Leserbrief zur Juni-Ausgabe der Standpunkte

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir haben mit viel Interesse das Online-Magazin gelesen. Uns ist positiv aufgefallen, dass „Barrierefreiheit” hier – wie noch in vielen Köpfen – nicht nur in Bezug auf Mobilitäts- und vielleicht noch auf Sehbehinderungen dargestellt wird, sondern insbesondere auch Hörbehinderungen angesprochen werden.
Wir möchten hier speziell auf die Schwerhörigen hinweisen, die auf Grund ihrer „unsichtbaren“ Behinderung von der Gesellschaft und Politik oft nicht wahrgenommen werden. Dies auch, weil sie selbst dies oft als Stigma empfinden und sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Sie haben deutlich andere Bedürfnisse und benötigen andere Hilfsmittel als die durch die Nutzung der Gebärdensprache eher auffallenden und bekannten Gehörlosen. Die Schwerhörigen beherrschen in den seltensten Fällen die Gebärdensprache und sind oft altersbedingt kaum noch in der Lage, diese zu erlernen. Außerdem haben sie fast ein Leben lang lautsprachlich kommuniziert und wollen dies auch beibehalten. Sie haben kaum Kontakte mit den Gehörlosen. Ihnen nutzt ein Gebärdensprachdolmetscher nichts.

Eine App, die die Audiodeskription eines Films für den Sehbehinderten über Kopfhörer hörbar macht, ist hilfreich. Jedoch ist das Lesen von Untertiteln auf dem Smartphone und immer zwischen Kinoleinwand und Smartphone hin und her zu sehen für schwerhörige Menschen eine gewaltige Anstrengung, insbesondere für die Augen wegen der wechselnden Entfernung. Alternative Lösungen mit Einblendung der Untertitel mittels einer ausleihbaren Brille quasi unter der Kinoleinwand sind unseres Wissens noch nicht realisiert.
Viel hilfreicher für den Schwerhörigen wäre hier die Übertragung eines auf die Bedürfnisse des Schwerhörigen angepassten Tonkanals per Induktiver Höranlage auf die T-Spule des Hörgerätes. Es wäre wichtig, dass die Hintergrundmusik und -geräusche bei Sprache stark reduziert werden oder ganz entfallen, so dass die Sprache problemlos verstanden wird.

Diese Anforderung gilt analog für Audio-Guides in Museen, die ebenfalls in einer für Schwerhörige optimierten Tonfassung bereitgestellt werden sollten, möglichst gleich mit Induktionsschleife zum Umhängen. Ebenfalls sollten die Personenführungssysteme bei Stadtführungen wahlweise mit Induktionsschleife zum Umhängen angeboten werden. Leider ist diese Technik – obwohl schon seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt – bei uns immer noch wenig bekannt und verbreitet.
Auch an Beratungsschaltern mit Hintergrundgeräuschen ist Induktives Hören das Mittel der Wahl (siehe auch weiter unten das Beispiel von „Reisen für alle“).

Eine allgemeine Information über Induktives Hören erhalten Sie in der folgenden Übersicht zu dieser Funktionalität:

Die Induktive Höranlage in Verbindung mit der T-Spule / Induktionsspule im Hörsystem ist ein wesentliches Hilfsmittel für die Schwerhörigen. Damit werden Kommunikationsbarrieren abgebaut und die Inklusion Schwerhöriger vorangebracht. Leider ist der große Nutzen für die Schwerhörigen hier in Deutschland immer noch sehr wenig bekannt, im Gegensatz z.B. zu Großbritannien, den skandinavischen Ländern und den USA.
Bei einer Induktiven Höranlage wird die Sprache vom Mikrofon (oder Tonquelle wie Film, Fernsehen, etc.) über einen Schleifenverstärker in eine Induktionsschleife (ein im/am Fußboden oder in der Trennwand eines Beratungsschalters als Schleife kreisförmig verlegtes Kupferkabel) eingespeist und von dieser direkt in die Empfangsspule (Induktionsspule/ „T-Spule“) des Hörsystems übertragen. Die Mikrofone des Hörsystems werden dabei ausgeschaltet, d.h. die störenden Nebengeräusche und der Nachhall werden effektiv ausgeblendet. Der Sprecher kann silbenrein und klar verstanden werden.

