Bayerisches Fernsehen| stadtgeschichten | Ein Tag an der Münchner Isar

Im Juni 2011 war es soweit: aus der einst begradigten Isar war durch jahrelange Bagger- und Schaufelarbeiten endlich wieder ein natürlicher Fluss geworden, der in großen Schleifen durch das Stadtgebiet mäandern darf.

Seitdem haben die Münchner ihren Fluss wiederentdeckt: ihre ganz persönlichen Lieblingsplätze dort gefunden. Und zu träumen begonnen, von Bädern in der Isar, Cafés und Balkonen über dem Fluss, Open-Air-Konzerten auf Brücken, denen man auf Schaukeln darunter lauschen kann.

An den heißen Sommer-Wochenenden verwandelt sich der Flauchersteg in eine grilldampfende Partymeile, die im nächsten Sonnenaufgang ein trauriges, Scherbenbild zeichnet. Das war nicht das Ziel der Millionenteuren Zurückverwandlung der Isar in einen wilden Naturfluss, warnen nicht nur die Naturschützer.

Der Film stellt Menschen an einem ganz besonderen Fluss in einer Großstadt vor. Er erzählt von ihren Wünschen und Hoffnungen für ein besseres Zusammenleben mit ihrer Isar. Und er zeigt: das Schicksal der Isar wird vom Blick bestimmt, den die Menschen auf die „Reißende“ haben, wie die Kelten den Fluss vor Urzeiten nannten.


 

Unter folgendem Link ist der Beitrag abrufbar:

http://www.br.de/mediathek/video/video/ein-tag-an-der-muenchner-isar-102.html

Bayerisches Fernsehen

Buch und Regie: Peter Giesecke, Redaktion: Sabine Reeh

 

 

 

Klimawandel und Verdichtung

Die Klimaerwärmung der Atmosphäre schreitet fort. Selbst wenn die ehrgeizigen Klimaziele von Paris 2015 durchgesetzt werden sollten, wird die Erwärmung (der durchschnittlichen Temperatur um 1,5 Grad) unsere Lebensbedingungen auch in München vor allem im Sommer verschlechtern. Die Kohlendioxiddichte in der Luft mit über 400 ppm (parts per million; millionstel) überschreitet seit letztem Jahr mit steigender Tendenz einen Wert, der seit der letzten Eiszeit nicht erreicht wurde. Die Bundesregierung hat 2011 in der Reaktion auf diese Entwicklung mit der Klimaschutznovelle den Klimaschutz als einen zu berücksichtigenden Belang ins Baugesetzbuch (BauGB) eingeführt. Klimaschutz und -anpassung werden in § 171a-c BauGB als neue Aufgaben des Stadtumbaus genannt.  Auf dieser Grundlage hat der Stadtrat am 27. November 2013 die Verwaltung beauftragt, ein Maßnahmenkonzept zu erstellen zur „Anpassung an den Klimawandel in der LH München“ (Sitzungsvorlage Nr. 08-14).  Als erstes Ergebnis wurde vom Referat für Gesundheit und Umwelt eine „Klimafunktionskarte“ (s.o.) vorgelegt (Sitzungsvorlage Nr. 14-20 / V 01810). Eine innerstädtische Arbeitsgruppe aus den Re-feraten Gesundheit und Umwelt, Baureferat, Bauordnung und Stadtplanung sowie Arbeit und Wirtschaft beschäftigt sich mit dem Thema und ist auf gutem Weg, konkrete Vorschläge zu erarbeiten. Der Arbeitskreis des Münchner Forums Stadt: Gestalt und Lebensraum hat sich am 22. Mai 2015 mit den vorläufigen Ergebnissen vertraut gemacht. | Für eine bessere Lesbarkeit der Karte finden Sie die vollständige Klimafunktionskarte mit Legende in der Standpunkteausgabe 02.2016

