Pressereaktionen zum Sattlerplatz

In Reaktion auf die vom Münchner Forum veröffentlichte geheime Vergabe des Sattlerplatzes sind folgende Artikel erschienen:

Abendzeitung München

Am 4. November schreibt Felix Müller in der Abendzeitung: “Mal ehrlich: Dass der Stadt an dieser Stelle nichts Besseres einfällt als die altbekannte Nutzungs-Trias, ist enttäuschend.”: Trotz Kritik: Der Sattlerplatz geht an Hirmer

Süddeutsche Zeitung

Am 3. November berichten Heiner Effern und Pia Ratzesberger in der Süddeutschen Zeitung: Grundstück in der Innenstadt wird frei – und geht vermutlich an einen Herrenausstatter

Münchner Merkur & tz

Am 6. November ziehen Münchner Merkur und tz nach: Neubau geplant: Hirmer investiert in der Innenstadt | @tz München

Sattlerplatz: Das Pferd von hinten aufgezäumt

Leserbrief zum Artikel „Vorentscheidung am Sattlerplatz: Teilareal soll an Hirmer gehen“ in den Standpunkten 11.2017, zum Artikel „Hirmer breitet sich aus“ in der Süddeutschen Zeitung und zum Artikel in der AZ „Sattlerplatz an Hirmer“ vom 4./5. November 2017

Mit Interesse und zugleich Sorge habe ich Ihren Artikel über die Vergabe des exklusiven Innenstadt-Grundstücks an die Hirmer-Gruppe gelesen. Seit eineinhalb Jahren beschäftige ich mich als Architekt, Stadtplaner und Universitätslehrer mit der Situation am Sattlerplatz. Die Art und Weise, wie hier jetzt vorgegangen wird und die von Ihnen ganz richtig kritisiert wird, macht jede Art von qualitativ hochwertiger Stadtentwicklung unmöglich! Warum wird hier zuerst ein Teil eines Grundstücks aus dem Eigentum der Stadt in einem völlig übereilten und intransparenten Verfahren an einen Privatinverstor vergeben und dann angeblich ein städtebaulicher Prozess eingefordert? Die umgekehrte Reihenfolge würde doch viel mehr Sinn machen: erst ein städtebauliches Konzept für das Gesamtareal mit differenzierten Nutzungsvorgaben und unter Berücksichtigung des öffentlichen Raumes entwickeln, und dann Nutzer und Projektbeteiligte suchen, die bereit und in der Lage sind, dieses Konzept umzusetzen. Nur so hätte die Stadt München alle Möglichkeiten der Steuerung, was an diesem neuralgischen Ort langfristig sein wird. Sind bereits Teile der Liegenschaft vergeben, ist es doch ungemein schwieriger, im Nachhinein zu versuchen, den Investor in irgendeine Richtung zu beeinflussen. Wie unmöglich das dann werden kann, sehen wir genau gegenüber, wo sich die Käuferin des ehemaligen Postgebäudes ziert und windet, um ja nicht an einem städtebaulichen Prozess oder gar Grundstück-übergreifenden Wettbewerb teilnehmen zu müssen. Und wieso überhaupt veräußert man einen Teil des Grundstückes, ohne gleichzeitig über den anderen Teil und den Ort an sich nachzudenken?

Bitte, liebe PolitikerInnen der Stadt München, stoppen Sie diesen planlosen und rücksichtslosen Umgang mit einer der letzten Grundstücke in der Münchner Altstadt, die sich noch im Besitz der Stadt befinden! Lassen Sie uns gemeinsam über das Potenzial des Quartiers, über Nutzungsvielfalt, stadträumliche Qualitäten, öffentlichen Raum, kulturell- und/oder sozial motivierte Programme nachdenken und öffentlich diskutieren um dann mit geschärftem Blick und wohlüberlegt unterschiedliche Nutzer ins Boot zu holen, die den Ort nach den Vorgaben und Wünschen der Stadt, also der BügerInnen, beleben.

