In aller Munde und allen Medien: Urban Gardening – was soll das eigentlich?

Ein Gespenst geht um in Europa, ein fröhliches buntes Gespenst mit Dreck unter den Fingernägeln: der Neue Gärtner.  Aufgetaucht aus dem Nichts, hat er in kürzester Zeit die Städte erobert. Gärtnern ist hip, junge Designer entwerfen futuristische Hängebeete und Gartenwerkzeug aus Recyclingmaterial, die Illustrierten überschlagen sich mit Geschichten über coole Guerilla-Gärtner und urbane Gemüsezüchter, ob am Flughafen Tempelhof oder auf einer Tiefgarage in St. Pauli, unter dem Olympiaturm in München oder auf stillgelegten Brauereigeländen in Köln. Fast schon ikonografisch ist das Bild von Robert Shaw vom Berliner Prinzessinnengarten, wie er lässig mit der Brause die Hochbeete wässert, Zigarette im Mundwinkel und Tweedmütze auf dem Kopf, eine skurrile Mischung aus James Dean und Henry David Thoreau.

Das Treiben hat viele Namen: Urban Gardening, City Farming, Gemeinschaftsgärten, mobile Landwirtschaft, Stadtlandwirtschaft, urbane Subsistenz – selbst der Schrebergarten hat in den letzten Jahren sein Spießerimage abgelegt und ist salonfähig geworden. Was ist da los?
Es geht ums Pflanzen, Säen, Ernten; um Selbstversorgung, um frisches Gemüse; es geht darum, wieder teilzuhaben am Prozess der Lebensmittelerzeugung. Denn der Mainstream geht ja trotz Öko-Boom und aller Appelle zum regionalen Wirtschaften immer noch Richtung Globalisierung, Industrialisierung und Chemisierung. „Die Leute fühlen sich zunehmend abgeschnitten vom Produktionskreislauf der Lebensmittel“, urteilen die Soziologen Daniel Dahm und Gerhard Scherhorn. Produkte wie der Analogkäse, der kein Käse ist, und die immer dreisteren Lügen auf den Verpackungen schärfen das Bewusstsein, wie sehr sich die Food-Industrie von den Bedürfnissen vieler Menschen entfernt hat. Für Christa Müller, Geschäftsführerin der „Anstiftung“, die viele Gartenprojekte unterstützt, ist das keine Bewegung zurück – sondern eine sehr zeitgemäße. „Modernität bedeutete ja immer, dass man sich nicht selbst versorgen muss“, sagt Christa Müller, „sondern dass man das delegiert. An die Bauern, an die Supermärkte, an die Lebensmittelindustrie. Und das hat ja eine Weile ganz gut geklappt. Aber jetzt spüren immer mehr Menschen, dass es so nicht weitergeht.“ Die Süddeutsche Zeitung brachte es auf den Punkt: „Zu lernen, wie Gemüse gezogen wird, heißt anfangen, die Codes der Lebensmittelindustrie zu knacken“.
Trotzdem stoßen die Stadtgärtner häufig auf Skepsis. Vielen Zeitgenossen erscheint das Urban Gardening wie ein überdrehter Zeitvertreib neurotischer Stadtmenschen und überdies als gar nichts Neues. Wir haben die wichtigsten Kritikpunkte untersucht.

1. Was soll daran neu sein? Gärten in der Stadt gab es schon immer.

Stimmt, einerseits. Neu ist andererseits die Vielzahl und Bandbreite der neuen Gartenformen: Selbsterntegärten, Gemeinschaftsgärten, Nachbarschaftsgärten, mobile Gärten in Hochbeeten, Kisten und Säcken. Neu ist vor allem das soziale Element, das die urbanen Garteninitiativen betonen. Es geht ums gemeinsame Tun, ums Lernen, um die Vermittlung von Wissen, um das Schaffen von Bewusstsein. „Der Sinn unserer urbanen Landwirtschaft ist es, Leute zusammenzubringen, Kooperationen und Austausch herzustellen, der in dieser Art im städtischen Raum eher selten ist“, sagt Marco Clausen von den Berliner Prinzessinnengärten. „In unseren Gärten wird gemeinsam ein Raum hergestellt.“