Mit der Thematik der Anpassung an die Klimaveränderung erscheint ein neuer, übergreifender Gesichtspunkt in der Siedlungsdebatte. Die Stadtplanung hatte sich auch in München nach 1945 aus der generellen Debatte um die Gesamtstadt mehr und mehr zurückgezogen. Lediglich die Infrastruktur für Mobilität und für die Ver- und Entsorgung wurde weiterentwickelt. Mit der 2. Hochhausstudie 1996 wurde der Gesamtblick auf die Stadt verdrängt. Um als Gesamtstadt planerisch in den Blick genommen werden zu können, sei München zu groß, wurde darin argumentiert. Auch das Bundesbaugesetz (BBauG) von 1960, das seine volle Wirkung ab 1980 nach der ausgeschöpften Übergangszeit entfaltete, verstärkte den segmentierten Blick auf die Stadt. In den Vordergrund drängte sich das Quartier; München wurde nur noch als Summe seiner Teile aufgefasst. Außerhalb der Stadterweiterungen ist das Verbindende unterentwickelt. Man erfährt München als besondere Stadt hauptsächlich in Bezug auf das Zentrum, auf die Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts und auf die Erweiterungen nach der Staffelbauordnung Theodor Fischers im 20. Jahrhundert. Der alles umgreifende Klimabelang reicht aber auch weit über München hinaus in die Region. Der Klimawandel macht es notwendig, wieder Gesamtzusammenhänge ins Zentrum der Planungs- und Entwicklungsüberlegungen zu rücken.


Die Schotterebene – ein Pferdefuß?
Münchens Lage auf der abfallenden Schotterebene vor der Nordseite der Alpen, aus der die Isar nach Nord-Nordost durch die Stadt fließt, hat beträchtliche naturräumliche Potentiale, aber auch Probleme für seine Entwicklung. Quellwasser in bester Qualität fließt im Freilauf von erschlossenen Quellen vom Fuße der Alpen zur Stadt und das genutzte Wasser wieder nach Norden zu den Kläranlagen. Jahrhunderte transportierte die Isar Waren aus dem Süden durch die Stadt, heute kühlt sie die Energiegewinnung vor Ort. Die unergiebigen Böden der Schotterebene eignen sich bestens für die Besiedlung, für die sie auch das Baumaterial zur Verfügung hat.
Allerdings zeigt sich mit zunehmender Überbauung und Versiegelung auch der klimatische Pferdefuß der Schotterebene. Sie heizt sich im Sommer auf und kann die lebenswichtige Feuchtigkeit für den pflanzlichen Bewuchs nicht halten. Die Aufheizung wird noch befeuert durch den Verkehr und die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen. So entsteht zusammen mit der Klimaerwärmung eine brisante Aufheizung, die bei Hitzeperioden für die Gesundheit der Bevölkerung bedrohlich werden kann.


Die Rettung sind Winde von den Alpen
Aus dieser Konstellation ergibt sich ein Belüftungs- und ein Kühlungsproblem für die Stadt. Aus der erwähnten Klimafunktionskarte ist zu entnehmen, dass die Unterstützung der Belüftung der Stadt in den windschwachen, besonders gesundheitsgefährlichen Sommernächten von den Alpen kommt. Die sich nach Sonnenuntergang rasch abkühlenden nördlichen Berghänge der Alpen schieben kühle Winde in die Stadt. Dieser Vorgang, der mit dem Begriff „Alpenpumpen“ bezeichnet wird, darf nicht durch Aufsiedlung oder künstliche Barrieren zwischen den Alpen und der Stadt geschwächt werden, im Gegenteil: Dieser große Vorteil muss genutzt und gestärkt werden. Große Gefahr droht durch eine Südautobahn, die nicht nur den kühlenden Waldbestand reduzieren, sondern mit ihrer Erschließungsgunst eine beschleunigte Aufsiedlung hervorrufen würde. Das „Alpenpumpen“ würde reduziert oder sogar unterbrochen. Regionalplanerische Vorsicht und interkommunale Zusammenarbeit ist hier gefordert.
Ein städtebaulicher Leitgedanke für München muss die Durchgängigkeit für Winde werden. Chaotische, punktuelle Bebauung, wie sie durch abgeschlossene Wettbewerbsgebiete entstanden sind und weiter entstehen, müssen zugunsten von bestehenden und geplanten, leitenden städtischen Strukturen zurückgedrängt und eingefügt werden.


