Aufenthaltsqualität im Kunstareal

„Sit down“ im öffentlichen Raum

Eine Kunstaktion des Münchner Forums zur Freiflächengestaltung im Kunstareal in Kooperation mit dem Verein Urbanes Wohnen München

von Aurel Braun und Martin Fürstenberg

Im Kunstareal entwickelt sich mit den Museen, Hochschulen und Kultureinrichtungen derzeit ein einzigartiger Aktionsraum für Kunst, Kultur und Wissen. Das Areal ist aber auch reich an öffentlichen Grün- und Freiflächen. Seit 2017 erarbeitet das Schweizer Büro Vogt Landschaftsarchitekten AG im staatlichen Auftrag einen „Masterplan Freiflächen“. Noch sind die Empfehlungen der Fachplaner „unter Verschluss“ (SZ). Was aber erwarten die Menschen von der Freiflächengestaltung im Kunstareal? Wir baten 25 Besucher beim Kunstareal-Fest 2017, ihre schönsten Orte im Gelände zum Sitzen, Liegen und Verweilen mit gelben Sitzhockern ausfindig zu machen, und befragten sie anschließend, woher sie kommen, wo sie sich auf den Grün- und Freiflächen des Kunstareals am besten fühlen und was sie auf diesen Flächen künftig gerne tun würden. Ihre Antworten waren erstaunlich differenziert, praktisch und anregend.
Knapp ein Drittel der befragten Besucher wohnt in der Maxvorstadt oder in den angrenzenden Vierteln (Altstadt, Lehel und Schwabing), die Hälfte im übrigen Münchner Stadtgebiet (von Pasing bis zum Münchner Osten). Ein Viertel kommt aus der Region und von weiter her (Vier-Seen-Gebiet, Rosenheim, Ingolstadt). Die überwiegende Mehrheit wünscht sich eine weit anspruchsvollere Nutzung und Aufenthaltsqualität der Freiflächen, vor allem um die Pinakothek der Moderne (siehe Grafik).
Da sind zunächst die El-tern mit kleinen Kindern. Für sie sind die Freiflächen ein willkommener Spielraum. Morgens beim Aufbau der Hocker vor der Pinakothek der Moderne kommt eine Mutter aus Schwabing auf uns zu. Unsere gelben Hocker machen sie neugierig. Auch wenn es regnet, das Mädchen will spielen und herumtollen, die Mutter ein wenig Unterhaltung. Bald entdecken wir, dass wir gemeinsame Bekannte haben. Das macht gesprächig und vertraut – wie auf einem Spielplatz. Nach einer Stunde müssen Mutter und Tochter fort, zum Kochen nach Hause.

Die Freiflächen als „Tanzboden“. Das interkulturelle Tanzprojekt „Over x Over“ mit Moro Craemer vor der Pinakothek der Moderne

Die Freiflächen als „Tanzboden“. Das interkulturelle Tanzprojekt „Over x Over“ mit Moro Craemer vor der Pinakothek der Moderne

Als der Regen nachlässt, kommen junge Leute ins Quartier. Einige greifen sich unsere Hocker und diskutieren ihre Pläne für den Tag. Die überdachten Vorflächen der Pinakothek bieten ihnen den idealen Schutz- und Warteraum bis zum nächsten Programmstart. Etwas später wird die Vorfläche zum Tanzboden. Dann ziehen die jungen Musiker und Tänzer quer über die Freiflächen zur Gabelsbergerstraße. Überall wo‘s Tanz und Musik gibt, da werden die Flächen „lebendig“.
Einige ältere Semester haben sich mit unseren Hockern unter dem futuristischen Wohnmodell an der Pinakothek der Moderne niedergelassen. Bis das „Futuro“ geöffnet wird, macht es ihnen offensichtlich Freude, in der „Aura“ des Kunstwerks zu warten. Kunst im Freiraum zieht Menschen wie ein Magnet an, sofern sie Größe und Ausstrahlung hat. Dies bestätigt uns ein Besucherpaar aus Ingolstadt. Auf ihrem Tagesausfug ins Münchner Kunstareal steht in der Regel zunächst der Besuch einer Sonderausstellung im Programm, daneben aber immer auch die Chillida-Skulptur „Buscando la Luz“ an der Barer Straße. Das große Kunstwerk auf sich wirken lassen – so der Ingolstädter – gebe Ruhe; noch schöner wäre es im Sitzen aus 10, 15 oder 20 Metern; das wäre eine echte Steigerung des Kunstgenusses. Sie – die Ingolstädterin – liebt eher den „Mann mit der roten Nase“ vor der Ägyptischen Sammlung. Den müsse man aber aus der Distanz anschauen, am besten von der Wiese der Alten Pinakothek, sonst käme er einem zu nahe. Dort steht vorübergehend die „Para-Pagode“ von Alexandra Hendrikoff und lockt die Besucher durch wehende „Gebetsfahnen“ und bequeme Sitzpolster an. Da erinnert sich mancher an die bunten Strohballen vor zwei Jahren am selben Ort – eine wunderbare temporäre Aktion.
Für Besucher aus weiter entfernten Orten spielen die Grün- und Freiflächen fast keine Rolle. Hier wünscht man sich eher, rasch ins Kunstareal zu kommen und hier auf kurzem Weg von Haus zu Haus. Der Wert des Kunstareals seien doch die Schätze in den Häusern! „Das Grün habe ich zu Hause.“ Wenn man sich einmal niedersetzen möchte, hat jeder Besucher seinen Geheimtipp: Der eine schwärmt vom Café Klenze (zur Zeit im Umbau), dem anderen gefällt – uns schwer verständlich – das kühle Design des PdM-Cafés. Zwei Lieblingsorte im Freien werden immer wieder genannt: das Café im Innenhof der Glyptothek und die Aussicht vom Vorhölzer-Zentrum – ein Highlight zum Sehen, Sitzen und Verweilen, und dies ohne Konsumzwang. An Letzterem sehen viele besonderen Bedarf.