Übrigens: Von außen betrachtet (seit Jahren lebe und arbeite ich in Wien) ist es symptomatisch für die Stadt München, dass so ein wichtiger und sensibler Ort der Stadt vorrangig vom Wirtschaftsausschuss behandelt wird und nicht vom Planungsausschuss! Bei allem Verständnis für Argumente des Filialhandels, der Arbeitsplätze, vielleicht auch der Standortkonkurrenz sollten wir die Entwicklung unserer Stadt nicht nur nach wirtschaftlichen Kriterien betreiben, sondern auch Lebensqualität, Vielfalt, Erholung, Begegnung, Bildung oder Kultur im Auge behalten! Hier wäre ein Paradigmenwechsel dringend erforderlich!

Michael Wallraff

Michael Wallraff, aufgewachsen in München, ist Architekt und Stadtplaner in Wien, hat als Gastprofessor der Universität Innsbruck mit Studierenden den Sattlerplatz städtebaulich und architektonisch erforscht. Die vielfältigen Entwürfe waren im März 2017 in der „Lothringer 13“ Kunsthalle und im Sommer beim „Tollwood“ Festival in München ausgestellt.

Vorentscheid am Sattlerplatz: Teilareal soll an Hirmer gehen

Pessimisten haben es geahnt: Wie uns zu Ohren gekommen ist, soll in einer Geheimaktion, in nicht-öffentlicher Sitzung am kommenden Dienstag, den 7. November 2017, ein wesentlicher Teil des letzten Filetgrundstücks in der Münchner Altstadt, das sich im Eigentum der Landeshauptstadt München befindet und zur Nachnutzung ansteht, per Stadtratsausschuss-Beschluss an einen kommerziellen Nutzer für 60 Jahre im Erbbaurecht vergeben werden. Damit wäre der Weg so gut wie versperrt, an dieser sich hervorragend eignenden Stelle, dem sog. Sattlerplatz, einen zentral gelegenen, architektonisch-baulich innovativen Ort für vielfältige bürgerschaftliche, soziale und kulturelle Nutzungen zu gestalten (s. Standpunkte 6.2017).

Dass das sog. „Hirmer“-Parkhaus zwischen Färbergraben, Sattlerstraße und Fürstenfelderstraße, auf städtischem Grund stehend, abgerissen werden soll, ist seit Jahren bekannt. Bekannt ist auch, dass die Nachnutzung des Areals zwei Baublöcke vorsieht. Der eine Baublock schließt – wie bisher – an die westlich davon gelegene Bestandsbebauung direkt an, dann soll ein weiterer Durchgang zwischen Färbergraben und Fürstenfelder Straße entstehen. Östlich davon ist ein weiterer Block vorgesehen, der sich weiter als bisher nach Osten auf den sog. Sattlerplatz bis an die Stellflächen des ehemaligen Postgebäudes schiebt, wodurch nach Verkauf der Immobilie an die Fa. Inselkammer diese zum privaten Vorgarten geworden sind. Und natürlich sind die Begehrlichkeiten groß, scharren die Investoren mit den Hufen und blähen ihre Nüstern, wenn eine solche Fläche im Herzen der Stadt zur Neunutzung und Neugestaltung ansteht. Aber da die Stadt München, also die Stadtgesellschaft Eigentümerin des Grundstücks ist, wäre sie auch die Herrin eines Verfahrens, an dieser Stelle einen Kontrapunkt zu setzen gegen die überkommerzialisierte Innenstadt, wo globale Handelsketten, internationale Anwaltsfirmen und Finanzdienstleister sowie Wohndomizile von mehreren hundert Quadratmetern und untergenutzte „Opernwohnungen“ dabei sind, dem bezahlbaren Wohnen und Leben in der Innenstadt endgültig den Garaus zu machen. Denkbar wäre daher auch, dass an dieser Stelle die Stadt beispielgebend bezahlbares Wohnen in der Altstadt vorbildhaft praktiziert und/oder anderswo verdrängtem traditionellen Versorgungsgewerbe zu günstigen Konditionen – wie im Rathaus am Marienplatz, wie im derzeit zur Sanierung anstehenden Ruffinihaus am Rindermarkt – eine neue Heimstatt bietet. Aber: nichts davon!