Der Begriff „T-Spule“ leitet sich von „Telefonspule“ ab. In früheren Zeiten hatten die Telefone voluminöse elektromagnetische Hörer. Diese haben den Ton störungsfrei zur T-Spule im Hörgerät übertragen. Bei heutigen Telefonen mit anderer Lautsprechertechnik funktioniert dies nicht mehr. Daher ist leider auch die Meinung verbreitet, dass die T-Spule heute keinen Nutzen mehr hätte. Dies ist jedoch falsch:
Es gibt einzelne spezielle Schwerhörigentelefone, die ein Magnetfeld für die T-Spule im Hörgerät erzeugen sowie auch Induktionsschleifen zum Umhängen, die über Bluetooth mit dem Telefon kommunizieren und ebenfalls ein Magnetfeld für die T-Spule im Hörgerät erzeugen.

Darüber hinaus hat sich seit den 1960-er Jahren die Nutzung der T-Spule mit Induktiven Höranlagen etabliert. Diese eher noch wichtigere Anwendung bei Vorträgen, im Kino, Theater, in Kirchen, an Beratungsschaltern usw. ist mehr denn je gegeben.

Kaum ein Prospekt der Hörgeräteindustrie erwähnt jedoch die – auf Grund der internationalen Marktanforderungen meistens eingebaute – T-Spule/Induktionsspule.
Nach einer Erhebung des Deutschen Schwerhörigenbundes aus dem Jahr 2011 haben 70% aller Hörgeräte und 100% aller CIs (Cochlear-Implantate) eine eingebaute T-Spule für den induktiven Empfang. Leider wird aber meist der Kunde nicht darüber informiert und das entsprechende Programm („Induktionsprogramm“) vom Hörgeräteakustiker nicht „aktiviert“, d.h. der Schwerhörige kann sie auch dann nicht nutzen bzw. ihren Nutzen kennenlernen, wenn er im öffentlichen Raum auf eine Induktive Höranlage trifft.
Hörgeräte ohne eingebaute T-Spule sind oft besonders kleine Hörgeräte, die von der Industrie besonders herausgehoben werden. Leider wird damit unterschwellig auch der Eindruck erweckt, Schwerhörigkeit wäre etwas, das verborgen werden muss. Dies ist voll im Widerspruch zum Inklusionsgedanken – kein Brillenträger schämt sich für seine Brille. Dennoch: Selbst wenn im Hörgerät keine T-Spule eingebaut ist, besteht heute bei vielen Hörsystemen die Möglichkeit, über einen externen Induktionsempfänger induktiv zu hören.
Leider ist auch das Angebot im öffentlichen Raum – außerhalb der Kirchen, die induktives Hören oft schon seit Jahrzehnten anbieten – sehr gering. Außerdem kommt es immer wieder vor, dass selbst vorhandene Anlagen nicht eingeschaltet werden oder nicht mehr betriebsbereit sind bzw. noch auf der veralteten Technik der ersten Generation beruhen und daher sehr dumpf klingen. Oft kennt sich auch das Personal nicht (mehr) mit der Bedienung der Anlage aus.

Ein Hörbeispiel (auch zur Demonstration für Guthörende) finden Sie unter: http://www.hoeren-ohne-barriere.de/index.php/gut-zu-wissen/barrierefreies-hoeren/klangbeispiel

Die Bundesinnung der Hörgeräteakustiker hat letztes Jahr (20. Februar 2014) sogar mit einer Pressemitteilung auf induktives Hören hingewiesen:

„Ist für sie [Menschen mit Hörproblemen] die Verständigung im kleinen Gesprächskreis schon schwierig genug, so ist es in großen, lauten Umgebungen nahezu unmöglich, etwas zu verstehen. Es sei denn, der Veranstaltungsraum ist mit einer speziellen Technik ausgestattet: Induktive Höranlagen, auch als Ringschleifenanlagen oder Induktionsschleifen bezeichnet, machen es möglich, dass auch Hörgeschädigte mit und ohne Hörhilfen Gesprächen in schwierigen Hörumgebungen folgen können. Mit induktiven Höranlagen wird die Sprache direkt auf das Hörgerät oder das Cochlea Implantat übertragen. Voraussetzung ist, dass die Hörhilfe mit einer sogenannten T-Spule ausgestattet ist. Sie wandelt magnetische in elektrische Energie um und sorgt für hervorragenden Empfang, selbst in extrem lärmvoller Umgebung. Mit dieser Technik ist die Entfernung zum Vortragenden nebensächlich, auch eine ungünstige Raumakustik kann damit ausgeglichen werden.“ (Quelle)