2. Das Ganze ist eine Mode, die bald wieder abflauen wird.

Im Gegenteil: Alle Indizien weisen darauf hin, dass es sich um eine nachhaltige Bewegung handelt. Erstes Anzeichen war die Tatsache, dass Schrebergärten nicht mehr als spießig galten, sondern zunehmend von jungen Leuten entdeckt wurden. Dazu kamen die Interkulturellen Gärten, deren Zahl stetig wächst; derzeit sind es über 130. Ebenfalls stark im Wachsen begriffen – und noch relevanter für das Thema – ist das Modell der Selbsterntegärten, die besonders für Anfänger geeignet sind; Start-ups wie bauerngarten.net oder ackerhelden.de vermitteln vom Profi vorbepflanzte Beete, die man ohne große Vorkenntnisse beackern und beernten kann. Bezeichnend ist auch die wachsende Zahl der Urban-Gardening-Initiativen. Der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg hat sich längst zu einem Anziehungspunkt über das Viertel hinaus entwickelt; in anderen Städten ist es ähnlich. Schließlich ist das Anlegen von Gärten Nachhaltigkeit an sich. „Wer einen Garten anlegt, übernimmt Verantwortung“, sagt Claudia Plöchinger vom Hamburger Gartendeck, „zum einen für die Pflanzen, aber auch für die Menschen, die in den Garten kommen und das auch weiterhin tun wollen.“ Zunehmende Aufmerksamkeit erfahren auch neue Geschäftsmodelle wie die Solidarischen Landwirtschaften, die die Abnehmer in der Stadt mit den meist am Stadtrand gelegenen Produktionsflächen zusammenbringen – und in der Regel auch auf persönliche Mitarbeit setzen.

3. Eine Stadt kann sich niemals komplett selbst versorgen.

o'pflanzt is! 2015_Seite_09Stimmt. Behauptet auch niemand. Aber jedes Stück Gemüse, das in der Stadt angebaut wird, verbessert deren CO2-Bilanz und spart Energie, die sonst für Erzeugung und Transport aufgewendet worden wäre. Außerdem ist ein Selbstversorgungsgrad von einigen Prozent, wie er für größere Städte realistisch ist, durchaus relevant; dazu kommen nochmals einige Prozent, wenn das unmittelbare Umland nicht für den Weltmarkt produzieren, sondern konsequenter die Stadt versorgen würde. Und kleinere, locker bebaute oder sonst wie begünstigte Städte können leicht einen höheren Grad erreichen. In den Entwicklungsländern, zumal in wärmerem Klima, gelten nochmal andere Maßstäbe. Paradebeispiel ist Havanna, das sich (wenn auch aus der Not geboren) mit Obst und Gemüse überwiegend selbst versorgt; aber auch in Städten wie Lagos, Nairobi oder Hanoi erzeugen die Stadtbewohner einen großen Teil selbst. Die Einsicht, dass die Städte alles in ihrer Macht Stehende tun müssen, um mehr produktives Grün zu schaffen, setzt sich bei Politikern und Stadtplanern zunehmend durch. London ist mit seinem ehrgeizigen „Capital Growth“-Programm der Vorreiter; das Ziel war, Bürgern wieder einen direkten Zugang zum Thema Lebensmittel zu verschaffen. So wurden in den letzten Jahren – jeweils auf private Initiative, aber mit Unterstützung der Behörden – im Stadtgebiet 2.400 (!) neue Gartenflächen geschaffen; das Programm gilt als erfolgreichstes dieser Art.