Stattdessen nun: Wieder mal derselbe Aufguss. Das Areal soll „hochwertig nachgenutzt“ werden. Da weiß man, was dann kommt: wieder teurer Einzelhandel, wieder teure Büronutzung, wieder mal der unspezifizierte Flächenschlüssel von 20 bis 30 Prozent „Wohnen“; da sieht man vor dem inneren Auge schon die nächsten Opernwohnungen ins Kraut schießen … Und man reibt sich die Augen: Weder das Planungsreferat, das für die Bebauungsplanung zuständig ist, noch das Kommunalreferat, das die städtischen Grundstücke verwaltet und Erbbaurechtsverträge abschließt, sondern das Referat für Arbeit und Wirtschaft beruft den Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft ein, um unter dem Label der „Gewerbeförderung“ (sic!) den ersten Komplex der Nachnutzung an Hirmer zu vergeben – einschließlich der Errichtung einer Tiefgarage unter dem gesamten neu zu bebauenden Areal. (Offenbar sind hier Nutzungen vorgesehen, die eine Klientel in die Altstadt – das mit öffentlichem Nahverkehr best-erschlossenste Stadtgebiet – locken soll, welche – wie man weiß – mit dem ÖPNV partout nichts am Hut hat.) Hat sich doch die Haltung bei Politik und Verwaltung seit einigen Jahren durchgesetzt, alle Wünsche des Handels nach Flächenmehrung und (Um-)Bauerweiterungen mit dem Hinweis auf den Internet-Handel, der den Münchner Traditionsunternehmen das Leben immer schwerer mache, umstandslos durchzuwinken (s. Arkaden der Alten Akademie).

Hirmer ist in der Tat ein Münchner Traditionsunternehmen der Herrenbekleidung, dessen Logo seit Jahrzehnten auch am noch stehenden Parkhaus prangt. Dass es sich bei Hirmer um ein notleidendes angestammtes Handelsunternehmen handelt, um das sich die städtische Gewerbeförderung kümmern müsse, war bisher nicht bekannt. Bekannt ist hingegen, dass das traditionelle Herrenbekleidungsunternehmen Teil der als erfolgreich geltenden Hirmer-Gruppe ist, zu der auch das Bekleidungsunternehmen Eckerle sowie Hirmer Immobilien GmbH & Co KG mit Sitz in Andechs gehören. Dieses ist in 18 deutschen Großstädten mit Standorten vertreten, dazu gehören 11 Hirmer-Ladengeschäfte – „ausschließlich in Top 1A- und 1B-Lagen“. Darüber hinaus gehören zu Hirmer Immobilien u.a. auch das Münchner Gewerbegebiet Kistlerhofstraße 70, Wohnanlagen in München und Leipzig sowie MotelOne in der Münchner Hochstraße, ferner Standorte in Wien sowie das Hotel-Resort „Campo Bahia“, wo die deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der letzten WM in Brasilien residierte. Hirmer’s Ziel: „Die führende Marktstellung des Unternehmens im Segment für Große Größen soll gehalten und ausgebaut werden. Durch mehr Fläche und wachsende Kompetenz. Gesucht werden hierfür ausschließlich Hochfrequenzlagen in Zentren und Oberzentren Deutschlands sowie im deutschsprachigen Ausland.“ (www.hirmer-immobilien.de)