Auch das Deutsche Seminar für Tourismus (DSFT) Berlin e. V. hat in seinem Projekt „Reisen für alle“ in den Kriterien zur Barrierefreiheit für Menschen mit Hörbehinderung Induktive Höranlagen mit aufgenommen: „Barrierefreiheit geprüft – barrierefrei ….. Schalter/Tresen/Kasse: Es muss eine induktive Höranlage vorhanden sein.“

Wir halten mehr Aufklärung über die Einsatzmöglichkeiten von Induktiven Höranlagen für dringend erforderlich. Leider haben sich die Krankenkassen nicht dazu entschließen können, die T-Spule in den Pflichtkatalog der Ausstattungsmerkmale für Hörgeräte mit aufzunehmen. Insbesondere sollten die Hörgeräteakustiker verpflichtet werden, in ihren Räumen eine Induktive Höranlage installiert zu haben und deren Funktion und Nutzen den Kunden vorzuführen.

Die Induktive Höranlage zusammen mit der T-Spule ist immer noch die einzige Technologie, die weltweit einsetzbar, herstellerunabhängig und auch noch kostengünstig ist – und die Batterien nicht zu sehr belastet. Sie ist damit nach dem derzeitigen Stand der Technik ein unverzichtbares Hilfsmittel zur barrierefreien Kommunikation für Hörsystemträger.

Mit freundlichen Grüßen
Klaus und Lydia Ulmer
Referat „Besondere Aufgaben“ im Landesverband Bayern der Schwerhörigen und Ertaubten e.V.”, Ahornring 3, 82024 Taufkirchen
Tel. 089/6128305, FAX 089/61453401, email:

Kassandra-Rufe: CETA und TTIP!

Wieder einmal wird uns ein trojanisches Pferd als Chance für die Zukunft vorgeführt: Im Geheimen ausgetüftelt, undurchschaubar für die Betroffenen, aber als völlig harmlos, ja zukunftsweisend gepriesen und listig eingeschleust in eine nach vielen Querelen und Auseinandersetzungen harmonisierungsbedürftige Gesellschaft: Die Handelsabkommen CETA und TTIP.

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Ein grünes Wegenetz für die Stadt! – Nachlese vom Maiausflug

Für den Nachmittag des 1. Mai, Demonstration und Kundgebung des DGB waren da schon in das Familienfest auf und um den Marienplatz übergegangen, lud das Münchner Forum, wie schon seit einigen Jahren, zum Mai-Ausflug in die Stadtlandschaft ein. Vor zwei Jahren besuchte man die Flaucher-Insel, jene vom damaligen Bürgermeister Jakob von Bauer zur Mitte des 19. Jahrhunderts mit klar ausgesprochener sozialer Absicht durchgesetzte und geformte erste städtische Grünanlage, die ein modernes Parkpflegewerk nötig – und inzwischen auch erhalten – hat. Voriges Jahr ging es zur Theresienwiese, bei deren Gestaltung von Bezirksausschüssen und Bürgerinitiativen ein angemessenes Verhältnis kommerzieller und nichtkommerzieller Nutzung eingefordert wird. Dieses Jahr gab es etwas Neues: die Erfahrung des Weges.

Traditioneller Münchner Maiausflug mit Klaus Bäumler | Foto: Detlev Sträter

Traditioneller Münchner Maiausflug mit Klaus Bäumler | Foto: Detlev Sträter

Wer vom Hauptbahnhof zum Englischen Garten will, kann die Strecke auch zu Fuß und – man glaubt es kaum – weithin durchs Grüne zurücklegen. Die kleine Stadtwanderung führte vom „Ring-Denkmal“, das am westlichen Eingang zum Alten Botanischen Garten steht, in den Finanzgarten, der dem Englischen Garten vorgelagert ist und jetzt, nach der Abwehr der Überbauung durch einen Konzertsaal, eine Aufwertung erfährt.