4. Die Städte sind viel zu dreckig, um dort gesundes Obst und Gemüse anzubauen.

Stimmt nicht. Freilich, wo Verdacht auf Kontamination besteht, etwa mit Altöl, Schwermetallen oder giftigen Kohlenwasserstoffverbindungen, sollte man nicht direkt im Boden gärtnern. Sondern Hochbeete benutzen, wie die meisten Garteninitiativen es tun – mit Bioerde, ohne Torfanteil. Ansonsten aber ist die Stadt längst ein gutes Umfeld zum Gemüseanbau. Schwerindustrie ist kaum noch vorhanden, das Benzin bleifrei, der Schwefelgehalt dramatisch gesunken. Feinstaub lässt sich abwaschen, und die Autoabgase werden schon auf den ersten Metern vom Straßenrand fraktioniert, d.h. die leichtflüchtigen Bestandteile steigen auf, während Teilchen wie Dieselruß von Hecken etc. weitgehend abgefangen werden. Viele Supermarktprodukte, die von Feldern neben der Autobahn stammen (und bei welchen Produkten weiß man das schon?) sind stärker kontaminiert. „Das Bild von der ‚schlechten Stadt‘ und dem ‚guten Land‘ muss dringend revidiert werden“, fordert Josef Reichholf, langjähriger Hauptkurator an der Zoologischen Staatssammlung München, der sich seit Jahren wissenschaftlich mit der Stadtnatur beschäftigt; „was den Einsatz von Giften, Überdüngung, Grund- und Abwasserbelastungen anbelangt, haben sich die Verhältnisse zwischen Stadt und Land in den letzten Jahrzehnten geradezu umgekehrt.“ Die Honigbienen beispielsweise leiden massiv unter dem flächendeckenden Pestizideinsatz und dem einseitigen Blütenangebot – ein paar Wochen Raps und Obstbaumblüte, dann kaum mehr was. In den Städten dagegen blüht bis in den Herbst immer etwas. So lautet das Fazit, das inzwischen auch Wissenschaftler ziehen: Stadtgärtnern ist gesund. So kamen etwa Jonathan Leake, Andrew Adam-Bradford und Janette Rigby in einer Studie für das britische „Joint Environment and Human Health Programme“, in dem sie die Fürs und Widers abwogen, zu dem Ergebnis, dass die positiven Wirkungen des Gärtnerns in der Stadt die negativen bei weitem übertrafen.

5. Wenn ein paar Leute in der Stadt Gemüse anbauen, ändert das nichts am Industriefraß und an der globalen Vorherrschaft der Saatgutkonzerne.

Stimmt. Aber wenn niemand etwas tut, ändert sich noch weniger. Außerdem erschöpft sich bei den meisten Urbanen Gärtnern die politische Aktivität nicht im Salat-Pflanzen. Die meisten verstehen sich als politische Menschen, sind in Umweltverbänden oder politischen Netzwerken aktiv, beteiligen sich an Demos oder an Petitionen zur Saatgutfreiheit oder gegen Gentechnik in der Landwirtschaft. In diesem Sinn – und unter dem Motto „Die Stadt ist unser Garten“ – haben bereits 115 Stadtgarten-Initiativen aus ganz Deutschland das „Urban-Gardening-Manifest“ unterzeichnet. Unter anderem heißt es dort: „Gemeinschaftsgärten sind Räume der Naturerfahrung, der Biodiversität, der Enährungssouveränität und des Saatguterhalts.“ Der Begriff dessen, was Urbanität alles bedeutet, beginnt sich spürbar um eine grüne Dimension zu erweitern. Oder um es mit einem neuen Schlagwort zu sagen: „Das Hochbeet ist das Stadtmöbel der Zukunft!“

Martin Rasper

Martin Rasper ist Autor des Standardwerks „Vom Gärtnern in der Stadt“ und war mehrere Jahre Vorstand der Münchner Urban-Gardening-Initiative „o’pflanzt is!“ 

Zum Weiterlesen:
Martin Rasper:  Vom Gärtnern in der Stadt.  Die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt, München: oekom verlag, 2012
Christa Müller (Hrsg.): Urban Gardening – Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt,  München: oekom verlag 2011

Dieser Text ist auch in der Juli-Ausgabe der Standpunkte erschienen.

Bildquellen

  • o’pflanzt is! 2015_Seite_09: o'pflanzt is
  • o’pflanzt is! 2015_Seite_04: o‘pflanzt is

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