Sattlerplatz: Das Pferd von hinten aufgezäumt

Leserbrief zum Artikel „Vorentscheidung am Sattlerplatz: Teilareal soll an Hirmer gehen“ in den Standpunkten 11.2017, zum Artikel „Hirmer breitet sich aus“ in der Süddeutschen Zeitung und zum Artikel in der AZ „Sattlerplatz an Hirmer“ vom 4./5. November 2017

Mit Interesse und zugleich Sorge habe ich Ihren Artikel über die Vergabe des exklusiven Innenstadt-Grundstücks an die Hirmer-Gruppe gelesen. Seit eineinhalb Jahren beschäftige ich mich als Architekt, Stadtplaner und Universitätslehrer mit der Situation am Sattlerplatz. Die Art und Weise, wie hier jetzt vorgegangen wird und die von Ihnen ganz richtig kritisiert wird, macht jede Art von qualitativ hochwertiger Stadtentwicklung unmöglich! Warum wird hier zuerst ein Teil eines Grundstücks aus dem Eigentum der Stadt in einem völlig übereilten und intransparenten Verfahren an einen Privatinverstor vergeben und dann angeblich ein städtebaulicher Prozess eingefordert? Die umgekehrte Reihenfolge würde doch viel mehr Sinn machen: erst ein städtebauliches Konzept für das Gesamtareal mit differenzierten Nutzungsvorgaben und unter Berücksichtigung des öffentlichen Raumes entwickeln, und dann Nutzer und Projektbeteiligte suchen, die bereit und in der Lage sind, dieses Konzept umzusetzen. Nur so hätte die Stadt München alle Möglichkeiten der Steuerung, was an diesem neuralgischen Ort langfristig sein wird. Sind bereits Teile der Liegenschaft vergeben, ist es doch ungemein schwieriger, im Nachhinein zu versuchen, den Investor in irgendeine Richtung zu beeinflussen. Wie unmöglich das dann werden kann, sehen wir genau gegenüber, wo sich die Käuferin des ehemaligen Postgebäudes ziert und windet, um ja nicht an einem städtebaulichen Prozess oder gar Grundstück-übergreifenden Wettbewerb teilnehmen zu müssen. Und wieso überhaupt veräußert man einen Teil des Grundstückes, ohne gleichzeitig über den anderen Teil und den Ort an sich nachzudenken?

Bitte, liebe PolitikerInnen der Stadt München, stoppen Sie diesen planlosen und rücksichtslosen Umgang mit einer der letzten Grundstücke in der Münchner Altstadt, die sich noch im Besitz der Stadt befinden! Lassen Sie uns gemeinsam über das Potenzial des Quartiers, über Nutzungsvielfalt, stadträumliche Qualitäten, öffentlichen Raum, kulturell- und/oder sozial motivierte Programme nachdenken und öffentlich diskutieren um dann mit geschärftem Blick und wohlüberlegt unterschiedliche Nutzer ins Boot zu holen, die den Ort nach den Vorgaben und Wünschen der Stadt, also der BügerInnen, beleben.

Übrigens: Von außen betrachtet (seit Jahren lebe und arbeite ich in Wien) ist es symptomatisch für die Stadt München, dass so ein wichtiger und sensibler Ort der Stadt vorrangig vom Wirtschaftsausschuss behandelt wird und nicht vom Planungsausschuss! Bei allem Verständnis für Argumente des Filialhandels, der Arbeitsplätze, vielleicht auch der Standortkonkurrenz sollten wir die Entwicklung unserer Stadt nicht nur nach wirtschaftlichen Kriterien betreiben, sondern auch Lebensqualität, Vielfalt, Erholung, Begegnung, Bildung oder Kultur im Auge behalten! Hier wäre ein Paradigmenwechsel dringend erforderlich!

Michael Wallraff

Michael Wallraff, aufgewachsen in München, ist Architekt und Stadtplaner in Wien, hat als Gastprofessor der Universität Innsbruck mit Studierenden den Sattlerplatz städtebaulich und architektonisch erforscht. Die vielfältigen Entwürfe waren im März 2017 in der „Lothringer 13“ Kunsthalle und im Sommer beim „Tollwood“ Festival in München ausgestellt.

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