K. Meindl

 

Im Hinblick auf die Bedeutung der Münchner Arkaden für die Zukunftsfähigkeit der Innenstadt lautet die Lehre aus den Städtevergleichen, dass die Wahrnehmung der objektiven Stadtqualität durch die bei den Besuchern hervorgerufene Stimmung gefiltert wird und die historisch verankerte lokale Identität einen wesentlichen Beitrag zu einer positiven Einstellung (bis hin zur Begeisterung) leistet. Gerade in Zeiten und an Orten eines zunehmend vereinheitlichten Einzelhandelsangebotes sowie der Konkurrenz durch den wachsenden Onlinehandel erscheint deren Pflege besonders wichtig.

Bezogen auf die SIGNA-Planungen ergibt sich damit die Aufgabe, den öffentlichen Raum der Arkaden, der heute vernachlässigt und „in die Jahre gekommen“ erscheint, zu einem repräsentativen Wohlfühlraum zu entwickeln, der im Rahmen von „Kunst am Bau“ eine besondere Willkommenskultur signalisiert. Damit dürfte dem voraussichtlich hochwertigen SIGNA-Standort mehr geholfen werden als durch zusätzliche Verkaufsflächen.

Die in den Städtevergleichen deutlich gewordenen Attraktivitätsunterschiede zwischen standardisierten Massenkonsumlagen und Identität signalisierenden Einkaufslagen zeigen sich in München an der Entwicklung der räumlichen Verteilung der Passanten. Die von Großbetrieben geprägte Achse der Kaufingerstraße und Neuhauser Straße dominiert zwar weiterhin klar. Ihr gegenüber haben aber die Sendlinger Straße und Theatinerstraße deutlich aufgeholt. Nach den jährlichen Zählungen des Maklerunternehmens Engel & Völkers erreichten sie 2001 am Dienstag Spätnachmittag nur 25 Prozent bzw. 23 Prozent und am Samstagmittag 18 Prozent bzw. 19 Prozent der Haupteinkaufslage. Durch die Ansiedlung der Hofstatt bzw. der Fünf Höfe sowie die Befreiung der Sendlinger Straße vom Autoverkehr näherten sie sich 2017 am Dienstag auf 48 Prozent bzw. 43 Prozent und am Samstag auf 59 Prozent bzw. 45 Prozent an!

Dazu haben neben dem spezialisierten Angebot der beiden Center und der Aufwertung des öffentlichen Raumes in der Sendlinger Straße Veränderungen in der Zusammensetzung und den Lebensstilen der Besucher beigetragen: Heute kommen mehr Shoppingtouristen, und die Besucher wollen bei ihrem Aufenthalt die Stadt erleben, indem sie bummeln und zahlreiche Geschäfte aufsuchen, auch wenn sie dort nichts einkaufen; sie wollen sich überraschen lassen, dazwischen vielleicht kleine Pausen einlegen… Für die Zukunft der Münchner Innenstadt ist die Erfüllung dieser Bedürfnisse wichtiger als einige zusätzliche Quadratmeter Verkaufsfläche.

Rolf Monheim

Prof. Dr. Rolf Monheim war von 1978 bis 2007 Professor für Angewandte Stadtgeographie und Stadtplanung an der Universität Bayreuth. Seit 2007 freiberufliche Tätigkeit in Forschung, Beratung und als Referent.

Alte Akademie: Debatte in der Stadtratsvollversammlung am 21. Februar 2018

Der Mehrheitsbeschluss von CSU und SPD im Stadtrats-Ausschuss für Stadtplanung und Bauordnung, der dem Interesse des Investors Signa AG nachgibt und einer Verschmälerung und teilweise Schließung der Arkaden der Alten Akademie zustimmt, traf auf heftige Kritik der Münchner Stadtöffentlichkeit. Die Oppositionsfraktionen im Münchner Stadtrat beantragten eine Nachprüfung der Entscheidung des Planungsausschusses vom 31. Januar 2018. Am 21. Februar 2018 debattierte die Vollversammlung des Münchner Stadtrats daher erneut über die Alte Akademie und ihre Arkaden, die planungsrechtlich Teil des Öffentlichen Raums der Münchner Altstadt sind.

Der Link zeigt den Ausschnitt der Stadtratsdebatte, die sich mit dem Antrag auf Nachprüfung des Entscheids zur Alten Akademie befasst. Die Filmsequenz offenbart, in welch schlichter Weise gewählte Vertreter der Münchner Bürgerschaft die Preisgabe öffentlichen Raumes zugunsten privatwirtschaftlicher Kommerzinteressen begründen, schlimmer noch: welche grundlegenden Gesichtspunkte, die in der Stadtöffentlichkeit seit Monaten, gar Jahren vorgebracht werden, nicht zur Sprache kommen.

Ab 06:24:00 beginnt die Debatte.

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