Die Pinakothek der Moderne und der Ministerratsbeschluss vom 22. Mai 1990

Ministerratsbeschlüsse haben zumeist ein besonderes politisch-administratives Gewicht. Ihnen kommt regelmäßig ein hoher Stellenwert als Wegweisung und Richtlinie für die Staatsverwaltung zu. Beschlüsse des Ministerrats sind aber nicht immer sakrosankt und unumstößlich. Das zeigte in jüngerer Zeit der Beschluss des Ministerrats, das Amerika-Haus am Karolinenplatz für die renommierte Deutsche Akademie für Technikwissenschaften (Akatech) freizumachen. Aufgrund gewichtiger und überzeugender Gegenargumente in der öffentlichen Diskussion gab die Staatsregierung diese Planung auf. Seit Anfang dieses Jahres residiert die Akatech im ehemaligen Gebäude der Staatlichen Lotterieverwaltung am Karolinenplatz gegenüber.

Campus TU-München Garching, Leibniz-Rechenzentrum und Fakultät für Mathematik und Informatik | Foto: Graf-flugplatz; wikimedia commons

Campus TU-München Garching, Leibniz-Rechenzentrum und Fakultät für Mathematik und Informatik | Foto: Graf-flugplatz; wikimedia commons

Außerordentliche Bedeutung in diesem Sinn kommt dem Ministerratsbeschluss vom 22. Mai 1990 zu. Mit diesem Beschluss entschied die bayerische Staatsregierung, das staatliche Gelände der ehemaligen Türkenkaserne – entgegen seiner bisherigen Beschlusslage und trotz der weit fortgeschrittenen Planungen – nicht für die Zwecke der Technischen Universität (TU) und der Ludwigs-Maximilians-Universität (LMU) zur Verfügung zu stellen. Mit dem Beschluss vom 22. Mai 1990 wird auf dem Areal der ehemaligen Türkenkaserne zwischen Bahrer, Gabelsberger und Türkenstraße nunmehr der Neubau der Pinakothek der Moderne festgeschrieben. Dieser Beschluss des Kabinetts ist aber auch kausal für die Fortführung der U-Bahn über das Stadtgebiet München hinaus nach Garching.
Es ist das Verdienst des damaligen bayerischen Kultusministers, Hans Zehetmair, zu einem Zeitpunkt, in dem die baureifen Planungen für die Institutsneubauten von TU und LMU auf dem Gelände der ehemaligen Türkenkaserne bereits vorlagen, eine radikale Änderung der Nutzungskonzeption für dieses Filetgrundstück im Museumsquartier der Maxvorstadt anzugehen und gegen viele Widerstände durchzusetzen. Hans Zehetmair ist damit der Nachweis gelungen, dass Planungen der öffentlichen Hand mit überzeugenden Argumenten und Verhandlungsgeschick gestoppt werden können, selbst wenn bereits die Baumaschinen für den ersten Spatenstich bereitstehen.
Durch den Ministerratsbeschluss vom 22. Mai 1990 erfolgte die wegweisende Weichenstellung für das Museumquartier („KunstAreal“) in seiner heutigen Ausprägung. Schon allein deshalb hat dieser Beschluss die Qualität eines „politisch-administrativen Kunstwerks“.
Der Ministerratsbeschluss hatte aber zugleich einen Dominoeffekt mit weitreichenden Folgen. Wegen der Prioritätsentscheidung zu Gunsten der Pinakothek der Moderne mussten neue Standorte für die dringend notwendigen Institutsbauten von TU und LMU gefunden werden.
Der Freistaat Bayern hatte in Garching vor Jahrzehnten große Flächen für die angedachte Detachierung der TU erworben. Die zweckmäßige Nutzung dieses Areals war jedoch durch den fehlenden Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr gehemmt. Der dringend notwendige Neubau für die Fakultät Maschinenwesen wurde nunmehr nicht auf der Türkenkaserne sondern in Garching errichtet. TU-Präsident Otto Meitinger forderte jedoch als conditio sine qua non die Weiterführung der U-Bahn bis in das Forschungsgelände Garching.
Durch den zwischenzeitlich in Kooperation von Stadt München, Freistaat Bayern und Stadt Garching realisierten U-Bahnanschluss ist das gesamte Areal der TU in Garching aktiviert und zugleich die optimale Verknüpfung mit der „Universitätsstadt“ Garching hergestellt.
Die damit optimierte Erreichbarkeit des TU-Standorts machte zudem den Weg frei für die Verlagerung der Mathematischen Institute nach Garching. Damit wurde das wertvolle staatliche Areal an der Gabelsbergerstraße in unmittelbarer Nähe der Alten Pinakothek frei für die Errichtung der Hochschule für Fernsehen und Film und die Ägyptische Sammlung.
Auch für die Chemischen Institute der LMU musste umgeplant werden. Deren damaliger Präsident Wulff Steinmann hatte eine schlechte Verhandlungsposition, da TU-Präsident Otto Meitinger die Neukonzeption Zehetmairs, also den Museumsneubau auf der Türkenkaserne, nachhaltig unterstützte. Statt des vorgesehenen Neubaus für die Biochemie auf dem Türkenkasernengelände unter Beibehaltung des Traditionsstandorts der Chemischen Institute am Alten Botanischen Garten kam es jetzt zu einer „großen Lösung“. Die „Alte Chemie“ am Alten Botanischen Garten wurde vollständig aufgegeben und nach Großhadern sowie partiell in den angrenzenden Ortsteil Martinsried der Gemeinde Planegg verlagert. Die Verlängerung der U-Bahn über Großhadern hinaus nach Martinsried ist in Planung.
Bleibt anzumerken: Die Entscheidung des Freistaats Bayern, die Pinakothek der Moderne in unmittelbarer Nähe von Alter und Neuer Pinakothek zu errichten, hatte einen Dominoeffekt, der bis heute weit über die Maxvorstadt hinauswirkt, den U-Bahnbau nach Garching auslöste und die Kooperation mit den Umlandgemeinden Garching und Planegg intensivierte.
Im Gegensatz dazu ist es der Stadt München bis heute nicht gelungen, die Grundidee des Entwurfs von Stephan Braunfels und die daraus resultierende Anstoßfunktion für das unmittelbare Umfeld der Pinakothek der Moderne zu realisieren. Die Begründung des rechtsverbindlichen Bebauungsplans Nr. 1641, die auf der Internetseite der Stadt München nicht abrufbar ist, formuliert seit 1994 klar und eindeutig den städtebaulichen Handlungsbedarf, der sich aus der Realisierung des Entwurfs von Stephan Braunfels zwingend ergibt: Die Verknüpfung des Museumquartiers über die autobahnähnliche Verkehrsschneise des Altstadtrings hinweg zur Altstadt hin.
Klaus Bäumler

Bildquellen

  • Campus TU-München Garching, Leibniz-Rechenzentrum und Fakultät für Mathematik und Informatik: ©Graf-flugplatz; wikimedia commons
  • Pinakothek der Moderne: Melissa Schumacher

Comments are closed.

Kontakt

Geschäftsstelle:
Schellingstraße 65
80799 München

Bürozeiten:
Di, Mi, Do 09-16 Uhr

Telefon: +49 89 282076
Fax: +49 89 2805532

Kommende Veranstaltungen

  1. Arbeitskreistreffen: Schienenverkehr

    19. Oktober 2017 | 18:00
  2. STRESS AND THE CITY

    20. Oktober 2017 | 19:00