Bemerkenswert auch, wie schnell Verwaltung handeln kann, wenn es darum geht, wirtschaftliche Interessen unter Dach und Fach zu bringen: Von Anfang August bis Anfang September 2017 hatte die Stadt auf ihrer Immobilien-Webseite das infrage kommende Sattlerplatz-Grundstück im Erbbaurecht ausgelobt – also genau während der Ferienzeit. Und – oh Wunder: es ging nur 1 (in Worten: ein) Angebot dafür ein – von Hirmer. Und gerade mal zwei Monate später, Anfang November, tritt nun der Stadtrats-Ausschuss für Arbeit und Wirtschaft zusammen, um den Beschluss über die Vergabe des Grundstücks im Erbbaurecht zu fassen – in nichtöffentlicher Sitzung, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Honi soit, qui mal y pense …

Da drängen sich viele Fragen auf: etwa danach, welche Planungen denn für das gesamte Ex-Parkhaus-Areal bestehen? Welche Nutzungen sind vorgesehen? Wie steht es mit den Überlegungen aus der Stadtgesellschaft, an dieser Stelle ein bürgernahes, innovatives Kultur-, Kreativ- und Begegnungszentrum zu schaffen? Gibt es Absprachen zur Nutzung des Rest-Areals, etwa mit dem Anrainer gegenüber, der Firma Inselkammer? Wie hoch soll der Erbbauzins sein, wenn „hochwertige Nachnutzung“ angestrebt wird? Und: Sind dies alles Fragen, deren Antworten die Stadtöffentlichkeit nicht zu interessieren haben?

Timeline zum Sattlerplatz

  • Mai 2006: Grundsatzbeschluss des Stadtrats zur Überplanung des Geländes des Süddeutschen Verlags und des Bereichs zwischen Parkhaus „Färbergraben“ und dem ehemaligen Postgebäude.
  • Juli 2009: Grundsatzbeschluss des Stadtrats zur Konkretisierung der Ziele für den Bereich „Sattlerplatz“: ausgewogene Nutzungsmischung aus Einzelhandel, Gastronomie, kulturellen Einrichtungen, Dienstleistungen sowie innerstädtischem Wohnen.
  • Dezember 2015: Beschluss zur Aufstellung eines Bebauungsplans Nr. 2102: weitere Konkretisierung mit 20 – 30 Prozent Wohnanteil zur Stärkung des traditionellen Wohnstandorts in der Altstadt.
  • Verwaltungsinterne Entscheidung, die Verwertung des städtischen Grundstücks des „Hirmer-Parkhauses“ nach den Grundsätzen der Gewerbeförderung entsprechend dem Grundsatzbeschluss vom 18. Mai 2011 vorzunehmen.
  • /12. März 2017: Ausstellung von Studienarbeiten von Innsbrucker Architekturstudent/innen über die Nachnutzung des Parkhaus-Geländes als Kreativ- und bürgerschaftliches Begegnungs-Zentrum mit Podiumsdiskussion des Münchner Forums in der „Lothringer 13“ (s. Berichte in der AZ und SZ).
  • Juni 2017: Schwerpunktthema „Der Sattlerplatz in München“ der Standpunkte-Ausgabe 6.2017 des Münchner Forums
  • Juni/ Juli 2017: Ausstellung der Sattlerplatz-Studienarbeiten der Innsbrucker Student/innen auf dem Tollwood-Festival
  • August bis 5. September 2017: Bekanntmachung des Kommunalreferats auf der städtischen Immobilienseite im Internet, dass das Erbbaurecht an einer Teilfläche von 1.200 qm des insgesamt 2.150 qm großen städtischen Grundstücks FlNr. 502 im Wege der Gewerbeförderung vergeben werden soll. Als Grundlage der Vergabe wurde das vom Stadtrat am 18. Mai 2011 beschlossene Vergabeverfahren genannt:Es hat nur ein einziges Unternehmen fristgerecht Bewerbungsunterlagen zur Teilnahme am Auswahlverfahren vorgelegt.
  • November 2017: Sitzung des Stadtrats-Ausschusses für Arbeit und Wirtschaft