Verträgt sich Verdichtung mit den Anforderungen an ein gutes Stadtklima?
Innerhalb der Stadt ist längst ein Streit ausgebrochen über die Verdichtung in den sogenannten Gartenstädten. Wo sollte diese aber stattfinden ohne Verlust an Lebensqualität? Mit dem neuen Klimabelang lässt sich Verdichtung begründet steuern. Die unverzichtbaren Belüftungszonen sollten in ihrer Versiegelung gebremst werden, ähnlich den ehemaligen Lärmschutzzonen des Flughafens Riem. Hierzu muss eine Karte erstellt werden, die das Windgeschehen über längere Zeiträume abbildet sowie prognostisch plausibel und gerichtsfest ist. Die Düsenwirkung von Straßen kann die Durchgängigkeit der Luftströmungen ebenfalls befördern. Eine Stadtordnung, die sich auf das bedrohliche Klimageschehen einstellt, weist auch den Weg der Verdichtung. Dort, wo die Infrastruktur unter der Straße liegt und die öffentliche Verkehrserschließung leistungsfähig ist, also im Hauptstraßennetz, kann Verdichtung auch im Bestand den Belüftungszweck unterstützen. Bisher begrenzt das Baurecht (§ 34 BauGB) die Verdichtung, wie sie diese auch z.T. in den „Gartenstädten“ unerwünscht zulässt. Dieses Korsett kann und muss jetzt aufgeschnürt werden. Das gibt der Stadtentwicklung neue Perspektiven und Entwicklungschancen. Die mangelhafte, chaotische Struktur der Nachkriegsentwicklung kann damit langfristig korrigiert werden. Verbindet man die mögliche Bautätigkeit im Bestand mit der dringenden Ertüchtigung des öffentlichen Raumes auch mit den Erdgeschoßzonen, kann sich die Lebensqualität für die Bedürfnisse aller Generationen deutlich steigern lassen und hilft, die Zuwanderung in positive Bahnen zu lenken (s. Beitrag von Frau Professor Krau).
Die auf Neubaugebiete verengte Stadtentwicklung kann mit bürgerschaftlicher Fantasie wiederbelebt werden zugunsten von Vielfalt gegenüber Investoren-Einerlei in der Stadt. Auch das hilft dem immer wichtiger werdenden öffentlichen Raum.


Stadtbelüftung UND Stadtkühlung
Gleichwertig neben der Durchgängigkeit der Stadt für die Stadtbelüftung steht die Stadtkühlung durch die städtische Vegetation. Auch die offenen Wasserflächen der Wasserläufe (Isar, Würm, Hachinger Bach, Hüllgraben) und der Stadtbäche müssen hier zur Hilfe herangezogen werden. Dabei sollte die Betretbarkeit der Isar in der Innenstadt und im Münchner Norden und der Würm durch Abflachen der Ufer fortgesetzt und die offenen Wasserflächen vergrößert werden. Diese Maßnahmen steigern die Erholungsfunktion der Würm und der innerstädtischen Isar und entzerren die örtliche Übernutzung. Im gefährdeten Hochsommer kann durch Reduzierung der Ausleitung eine Kühlungsreserve auf den Kiesstränden erreicht werden. Wo möglich sollte die Kühle der Berge auch durch weitere Öffnung der Stadtbäche genutzt werden.
Bäume kühlen die Luft durch Verdunstung am Tag, Wiesen kühlen die Luft in der Nacht und senden diese als Windhauch in die bebaute Umgebung. Die Stadtgärtner denken über ein ausgeglichenes Verhältnis dieser natürlichen Effekte und über eine räumliche Struktur der Grünflächen nach, um die beste Kühlung zu erreichen. Das Problem der Austrocknung der Wurzelräume der Bäume kann mit einer weiter optimierten Erdmischung angegangen werden. Die neue Aufmerksamkeit für die Stadtvegetation kann ein Segen für die Stadtentwicklung werden. Sie kann das in München beispielhafte Grün weiter stärken und qualifizieren. Jeder Eingriff ins Grün bedarf – auch wenn er auf stadtklimatische Verbesserungen und bessere Nutzbarkeit für die innerstädtische Erholung abzielt – einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit.


Ein übergreifendes Fußwegenetz fehlt!
Die Münchner Mobilitätsangebote  sollten mit neuen oder verbesserten Angeboten verträglicher gestaltet werden. Dabei ist zuerst an einen ertüchtigten Umweltverbund zu denken als Alternative zum motorisierten Individualverkehr. Ein Radwegenetz ist im Entstehen und bedarf weiterer, großer Aufmerksamkeit. Der Fußverkehr allerdings, der heute ein Viertel (24 %) der Mobilität abdeckt, muss neu in den Blick genommen werden. Der Fußgänger wird überall in der Stadt durch den Individualverkehr behindert. Ihm werden Wartezeiten, Umwege und Hindernisse zugemutet, die ihn im Vergleich mit dem von Verwaltung und Politik bevorzugten motorisierten Verkehr immer nur zweitrangig berücksichtigt. Selbst die Zugänge zu den öffentlichen Grünanlagen sind ungenügend und oft mit Abfalleinrichtungen verstellt. Auch und gerade im Berufsverkehr fehlt ein übergreifendes Fußwegenetz und zwingt den Fußgänger dazu, doch wieder das Auto zu benutzen. Dabei ist der Fußverkehr ohne Zweifel die stadtfreundlichste und gesündeste Verkehrsart. Gerade München eignet sich sehr gut durch seine Dichte und seine abwechslungsreichen Stadtwege für diese Verkehrsart. Alle Anlässe, Entfernungen fußläufig zurückzulegen und damit auch der Bewegungsarmut entgegenzuwirken (10.000 Schritte am Tag), sollten genutzt und prioritär gefördert werden.


