Nachruf: Zum Tod von Georg Kronawitter

By Foto: Michael Lucan, Lizenz: CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48441204

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Der Beitrag dieses Oberbürgermeisters zur Münchner Stadtentwicklung war bemerkenswert.
Schon früh war sich Georg Kronawitter darüber im klaren, dass er einen wichtigen Beitrag in und für die Gesellschaft leisten wollte. Er erlebte die Umbrüche und Nöte der Landwirtschaft im eigenen kleinbäuerlichen landwirtschaftlichen Betrieb seiner Eltern. Er sah den krassen Gegensatz zwischen den Versprechungen der Politik zum Schutz bäuerlichen Lebens und der Wirklichkeit, nämlich ihrer Zerstörung durch die Förderung von immer größeren Betrieben. Diese Wahrheitslücke hat ihn herausgefordert, ihn politisiert. Er trat in die SPD ein und erkämpfte sich seinen Einfluss auf diese Partei. Bei den Bauern verschaffte er sich Respekt, forderte in diesem Feld die CSU heraus und wurde von Waldemar von Knoeringen und Wilhelm Högner als großes politisches Talent erkannt und gefördert. Die leidenschaftlichen Landtagsdebatten des jungen SPD-Abgeordneten Georg Kronawitter um die Zukunft der Landwirtschaft wurden zu Highlights. Er war die Hoffnung für viele Landwirte und wurde von seiner Partei konsequenterweise als zukünftiger Landwirtschaftsminister ausersehen.
Die unanständige „Fruchtfolge“ des Bankiers Baron August von Finck, aus der Flächennot der Stadt München Kapital zu schlagen, empörte ihn doppelt: Zum einen war es das Verschwinden der bäuerlichen Existenzen aus dem Stadtumfeld, die den Profitinteressen des Herrn Baron von Finck weichen mussten, und zum anderen, dass sich dieser die „aufgewerteten“” landwirtschaftlichen Flächen nicht nur teuer bezahlen ließ, sondern darüber hinaus von der Stadt auch noch Ersatzflächen verlangte, die er dann ein paar Jahre später wieder als teuerstes Bauland verkaufte. Kronawitter war über diese ungerechte und gesellschaftsschädliche Fehlentwicklung empört und zum Kampf bereit. Zwar konnte er den gesellschaftlichen Trend zur leistungslosen Bereicherung an dem unvermehrbaren Gut der Fläche nicht aufhalten, aber Kronawitter konnte in dem Prozess, den Baron von Finck ihm aufnötigte, seine politische Haltung schärfen und deutlich machen. Sein Mut und seine Furchtlosigkeit vor den „Großkopferten“, Geldigen war eine seiner vielen beeindruckenden Eigenschaften.