Detlev Sträter

„Sit down“ im öffentlichen Raum

Aufenthaltsqualität im Kunstareal

Eine Kunstaktion des Münchner Forums zur Freiflächengestaltung im Kunstareal in Kooperation mit dem Verein Urbanes Wohnen München

von Aurel Braun und Martin Fürstenberg

Im Kunstareal entwickelt sich mit den Museen, Hochschulen und Kultureinrichtungen derzeit ein einzigartiger Aktionsraum für Kunst, Kultur und Wissen. Das Areal ist aber auch reich an öffentlichen Grün- und Freiflächen. Seit 2017 erarbeitet das Schweizer Büro Vogt Landschaftsarchitekten AG im staatlichen Auftrag einen „Masterplan Freiflächen“. Noch sind die Empfehlungen der Fachplaner „unter Verschluss“ (SZ). Was aber erwarten die Menschen von der Freiflächengestaltung im Kunstareal? Wir baten 25 Besucher beim Kunstareal-Fest 2017, ihre schönsten Orte im Gelände zum Sitzen, Liegen und Verweilen mit gelben Sitzhockern ausfindig zu machen, und befragten sie anschließend, woher sie kommen, wo sie sich auf den Grün- und Freiflächen des Kunstareals am besten fühlen und was sie auf diesen Flächen künftig gerne tun würden. Ihre Antworten waren erstaunlich differenziert, praktisch und anregend.
Knapp ein Drittel der befragten Besucher wohnt in der Maxvorstadt oder in den angrenzenden Vierteln (Altstadt, Lehel und Schwabing), die Hälfte im übrigen Münchner Stadtgebiet (von Pasing bis zum Münchner Osten). Ein Viertel kommt aus der Region und von weiter her (Vier-Seen-Gebiet, Rosenheim, Ingolstadt). Die überwiegende Mehrheit wünscht sich eine weit anspruchsvollere Nutzung und Aufenthaltsqualität der Freiflächen, vor allem um die Pinakothek der Moderne (siehe Grafik).
Da sind zunächst die El-tern mit kleinen Kindern. Für sie sind die Freiflächen ein willkommener Spielraum. Morgens beim Aufbau der Hocker vor der Pinakothek der Moderne kommt eine Mutter aus Schwabing auf uns zu. Unsere gelben Hocker machen sie neugierig. Auch wenn es regnet, das Mädchen will spielen und herumtollen, die Mutter ein wenig Unterhaltung. Bald entdecken wir, dass wir gemeinsame Bekannte haben. Das macht gesprächig und vertraut – wie auf einem Spielplatz. Nach einer Stunde müssen Mutter und Tochter fort, zum Kochen nach Hause.

Die Freiflächen als „Tanzboden“. Das interkulturelle Tanzprojekt „Over x Over“ mit Moro Craemer vor der Pinakothek der Moderne

Die Freiflächen als „Tanzboden“. Das interkulturelle Tanzprojekt „Over x Over“ mit Moro Craemer vor der Pinakothek der Moderne