Die Strecke führt an einer Fülle geschichtlicher Merkzeichen vorbei. Klaus Bäumler, stellv. Vorsitzender des Programmausschusses des Münchner Forums und Leiter des Arbeitskreises Öffentliches Grün, der die schöne Kunst des Lehrvortrags im Freien, im Gehen und im Verweilen an markanten Orten beherrscht, musste eine Auswahl treffen; und in diesem Bericht kann erst recht nur angedeutet werden, was alles zur Sprache kam und an weiterführenden Gedanken ausgelöst wurde.

Hauptbahnhof und Justizpalast stehen für die Einführung einer modernen Staatsverwaltung und den verkehrstechnischen Anschluss des Landes an die Welt. Mit dem großartigen Wittelsbacherbrunnen am Lenbachplatz feierte die Landeshauptstadt kunstsinnig die Einrichtung von zentraler Wasserver- und Abwasserentsorgung. Die Anlage von lehrreichem botanischen Garten und erholsamem Park zeigt, wie Wissenschaft und Gefühl für Naturprozesse sich verbinden können. Und, und, und.

Aktuell und politisch wichtig ist die Erinnerung, dass es bei der Entwicklung der modernen Stadt zu jedem Zeitpunkt Menschen und Initiativen gebraucht hat, denen die Gestaltung der Straßen, Plätze und Freiflächen als Ort der Begegnung von Menschen mit Menschen und von Mensch und Natur wichtig und der Gesichtspunkt der optimalen Verwertung der Immobilien und Standorte nicht Alles war. Unbequem für Wirtschaft und Politik, denn das braucht Fläche, die sich auch verwerten ließe, auf der Profite generiert werden können und eventuell auch Steuern und Abgaben.

Der breite Streifen „unverwerteter“ Fläche, der sich – mit Unterbrechungen – vom Hauptbahnhof bis zum Englischen Garten durchzieht, zeugt vom Kräftemessen zwischen einseitigen Verwertungsin-teressen und bürgerschaftlichem Engagement.

Klaus Bäumler am Denkmal von Karl von Effner | Foto: Detlev Sträter

Klaus Bäumler am Denkmal von Karl von Effner | Foto: Detlev Sträter

Bürgersinn, Interesse am Mitmenschen und Verantwortung vor der Geschichte haben auf diesem Weg Spuren hinterlassen. Das Kinderspielhaus am westlichen Eingang zum Alten Botanischen Garten stiftete 1947 Dr. Fritz Kraft zum Gedenken an seine Tochter, die sich 1943 im Alter von 29 Jahren das Leben nahm, weil sie den „Arier-Nachweis“ nicht erbringen konnte. An der Errichtung des Hauses wirkten Soldaten der US-Army in ihrer Freizeit mit.

Untergegangen ist ein Mahnzeichen, das gleich nach dem Ende des NS-Regimes am ehemaligen „Gestapo-Garten“ angebracht wurde; noch im Februar 1945 waren hier sieben sog. Ostarbeiter umgebracht worden. Ein wenn auch verborgenes Dasein führt die Gedenktafel im heutigen Innenhof des Landwirtschaftsministeriums, die an die Ermordung von fünf Mitgliedern der Aktion freies Bayern erinnert. Erst nach langwierigen politischen Auseinandersetzungen konnte auf Initiative des Bezirksausschusses Maxvorstadt 1984 die Tafel endlich angebracht werden.

Es war schon ein Erlebnis zu hören, wie entlang des Wegs Geschichte lebendig werden kann, und zu begreifen, dass das nur funktioniert, weil diese Kette von Zeichen im öffentlichen und schön gestalteten Raum zugänglich ist, jederzeit von allen gesehen, interpretiert und diskutiert werden kann. – Es wäre eine Überlegung wert, wie mit den Mitteln der modernen Datentechnik der Hintergrund der Denkwürdigkeiten entlang des Wegs leichter zugänglich gemacht werden könnte.