Das war der Stand seiner Entwicklung, als ihm der damalige OB Hans Jochen Vogel für ihn völlig unerwartet die Frage stellte, ob er für das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt München kandidieren würde.
Das Feld der Kommunalpolitik war durch Hans Jochen Vogel bestens bestellt, er hatte mit dem MVV einen Zukunftsschritt getan, der neue Wege für die Mobilität in der Stadt aufzeigte, von dem München heute noch profitiert. Doch die Folgen des Stadtentwicklungsplanes von Jensen (1963) mit dem Versuch, den Individualverkehr genau so wie den öffentlichen zu fördern, führte zu erbitterten Gefechten innerhalb und außerhalb der SPD (siehe das Buch “München nicht wie geplant” von Karl Klühspies). Man muss dazu wissen, dass im Münchner Stadtrat die Vertreter der Feinde der europäischen Stadt und die auf Kontinuität setzende Bürgerschaft fasst gleichauf waren. Nur mit einer Stimme Mehrheit beschloss 1945 der Stadtrat den Wiederaufbau statt den Totalabriss der zerstörten Stadt. Dieses Verhältnis hat sich bis heute erhalten. Georg Kronawitter erbat sich Bedenkzeit, schließlich knüpfte er an seine Zustimmung die Bedingung, zuerst die großen europäischen Metropolen mit ihren Perspektiven in einem kompakten, gut vorbereiteten Programm besichtigen zu können.
Im Münchner Hexenkessel musste sich der kommunalpolitisch unerfahrene Georg Kronawitter ohne eigene Hausmacht, ausgeliefert an die Gralshüter des Erbes von H. J. Vogel, behaupten.
Welchen Beitrag sollte er leisten? Aus den Besichtigungen und der Anschauung Münchens, aus seiner auf das Land geprägten Sicht, tastete er sich heran. Der große Zuzug von Einwohnern und Arbeitsplätzen schaffte nach seiner Ansicht Ungleichgewichte und Ungerechtigkeit, beeinträchtigte den sozialen Frieden. Ich glaube, am besten kennzeichnet seine Entwicklungs-Vision der Begriff der „Stadtlandschaft“.
Mit dieser Haltung ging er vor, um die unerledigten Kontroversen abzubauen. Eingemauert in seine Mehrheit in der Fraktion gab es zwei kennzeichnende Projekte: Die Seidlvilla und das Europäische Patentamt. Alles war beschlossen. Der Nikolaiplatz sollte zugebaut werden und das Patentamt in das Cluster von Deutschem Museum und Deutschem Patentamt eingefügt werden. Die Bürgerinitiativen liefen Sturm, die alten Stadträte beharrten. Da machte Kronawitter den ersten unerwarteten Schritt gegen die beschlossene Linie. Er ließ – gegen den Protest des Kämmerers – das Baurecht an der Seidlvilla ablösen. Kein Oberbürgermeister hat das vor und nach ihm gewagt. Für die Verhinderung von Fehlentwicklungen und die Freihaltung von Grünflächen setzte er mutig Steuergeld ein; später auch für den Westpark, die Isarinsel Oberföhring und am Sendlinger Berg.
Aber auch die Errichtung des Europäischen Patentamtes an der Erhardtstraße setzte er durch und nahm damit den Abbruch gründerzeitlicher Architektur an der Isar in Kauf – eine Fehlentwicklung, die er später bedauerte; er fühlte sich im Wort von Hans Jochen Vogel. Europa hätte dem Bau des Europäischen Patentamtes auch in Perlach mit seinen Entwicklungsmöglichkeiten zugestimmt. Hans Dietrich Genscher hat das vor dem Beschluss bestätigt.