Klimawandel – eine Chance für München?
Die Notwendigkeit der Stadtkühlung schafft auch hier den Anlass, ein durchgängiges Fußwegkonzept zu entwickeln, das dem Individualverkehr die Priorität nimmt, Winde leitet und den öffentlichen Raum stärkt. Reduzierter Individualverkehr und begrünter öffentlicher Raum als Netz in der Stadt sind Klima-Ziele, die ernsthaft angepackt werden müssen. Die Bürgerinitiative Urbanes Wohnen hat in jahrelanger, ehrenamtlicher Arbeit einen Grün- und Wegeplan entwickelt, der Grundlage für eine fußgängerfreundliche Stadt sein kann. Auch die örtliche Erfahrung der Bezirksausschüsse kann hier abgerufen werden.
Es stellt sich heraus, dass Stadtverdichtung und Klimaverbesserung als Gesamtaufgabe betrachtet der Stadtentwicklung einen neuen positiven Schub geben können.

Wolfgang Czisch

Wolfgang Czisch, Politologe M.A., war von 1973 bis 1996 Mitglied im Münchner Stadtrat, von 1984 bis 1996 Korreferent des Referats für Stadtplanung und Bauordnung in München und von 1999 bis 2012  Vorsitzender des Programmausschusses des Münchner Forums. Er leitet die Arbeitskreise „Stadt: Gestalt und Lebensraum“ und „Isar“ des Münchner Forums.

Bürgerschaftliche Partizipation in München: Zur besonderen Qualität der Münchner Bezirksausschüsse

Nach jahrelangen wissenschaftlichen und politischen Diskussionen über das Gewicht plebiszitärer Elemente in der repräsentativen Demokratie veränderte sich durch den Volksentscheid vom 1. Oktober 1995 die kommunalpolitische Landschaft in Bayern grundlegend. Durch ein „Volksgesetz“ verschafften sich die Bürger ein wichtiges Mitentscheidungsrecht in Form des Bürgerentscheids. Manche bezeichneten damals den 1. Oktober 1995 als „schwarzen Tag für die kommunale Selbstverwaltung“, wobei verkannt wurde, dass die Veränderung des Kräfteverhältnisses zwischen Mandatsträgern und „Stimmvolk“ überwiegend positive Aspekte aufweist. Die bisher nur durch politische Zweckmäßigkeit und partielle gerichtliche Nachprüfbarkeit begrenzte Machtvollkommenheit der „Repräsentanten“ musste sich nun mit dem Instrument des „Bürgerentscheids“ zwischen den Wahltagen hinterfragen lassen. Ob sich daraus in den letzten zwanzig Jahren eine neue Kultur des Überzeugens, neue Formen des Umgangs zwischen Mandatsträgern, Verwaltung und Bürgern entwickelt haben, bedarf einer gründlichen Untersuchung.

Besonders mit Blick auf die Münchner Bezirksausschüsse ist eine solche wissenschaftliche Analyse im Zusammenhang mit dem Volksentscheid überfällig. Für sie brachte der 1. Oktober 1995 im wahrsten Sinn des Worts eine wirklich „entscheidende“ Fortentwicklung. Durch den Volksentscheid und das damit „vom Volk des Freistaats beschlossene Gesetz“ erhielt die grundlegende Bestimmung des Art. 60 BayGO (=Bayerische Gemeindeordnung) wieder eine Fassung, die es dem Münchner Stadtrat ermöglichte, den über Jahrzehnte bewährten Gremien Entscheidungsrechte zu übertragen. Damit stellte der Volksentscheid jene Rechtslage wieder her, welche die Schöpfer der Bayerischen Gemeindeordnung bereits 1952 geschaffen hatten. Mit der unmittelbaren Wahl der Bezirksausschüsse wurde nunmehr die uneingeschränkte demokratische Legitimation der Mitglieder der Bezirksausschüsse hergestellt. Bis dahin wurden die BA-Mitglieder auf Vorschlag der Parteien vom Stadtrat berufen. Jedoch musste die Mitgliedschaft vom Stadtrat aberkannt werden, wenn das BA-Mitglied von seiner Partei nicht mehr als Vertreter anerkannt wurde. Damit drohte der Verlust des kommunalen Ehrenamts, wenn das BA-Mitglied – aus welchen Gründen auch immer – der Partei nicht mehr genehm war. Der ungute Zustand, durch eine einseitige Entscheidung eines Parteigremiums die Beendigung des kommunalen Mandats herbeiführen zu können, widersprach dem Wesen des kommunalen Ehrenamts. Erstmals 1996 hatte die Münchner Bürgerschaft die Möglichkeit, neben den Mitgliedern des Stadtrats auch die Mitglieder der Bezirksausschüsse unmittelbar zu wählen. Letztere erhielten dadurch die uneingeschränkte demokratische Legitimation.

