Klimawandel und Verdichtung

Die Klimaerwärmung der Atmosphäre schreitet fort. Selbst wenn die ehrgeizigen Klimaziele von Paris 2015 durchgesetzt werden sollten, wird die Erwärmung (der durchschnittlichen Temperatur um 1,5 Grad) unsere Lebensbedingungen auch in München vor allem im Sommer verschlechtern. Die Kohlendioxiddichte in der Luft mit über 400 ppm (parts per million; millionstel) überschreitet seit letztem Jahr mit steigender Tendenz einen Wert, der seit der letzten Eiszeit nicht erreicht wurde. Die Bundesregierung hat 2011 in der Reaktion auf diese Entwicklung mit der Klimaschutznovelle den Klimaschutz als einen zu berücksichtigenden Belang ins Baugesetzbuch (BauGB) eingeführt. Klimaschutz und -anpassung werden in § 171a-c BauGB als neue Aufgaben des Stadtumbaus genannt.  Auf dieser Grundlage hat der Stadtrat am 27. November 2013 die Verwaltung beauftragt, ein Maßnahmenkonzept zu erstellen zur „Anpassung an den Klimawandel in der LH München“ (Sitzungsvorlage Nr. 08-14).  Als erstes Ergebnis wurde vom Referat für Gesundheit und Umwelt eine „Klimafunktionskarte“ vorgelegt (Sitzungsvorlage Nr. 14-20 / V 01810).

Eine innerstädtische Arbeitsgruppe aus den Re-feraten Gesundheit und Umwelt, Baureferat, Bauordnung und Stadtplanung sowie Arbeit und Wirtschaft beschäftigt sich mit dem Thema und ist auf gutem Weg, konkrete Vorschläge zu erarbeiten. Der Arbeitskreis des Münchner Forums Stadt: Gestalt und Lebensraum hat sich am 22. Mai 2015 mit den vorläufigen Ergebnissen vertraut gemacht.
Mit der Thematik der Anpassung an die Klimaveränderung erscheint ein neuer, übergreifender Gesichtspunkt in der Siedlungsdebatte. Die Stadtplanung hatte sich auch in München nach 1945 aus der generellen Debatte um die Gesamtstadt mehr und mehr zurückgezogen. Lediglich die Infrastruktur für Mobilität und für die Ver- und Entsorgung wurde weiterentwickelt. Mit der 2. Hochhausstudie 1996 wurde der Gesamtblick auf die Stadt verdrängt. Um als Gesamtstadt planerisch in den Blick genommen werden zu können, sei München zu groß, wurde darin argumentiert. Auch das Bundesbaugesetz (BBauG) von 1960, das seine volle Wirkung ab 1980 nach der ausgeschöpften Übergangszeit entfaltete, verstärkte den segmentierten Blick auf die Stadt. In den Vordergrund drängte sich das Quartier; München wurde nur noch als Summe seiner Teile aufgefasst. Außerhalb der Stadterweiterungen ist das Verbindende unterentwickelt. Man erfährt München als besondere Stadt hauptsächlich in Bezug auf das Zentrum, auf die Stadterweiterungen des 19. Jahrhunderts und auf die Erweiterungen nach der Staffelbauordnung Theodor Fischers im 20. Jahrhundert. Der alles umgreifende Klimabelang reicht aber auch weit über München hinaus in die Region. Der Klimawandel macht es notwendig, wieder Gesamtzusammenhänge ins Zentrum der Planungs- und Entwicklungsüberlegungen zu rücken.

Die Schotterebene – ein Pferdefuß?
Münchens Lage auf der abfallenden Schotterebene vor der Nordseite der Alpen, aus der die Isar nach Nord-Nordost durch die Stadt fließt, hat beträchtliche naturräumliche Potentiale, aber auch Probleme für seine Entwicklung. Quellwasser in bester Qualität fließt im Freilauf von erschlossenen Quellen vom Fuße der Alpen zur Stadt und das genutzte Wasser wieder nach Norden zu den Kläranlagen. Jahrhunderte transportierte die Isar Waren aus dem Süden durch die Stadt, heute kühlt sie die Energiegewinnung vor Ort. Die unergiebigen Böden der Schotterebene eignen sich bestens für die Besiedlung, für die sie auch das Baumaterial zur Verfügung hat.
Allerdings zeigt sich mit zunehmender Überbauung und Versiegelung auch der klimatische Pferdefuß der Schotterebene. Sie heizt sich im Sommer auf und kann die lebenswichtige Feuchtigkeit für den pflanzlichen Bewuchs nicht halten. Die Aufheizung wird noch befeuert durch den Verkehr und die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen. So entsteht zusammen mit der Klimaerwärmung eine brisante Aufheizung, die bei Hitzeperioden für die Gesundheit der Bevölkerung bedrohlich werden kann.