Das erste Signal, der erste Test für seinen eigenen Beitrag zur Stadtentwicklung der Stadtlandschaft war das „Millionending“. Es war ein Programm zur Wiederbepflanzung und Neuschaffung der Alleen der Stadt, die dem Verkehr geopfert worden waren. Mit niemand be- oder abgesprochen ließ er diesen Ballon steigen und fand ein breites Echo. Von allen Seiten strömten ihm nun Ideen zu. Das Entsiegelungsprogramm für die zugepflasterten Hinterhöfe, das Programm zur Pflege der arg vernachlässigten Stadtbäume, die Idee zur Internationalen Gartenbauausstellung, der Westpark, die Rettung der im Dritten Reich mit Baurecht versehenen Isarinsel Oberföhring, die vielen Spielplätze, für die sich ein Münchner Mäzenatentum entwickelte. Und nicht zuletzt der Isar-Plan. Das alles wurde in der Öffentlichkeit mit großem Wohlwollen, von der Wirtschaft und der CSU argwöhnisch, aufgenommen. Ein Lieblingsprojekt von ihm, den Marienhof von Baurecht zu befreien (noch heute gibt es dort einen Bebauungsplan zur Erweiterung des Rathauses), scheiterte an der Missgunst der CSU. Er wollte diese Grünfläche als Duftgarten mit Wiese, im Norden ein Café zum Aufenthalt in der Sonne, im Schatten des Rathauses einen Raum, um den Bürgern immer aktuellen Einblick ins Planungsgeschehen zu ermöglichen. Stefan Braunfels gewann mit seinem überzeugend leichten Entwurf den Wettbewerb. Man unterstellte Kronawitter, er wolle sich damit nur ein Denkmal schaffen. Das aber war ihm fremd, er wollte sich das auch nicht nachsagen lassen. Deshalb ließ er schweren Herzens das phantastische Projekt fallen.
Doch das war nur die Oberfläche. Der Krieg der Grundbesitzer und Investoren gegen Georg Kronawitter begann, als er auch private Flächen, auf denen Baurecht geschaffen werden konnte, mit einem hartnäckig verteidigten Schlüssel versah. 1/3 Wohnen, 1/3 Arbeit, 1/3 Grün. Das Investorenprojekt Parkstadt Schwabing ist ein gutes Beispiel. Am eindrucksvollsten aber ist die städtebauliche Ordnung bei der Nachnutzung des Flughafens in Riem. Der Grünzug konnte nur durch seine Drittel-Regel so üppig ausfallen, dass er später die Bundesgartenschau aufnehmen konnte. Da war er zum Feind geworden. Man schmähte ihn als provinziell und versuchte, ihn öffentlich herabzusetzen. Es half nichts, die Zuneigung in der Bevölkerung wuchs weiter. Er verlagerte Baurecht aus Grünflächen, zuletzt beim Stemmerhof, die nur deshalb erhalten worden war, weil in der Jensenplanung dort ein Autobahnzubringer zum Altstadtring freigehalten wurde. Er kippte die Straßen-Planung und löste das Baurecht ab. Sein Kampf, den er zusammen mit der Bürgerschaft gegen eine schloßartige Staatskanzlei focht, erhielt München den Finanzgarten. Die durchgehaltene Politik der Drittelung schaffte in den Neubaugebieten nicht nur einen zusammenhängenden, erlebbaren Grünanteil, sondern auch die Steigerung der Dichte im bebauten Anteil, die dadurch städtischeres Lebensgefühl erzeugte. Heute liegen in diesen bebauten Gebieten Dichte-Reserven für die Zukunft der Stadt.
„Stadtlandschaft“ bedeutete aber auch die Erarbeitung und Beachtung eines „münchnerischen“ Höhenprofils. Den Stadträten wurden auf einer dazu, gleich zu Beginn seiner Amtszeit, unternommenen Reise Beispiele gezeigt, z.B. in Paris. Hier war die Höhenbegrenzung die Profilierung, nicht der „Renditeturm“. Er verstellt nur den Blick auf die Stadt und deren landschaftliche Umgebung. Der bekannte Architekt Detlev Schreiber wurde beauftragt, das Höhenprofil Münchens zu untersuchen und in einer „Hochhausstudie“ mögliche Standorte für überragende Gebäude zu benennen, die der Gesamtstadt dienen und ihre Fortentwicklung fördern. Nicht zufällige Besitzer von Grundstücken sollten profitieren, sondern der Blick auf die Gesamtstadt, auf den die Politik zu achten hat, sollte ausschlaggebend sein. Dass sein „Wunschnachfolger“, der in seinem Namen die „sozial gerechte Bodenordnung“ mit den Platzhirschen der Investoren für München ausgemacht hatte, das anders sah und diesen sogar Baurecht für über 200 m hohe Verwaltungsgebäude zubilligen wollte, rief ihn auch noch nach seiner Amtszeit auf den Plan. Er versammelte die erfahrensten Mitkämpfer um sich, startete gegen den Druck der Zeitungen und des Stadtrates einen Bürgerentscheid und – gewann.
Aus Sorge um das Bild der Stadt, um die Heimat der Bürger, hat er sich jüngst noch zu Wort gemeldet zum geplanten Hochhaus am Hauptbahnhof.
Wir drucken diesen von der SZ etwas versteckt veröffentlichten Leserbrief hier noch einmal ab.

Sein wacher und kritischer Geist, sein Mut, sich mit den „Großen“ anzulegen und seine Liebe zu München wird den Münchnern fehlen, und in vielen Äußerungen wird deutlich, dass sie das wissen und spüren.

Wolfgang Czisch

Wolfgang Czisch leitet den Arbeitskreis „Stadt – Gestalt und Lebensraum“ im Münchner Forum. Er war ehrenamtlicher Stadtrat in München von 1973 bis 1996 und von 1999 bis 2013 Vorsitzender des Programmausschusses des Münchner Forums.

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