Für die Münchner Bezirksausschüsse brachte also das Jahr 1995 einen politisch-administrativen „Quantensprung.“ Die 1995 bewirkte Stärkung des lokalen ehrenamtlichen Elements im Bereich der Stadtteilvertretungen stellt ein notwendiges und ausgleichendes Gegengewicht gegenüber dem „Rathaus“ dar. Ein lebendiges demokratisches Gemeinwesen kann auf den Freiraum für Eigen- und Mitverantwortung der Bürger, das daraus erwachsende Engagement und den eingebrachten Sachverstand nicht verzichten. Denn: „Die großstädtischen Verwaltungsapparate haben sich zu zentralisierten und spezialisierten Mammutbehörden entwickelt, deren nicht selten orts- und landfremde Beamtenschaft den Anliegen und Bedürfnissen der ihr unbekannten Bürger weit fremder gegenübersteht wie die mit den Verhältnissen … vertrauten Landratsämter. …  Die großstädtische Bevölkerung durch eine lebendigere Fühlungnahme wieder näher an den Staat heranzuführen , muss heute als die Aufgabe einer auf Fundierung der Staatsordnung im Wege der Demokratisierung bedachten Staatsregierung angesehen werden“. Mit diesen ungewöhnlich deutlichen Worten setzte sich der Bayerische Verwaltungsgerichtshof Anfang der 1950er Jahre für die Stärkung des lokalen-bürgerschaftlichen Elements in der Großstadtverwaltung ein.

Die Münchner Bezirksausschüsse haben sich seit ihrer Gründung im Jahr 1947 als Mittler zwischen Bürger und „Rathaus“ bewährt. Sie erarbeiteten sich bei Mitbürgern, Verwaltung und Mandatsträgern Ansehen und Wertschätzung. Nicht von ungefähr gelten die Bezirksausschüsse als die besten Schulen der „Erziehung zur Demokratie“ und  bieten die intensivsten Möglichkeiten für Information und Partizipation.

Es spricht für die neue Qualität der Münchner Stadtteilvertretungen, dass Mitglieder der Staatsregierung für „ihren“ Bezirksausschuss kandidieren.

2017 blicken die Münchner Bezirksausschüsse auf siebzig Jahre ihres Bestehens zurück. Es wäre dem heutigen Stellenwert der ehrenamtlichen Arbeit der Münchner Bezirksausschüsse angemessen, wenn aus Anlass dieses Jubiläums eine von der Stadt München beauftragte Untersuchung durch eine kommunalwissenschaftliche Einrichtung, etwa des DIFU-Instituts vorgelegt werden könnte.

Das DIFU-Institut (Deutsches Institut für Urbanistik, Berlin) hat bereits Anfang der 1980er Jahre eine breit angelegte wissenschaftliche Analyse der Stadtteilvertretungen vorgenommen. Nach über drei Jahrzehnten haben sich viele neue Fragestellungen ergeben:

Wie hat sich die neue Qualität der „erstarkten“ Münchner Bezirksausschüsse in den vergangenen zwanzig Jahren auf Stadtrat und Stadtverwaltung ausgewirkt?

Wie wurde das Durchsetzungspotential und die den Bezirksausschüssen immanente Kontrollfunktion gegenüber dem „Rathaus“ beeinflusst?

Was hat sich durch die 1997 eingerichteten Geschäftsstellen verändert?

Wie haben sich die Durchsetzungskraft der Bezirksausschüsse, ihr Stellenwert und ihr Selbstverständnis seit 1996 gewandelt; wie werden die „erstarkten“ Gremien von der Bürgerschaft und von der Presse wahrgenommen?