Innenhof des Landwirtschaftsministeriums  | Foto: Detlev Sträter

Innenhof des Landwirtschaftsministeriums | Foto: Detlev Sträter

Zum Schluss: Man kann also die Strecke vom Hauptbahnhof bis zum Englischen Garten auf einer grünen Trasse zu Fuß zurücklegen, auf erholsame Weise vorwärtskommen, und, wenn Zeit ist, auch Orte zum Verweilen finden. Vorhandene Hindernisse und Störfaktoren ließen sich mit relativ geringem Aufwand entschärfen.

Wir finden hier eine Kombination von funktionalem Weg (zügig von A nach B) mit einem Erlebnis- und Erholungsraum vor. Die Kulturdenkmale am Wege können Interesse wecken, die Gestaltung der Trasse als Park und Garten macht ein Aufatmen möglich. Neben dem Netz der Straßen für den motorisierten Individualverkehr und über dem hocheffizienten Netz der Massenverkehrsmittel im Untergrund sehen wir die Chance für etwas Neues: Ein Teilstück eines grünen Wegenetzes, das die Räume der Stadt durch Fuß- und behutsam genutzte Radwege verbindet.

Wenn zu politischen Veranstaltungen die Kinder mitkommen sollen, wird es schon mal schwierig: Drei Stunden Vortrag! Anders bei diesem Weg durch die reiche Kultur- und Naturlandschaft. Dass die Kinder, die dabei waren, die Wanderung spielend begleiten konnten, belegt, so eine Teilnehmerin, wie kaum etwas anderes den sozialen und kulturellen Wert dieses grünen Wegs durch die Stadtlandschaft.

Martin Fochler

„Auch ein emigré bleibt ein Mensch“

„… auch ein emigré bleibt ein Mensch und menschlich sein gewaltiges Schicksal, welches ihm keine Stätte in der bewohnten Welt zu lassen scheint.“ (Ernst Moritz Arndt 1798)

Wahlplakat der CSU zur Landtagswahl am 1. Dezember 1946 | Foto: Klaus Bäumler

Wahlplakat der CSU zur Landtagswahl am 1. Dezember 1946 | Foto: Klaus Bäumler

Die aktuellen Flüchtlingsströme nach Europa stellen zu Beginn des 21. Jahrhunderts Politik und Gesellschaft vor enorme Herausforderungen.
Die aktuellen nationalen und europäischen Normen sind mit den Dimensionen der Völkerwanderung des 21. Jahrhunderts und den daraus resultierenden Verpflichtungen zu humanitärer Hilfe nur schwer zu vereinbaren. Humanitäre Hilfe für Menschen, die ihre Heimat verloren haben, war und ist keine Selbstverständlichkeit.
Der von Ernst Moritz Arndt verwendete Begriff „emigré“ hat vielfältige Wandlungen erfahren. Die Gründe, welche Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen, sind vielfältig. Ebenso vielfältig sind die Begriffe und Bezeichnungen, die sich entwickelt haben, um im alltäglichen Sprachgebrauch und in der Terminologie der Administration mit ihrem Schicksal umzugehen:
Abzuschiebender, Asylant, Asylantragsteller, Asylbewerber, Asylsuchender, Emigrant, Emigré, Refugé, Exilant, Expatriierter, Expat, Exulant, Flüchtling, Flüchtling ohne Aufenthaltsgestattung, Flüchtling ohne Duldung, qualifiziert geduldeter Flüchtling, unbegleiteter minderjähriger Flüchtling, Bootsflüchtling, Bürgerkriegsflüchtling, Klimaflüchtling, Kontingentflüchtling, Konventionsflüchtling, Umweltflüchtling, Wirtschaftsflüchtling, Geflüchteter, Immigrant, Migrant, Bürger mit Migrationshintergrund, Vertriebener, Heimatvertriebener, Displaced Person…

Unabhängig vom jeweiligen rechtlich-administra-tiven Status erinnert uns Ernst Moritz Arndt mit seinen zeitlosen Worten aus dem Jahr 1798 an das individuelle Schicksal der Menschen, die – aus welchen Gründen auch immer – ihre Heimat verlassen müssen und unser Mitgefühl verdienen.
Klaus Bäumler

 

 

