Alte Akademie: Wilhelminum, Jesuitenkolleg, Gymnasium der Jesuiten – Aspekte ihrer kulturgeschichtlichen Bedeutung

Die „Alte Akademie“ ist ein Ort, der für die Kulturgeschichte Bayerns von immenser Bedeutung ist. Vom 16. Jahrhundert bis zur weitgehenden Zerstörung im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs beherbergte der von Herzog Wilhelm V.  Ende des 16. Jahrhunderts errichtete Prachtbau des „Wilhelminums“, der den Machtanspruch des Jesuitenordens in der Zeit der Gegenreformation spiegelt, eine Vielzahl unterschiedlichster Institutionen, deren Wirken in vielen Facetten das Bild Bayerns bis heute prägen.

Bei Baudenkmälern steht traditionell die Baugeschichte im Mittelpunkt der kunstgeschichtlichen Ausführungen. Weniger Aufmerksamkeit erfährt aktuell die Nutzungsgeschichte historischer Gebäude, obwohl diese unter sozio-kulturellen Aspekten bestimmenden Einfluss auf die Stadtge-sellschaft hat. Bei allen Fragen der Umnutzung historischer Gebäude gehört es zum unverzichtbaren „Handwerkszeug“, die Geschichtlichkeit des Ortes zu analysieren und deren eigene Wertigkeit anzuerkennen.

Es ist ein besonderer Glücksfall, dass zwei (!) Inschriftentafeln aus dem Jahr 1890 an der Fassade der „Alten Akademie“ den Zweiten Weltkrieg unbeschädigt überstanden haben. Eine der Tafeln stellt im Detail die Phasen der baulichen Entwicklung von 1574 bis zum Ende des 19. Jahrhunderts dar. Die andere Tafel, ebenfalls 1890 angebracht, dokumentiert die Nutzungsgeschichte des Gebäudes von der Erbauung bis zum Jahr 1887. Damit wird deutlich, dass es für die Initiatoren der beiden Erinnerungstafeln bereits damals ein Anliegen war, den Passanten im öffentlichen Raum nicht nur „Kunstgeschichte“, sondern auch die kulturgeschichtliche Dimension des Nutzungswandels zu vermitteln. Auch heute noch sind diese beiden Tafeln, wenn sie denn nach dem Umbau wieder angebracht werden, ein exzellentes Beispiel für die Vermittlung „sozio-kulturellen Wissens am historischen Ort“. Auch eine dritte Tafel (siehe Foto S. 11), angebracht in der „Hettlage-Passage“, die an die Zerstörung 1944 und den Wiederaufbau in den Jahren 1953-55 durch den Freistaat Bayern „mit den gleichen Fassaden“ erinnert, verliert ihre Bedeutung nicht durch den jetzt geplanten Umbau und ist danach an gut sichtbarem Ort wieder anzubringen.

Nutzungsgeschichte der „Alten Akademie“

Aus der im Jahr 1890 an der Fassade angebrachten Tafel ist die vielfältige Nutzungsgeschichte des Gebäudes ablesbar.

„Das Wilhelminische oder Alte Akademie-Gebäude.

Die älteren Teile des Gebäudes dienten von ihrer Erbauung bis zur Aufhebung des Jesuiten-Ordens 1773 diesem Orden als Gymnasium und Kollegium. 

Dann gelangten sie nach vorübergehender Benutzung durch den Maltheserorden und verschiedene kurfürstliche Behörden 1783 an die im Jahre 1759 gestiftete Akademie der Wissenschaften. 

Neben der Akademie befanden sich noch folgende bedeutendere Hof- und Staatsanstalten im Gebäude:

Zentral- spätere Staatsbibliothek 1774-1843

Kadettenkorps 1775-1826

Landesarchiv 1784-1844

Kurfürstliche Maler-, Bildhauer- 

und Zeichenschule 1781-1809

Akademie der Bildenden Künste 1809-1885

Universität 1826-1840

Handelsministerium 1842-1866

Landtagsarchiv 1845-1868

Schwurgerichtshof 1844-1857

Heute teilen sich mit der K. Akademie der Wissenschaften und den wissenschaftlichen Sammlungen des Staates folgende Staatsstellen den Besitz des Gebäudes:

Oberstes Landesgericht und 

Geheimes Staatsarchiv seit 1845

Rechnungskammer seit 1865

Oberlandesgericht seit 1879

eine Postfiliale seit                                 1887.“

Die heutige Bezeichnung „Alte Akademie“ verengt die Wahrnehmung der Nutzungsvielfalt des Gebäudekomplexes und verdrängt dessen ursprüngliche Funktion. Der ursprüngliche Name „Wilhelminum“, der an Herzog Wilhelm V. erinnert, ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Herzog Wilhelm V. errichtete in den Jahren 1585-98 das nach ihm benannte Gebäude, das „Wilhelminum“, in dem das „Jesuitencollegium“, also das bereits 1559 gegründete Gymnasium der Jesuiten, bis zur Auflösung des Ordens im Jahr 1773 untergebracht war.