Wie hat sich das Kräfteverhältnis zwischen Bürgerinitiativen und Stadtteilvertretungen modifiziert?

Welchen Einfluss hat die digitale Vernetzung und wie kann diese an der Bürger-Basis optimal genutzt werden?

Zur Beantwortung dieser und weiterer Fragen sollte die Landeshauptstadt das bevorstehende Jubiläum der Stadtteilvertretungen zum Anlass nehmen, eine externe Untersuchung durch eine kommunalwissenschaftlich kompetente, unabhängige Institution, wie z.B. das DIFU-Institut, zu beauftragen.

Klaus Bäumler

Zum Weiterlesen

Klaus Bäumler, Die Bezirksausschüsse in München: Vom Distriktskommissar zum kommunalen Entscheidungsorgan. Ein historisch-aktueller Überblick, in: Bayerische Verwaltungsblätter 1999, S. 644 – 650. Der Aufsatz mit ausführlichen Quellenhinweisen wird ins Netz gestellt auf dem Gemeinschafts-Portal der Münchner Bezirksausschüsse, das von Dr. Georg Kronawitter aus Trudering betreut wird, aufrufbar: http://www.ba-muenchen.info

Heli Aurich, Partizipation an der Stadtplanung in: Social Strategies. Monographien zur Soziologie und Gesellschaftspolitik, Band 2, Basel 1976. Diese Basler Dissertation ist heute noch lesenswert. In die Reihe der  Fallbeispiele für Initiativen ist das Münchner Forum aufgenommen. Die Münchner Bezirksausschüsse finden im Rahmen der sog. nicht-plebiszitären Regelungen in den Gemeindeordnungen der Bundesländer (noch) keine Erwähnung.

Rolf Mantler, Partizipatorische Stadtentwicklungspolitik. Erläutert an Münchener Fallbeispielen, Frankfurt u.a. 1982. Mantler unternimmt es, Möglichkeiten partizipatorisch erweiterter Demokratie im kommunalen Bereich auszuloten und Bedingungen für die Realisierung herauszuarbeiten. Die Arbeit ist in mehrfacher Hinsicht heute noch von Bedeutung. Als erstes Fallbeispiel wählt Mantler die Bürgerinitiative Aktion Maxvorstadt. Im zweiten Fallbeispiel befasst sich Mantler mit der „partizipativen Politisierung“ der Münchner Bezirksausschüsse. Das „Münchner Forum unter besonderer Berücksichtigung des Bürgerkomitees Altstadtring-Nordost“ analysiert Mantler als drittes Fallbeispiel. Die speziell auf München ausgerichtete Untersuchung zeichnet sich dadurch aus, dass der Autor als „teilnehmender Beobachter“ ein Mann der Praxis war, selbst im damaligen Bezirksausschuss 27 (Milbertshofen – Am Hart, heute BA 11) sowie im Münchner Forum mitgearbeitet hatte, über enge Kontakte zur Aktion Maxvorstadt und einen fundierten Einblick in die damaligen Reformdiskussionen der Münchner SPD verfügte.

Klaus Bäumler ist zweiter Vorsitzender des Programmausschusses des Münchner Forums und war drei Jahrzehnte im Ehrenamt Vorsitzender des Bezirksausschusses Maxvorstadt

Herbst 2015: „Die Theresienwiese wird wieder grün.“ Frühjahr 2015: „Die Theresienwiese soll wieder blühen.“

Unter dem Aufmacher „Die Theresienwiese wird wieder grün“ berichtete die Rathaus-Umschau am 20. November 2015 über eine bemerkenswerte Aktion. Im Auftrag des Referats für Arbeit und Wirtschaft (RAW) wurde eine etwa 45.000 qm große Fläche im Südteil der Theresienwiese begrünt. Entsprechend den fachlichen Angaben des Baureferats wurde die Schotterfläche zunächst aufgelockert und 650 cbm Substrat aufgebracht. Auf den so vorbereiteten Flächen ließ das Baureferat insgesamt 1,5 Tonnen speziellen Schotterrasen aussäen.
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„Es ist leichter als man denkt“

Im Rahmen der 15. Münchner Wissenschaftstage vom 14. bis 17. November unter dem Generalthema „Städte der Zukunft“ lud das Münchner Forum zu einer gut besuchten Diskussionsveranstaltung rund um das Thema „Wie sieht die Bürgerbeteiligung der Zukunft aus?“
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