Kontroverse: Hochhaus am Hauptbahnhof

Das SPD-Motto des Kommunalwahlkampfes 2015 „Damit München München bleibt“ konnte man so verstehen, dass Frieden geschlossen werden sollte mit dem „lieben München“, das durch den Entwicklungsdruck aus den Fugen zu geraten droht. Sachgerechtes, unaufgeregtes, ordnendes Handeln in der Stadtentwicklung schien damit angesagt zu sein. Das berechtigte diejenigen zur Hoffnung, die Münchens Substanz gefährdet sehen. Es schien das Versprechen zu sein, den Konsens zu erneuern, dass das Altstadtensemble in seiner Wirkung unangetastet bleiben soll – und dass Fehlentwicklungen, wie die Missachtung der Sichtachse durch das Hochhauspaar hinter dem Siegestor, nicht trotzig zu Vorbildern stilisiert würden. Die Ludwigskirche wurde bereits in den 1970er Jahren karikiert durch das Heizkraftwerk in der Theresienstraße, das vom Monopteros aus gesehen zwischen ihren Türmen erscheint. Auch die exemplarische, inzwischen sogar mit der gated community „The Seven“ vorangetriebene Gentrifizierung in der Altstadt schien als schwerer Fehler der Stadtentwicklung erkannt.

Damit konnte der interessierte Bürger vermuten, dass der Konsens, das Altstadtensemble nicht durch Hochhäuser zu beschädigen, erneuert wurde. Dieser lautete: Erst außerhalb des Mittleren Rings sollten Hochhäuser an geeigneten Stellen in Frage kommen, die der Architekt und Stadtplaner Detlef Schreiber in seiner 1977 im Auftrag der Landeshauptstadt München erarbeiteten Hochhausstudie („Untersuchung Hochhausstandorte“) ausgewiesen hatte. Umso erstaunter war man, als neben den Plänen zum preisgekrönten Bahnhofsentwurf zusätzlich ein Hochhaus mit 75 Metern Höhe projektiert und von Planungsreferat und Stadtrat befürwortet wurde. Erstaunt musste man in Sichtfeldstudien zur Kenntnis nehmen, dass nun auch zwischen die Türme der Paulskirche ein Klotz gesetzt werden soll, den der Betrachter von der Bavaria aus „genießen“ kann.
München wird also erneut beschädigt, wenn diese Pläne umgesetzt werden. Das Protokoll der Stadtgestaltungskommission liegt inzwischen vor und kann zu diesem Punkt hier eingesehen werden.
Vielleicht wird darin eine Überarbeitung angeregt.

Blick vom Monopteros: Das Heizkraftwerk zwischen den Türmen der Ludwigskirche. Die Hoffnung besteht, dass das überflüssige Bauwerk abgebrochen wird. Die Stadt wird hoffentlich der Versuchung widerstehen, hier wie in der Müllerstraße Luxuswohnungsbau zu genehmigen. | Foto: Wolfgang Czisch

Blick vom Monopteros: Das Heizkraftwerk zwischen den Türmen der Ludwigskirche. Die Hoffnung besteht, dass das überflüssige Bauwerk abgebrochen wird. Die Stadt wird hoffentlich der Versuchung widerstehen, hier wie in der Müllerstraße Luxuswohnungsbau zu genehmigen. | Foto: Wolfgang Czisch

Der Schaden tritt aber nicht nur punktuell auf: Das Altstadt-Ensemble selbst wird in seiner Fernwirkung von Westen, von der Seite der Stadteinfahrt beschädigt. Die Stadtsilhouette wird eingeschränkt von der Hackerbrücke, von der Donnersbergerbrücke und von der Terrasse des Busbahnhofs aus. Gerade aus dieser Richtung wird das Ensemble als der Ankunftsort Münchens wahrgenommen.
Es ist nicht verwunderlich, dass Landesdenkmalrat, Landesamt für Denkmalpflege und Heimatpfleger unisono vor diesem Hochhaus am Bahnhof warnen, auch weil dessen Maße in starkem Kontrast zu den filigranen Stadttürmen stehen und den plumpen Deutschen Kaiser noch zu übertrumpfen suchen.

