Kultur geht nicht ohne Natur. Welchen Wert hat öffentliches Grün in der Innenstadt

Nach der politischen Willensbekundung von Ministerpräsident Horst Seehofer und Oberbürgermeister Dieter Reiter am 2. Februar 2015 den Gasteig und den Herkulessaal gemeinsam zu sanieren ist der Neubau eines neuen Konzertsaals am Finanzgarten anscheinend vom Tisch. Die Zwillingslösung sieht die gemeinsame Nutzung der Philharmonie und des Herkulessaals durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks und die Münchner Philharmoniker vor. Jahrelang wurde über den Bau eines Konzertsaals für das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks diskutiert. Die Symphoniker beklagten die mäßige Akustik am Gasteig und die dortige Planungshoheit der städtischen Philharmoniker. Nun soll die Philharmonie für klassische Musik verbessert werden und der Herkulessaal renoviert werden. Da sollten sich doch alle Musiker freuen, möchte man meinen. Doch kaum waren die Ergebnisse des Gesprächs von Ministerpräsident und Oberbürgermeister bekannt, erklang heftiger Protest in fortissimo assai von namhafter Prominenz der Musikszene und vom Konzertpublikum. Dass am Ende eine Renovierung von Philharmonie und Herkulessaal und kein neues Konzerthaus herauskommt, darauf wird sich der BUND Naturschutz in Bayern e.V. (BN) nicht verlassen können. Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter schließt mittlerweile nicht mehr aus, dass es doch noch zum Neubau eines Konzertsaales am Finanzgarten kommt. Er habe nie behauptet, nun sei eine endgültige Entscheidung gefallen, wird Reiter zitiert.