Als der Regen nachlässt, kommen junge Leute ins Quartier. Einige greifen sich unsere Hocker und diskutieren ihre Pläne für den Tag. Die überdachten Vorflächen der Pinakothek bieten ihnen den idealen Schutz- und Warteraum bis zum nächsten Programmstart. Etwas später wird die Vorfläche zum Tanzboden. Dann ziehen die jungen Musiker und Tänzer quer über die Freiflächen zur Gabelsbergerstraße. Überall wo‘s Tanz und Musik gibt, da werden die Flächen „lebendig“.
Einige ältere Semester haben sich mit unseren Hockern unter dem futuristischen Wohnmodell an der Pinakothek der Moderne niedergelassen. Bis das „Futuro“ geöffnet wird, macht es ihnen offensichtlich Freude, in der „Aura“ des Kunstwerks zu warten. Kunst im Freiraum zieht Menschen wie ein Magnet an, sofern sie Größe und Ausstrahlung hat. Dies bestätigt uns ein Besucherpaar aus Ingolstadt. Auf ihrem Tagesausfug ins Münchner Kunstareal steht in der Regel zunächst der Besuch einer Sonderausstellung im Programm, daneben aber immer auch die Chillida-Skulptur „Buscando la Luz“ an der Barer Straße. Das große Kunstwerk auf sich wirken lassen – so der Ingolstädter – gebe Ruhe; noch schöner wäre es im Sitzen aus 10, 15 oder 20 Metern; das wäre eine echte Steigerung des Kunstgenusses. Sie – die Ingolstädterin – liebt eher den „Mann mit der roten Nase“ vor der Ägyptischen Sammlung. Den müsse man aber aus der Distanz anschauen, am besten von der Wiese der Alten Pinakothek, sonst käme er einem zu nahe. Dort steht vorübergehend die „Para-Pagode“ von Alexandra Hendrikoff und lockt die Besucher durch wehende „Gebetsfahnen“ und bequeme Sitzpolster an. Da erinnert sich mancher an die bunten Strohballen vor zwei Jahren am selben Ort – eine wunderbare temporäre Aktion.
Für Besucher aus weiter entfernten Orten spielen die Grün- und Freiflächen fast keine Rolle. Hier wünscht man sich eher, rasch ins Kunstareal zu kommen und hier auf kurzem Weg von Haus zu Haus. Der Wert des Kunstareals seien doch die Schätze in den Häusern! „Das Grün habe ich zu Hause.“ Wenn man sich einmal niedersetzen möchte, hat jeder Besucher seinen Geheimtipp: Der eine schwärmt vom Café Klenze (zur Zeit im Umbau), dem anderen gefällt – uns schwer verständlich – das kühle Design des PdM-Cafés. Zwei Lieblingsorte im Freien werden immer wieder genannt: das Café im Innenhof der Glyptothek und die Aussicht vom Vorhölzer-Zentrum – ein Highlight zum Sehen, Sitzen und Verweilen, und dies ohne Konsumzwang. An Letzterem sehen viele besonderen Bedarf.

Die „Para-Pagode“ von Alexandra Hendrikoff beim Kunstareal-Fest vor der Alten Pinakothek

Die „Para-Pagode“ von Alexandra Hendrikoff beim Kunstareal-Fest vor der Alten Pinakothek

Zum Abschluss unserer Aktion werden uns die Hocker aus den Händen gerissen, von Erwachsenen wie von Kindern. Sie wollen sich eigene Sitzgruppen bauen. Vielleicht sollte man künftig von der strengen, symmetrischen Aufstellung trist anzusehender Parkbänke absehen und den Besuchern überlassen, wo und wie sie sich zusammensetzen wollen.
Es muss ja nicht alles „verplant“ werden. Die allerletzten Hocker „wanderten“ übrigens zur Markuskirche an die Gabelsbergerstraße. Denn überall im Umfeld des Kunstareals wünschen sich die Anrainer breite, menschlich gestaltete Freiflächen, so auch hier am „Entree“ vom Odeonsplatz zum Kunstareal.

Resumée
Was bleibt von diesem Tage? Zunächst die Erfahrung, dass die Freiflächen im Kunstareal keine beliebigen Freiflächen sind. Kunst, Kultur und die Freiflächen des Areals bedingen sich gegenseitig. Sie sollten viel stärker als Einheit verstanden werden. Wichtig wäre, die „Außenflächen“ der Häuser als „Innenraum“ des Kunstareals zu betrachten, mit Hinführung und Bezug auf die jeweiligen Themen des Hauses.
Auch für jene Münchner, die nicht in erster Linie „zur Kunst“ wollen, sollten die Flächen als Teil des öffentlichen Raums intensiver genutzt und bespielt werden. Die Nähe zu den Kunstwerken tut vielen Menschen gut. Gut wäre, noch mehr auf das Verhalten der Nutzer zu schauen: auf ihr Interesse an Freiflächen zum Spielen, zum Verweilen, gelegentlich auch zum Tanzen und Musizieren, wie unter dem Vordach der Pinakothek der Moderne. Das Kunstareal ist ein optimaler Ort, um professionelle Freiflächengestaltung und kreative Ideen der Besucher miteinander zu verbinden.

