In Neuhausen-Nymphenburg wird der Grundstein für den ersten Mitgliederladen Münchens gelegt

Zwei Münchner Studenten verbinden die Ideen der in Vergessenheit geratenen Konsumgenossen- schaften mit den Möglichkeiten des Internets und wollen damit eine wertorientiere Alternative zum Supermarkt schaffen.

Noch weiß kaum jemand davon, dass um die Ecke des Rotkreuzplatzes in Kürze eine neue Form der Nahversorgung entstehen soll. Doch vieles haben Konstantin Deininger und Johannes Schmidt, die Initiatoren des Projekts ÖkoEsel, bereits im Hintergrund in die Wege geleitet. „Seit Februar haben wir mit Erzeugern und Händlern gesprochen, rechtliche Fragen geklärt und die Website aufgebaut. Jetzt sind wir endlich so weit, es kann losgehen!“, sagt Konstantin.

Konstantin Deininger und Johannes Schmidt, die Initiatoren des Projekts | Foto: Judith Oechsle

Konstantin Deininger und Johannes Schmidt, die Initiatoren des Projekts | Foto: Judith Oechsle

Gerade in die Onlinepräsenz haben sie viel Zeit gesteckt. Denn die ist vorerst die zentrale Anlaufstelle für ihre Kunden. „Die Abnehmer bestellen die Waren auf unserer Internetseite und bekommen sie dann von uns per Rad geliefert.“ Es funktioniert also alles ein ganzes Stück anders als im herkömmlichen Supermarkt:
„Unsere höchste Priorität ist es, unsere Mitglieder und uns mit hochwertigen Produkten zu versorgen. Gleichzeitig sollen sie sich aber auch alle Menschen leisten können. Das schaffen wir nicht, wenn Gewinnmargen die Hauptrolle spielen“, meint Johannes, der sich in seiner Bachelorarbeit ausführlich mit alternativen Versorgungsgemeinschaften befasst hat. Er und der angehende Wirtschafts-ethiker Konstantin haben deshalb ein Konzept entwickelt, bei dem sämtliche laufenden Kosten durch monatliche Beiträge der Kunden gedeckt werden. Damit diese Beiträge gering bleiben, wollen sie die Betriebskosten auf einem niedrigen Niveau halten. Daher der etwas umständlich wirkende Weg über das Internet. Ein eigener Laden wäre bei den Münchner Mietpreisen derzeit ein zu großer Kostenfaktor.

Die Waren, biologisch und möglichst regional, geben sie nahezu zum Einkaufspreis ab. Wer seinen Wocheneinkauf hier erledigt, kann einiges sparen. Das ist für Konstantin aber nicht die Hauptintention des Projekts: „Die meisten Münchner gehen ein paarmal in der Woche in den Supermarkt. Die Kunden möchten sich versorgen, der Supermarkt hingegen möchte ein Geschäft machen. Deshalb versucht er ständig die Käufer zu lenken – durch Sonderangebote, die Produktanordnung, angenehme Musik usw. Wir möchten mit ÖkoEsel zeigen, dass Nahversorgung auch anders geht: Wirklich verbraucherorientiert, wirklich nachhaltig. Auf diese Weise erobern wir uns einen Raum zurück, der sonst so oft vom Konkurrenz- und Profitdenken durchsetzt ist.“ Den Freiraum, der ihnen das ermöglicht, erhalten sie durch die Mitgliedsbeiträge.

Das ÖkoEsel-Logo

Das ÖkoEsel-Logo

So bald wie möglich soll auch eine Abholstation im Stadtteil Neuhausen-Nymphenburg eingerichtet werden. Sie hoffen bei der Suche nach einer passenden Räumlichkeit auf Mithilfe ihrer Kunden. Ohnehin wird auf die Zusammenarbeit mit den Verbrauchern Wert gelegt. „Wir wollen mit dem Projekt den Stein ins Rollen bringen. Unser langfristiges Ziel ist ein richtiger Laden, in dem auch Zeit für gegenseitigen Austausch ist, aber dafür benötigen wir eine breite Mitgliederbasis, die uns den Rücken stärkt“, sagt Johannes.

In München ist diese Art der Nahversorgung ein Novum. Tatsächlich ist die Idee aber keine neue, sondern baut auf dem Konzept der Konsumgenossenschaften auf. Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstanden erste Gemeinschaften dieser Art, 1920 wurden dann beispielsweise in den USA schon über 2.500 solcher Projekte gezählt. Nachdem diese in den darauffolgenden Jahrzehnten von den großen Supermarktketten weitestgehend verdrängt wurden, erleben sie seit den 1970er Jahren eine Wiederbelebung, als ökologische Alternative zu den stark mit der konventionellen Landwirtschaft zusammenhängenden Supermärkten.

Dabei unterscheiden sich die heute existierenden Konzepte auf vielen Ebenen: Mancherorts gibt es kleine Gemeinschaften, die sich in Eigenverantwortung gemeinsam um ihre Versorgung kümmern. Aufgaben wie das Annehmen und Sortieren der Anlieferungen werden dabei möglichst fair untereinander aufgeteilt. Als Lager reicht dabei auch mal eine Garage oder ein ungenutztes Zimmer. Eine Stufe größer sind die Mitgliederläden. Hier kommen die Kunden für die laufenden Kosten auf. Die Betreiber verpflichten sich im Gegenzug einer den Wünschen der Kunden verpflichteten Geschäftspraxis bzw. räumen ihnen ein Mitspracherecht ein. Dass das Konzept nicht nur im Kleinen funktioniert, zeigen Projekte wie die New Yorker Park Slope Food Coop mit ca. 16.000 Mitgliedern und einer Ladengröße, die so manchen Supermarkt hierzulande klein aussehen lässt. So unterschiedlich die einzelnen Projekte auch sein mögen, es vereint sie das Ziel einer wertorientierten Alternative zum Supermarkt. Viele Bio-Supermärkte bieten sich zwar als genau diese Alternative an. Doch immer wieder hält deren Bild leider nicht, was es verspricht. Niedriglöhne und verärgerte Erzeuger kratzen an der Glaubwürdigkeit.

Der Mitgliederladen erscheint dagegen authentischer. Und das hat Erfolg. Beim Marburger Mitgliederladen Onkel Emma beispielsweise müssen sich Interessierte aus Kapazitätsgründen über ein Jahr gedulden, bis sie Teil der Gemeinschaft werden dürfen. Davon sind Johannes und Konstantin derzeit noch weit entfernt, doch sie sind positiv gestimmt. „Wir erfahren in Gesprächen sehr viel Begeisterung für unser Projekt und sind gespannt, wie sich das nun in der Praxis niederschlägt.“ Ab dem 1. Oktober kann der Stadtteil Neuhausen-Nymphenburg über die Seite ÖkoEsel.de Bestellungen aufgeben. Am Freitag darauf, dem 7. Oktober, erfolgt dann die erste Auslieferung.

Es ist den beiden Erfolg zu wünschen, schließlich sind Projekte wie dieses kleine aufmunternde Farbtupfer in einer Nahversorgungslandschaft, die immer eintöniger zu werden droht.
Judith Oechsle

Judith Oechsle ist Sozialwissenschaftlerin und lebt in Nürnberg

Auf ihrer Seite stellen Konstantin und Hannes ihr Projekt vor.

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