Die „Para-Pagode“ von Alexandra Hendrikoff beim Kunstareal-Fest vor der Alten Pinakothek

Die „Para-Pagode“ von Alexandra Hendrikoff beim Kunstareal-Fest vor der Alten Pinakothek

Zum Abschluss unserer Aktion werden uns die Hocker aus den Händen gerissen, von Erwachsenen wie von Kindern. Sie wollen sich eigene Sitzgruppen bauen. Vielleicht sollte man künftig von der strengen, symmetrischen Aufstellung trist anzusehender Parkbänke absehen und den Besuchern überlassen, wo und wie sie sich zusammensetzen wollen.
Es muss ja nicht alles „verplant“ werden. Die allerletzten Hocker „wanderten“ übrigens zur Markuskirche an die Gabelsbergerstraße. Denn überall im Umfeld des Kunstareals wünschen sich die Anrainer breite, menschlich gestaltete Freiflächen, so auch hier am „Entree“ vom Odeonsplatz zum Kunstareal.

Resumée
Was bleibt von diesem Tage? Zunächst die Erfahrung, dass die Freiflächen im Kunstareal keine beliebigen Freiflächen sind. Kunst, Kultur und die Freiflächen des Areals bedingen sich gegenseitig. Sie sollten viel stärker als Einheit verstanden werden. Wichtig wäre, die „Außenflächen“ der Häuser als „Innenraum“ des Kunstareals zu betrachten, mit Hinführung und Bezug auf die jeweiligen Themen des Hauses.
Auch für jene Münchner, die nicht in erster Linie „zur Kunst“ wollen, sollten die Flächen als Teil des öffentlichen Raums intensiver genutzt und bespielt werden. Die Nähe zu den Kunstwerken tut vielen Menschen gut. Gut wäre, noch mehr auf das Verhalten der Nutzer zu schauen: auf ihr Interesse an Freiflächen zum Spielen, zum Verweilen, gelegentlich auch zum Tanzen und Musizieren, wie unter dem Vordach der Pinakothek der Moderne. Das Kunstareal ist ein optimaler Ort, um professionelle Freiflächengestaltung und kreative Ideen der Besucher miteinander zu verbinden.

Tipps für Grün- und Freiflächenplaner im Kunstareal München

1. Hinaus aus den Planungsbüros und häufiger mit den Menschen reden!
2. Intensivere Nutzung der Freiflächen um die Pinakothek der Moderne (PdM) statt öde Schotterflächen und Parkplätze; Aufstellung von Skulpturen und temporären Installationen als Hinführung zu Kunst und Kultur
3. Kurze, leicht erkennbare Wege zu den Museums-Eingängen, auch für Behinderte und eilige Besucher; ein übersichtliches Wegenetz vom Königsplatz bis zum Museum Brandhorst
4. Offene, überdachte Außenflächen vor der PdM, Glyptothek, Antikensammlung als Warte-, Schutz- und Aufenthaltsraum, dann und wann auch zum Musizieren und Tanzen
5. Mehr Begegnungsecken mit Sitzgruppen im Freien zwischen PdM, Türkentor und Museum Brandhorst; Erhalt konsumfreier Räume
6. Mobile komfortable Sitze zum Betrachten der Skulpturen wie Chillidas „Buscando la Luz“ oder „Futuro“,
vor allem aber
7. viele offene Freiflächen um die Alte Pinakothek u.a. zum Spielen, Ausruhen und Verweilen, geschützt vor lautem Straßenlärm und Emissionen.

 

Anmerkung:
Wir danken dem Verein Urbanes Wohnen München e.V., Herrn Manfred Drum, Laszlo Paly, Erich und Ines Jenewein, Wolfgang Heidenreich von Green City sowie Miriam Ganser und Wolfgang Zimmer vom Münchner Forum für ihre tatkräftige Unterstützung der „Sit down“-Aktion beim Kunstareal-Fest 2017.

Aurel Braun ist Student der Geographie und war im Sommer 2017 Praktikant in der Geschäftsstelle des Münchner Forums.

Martin Fürstenberg ist Wirtschaftsgeograph, Stadtplaner und Leiter des AK Maxvorstadt/Kunstareal im Münchner Forum.

Bildquellen

  • Abb. 4 OVERxCOME_Miro Schregle: oto: © GiS Fotografie II Gisela Schregle
  • Abb. 7 2017-06-25 Stadler_34_DSC_6513: Foto: © Werner Stadler
  • Abb. 1 Grafik: Aurel Braun

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