Der BN wendet sich strikt gegen jede Bebauung des Finanzgartens oder auch nur eine Beschneidung der wertvollen Parkflächen für einen Konzertsaal. Am Beispiel dieses idyllischen Parks zwischen Hofgarten und Englischem Garten muss diskutiert werden, welchen Stellenwert öffentliches Grün hat in einer Stadt unter dem Druck ständiger Flächenversiegelung und Nachverdichtung. Die fortschreitende innerstädtische Nachverdichtung führt schon jetzt zu massivem Schwund von Baumbestand, Grün- und Freiflächen. Dies hat Auswirkungen auf den Lärmschutz, den Wasserschutz, die Wärme- und Luftverhältnisse in der Stadt und beeinflusst damit nicht nur die Lebensbedingungen für Pflanzen und Tiere, sondern auch unmittelbar und nachhaltig die Lebensqualität der Menschen in der Stadt. Insbesondere vor dem Hintergrund der Klimaerwärmung muss der Erhalt von öffentlichem Grün oberste Priorität in der Stadtplanung haben.
Der Baumbestand des Finanzgartens besteht überwiegend aus den Baumarten Spitzahorn, Bergahorn, Rotbuche, Rosskastanie, Esche und Eibe. Besonders hervorzuheben ist eine einzelne Flatterulme, eine Baumart, die in München seit dem Ulmensterben der 90er Jahre nur noch äußerst selten vorkommt. Einem Konzertsaal würden schützenswerte alte Baumbestände zu Opfer fallen, die einen für die Münchner Innenstadt bedeutsamen Lebensraum darstellen. Zahlreiche Vogelarten wie Mönchsgrasmücke, Zilpzalp, Buchfink, Kohlmeise und Blaumeise leben hier. Höhlenbrüter wie Buntspecht, Kleiber, Gartenbaumläufer und Grünspecht, der Vogel des Jahres 2014, finden in den Bäumen Brutmöglichkeiten. Die vorhandenen Baumhöhlen lassen vermuten, dass auch Fledermäuse hier ihr Quartier haben.
Es sprechen auch gewichtige juristische Argumente für den Erhalt der Parkanlage östlich des Landwirtschaftsministeriums. Seit 1967 ist der Finanzgarten durch einen rechtsverbindlichen Bebauungsplan als öffentliche Grünanlage festgesetzt. Seit 1964 steht er unter dem Schutz einer Landschaftsschutzverordnung. Ferner steht er als Gartendenkmal unter dem besonderen Schutz des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes. Eine ganze Reihe von Stadtratsbeschlüssen betont die hohe Bedeutung von Grünflächen in der Innenstadt für die Lebensqualität der Bevölkerung. In der Broschüre der Landeshauptstadt München „Leitlinie Ökologie: Teil Klimawandel und Klimaschutz“ von 2014 heißt es beispielsweise: „Grünräume erhöhen die Lebensqualität in dicht besiedelten Quartieren. Sie machen einen großen Teil der Attraktivität von Arbeits- und Wohnumfeldern aus.“ Oder: „Grünflächen haben eine positive Wirkung auf das geistige und körperliche Wohlbefinden.“ Zu diesen Aussagen kann der BN die Stadt München nur beglückwünschen und die dringende Beachtung einfordern.
Für den BN ist der Finanzgarten deshalb eine Tabufläche, die von jeglicher Bebauung frei zu halten ist. Eingriffe im Landschaftsschutzgebiet für einen Konzertsaal setzen das völlig falsche Signal. Keine Parkanlage in München wäre mehr vor einer Zerstörung sicher. Wir brauchen mehr und nicht weniger Grünflächen in der Innenstadt, der Finanzgarten liegt gerade 800 Meter vom Marienplatz entfernt.
Trotz all dieser Argumente hat der Verein der Freunde des Konzertsaals im Dezember 2014 seine Pläne für einen Konzertsaal im Finanzgarten als „neues Odeon“ präsentiert. Auf der Homepage www.konzertsaal-muenchen.de finden sich die Ideen der Konzertsaalfreunde, die von Münchens Stadtheimatpfleger Gert Goergens unterstützt werden. In der Pressemappe ist sein Statement zu lesen: „Die Arbeit zeigt auf, dass ein Konzertsaal an diesem Standort eine Bereicherung des Stadtraums und insbesondere durch die Einbeziehung der bisher dem Autoverkehr vorbehaltenen Verkehrsflächen, ein Gewinn für die Urbanität darstellt sowie zur Aufwertung und Belebung dieses Ortes beitragen kann.“ In der Zerstörung eines Drittels bis zur Hälfte eines Gartendenkmals sieht der Stadtheimatpfleger eine Aufwertung und Belebung des Ortes. Unter diesen Umständen lohnt ein Blick in die Satzung für den Heimatpfleger der Landeshauptstadt München, die die Aufgaben und den Tätigkeitsrahmen festlegt:
„Die Heimatpflege soll dazu beitragen, verderbliche Entwicklungen und aufgetretene Schäden und Schadenseinflüsse in der Umwelt zu verhindern und zu beseitigen und dabei mitwirken, dass die Heimatqualität wieder wächst.“ Da die Äußerungen von Herr Goergens nicht dazu beitragen, verderbliche Entwicklungen und aufgetretene Schäden und Schadenseinflüsse in der Umwelt zu verhindern, sondern im Gegenteil zu deutlichen Schäden am Gartendenkmal Finanzgarten führen, hat der BN den Oberbürgermeister um Überprüfung gebeten, ob der Einsatz des Stadtheimatpfleger, für die Zerstörung des Finanzgarten mit den Pflichten des Heimatpflegers überhaupt vereinbar ist.
Eine derartig große Naturzerstörung durch einen Konzertsaal im Finanzgarten wäre nicht zu rechtfertigen. Stattdessen fordert der BN eine erneute Suche nach alternativen Standorten für einen neuen Konzertsaal, diesmal unter Beteiligung des Naturschutzes. In der bisherigen Findungsgruppe war kein Vertreter des Naturschutzes beteiligt.
Allerdings sieht auch der BN Potenzial den Finanzgarten aufzuwerten. So könnte die Galeriestraße entsiegelt und mit Bäumen bepflanzt werden. Ein weiterer Verbesserungsvorschlag wäre eine Wegebeziehung zwischen Hofgarten, Finanzgarten in das Schönfeldviertel durch einen Übergang der Von-der-Tann-Straße. Auch mehr Parkbänke könnten zum Verweilen einladen. Ferner sollte der Hauptweg durch die Parkanlage beleuchtet werden. Ein plätschernder Brunnen auf der Wiese im Westteil des Finanzgartens wäre ein belebendes Element. Aufwertungsmöglichkeiten gibt es also ausreichend. Um einen Park aufzuwerten, muss er jedoch nicht teilweise durch einen Konzertsaal zerstört werden. Der Freistaat Bayern und die Stadt München sind reich genug, um ohne ein Bauwerk die Attraktivität des Finanzgartens steigern zu können.
Die Welterbeliste der UNESCO zeigt: Kultur geht nicht ohne Natur. Die Zerstörung des Finanzgartens wäre nicht nur ein Akt gegen die Natur, sondern auch wider unsere kulturellen Wurzeln. Allein deshalb sind Freistaat Bayern und Stadt München gut beraten, den Finanzgarten nicht anzutasten.
Rudolf Nützel

Dr. Rudolf Nützel ist Geschäftsführer des BUND Naturschutz in Bayern e.V., Kreisgruppe München

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