Hinter dem Siegestor wird das Ensemble durch die Twintowers entwertet. Stadtbildpflege tut not. | Foto: Detlev Sträter

Hinter dem Siegestor wird das Ensemble durch die Twintowers entwertet. Stadtbildpflege tut not. | Foto: Detlev Sträter

Blick von der Bavaria: Noch erscheint das geplante Hochhaus nicht zwischen den Türmen der Paulskirche. | Fotos: Wolfgang Czisch

Blick von der Bavaria: Noch erscheint das geplante Hochhaus nicht zwischen den Türmen der Paulskirche. | Fotos: Wolfgang Czisch

Bei diesem „Paradigmenwechsel“, wie der Heimatpfleger Gert F. Goergens in seiner Stellungnahme für den Heimat- und Denkmalrat beklagt, wird die Frage nach dem Münchner Hochhaustyp drängend. Die Stadtgestaltungskommission hat sich damit bereits vor langer Zeit beschäftigt und kam zu dem Ergebnis, dass für München das schlanke Hochhaus als Typ der geeignetste wäre. Allerdings kollidiert dieser Wunsch nach filigraner Ergänzung des Münchner Stadtprofils mit der Wirtschaftlichkeit eines solchen Gebäudes. Beim Hochhaus am Bahnhof handelt es sich um den Investorenwunsch der Deutschen Bahn, möglichst viele wirtschaftlich verwertbare Flächen an dieser Stelle für Verwaltung und Hotel zu bekommen.

Es ist völlig unverständlich, weshalb die Stadt darauf eingeht. Die Bahn möchte den Bestand von gegenwärtig 78.000 qm auf ca. 125.000 qm Geschoßfläche ausdehnen. So entsteht „der Klotz am Bahnhof“, wie ihn Alt-OB Georg Kronawitter nennt.

Blick von der Donnersberger Brücke: Stadtsilhouette. Links die Störung durch das Hotel „Deutscher Kaiser“ (57 m Höhe), unmittelbar daneben ist das Bahnhofshochhaus geplant (75 m Höhe), das die Silhouette weiter einschränkt. |  Foto: Wolfgang Czisch

Blick von der Donnersberger Brücke: Stadtsilhouette.
Links die Störung durch das Hotel „Deutscher Kaiser“ (57 m Höhe), unmittelbar daneben ist das Bahnhofshochhaus geplant (75 m Höhe), das die Silhouette weiter einschränkt. | Foto: Wolfgang Czisch


Zudem erhält die Deutsche Bahn, für die allein Bund und Länder zuständig sind, durch die Baurechtsschaffung einen „Zuschuss“ von der Stadt München von – geschätzt – über 500 Millionen Euro.
Ein überragendes Gebäude beansprucht Geltung weit über sich selbst hinaus. Die Türme der Altstadt symbolisieren Bedeutung, z.B. für den Bürgerstolz, der sich in der Spendenbereitschaft für den Liebfrauendom ausdrückte, in dem Stolz auf den Rechtsstaat in den Justizgebäuden und nicht zuletzt in dem Anspruch der Bürger auf die endlich wiedergewonnene kommunale Souveränität im Rathausturm.
Analog dazu würde das Bahnhofshochhaus ein Symbol für die Bedeutung des Bahnverkehrs als modernes Transportmittel sein und damit in Konkurrenz zur Altstadtsilhouette treten. Bei einer Abwägung zwischen der Altstadt als Identifikationsort Münchens und der Feier der Bahn sollte München weit höher bewertet werden.

In den prämierten Bahnhofsentwurf wurde durch die Aufnahme der First- und Traufhöhe der Maßstab der Umgebung aufgenommen und gewahrt, den nun das Hochhaus konterkariert. Die aufragende, maßstabslose Baumasse erschlägt die Kulisse der Altstadt.

Die Auffassung, die Stationen der Bahn bedürften einer besonderen Kennzeichnung durch städtebauliche Ausrufezeichen, ist fast nirgends überzeugend realisiert worden und auch kaum mit einer exemplarischen Moderne zu begründen. In München aber, einer Stadt mit Kopfbahnhof, ist diese Auffassung noch weniger überzeugend. Hier erwartet den Reisenden ein Ziel, das durch die Altstadt nicht besser versinnbildlicht werden kann: München. Ein „Wahrzeichen“ durch ein Verwaltungshochhaus am Bahnhof gerät da zur Abwertung.
Wolfgang Czisch

 

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