Tipps für Grün- und Freiflächenplaner im Kunstareal München

1. Hinaus aus den Planungsbüros und häufiger mit den Menschen reden!
2. Intensivere Nutzung der Freiflächen um die Pinakothek der Moderne (PdM) statt öde Schotterflächen und Parkplätze; Aufstellung von Skulpturen und temporären Installationen als Hinführung zu Kunst und Kultur
3. Kurze, leicht erkennbare Wege zu den Museums-Eingängen, auch für Behinderte und eilige Besucher; ein übersichtliches Wegenetz vom Königsplatz bis zum Museum Brandhorst
4. Offene, überdachte Außenflächen vor der PdM, Glyptothek, Antikensammlung als Warte-, Schutz- und Aufenthaltsraum, dann und wann auch zum Musizieren und Tanzen
5. Mehr Begegnungsecken mit Sitzgruppen im Freien zwischen PdM, Türkentor und Museum Brandhorst; Erhalt konsumfreier Räume
6. Mobile komfortable Sitze zum Betrachten der Skulpturen wie Chillidas „Buscando la Luz“ oder „Futuro“,
vor allem aber
7. viele offene Freiflächen um die Alte Pinakothek u.a. zum Spielen, Ausruhen und Verweilen, geschützt vor lautem Straßenlärm und Emissionen.

 

Anmerkung:
Wir danken dem Verein Urbanes Wohnen München e.V., Herrn Manfred Drum, Laszlo Paly, Erich und Ines Jenewein, Wolfgang Heidenreich von Green City sowie Miriam Ganser und Wolfgang Zimmer vom Münchner Forum für ihre tatkräftige Unterstützung der „Sit down“-Aktion beim Kunstareal-Fest 2017.

Aurel Braun ist Student der Geographie und war im Sommer 2017 Praktikant in der Geschäftsstelle des Münchner Forums.

Martin Fürstenberg ist Wirtschaftsgeograph, Stadtplaner und Leiter des AK Maxvorstadt/Kunstareal im Münchner Forum.

Münchner Forum im Münchner Untergrund: Abwasserkanal und Regenrückhaltebecken

Anlässlich des Weltwassertages am 22. März 2017 hatte das Münchner Forum zu einer Führung durch die Münchner Kanalisation in Kooperation mit der Münchner Stadtentwässerung eingeladen. Direkt neben der Ungererstraße beim Nordfriedhof führte Herr Dr. Bernhard Böhm die rund 30 Teilnehmer über einen Einstieg hinunter in die Münchner Unterwelt. Zuerst wurde ein über 100 Jahre alter, inzwi- schen stillgelegter Abwassersammler mitsamt einem Überlauf erkundet. Im Falle starker Niederschläge wurde an dieser Stelle früher ein Teil des Abwassers mittels dieses Überlaufs in die Isar abgeleitet. Heute gelangen aufgrund eines verbesserten Regen- und Abwasserrückhaltesystems nur noch geringe Anteile des Abwassers (ca. 0,5 Prozent) bei extrem starken Niederschlägen in den Vor uter Isar.
Anschließend wurde ein Regenrückhaltebecken unter einer Grünanlage in der Nähe der Schenken- dorfstraße besichtigt. In derartigen Becken kann Regenwasser bei starken Niederschlägen einlaufen und auf diese Weise das Kanalsystem entlasten. Äußerst beeindruckend waren die Dimensionen dieses Beckens, das 20.000 Kubikmeter Wasser aufnehmen kann.
Nach ca. zwei Stunden endete hier die Führung durch einen kleinen Teil des riesigen Münchner Ab- wassersystems, was dennoch bei allen Teilnehmern starke Eindrücke hinterließ.

Lisa Buchner

Lisa Buchner, Praktikantin im Münchner Forum 2016

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