Andreas Kraus, der das Gymnasium der Jesuiten unter vielen Aspekten untersucht hat, legt den immensen Einfluss der „Jesuitenschüler“ auf Politik, Verwaltung, Jurisprudenz, Klerus, Wissenschaft und Kunst in Bayern offen. Das Gymnasium der Jesuiten („Wilhelminum“) war die Kaderschmiede Bayerns. Über Jahrhunderte hinweg wurden hier Führungspersönlichkeiten ausgebildet, die auf den unterschiedlichsten Gebieten Leitungsfunktionen ausübten.

Unmittelbar in der Traditionslinie des „Wilhelminums“ steht das „Königliche Wilhelmsgymnasium“, das älteste Münchner Gymnasium, das erst unter König Ludwig II. den stattlichen Neubau im Lehel erhalten hat.

Die Bezeichnung „Alte Akademie“ erinnert heute zunächst an die Akademie der Bildenden Künste, die seit ihrer Gründung im Jahre 1808 ihren Sitz im „Wilhelminum“ hatte. Mit der Fertigstellung ihres Neubaus am Siegestor hat die Akademie der Bildenden Künste ihren Stammsitz im Gebäude an der Neuhauser Straße verlassen.

Der Begriff „Alte Akademie“ ist aber primär und eng mit der Geschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften verknüpft und zeigt auf, dass die im Jahr 1759 gegründete Kurfürstliche Akademie der Wissenschaften („Alte Akademie“) unter König Max I. Joseph im Jahr 1807 als Königliche Akademie der Wissenschaften neu gegründet wurde.

Kriegsschäden Alte Akademie.jpg

Wiederaufbau Alte Akademie nach Kriegsschäden, Neuhauser Straße | Quelle: https://www.statistik.bayern.de/; wikimedia commons

Mit der Übersiedlung der Kurfürstlichen Akademie mit Bibliothek und Sammlungen im Jahr 1784 in das „Wilhelminum“ wurde im Zentrum Münchens ein universitätsähnliches Bildungszentrum geschaffen, das den Ruf der Stadt als Zentrum der Wissenschaft und der Künste begründete. Der Begriff „Alte Akademie“ für das „Wilhelminum“  hat daher eine Wurzel, die unmittelbar auf das Jahr 1807 zurückgeht, in dem die Akademie als Königliche Akademie unter dem Einfluß des Grafen Montgelas neu organisiert und in ihrem Bedeutungsgehalt entscheidend gestärkt wurde.

Die Bayerische Akademie der Wissenschaften war bis zur Zerstörung des Gebäudes im Jahr 1944 ebenfalls im „Wilhelminum“ untergebracht und fand ihre neue Heimstätte in der wiederaufgebauten Residenz. Manches deutet darauf hin, dass den in der Gegenwart verantwortlichen Persönlichkeiten der Bayerischen Akademie der Wissenschaften diese Traditionswurzel nicht hinreichend bekannt war. Denn nur so ist es zu erklären, dass deren Stimme in der Diskussion um die Nachnutzung der „Alten Akademie“ nach Auszug des Statistischen Landesamts nicht zu hören war.

Klaus Bäumler

Zum Weiterlesen

Andreas Kraus, Das Gymnasium der Jesuiten zu München

1559-1773. Staatspolitische, sozialgeschichtliche, behördengeschichtliche und kulturgeschichtliche Bedeutung, München: C.H. Beck 2001, 715 Seiten. 

Wolf Bachmann, Die Attribute der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 1807-1827, Münchener Historische Studien Abteilung Bayerische Geschichte, Hrsg. Max Spindler, Kallmünz 1966. 

Bildquellen

  • Kriegsschäden Alte Akademie.jpg: https://www.statistik.bayern.de/; wikimedia commons
  • alte-akademie1: Quelle: Fuggerarchiv Dillingen, Skizzenbuch der Jesuitenkollegien der Oberdeutschen Provinz

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