Klimafunktionskarte mit Luftströmungen (blaue Pfeile) in der heißesten Nacht | Grafik:LH München, Referat für Gesundheit und Umwelt 2014

Klimafunktionskarte mit Luftströmungen (blaue Pfeile) in der heißesten Nacht | Grafik:LH München, Referat für Gesundheit und Umwelt 2014

Die Rettung sind Winde von den Alpen
Aus dieser Konstellation ergibt sich ein Belüftungs- und ein Kühlungsproblem für die Stadt. Aus der erwähnten Klimafunktionskarte ist zu entnehmen, dass die Unterstützung der Belüftung der Stadt in den windschwachen, besonders gesundheitsgefährlichen Sommernächten von den Alpen kommt. Die sich nach Sonnenuntergang rasch abkühlenden nördlichen Berghänge der Alpen schieben kühle Winde in die Stadt. Dieser Vorgang, der mit dem Begriff „Alpenpumpen“ bezeichnet wird, darf nicht durch Aufsiedlung oder künstliche Barrieren zwischen den Alpen und der Stadt geschwächt werden, im Gegenteil: Dieser große Vorteil muss genutzt und gestärkt werden. Große Gefahr droht durch eine Südautobahn, die nicht nur den kühlenden Waldbestand reduzieren, sondern mit ihrer Erschließungsgunst eine beschleunigte Aufsiedlung hervorrufen würde. Das „Alpenpumpen“ würde reduziert oder sogar unterbrochen. Regionalplanerische Vorsicht und interkommunale Zusammenarbeit ist hier gefordert.
Ein städtebaulicher Leitgedanke für München muss die Durchgängigkeit für Winde werden. Chaotische, punktuelle Bebauung, wie sie durch abgeschlossene Wettbewerbsgebiete entstanden sind und weiter entstehen, müssen zugunsten von bestehenden und geplanten, leitenden städtischen Strukturen zurückgedrängt und eingefügt werden.

Das Urbane Naturnetz von „Urbanes Wohnen“ als Grundlage für ein Fußwegenetz für München | Photo: Urbanes Wohnen e.V.

Das Urbane Naturnetz von „Urbanes Wohnen“ als Grundlage für ein Fußwegenetz für München | Photo: Urbanes Wohnen e.V.

Verträgt sich Verdichtung mit den Anforderungen an ein gutes Stadtklima?
Innerhalb der Stadt ist längst ein Streit ausgebrochen über die Verdichtung in den sogenannten Gartenstädten. Wo sollte diese aber stattfinden ohne Verlust an Lebensqualität? Mit dem neuen Klimabelang lässt sich Verdichtung begründet steuern. Die unverzichtbaren Belüftungszonen sollten in ihrer Versiegelung gebremst werden, ähnlich den ehemaligen Lärmschutzzonen des Flughafens Riem. Hierzu muss eine Karte erstellt werden, die das Windgeschehen über längere Zeiträume abbildet sowie prognostisch plausibel und gerichtsfest ist. Die Düsenwirkung von Straßen kann die Durchgängigkeit der Luftströmungen ebenfalls befördern. Eine Stadtordnung, die sich auf das bedrohliche Klimageschehen einstellt, weist auch den Weg der Verdichtung. Dort, wo die Infrastruktur unter der Straße liegt und die öffentliche Verkehrserschließung leistungsfähig ist, also im Hauptstraßennetz, kann Verdichtung auch im Bestand den Belüftungszweck unterstützen. Bisher begrenzt das Baurecht (§ 34 BauGB) die Verdichtung, wie sie diese auch z.T. in den „Gartenstädten“ unerwünscht zulässt. Dieses Korsett kann und muss jetzt aufgeschnürt werden. Das gibt der Stadtentwicklung neue Perspektiven und Entwicklungschancen. Die mangelhafte, chaotische Struktur der Nachkriegsentwicklung kann damit langfristig korrigiert werden. Verbindet man die mögliche Bautätigkeit im Bestand mit der dringenden Ertüchtigung des öffentlichen Raumes auch mit den Erdgeschoßzonen, kann sich die Lebensqualität für die Bedürfnisse aller Generationen deutlich steigern lassen und hilft, die Zuwanderung in positive Bahnen zu lenken (s. Beitrag von Frau Professor Krau).
Die auf Neubaugebiete verengte Stadtentwicklung kann mit bürgerschaftlicher Fantasie wiederbelebt werden zugunsten von Vielfalt gegenüber Investoren-Einerlei in der Stadt. Auch das hilft dem immer wichtiger werdenden öffentlichen Raum.

