“Stille Örtchen” – Wo ist die Ruhe in der Stadt?

Im Mittelpunkt der Lärmschutz-Diskussion stehen meist Maßnahmen zur Lärmminderung. Aber genauso wichtig ist die Frage nach der Ruhe in der Stadt. Wo finden Menschen einen Ausgleich zum stressigen und lauten Stadtleben? Wie kann man diese ruhigen Orte schützen? Kann man laute Orte angenehm machen? Was kann die Stadt tun? Was können die Menschen tun?
Antworten auf diese Fragen gab die gemeinsam vom Arbeitsring Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik, dem Umweltbundesamt, dem Referat für Gesundheit und Umwelt der Landeshauptstadt München, dem Münchner Forum und dem Gesundheitsladen München organisierte Fachveranstaltung am 29. April 2015 im Münchner Rathaus.
Matthias Hintzsche vom Umweltbundesamt stellte  die rechtlichen Grundlagen aus der EU-Umgebungslärmrichtlinie und aus dem Bundes-Immissionsschutzgesetz vor. Danach soll es auch Ziel der von den Städten und Gemeinden aufzustellenden Lärm-Aktionspläne sein, „ruhige Gebiete gegen eine Zunahme des Lärms zu schützen“. Ein ruhiges Gebiet (in Ballungsräumen) wird definiert „als ein von der zuständigen Behörde festgelegtes Gebiet, in dem beispielsweise der Lden-Index oder ein anderer geeigneter Lärmindex für sämtliche Schallquellen einen bestimmten, von dem Mitgliedstaat festgelegten Wert nicht übersteigt“.
Ein fester Kriterienkatalog der EU, wie auch eine Festsetzungspflicht, fehlt aber. Die Kommunen befürchten Einschränkungen in ihrer Planungsfreiheit. Die ausgewiesenen „ruhigen Gebiete“ in der 1. Stufe der Lärmaktionsplanung sind EU-weit daher sehr unterschiedlich. In Deutschland vermerkten nur etwa 30% der Kommunen überhaupt ruhige Gebiete.
Hintzsche fordert für die Fortschreibung der Umgebungslärmrichtlinie und des Konzeptes der ruhigen Gebiete eine Konkretisierung der Auswahlkriterien und eventueller Schutzmaßnahmen. Dazu wird in Kürze eine umfangreiche Untersuchung des Umweltbundesamtes („TUNE ULR“ – Technisch wissenschaftliche Unterstützung bei der Novellierung der EU-Umgebungsrichtlinie) erscheinen.
München hat sich erfreulicherweise bereits in der 1. Stufe des Lärmaktionsplans mit dem Thema „Ruhige Orte“ befasst. Welche Vorgehensweise dabei gewählt wurde und welche Erfahrungen hier und auch in anderen Kommunen gemacht wurden, erläuterte Dr.-Ing. Eckhart Heinrichs/LK Argus. So wurden bei der Auswahl möglicher ruhiger Gebiete eine ganze Reihe von Kriterien berücksichtigt, wie absolute und relative Lärmwerte laut Lärmkartierung, Flächennutzung, Lage, Einzugsgebiet, Zugänglichkeit, Größe, subjektives Empfinden. Im Ergebnis wurden dann 122 potenziell geeignete innerstädtische Erholungsflächen ermittelt. Festgelegt wurden letztendlich aber nur fünf großflächige Gebiete am Stadtrand. Alle anderen sollten in der Fortschreibung des Lärmaktionsplans erneut diskutiert werden. Aber das wird nun nicht geschehen: Der Münchner Stadtrat hat am 29.4.2015 beschlossen, die „ruhigen Gebiete“ in der 1. Fortschreibung nicht mehr zu behandeln.
Kleine Ruhe-Oasen, wie Höfe oder Gärten, wurden nicht erfasst. Aber gerade sie sind als Rückzugsorte vom Lärm der Großstadt enorm wichtig für die Menschen. Welche Kriterien für die Bestimmung ruhiger Gebiete sind aus Sicht der BürgerInnen von Bedeutung? Welche Vorschläge zur Auswahl von „stillen Örtchen“ ergeben sich dann? Diesen Fragen ging Rainer Kühne vom ALD nach. Er stellte die Erwartungen der Menschen in den Vordergrund: Welche solcher Plätze bevorzugen die Münchner BürgerInnen? Orte der Ruhe sind für sie mehr als die „Abwesenheit von Lärm“: Sie sind oft auf kurzen Wegen ohne Auto fußläufig erreichbar und bieten ein angenehmes akustisches Umfeld, eine schöne Optik, einen guten Geruch, Bequemlichkeit und Schutz. Damit sind auch kleine Parks und Gärten wichtige und schützenswerte ruhige Gebiete. Aber sie müssen zunächst einmal entdeckt werden.
Aus laut wird leise
Kann man aus einem lauten, unattraktiven Platz einen leisen und attraktiven Platz machen? Viviane Acloque stellte das Beispiel des Nauener Platzes in Berlin vor, der auf Basis einer intensiven Einbeziehung der verschiedenen Nutzergruppen und psychoakustischer Bewertungsverfahren von einem verkehrsumtosten sozialen Brennpunkt zu einem angenehmen Aufenthaltsort für alle umgestaltet werden sollte. Dazu wurden unter Verwendung des Soundscape-Ansatzes z. B. verschiedene Nutzungszonen mit definierten Stimmungen geschaffen, der Grünanteil erhöht, zur Abgrenzung eine begrünte Gabionenwand errichtet und verschiedene Audio-Installationen aufgestellt.
