„Urban Gardening“: Alter Wein in neuen Schläuchen?

Im Rahmen der allgemeinen Verdichtungsdiskussion und dem großen Druck, Wohnbauflächen zu „generieren“, richten sich begehrliche Blicke auch auf Grundstücke in attraktiven, stadtnahen Lagen, die „unterwertig“ als Kleingärten genutzt werden.

Es ist daher erfreulich, dass der hohe Wert der stadtnahen Gärten mehr und mehr erkannt und anerkannt wird. Im „Grünbuch Stadtgrün“, das vom Bundeswohnungsbauministerium im Jahr 2015 im Rahmen der Offensive „Grün in der Stadt – Für eine lebenswerte Stadt“ wird die Förderung der Bürgeraktivitäten besonders hervorgehoben. Im Rahmen des sog. Weißbuch-Prozesses, der damit für das Jahr 2016 angestoßen ist, hat die Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz (GALK) in ihrem Positionspapier auf die besondere Schutzbedürftigkeit der Kleingärten und Freizeitgärten hingewiesen.

In München existieren derzeit über hundert Kleingartenanlagen mit über 11.000 Pächtern. Die basis-demokratische Organisationsstruktur bilden zwei Vereine. Im Kleingarten München e.V. sind rund 8.700 Pächter in 85 Anlagen organisiert. Der Bahn-Landwirtschaftsverein Bezirk München betreut in München sechzehn Anlagen mit rund 3.000 Pächtern.

Die ältesten Münchner Kleingartenanlagen wurden 1906 im Bereich des Westfriedhofs an der Baldurstraße angelegt. Der Kleingärtenverein NW 16 Heinrich-Schlicht-Anlage e.V. erinnert durch seine Namensgebung an den Kommunalreferenten Heinrich Schlicht, der als Initiator innerhalb der Stadtverwaltung und des Magistrats die entscheidenden Weichenstellungen vornahm. Schlicht ist es auch zu verdanken, dass innerhalb dieser Kleingartenanlage bereits 1907 für die Städtische Berufsschule der Gärtner der erste Schulgarten angelegt wurde. Nur der Schlichtweg an der Isar in der Höhe des Tierparks Hellabrunn zwischen Thalkirchner Brücke und dem Steg an der Marienklause erinnert seit 1932 an die Persönlichkeit Heinrich Schlichts. Schlicht hat in den drei Jahrzehnten für die Münchner Bürgerschaft viel bewirkt. Eine umfassende Würdigung seiner Lebensleistung steht noch aus (s. auch den Beitrag von Franz Schröther in der Juli-Ausgabe der Standpunkte).

Über viele Jahrzehnte hinweg wurde das „Garteln“ in einer Kleingartenanlage von vielen nicht als sehr attraktiv betrachtet. Seit einigen Jahren zeichnet sich eine Trendwende ab. „Urbane Gärten“ werden mehr und mehr begehrt, die Nachfrage steigt beständig. Die neue Bewegung, die auch auf temporäre Nutzung von Flächen gerichtet ist, arbeitet die vielfältigen „Wohlfahrtsfunktionen“ urbaner Gärten heraus: Verbesserung der Umwelt, Förderung des sozialen Miteinanders, Wegbereiter für die nachhaltige Zukunft der Stadt, Gärten als Bildungsfaktor, Bedeutung der Gärten für die Gesundheit und die Ernährung. Diese Vielfalt wird auch in den diversen „modernen“ Bezeichnungen, mit denen die herkömmlichen Bezeichnungen (Schrebergärten oder Kleingärten) ergänzt werden wie z.B. Prinzessinnengärten, Krautgärten, Sonnengärten, deutlich.

Einen hervorragenden und umfassenden Überblick gibt die Webseite www.urbane-gaerten-muenchen.de. In der Art eines Handbuchs werden dabei Akteure und Strategien in prägnanter und übersichtlicher Weise dargestellt. Zu den vorbildlichen und nachahmenswerten Initiativen zählt auch das „Bürgeraktivierungsprojekt Giesinger Grünspitz“, das im Rahmen der „Sozialen Stadt Giesing“ in Kooperation des Quartiermanagements (MGS) und Green City e.V. betrieben wird. Einzelheiten dazu bei: www.gruenspitz.de.
Klaus Bäumler

Zum Weiterlesen:
Christa Müller (Hrsg.): Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt, München: oekom Verlag 2011

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