Stadtbelüftung UND Stadtkühlung
Gleichwertig neben der Durchgängigkeit der Stadt für die Stadtbelüftung steht die Stadtkühlung durch die städtische Vegetation. Auch die offenen Wasserflächen der Wasserläufe (Isar, Würm, Hachinger Bach, Hüllgraben) und der Stadtbäche müssen hier zur Hilfe herangezogen werden. Dabei sollte die Betretbarkeit der Isar in der Innenstadt und im Münchner Norden und der Würm durch Abflachen der Ufer fortgesetzt und die offenen Wasserflächen vergrößert werden. Diese Maßnahmen steigern die Erholungsfunktion der Würm und der innerstädtischen Isar und entzerren die örtliche Übernutzung. Im gefährdeten Hochsommer kann durch Reduzierung der Ausleitung eine Kühlungsreserve auf den Kiesstränden erreicht werden. Wo möglich sollte die Kühle der Berge auch durch weitere Öffnung der Stadtbäche genutzt werden.
Bäume kühlen die Luft durch Verdunstung am Tag, Wiesen kühlen die Luft in der Nacht und senden diese als Windhauch in die bebaute Umgebung. Die Stadtgärtner denken über ein ausgeglichenes Verhältnis dieser natürlichen Effekte und über eine räumliche Struktur der Grünflächen nach, um die beste Kühlung zu erreichen. Das Problem der Austrocknung der Wurzelräume der Bäume kann mit einer weiter optimierten Erdmischung angegangen werden. Die neue Aufmerksamkeit für die Stadtvegetation kann ein Segen für die Stadtentwicklung werden. Sie kann das in München beispielhafte Grün weiter stärken und qualifizieren. Jeder Eingriff ins Grün bedarf – auch wenn er auf stadtklimatische Verbesserungen und bessere Nutzbarkeit für die innerstädtische Erholung abzielt – einer intensiven Öffentlichkeitsarbeit.

Ein übergreifendes Fußwegenetz fehlt!
Die Münchner Mobilitätsangebote  sollten mit neuen oder verbesserten Angeboten verträglicher gestaltet werden. Dabei ist zuerst an einen ertüchtigten Umweltverbund zu denken als Alternative zum motorisierten Individualverkehr. Ein Radwegenetz ist im Entstehen und bedarf weiterer, großer Aufmerksamkeit. Der Fußverkehr allerdings, der heute ein Viertel (24 %) der Mobilität abdeckt, muss neu in den Blick genommen werden. Der Fußgänger wird überall in der Stadt durch den Individualverkehr behindert. Ihm werden Wartezeiten, Umwege und Hindernisse zugemutet, die ihn im Vergleich mit dem von Verwaltung und Politik bevorzugten motorisierten Verkehr immer nur zweitrangig berücksichtigt. Selbst die Zugänge zu den öffentlichen Grünanlagen sind ungenügend und oft mit Abfalleinrichtungen verstellt. Auch und gerade im Berufsverkehr fehlt ein übergreifendes Fußwegenetz und zwingt den Fußgänger dazu, doch wieder das Auto zu benutzen. Dabei ist der Fußverkehr ohne Zweifel die stadtfreundlichste und gesündeste Verkehrsart. Gerade München eignet sich sehr gut durch seine Dichte und seine abwechslungsreichen Stadtwege für diese Verkehrsart. Alle Anlässe, Entfernungen fußläufig zurückzulegen und damit auch der Bewegungsarmut entgegenzuwirken (10.000 Schritte am Tag), sollten genutzt und prioritär gefördert werden.

Klimawandel – eine Chance für München?
Die Notwendigkeit der Stadtkühlung schafft auch hier den Anlass, ein durchgängiges Fußwegkonzept zu entwickeln, das dem Individualverkehr die Priorität nimmt, Winde leitet und den öffentlichen Raum stärkt. Reduzierter Individualverkehr und begrünter öffentlicher Raum als Netz in der Stadt sind Klima-Ziele, die ernsthaft angepackt werden müssen. Die Bürgerinitiative Urbanes Wohnen hat in jahrelanger, ehrenamtlicher Arbeit einen Grün- und Wegeplan entwickelt, der Grundlage für eine fußgängerfreundliche Stadt sein kann. Auch die örtliche Erfahrung der Bezirksausschüsse kann hier abgerufen werden.
Es stellt sich heraus, dass Stadtverdichtung und Klimaverbesserung als Gesamtaufgabe betrachtet der Stadtentwicklung einen neuen positiven Schub geben können.
Wolfgang Czisch

Dieser Text ist auch in der Februar-Ausgabe der Standpunkte erschienen.

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