Obwohl der Verkehrslärm immer noch dominant ist (eine Verkehrsberuhigung erfolgte nicht), wird er nun weniger wahrgenommen: Angenehmere Geräusche lenken von ihm ab und die Gabionenwand schränkt den Lärm akustisch und optisch ein. Außerdem trägt eine umfangreiche Platzgestaltung mit Bänken, Spielgeräten, verschiedenen Aufenthaltsbereichen und Grün zur allgemeinen Akzeptanz bei.
In der anschließenden Podiumsdiskussion, die Dierk Brandt von der Planungsgruppe 504 leitete, ging es zunächst um Möglichkeiten im Stadtgebiet von München. Wo gibt es angesichts des Bevölkerungswachstums und der notwendigen Wohnraumschaffung noch Ruhe? Welche Instrumentarien sind machbar, welchen Nutzen hat der Lärmaktionsplan überhaupt?
Joachim Lorenz, Referent für Gesundheit und Umwelt, betonte, dass durch den Lärmaktionsplan das Interesse an der Lärmproblematik, auch auf politischer Ebene, deutlich zugenommen hat. Allerdings ist die Bereitschaft zu aktiven Minderungsmaßnahmen, etwa Geschwindigkeitsbeschränkungen, sehr gering, so dass im Lärmaktionsplan (LAP) bisher nur Schallschutzfenster und lärmarme Asphaltdecken als Versuch festgelegt wurden. Auch die „ruhigen Gebiete“ sind ein schwieriges Thema, weil befürchtet wird, durch die Festsetzung im LAP würde die Stadtentwicklung behindert. Aktuell sei z. B. in der Fortschreibung des LAP die Ausweisung weiterer ruhiger Gebiete zurück gestellt, weil die Wohnungsbedarfsplanung Vorrang hat.
Für die BürgerInnen ist Lärm das Umweltproblem – die meisten Beschwerden an das Referat beziehen sich darauf; dabei geht es – nach dem Thema Verkehrslärm – zunehmend um Freizeitlärm, z.B. bei Veranstaltungen, Sportanlagen, aber auch Kinderlärm.
Der Verkehrslärm ist ein großes Thema, aber die Verwaltung ist oftmals personell überfordert, die Politik hat zum Teil resigniert und es fehlt an der adäquaten Wahrnehmung der gesundheitsgefährdenden Auswirkungen. Dennoch soll in der Fortschreibung des LAP das Thema Tempo-30 (zumindest nachts) für einige Gebiete wieder in den Maßnahmenkatalog.
Davon abgesehen ist eine andere Stadtplanung notwendig, die auf eine stärkere Nutzungsmischung setzt und viele Verkehre überflüssig macht.
Prof. Ingrid Krau vom Münchner Forum, Arbeitskreis Stadt: Gestalt und Lebensraum,  fordert angesichts des fortschreitenden Wachstums von München mehr Platz für die nicht-motorisierten Verkehrsmittel im öffentlichen Raum und mehr Kommunikation und Toleranz der Stadtgesellschaft – nur durch eine solche „low-tech-Strategie“ ließen sich auf Dauer Konflikte lösen.
Sind ruhige Gebiete tatsächlich der richtige Weg im Lärmschutz? Oder ist es nicht wichtiger, erst die Orte mit einer extremen Lärmbelastung zu „beruhigen“? Michael Jäcker-Cüppers vom Arbeitsring Lärm der DEGA, hält beides für notwendig, zumal viele Maßnahmen (weniger Autos, leisere Straßen, leisere Autos) ja in beiden Fällen nutzen. Auch Sound-Scaping sei eine Möglichkeit, aber man muss prüfen, wo es wirtschaftlich ist.
Zum Schluss ging es noch darum, wie man am Besten die „stillen Örtchen“ findet. „Nicht mit Technik“, sagt Matthias Hintzsche, „dazu braucht es die Beteiligung, also Befragung der BürgerInnen.“ Bleibt allerdings die Frage der Finanzierung, denn  der Lärmschutz ist im Bundeshaushalt absolut unterfinanziert, wie Herr Hintzsche anmerkte.
In der Veranstaltung demonstrierten die TeilnehmerInnen ihren Willen zur Mitwirkung bei solchen Befragungen. Der ist augenscheinlich groß: In nur einer halben Stunde markierten 89 % aller Besucher auf Stadtplänen ihre Lieblingsplätze und begründeten ihre Vorliebe auf kleinen Fragekärtchen. Die Praktikanten Nadja Idler und Hannes Schmidt hatten im Nu die Auswertung gemacht und zeigten: Von kleinen Parks über Höfen in Gaststätten oder öffentlichen Gebäuden bis zu Friedhöfen wurde ein breites Spektrum von „stillen Örtchen“ genannt. Sicher nicht repräsentativ, aber doch interessant und ein Beweis für die Suche nach Ruhe in einer Großstadt.
Die Vorträge werden vom ALD im Internet dokumentiert. Den Link finden Sie auf www.gl-m.de
Maria Ernst, Maria Ecke-Bünger, Rainer Kühne, Erna Schmid, Gunhild Preuß-Bayer

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